5.
„Wieso bist du denn schon so früh auf?", maulte Rokko. „Ich muss meinen Bus doch kriegen", erwiderte Lisa, die immer noch hektisch das eine oder andere in ihren Koffer stopfte. „Ich denke, der geht erst um 12." – „Geht er auch, aber ich muss ja auch zum Busbahnhof gehen und die empfehlen, dass man eine halbe bis dreiviertel Stunde eher da ist." – „Du brauchst doch von hier aus höchstens eine halbe Stunde bis Bay Street." – „Ja, ohne Gepäck." – „Gut, dann brauchst du eben 45 Minuten mit Gepäck. Dann bist du immer noch hoffungslos zu früh da." – „Das ist immer noch besser als zu spät zu sein. Der nächste Bus nach Winnipeg geht dann erst um 1 Uhr nachts und für den ist mein Ticket nicht gültig." – „Okay", schwang Rokko sich aus seinem Bett. „Ich sehe schon, dich hält nichts auf. Tja, dann, Lisa Plenske aus der freien Republik Berlin, ich wünsche dir eine gute Weiterreise. Vielleicht sieht man sich mal wieder." Völlig überrumpelt ließ Lisa eine Umarmung geschehen. „Ja, vielleicht. Ich wünsche dir viel Glück bei deiner Job-Suche", gestand sie Rokko. „Danke. Und… ach ja, wenn du dein süßes Köpfchen behalten willst, solltest du immer in der Nähe des Busfahrer sitzen, okay?"
Es war einer von diesen unerwartet kalten Tagen in Toronto. Dass das Wetter hier aber von einem Tag auf den anderen so umschlagen konnte. Gestern noch Regen und Temperaturen weit über Null. Jetzt sonnig, dafür aber bitterkalt. Lisa schüttelte den Kopf. Was sie wohl in Winnipeg erwartete? Das waren ja immerhin die Prärien. Da war es sicher noch kälter als hier. Sie schätzte sich glücklich, noch ein paar Baumwollstrumpfhosen gekauft zu haben. Damit würde sie bestimmt ausreichend ausgestattet sein. Die Ampel vor ihr schaltete auf rot. Bay Street, las Lisa das Schild. Hier musste sie also links abbiegen. Seufzend sah sie die Straße hinauf. Hoffentlich kam sie da mit ihrem Koffer auch lang. Dass diese Stadt außerhalb ihrer Touristenmagneten aber auch so gar nicht fußgängerfreundlich war…
Mit einer professionellen Fassade lief Lisa an einem Obdachlosen vorbei. Nur ein schnelles „Sorry", mehr nicht – als wäre sie schon eine Bürgerin der Stadt. So machten es die Einheimischen, so hatte Rokko es ihr gezeigt… Ach ja, Rokko… den war sie ja jetzt endlich los. Niemand, der je die Nacht unter ihm verbracht hatte, hatte sich beschwert… Lisa musste grinsen. So ein unverschämter Kerl! Lisa schüttelte den Kopf – den war sie ja nun los. Jetzt hieß es erst einmal den Eingang zum Busbahnhof finden. Schon komisch wie sich die Wahrnehmung verändern konnte, nur weil man plötzlich einen Haufen Gepäck bei sich hatte. Ach, da war ja die Tür. Schön blöd – die Tür öffnet nach außen und gleichzeitig muss man eine Stufe mit dem Koffer überwinden. Sehr praktisch gemacht, schimpfte Lisa innerlich.
Es war mal gerade 10 Uhr und der Bus fuhr erst um 12. Rokko hatte also Recht gehabt, sie hatte viel weniger Zeit zum Busbahnhof gebraucht, als sie anfänglich gedacht hatte. Was sollte sie denn jetzt mit zwei Stunden anfangen? Sie war nicht weit vom Eaton Centre. Sie konnte ihren Koffer einfach in ein Schließfach verfrachten und dann dort ein wenig Schaufenster bestaunen, Mittag essen und dann den Bus nehmen. Lisa gratulierte sich innerlich zu dieser Idee und machte sich auf zu den Schließfächern.
„6 Dollar?", entfuhr es Lisa geschockt. Die wollten 6 Dollar für dieses Schließfach haben? Okay, das war für 24 Stunden, aber sie brauchte ihres ja nur 2 Stunden lang, nicht mal… von daher… „Kommt gar nicht in Frage", murmelte Lisa trotzig. Sie ging zurück in die Wartehalle und nahm dort Platz. Sie wühlte in ihrem übervollen Rucksack, um ein Buch zu Tage zu fördern. Sie wollte es gerade aufschlagen, als ein Bus vorfuhr. „Destination New York… via… Niagara Falls… Buffalo… Buffalo Airport… New York", hallte eine Stimme durch das Gebäude. Das musste dieser Schnellbus von Toronto nach New York sein, dachte Lisa bei sich. Von dem hatte sie auch schon gehört. Ein wirklich günstiges Angebot, aber so ein Aufwand, wenn man kein Kanadier oder Amerikaner war. Foto und Fingerabdruck an der Grenze… da würde man ja das „schnell" in „Schnellbus" killen…
Das aufgeschlagene Buch lag immer noch auf Lisas Schoß, als ihr knapp zwei Stunden später bewusst wurde, dass sie die Zeit damit verbracht hatte, die Busse und die anderen Reisenden zu beobachten. Schnell ließ Lisa ihr Buch in ihren Rucksack gleiten. Gleich würde ihr Bus aufgerufen. „Destination Vancouver… via Sudbury… Sault Saint Marie… Thunder Bay… Dryden… Kenora… Winnipeg… Portage la Prairie… Brandon… Indian Head… Regina… Moose Jaw… Medicine Hat… Calgry… Banff… Lake Louise… Golden… Kamloops… Lane 1." Lisa sprang auf, überzeugte sich noch einmal vom korrekten Sitz ihres Adressanhängers, den ihr der Mann am Schalter gegeben hatte. Ihrer war gelb und stand damit für Manitoba. Das war eigentlich gut organisiert. Das erleichterte die Arbeit des Busfahrers ungemein.
Noch zehn Minuten bis zur Abfahrt freute Lisa sich, während sie in den Bus einstieg. Unsicher sah sie sich nach einem Sitzplatz um. In der Nähe vom Fahrer… hatte Rokko gesagt, aber was wusste der schon? Wir waren hier doch nicht in der Schule, wo die größten Streber in der ersten Reihe saßen. Das hatte sie sich ja lange genug gegeben. Lisa straffte ihre Schultern und ging in den hinteren Teil des Busses. Das würde den Vorteil haben, dass die Toilette nicht weit war und bei einer 31-stündigen Fahrt würde sie irgendwann zwangsläufig eben diese aufsuchen müssen.
Lächelnd beobachtete Lisa das hektische Treiben auf dem Busbahnhof. Sie hatte sich einen Fensterplatz gesucht, ihr Buch und ihr MP3-Player lagen auf ihrem Schoß. Es konnte also jede Minute losgehen. Plötzlich legte sich ein Paar Hände über ihre Augen. „Habe ich dir nicht gesagt, du sollst in der Nähe des Fahrers sitzen?", drang eine Stimme zu ihr durch. Geistesgegenwärtig griff Lisa in ihre Hosentasche und förderte ein Spray zu Tage, das sie auch so gleich auf ihren vermeintlichen Angreifer richtete.
„Oh Gott, Rokko!", entfuhr es Lisa, als sie den jungen Mann erkannte. Dieser hielt sich nun die eigenen Augen. „Man, du bist ja hysterisch", schimpfte er. „Du hast selbst gesagt, dass Busfahren nicht ohne Risiko ist." – „Ja, aber ich habe nicht gesagt, dass du dir gleich ein Pfefferspray kaufen sollst", schmunzelte Rokko. „Hast du mal ein Taschentuch?"
„Was machst du eigentlich hier?", wollte Lisa von ihrem Gegenüber wissen, als Rokko neben ihr Platz genommen hat. „Ich war noch nie in Winnipeg und dachte, das wäre jetzt mal die Chance schlechthin." – „Die Chance schlechthin", grinste Lisa. „Aha." Sie griff nach einem Taschentuch und tupfte damit die Wangen des jungen Mannes trocken. „Und warum ausgerechnet heute? Ich meine, du hättest ja letzte Woche schon fahren können oder nächste Woche erst." – „Ach, ich dachte, wenn ich mit dir fahre, dann kenne ich in Winnipeg schon jemanden." Lisa errötete ein wenig. „Hast du denn alles vorbereitet? Ein Hostelzimmer gebucht oder so?" – „Nö", schüttelte Rokko den Kopf. „Ich bin da eher spontan." – „Spontan? In Winnipeg gibt es nur zwei Hostel… Was machst du, wenn…" – „Die werden schon nicht ausgebucht sein. Niemand fährt im tiefsten Winter nach Winnipeg", winkte Rokko ab. „Ich habe diesmal ein Bett in einem female dorm", verkündete die Göberitzerin. „Herzlichen Glückwunsch", grinste der junge Mann. „Du lernst schnell." – „Wie geht es deinen Augen?", wechselte Lisa das Thema. „Es brennt noch, aber es könnte schlimmer sein. Wie lange fahren wir jetzt eigentlich?" – „31 Stunden", antwortete Lisa ohne mit der Wimper zu zucken. „31 Stunden?", fragte Rokko entsetzt. „Oy."
„20 Minuten Stopp", verkündete der Busfahrer. „Ui", freute Rokko sich. „Hier gibt es ein Dairy Queen. Das ist voll lecker, was die haben", grinste er, bevor er von seinem Sitz aufsprang. „Du bist ja so einsilbig, seit wir Toronto verlassen haben", stellte er fest. Lisa zuckte mit den Schultern. „Ich denke nur nach." – „Und worüber?" – „Den Sinn des Lebens", konterte Lisa gelassen. „Oh, lass mich in die Diskussion mit einsteigen – da kann ich einen Beitrag leisten: Es hat was mit Liebe zu tun." Lisa runzelte die Stirn. „Und was ist mit Arbeit?" – „Ich glaube, man arbeitet um zu leben und nicht umgekehrt. Das können wir aber auch bei einem Milchshake diskutierten", trieb Rokko die junge Frau an, endlich auszusteigen.
„Wie lange noch? Mein Hintern tut weh", jammerte Rokko knapp 28 Stunden später. „Es ist nicht mehr weit", rollte Lisa mit den Augen. Urplötzlich stoppte der Bus mitten auf dem Highway. Die beiden Deutschen tauschten fragende Blicke. Der Busfahrer lief in den hinteren Teil des Busses. „Are you smoking in there?", brüllte er durch die geschlossene Toilettentür. „I know that you are smoking in there. I have a sensor." – „Oh, jetzt wird es lustig", rieb Rokko sich die Hände. „Laut Gesetz darf im Bus nicht geraucht werden und der Busfahrer darf jeden, der dagegen verstößt, da raussetzen, wo er gerade ist." Lisa warf einen Blick aus dem Fenster. Flaches, Schnee bedecktes Land soweit sie gucken konnte, nicht ein Haus oder Strauch. „Das wäre aber ungemütlich", kommentierte sie ruhig. „Definitiv", stimmte Rokko ihr zu.
„Ladies and Gentlemen, welcome to Winnipeg", riss die Stimme des Busfahrers Lisa aus ihrem Schlummerzustand. Automatisch setzte sie sich gerade hin und sah aus dem Fenster. Das war also Winnipeg. Nett, dachte sie bei sich. So ganz anders als Toronto.
„Das Hostel ist nicht weit", erklärte Lisa Rokko. „Bus zur nächsten Kreuzung, dann recht und dann die zweite Straße an der Ecke. Laut Beschreibung keine fünf Minuten von hier." – „Okay", schulterte Rokko seinen großen Rucksack. „Dann mal los", legte er seine Hand auf den Griff von Lisas Koffer. Dabei stieß er unabsichtlich mit ihrer Hand zusammen. „Was machst du da?", fragte sie. „Ich dachte mir, ich helfe dir mit deinem Gepäck." – „Das musst du nicht, das schaffe ich alleine", wiegelte sie ab. „Dann betrachte es als Handwärm-Versuch", grinste Rokko. Sie standen nahe dem Ausgang und die Luft, die durch die Tür in den Busbahnhof drang, war eisig. „Ich kann mir auch einfach Handschuhe aus dem Koffer nehmen", stellte Lisa fest. „Es ist aber echt nicht weit. Und nun lass uns endlich gehen. Die Fahrt war anstrengend. Ich würde gerne duschen und schlafen." – „Alleine?", zog Rokko sie auf. „Selbstverständlich alleine", erwiderte Lisa entsetzt.
