Kapitel 6: Eddard II
„Es ist die Strafe unserer eigenen Jugendsünden, dass wir gegen die unserer Kinder nachsichtig sein müssen." (Der deutsche Dramatiker und Lyriker Friedrich Hebbel)
Winterfell, 296 n. A. E.
Fassungslos sah Ned seiner ältesten Tochter hinterher. Anscheinend hatte er sie unterschätzt. Sie war viel erwachsener, als er es je für möglich gehalten hatte. Erst war er stolz gewesen, als er von ihrer verbesserten Beziehung zu Jon erfahren hatte und als er bemerkt hatte, wie gut sie sich jetzt mit Arya verstand. Als er aber an diesem Abend die wahre Natur von Jon und Sansas Beziehung entdeckt hatte, war er enttäuscht, verletzt, besorgt und wütend gewesen. Ihre Verteidigung allerdings… sie schnitt in sein Herz.
Sahen alle Mädchen das so? Auf einmal packte, ihn das pure Entsetzen, als er an Lyanna dachte und ihre verzweifelten Briefe, dass sie Robert nicht liebte und nicht heiraten wollte. Sie war so unglücklich gewesen. Sie fühlte sich von ihren Vater… verkauft. Es war kein Wunder, dass sie die erste Chance ergriffen hatte und mit Rhaegar Targaryen weggelaufen war. Wenn sie dazu noch annähernd das gefühlt hatte, dass Sansa beschrieben hatte… Vielleicht wusste er wirklich nicht, was wahre Liebe war. Auch wenn er einmal geglaubt hatte es zu fühlen.
„Lord Stark", erinnerte Jon ihn an seine Anwesenheit. Er schaute auf seinen… Neffen. Seinen Neffen. Jon wusste es und seine Tochter wusste es auch. Sein Neffe verbeugte sich vor ihm. „Ich schwöre, dass ich Sansa liebe. Sie ist mein Herz, meine Liebe und mein Schicksal. Ich werde sie jeden Tag zum lächeln bringen. Sie respektieren und ihre Sorgen teilen. Sie ist der Kern, um den sich meine Welt dreht. Ich habe sie immer geliebt und werde sie immer lieben. Bitte, Lord Stark, trennt uns nicht. Bitte, lasst uns heiraten."
Eigentlich war Jon genau die Art junger Mann, den er sich für seine Tochter wünschte. Seine Gefühle schienen genauso tief zu sein wie Sansas. Jon war mutig, ehrlich, stark, höflich und ehrenvoll. Aber er hatte den Jungen wie seinen Sohn aufgezogen. Alle glaubten, dass Jon sein Bastard war. Wie konnte er das nur zulassen?
Aber Sansa hatte gesagt… Er konnte sie nach ihren Worten nicht mehr einfach so mit jemand anderen verloben. Eigentlich konnte er das auch nicht bei Arya tun. Auch wenn sie nicht dieselben Worte gesprochen hatte, bei dem Thema zu ihren Haaren da… Außerdem konnte er nicht seiner einen Tochter so ein Zugeständnis machen und es der anderen verwehren.
Verkaufen… Sansa verglich eine mögliche Verlobung, die er schließen würde, mit dem Verkauf einer Kuh. Als wäre sie nicht mehr wert. Vielleicht war das für einige Väter so, aber seine Töchter bedeuteten ihm die Welt. Seine Töchter und seine Söhne.
„Jeder glaubt ihr seid Geschwister, Jon", antwortete Ned seinem Neffen. „Nicht einmal, wenn sie deinen Status ignorieren würden, wäre es möglich."
„Sansa hat vorgeschlagen, das wir nach Essos gehen können", meinte Jon sofort. „Wenn ihr uns die Überfahrt bezahlt, dann werde ich-"
„Götter, Jon", klagte Ned und musste sich hinsetzten. Die beiden drehten gerade seine Welt vollkommen auf den Kopf. „Seit wann ist das so ernst?"
Jon schaute zur Seite, bevor er den Blick wieder zu ihm richtete und antwortete: „Seit ein paar Jahren."
Ned musste sich an den Kopf fassen und seine Stirn reiben. Ihn brummte der Schädel von der ganzen Situation. „Ich werde mir etwas überlegen. Bis dahin, haltet euch bitte-" Er stoppte, als er merkte, dass die nächste Bitte keinen Sinn hatte und nur einen Feuersturm von Sansa folgen lassen würde. „Passt auf das Lady Stark nichts davon mitbekommt."
Überrascht nickte Jon und trat dann aus seinem Solar. Ihm behagte der Gedanke nicht, dass sie einander liebten und intim waren. Sansa war so jung. Sie hatte noch nicht einmal geblüht und die beiden… Die Position, in der er die beiden erwischt hatte… Sie hatten das schon sehr lange miteinander getan. Wie sollte er sie nur davon abhalten? Ihre Worte hatten all seine Argumente entwaffnet.
Trotz allem hatte Ned immer noch das Gefühl, dass die Situation ihm entglitt. Das ihn ein Puzzelteil fehlte, das ihm alles erklärte.
Plötzlich stürmte Robb ins Solar hinein und sagte aufgeregt: „Ich habe Sansa nicht gefunden." Ned fasste sich erschöpft an den Kopf. Er hatte allen Bescheid gesagt und besonders versucht Catelyn zu beruhigen, die Sansa Abwesenheit überhaupt erst bemerkt hatte. Aber er hatte Robb vergessen, den er nach draußen zum suchen geschickt hatte.
„Ich hab Sansa gefunden, Robb", beruhigte er seinen ältesten Sohn. „Sie war bei Jon." Robb sah weniger überrascht aus, als Ned. Er blinzelte nur kurz und meinte dann: „In Ordnung." Eigentlich wollte Robb gehen, doch dann hielt er an der Tür inne und wandte sich zurück. „Vater, hast du gesehen… ähm… haben sie…" Robb stoppte wieder, aber Ned hatte genau verstanden worauf sein Sohn hinaus wollte, auch wenn er seine Worte mit „Ach vergiss es" abschwächen wollte.
„Ich hab Jon und Sansa dabei erwischt, wie sie kurz davor waren Sex zu haben", sagte er frei heraus und sah wie Robb erstarrte. „Du hast es gewusst?"
Wie konnte Robb es gewusst haben und nicht protestiert haben? Außer es war wahr. Jon sagte es ging seit Jahren und wenn Robb auch wusste, dass sie Cousins waren, dann… Seine Kinder hatten anscheinend sehr viele Geheimnisse vor ihm. Mehr als er gedacht hatte, dass es für dieses Alter überhaupt möglich war.
„Ich… du wirst sie doch nicht trennen, oder?" Robbs Augen waren voller Unsicherheit und Furcht. Ned verstand, dass sein Sohn sehr viel wusste. „Wenn du es tust, werden Jon und Sansa weglaufen. Sie…"
Ned hob eine Hand, um seinen Ältesten zu stoppen. „Ich hab schon alles Wichtige zu dem Thema gehört. Sansa kann sehr überzeugend sein."
Robb machte ein Lächeln, das man nur für seine Schwester haben konnte und meinte: „Das kann sie wirklich… Ich meine, ist das so?"
Seine Hand fuhr zu seiner Schläfe, um sie zu massieren und er seufzte. „Das ist so und du weißt es. Es gibt viele Dinge, die du weißt, aber mir nicht verrätst. Seit wann gibt es so viele Geheimnisse in meinem Haus?"
Tatsächlich sah sein Sohn ehrlich schuldig aus, aber das half ihm nicht weiter. Solange er nicht mit ihm sprach, konnte Ned nichts tun. Alle seine Kinder hatten Geheimnisse und sie vertrauten ihm nicht. Er konnte kaum ausdrücken, wie sehr ihn das verletzte.
„Darf ich schlafen gehen, Vater?", fragte Robb nach und seufzend ließ Ned ihn gehen. Robb war zu stur, um mit ihm zu sprechen. Wenn er etwas nicht sagen wollte, dann tat er es auch nicht. Ned musste sich eingestehen, dass er diese Eigenschaft wohl von ihm geerbt hatte. Vielleicht war es also seine Schuld.
Ned stützte seinen Kopf auf seine Hände und stellte zum gefühlten tausensten Mal in seinem Leben fest, dass Kinder viel schwieriger waren, als eine Burg oder ein Land zu regieren. Sogar mehr als einen Krieg zu führen.
Hatte es sein Vater je so schwer mit ihm gehabt? Ned hatte sich immer für pflegeleicht, verglichen mit Brandon und Lyanna gehalten. Aber Robb war wie er und bereitete ihn genauso viele Sorgen. Eigentlich sogar mehr. Bei Arya und Bran wusste er zumindest immer woran er war.
Auf jeden Fall musste er seine Kinder im Auge behalten. Etwas stimmte hier nicht und er musste herausfinden was es war.
