Teil 2 der Weihnachtsgeschichte vom letzten Rudel-Kalender.
Altersfreigabe: ab 12
Spoiler: keine
Inhalt: Remus hat Gründe, die niemand versteht. Nicht einmal er selbst. Und im Lernen war er schon immer eine Niete...
Hauptcharakter(e)/Paar(e): Hermine Granger/Remus Lupin
Kommentar: Ein kleines Entchen lief in die weite Welt hinaus, um ein stolzer Schwan zu werden... oder so ähnlich. Jedenfalls hab ich noch was wiedergutzumachen.
Beta gelesen hat auch dieses Mal Anja.
Warnings: none
Am Fuße des Berges
Es war zwölf Tage her, seitdem er Hermine das letzte Mal gesehen hatte. Elf, seitdem er mit dem Brief in der Hand bei Molly eingefallen und sie für alles verantwortlich gemacht hatte. Und zehn, seitdem er sich eingestanden hatte, dass sämtliches Suchen nichts nützen würde, wenn Hermine nicht gefunden werden wollte.
Bei Merlin... Er vermisste sie, wie man ein verlorenes Körperteil vermissen würde; jeder sah es einem an, doch man selbst leugnete es eisern. Zumindest meistens.
Einmal hatte ihn die Sehnsucht nach ihr dazu gebracht, seinen eigenen Sohn als Werkzeug zu missbrauchen. Mit so entschlossener Miene, dass Teddy ihn ängstlich angesehen hatte, hatte er die weiße Feder in die kleinen Finger gepresst und sich ganz fest an Teddy festgehalten. Doch es war nichts geschehen; der Portschlüssel war nicht aktiviert worden.
Remus wusste nicht, ob es daran gelegen hatte, dass Teddy Hermines Fortgang noch nicht wirklich mitbekommen hatte, oder daran, dass er sich mit an die Reise anhängen wollte. Danach jedenfalls hatte er es nicht wieder versucht.
Dora... Sie war ein Leuchtfeuer in seinem Leben gewesen. Wärme und Licht hatte sie mit sich gebracht. Nur für ihn. Und er hatte es ihr gedankt, indem er ihr das Herz gebrochen hatte.
Absicht war es ganz gewiss nicht gewesen; es gab kaum etwas, das mehr schmerzte, als einen geliebten Menschen leiden zu sehen. Nicht einmal die Bisse, die er sich selbst in manch einer Vollmondnacht zuführte. Nicht einmal wenn sie sich entzündeten, weil Wolfsmäuler vor Krankheitserregern nur so wimmelten. Und trotzdem hatte er immer wieder Dinge getan, Entscheidungen getroffen, die sie schmerzhafter trafen als manch ein schwarzmagischer Fluch.
Ihre ungewollte Rache war es gewesen zu sterben und ihn mit einem Säugling allein zu lassen (das war eine jener Zeiten gewesen, die schmerzhafter als alles andere gewesen war; sogar schmerzhafter als seine Eltern und James und Sirius zu verlieren).
Remus hatte sich daraufhin geschworen zu lernen und dafür zu sorgen, dass so etwas nicht noch einmal passieren würde.
Remus Lupin war nie ein herausragender Schüler gewesen. Er hatte Talent für exakt ein Fach, das in Hogwarts gelehrt wurde. Und das war nicht erarbeitet, sondern ihm in den Biss gelegt worden.
Nicht die Verteidigung, aber der Angriff. Und in einem Kampf war es ohnehin nur ein Unterschied von Millisekunden, ob man angriff oder verteidigte. Dementsprechend war es schwer zu beurteilen, ob Janna nun ersteres oder zweiteres tan hatte.
Jedenfalls war sie... beeindruckend. Und Remus behauptete dies ohne ein bestimmtes Ziel vor Augen gehabt zu haben.
Janna war ein Frischling. So nannten die Werwölfe, die für das Ministerium arbeiteten, die erst vor kurzer Zeit gebissenen Menschen. Es gab Frischlinge, die wussten nicht einmal, dass sie Werwölfe waren. Janna hatte es gewusst. Auf eine gewisse Art zumindest. Ihr hatte lediglich der Begriff dafür gefehlt. Für ihre Andersartigkeit.
Remus hatte ihr den Begriff nennen können und damit ein Puzzlestück an seinen Platz gelegt. Eines, das es ihr ermöglichte, auch alle anderen fehlenden zu ergänzen. Sie war begeistert gewesen. Bis sie erkannt hatte, was das Bild, das sich ihr bot, in Wirklichkeit darstellte.
Janna hatte eine kleine Tochter. Und einen Ex-Mann. Sie hatte nicht genug Geld, um sich den Wolfsbanntrank zu leisten, und Remus konnte nicht mehr als zweimal glaubhaft behaupten, dass er seine Ration verschüttet hatte. Also blieb ihr keine andere Wahl, als sich des kostenlosen Angebots des Ministeriums anzunehmen und die Vollmondnächte in ausbruchsicheren Zellen zu verbringen.
Die kleine Tochter – Lizzy – verbrachte diese Nächte zusammen mit Teddy im Fuchsbau.
Molly hatte schon nach einer Nacht einen Narren an dem kleinen Mädchen gefressen. Die Sehnsucht nach einer eigenen Tochter hatte sie vermutlich so lange begleitet, dass sie nach Ginevras Auszug wieder etwas weiter in den Vordergrund getreten war. Janna war froh zu sehen, dass Lizzy in so guten Händen war. Und Remus war froh zu sehen, dass sowohl Teddy als auch Molly diese junge Frau ebenso beeindruckend fanden wie er selbst.
Für sie hatte er sich dazu entschieden, auf den Wolfsbanntrank zu verzichten und mit ihr in eine der Zellen zu gehen. Zugegeben, eigentlich hatte er lediglich die Plätze tauschen wollen. Sie sollte den Trank nehmen und er die Zelle. Alleine. Doch bei diesem Plan spielte Janna nicht mit. Also... verzichteten sie beide.
Remus hatte niemals eine Vollmondnacht zusammen mit einem anderen Werwolf verbracht. Zumindest mit keinem, der ihm freundschaftlich (und noch mehr) gesonnen war. Er hatte zwar keine detaillierten Erinnerungen an diese Nächte, doch wenn er die wenigen Eindrücke in Gedanken durchging, fiel ihm dazu nur ein Wort ein: berauschend.
Und berauschend war es genau so lange geblieben, bis Janna eines Morgens nicht mehr bei ihm gewesen war. Kingsley Shacklebolt – der Zaubereiminister persönlich und einer seiner langjährigsten Freunde – berichtete Remus, was geschehen war. Anscheinend war Janna in der vergangenen Nacht so schwer verletzt worden, dass man sie nach ihrer Rückverwandlung sofort ins Sankt Mungos hatte bringen müssen. Während Remus den nahezu komatösen Schlaf der Rückverwandelten schlief.
An diesem Tag kam Janna nicht in den Fuchsbau, um ihre kleine Tochter abzuholen und mit Molly eine Tasse Tee zu trinken. Stattdessen kam Remus, erntete bestürzte Blicke von Molly und nahm die beiden Kinder mit in seine Wohnung.
Dank der magischen Medizin dauerte es kaum mehr als sechs Stunden, bis Janna mit nicht mehr als lästigen Blessuren entlassen wurde und in seine Wohnung kam. Lizzy fiel ihrer Mutter erst um den Hals, dann verschwand sie für die letzten fünf Minuten zum Spielen wieder in Teddys Zimmer.
Remus schrieb seine persönliche Chronik des Schmerzes weiter, während er Janna erklärte, dass sie nicht zusammen bleiben konnten, wenn das ihr Leben derart in Gefahr brachte. Denn wer sonst außer ihm sollte die Schuld an ihren Verletzungen tragen? Wo doch in den vorangegangenen Jahren niemals etwas geschehen war. Nicht einmal außerhalb der Zellen des Ministeriums.
Er brach Jannas Herz genauso wie seines. Und das ihrer Tochter, als Janna zwei Monate später nach der dritten Vollmondnach tot in ihrer Zelle aufgefunden wurde. Anscheinend brauchte es nicht mehr als eine robuste Steinwand und ausreichend Schmerz, um sich auch alleine zu töten.
Im darauf folgenden Jahr setzte Remus sich dafür ein, die Werwolfzellen magisch auspolstern zu lassen, damit so etwas nicht noch einmal geschah. Für Lizzy, die nun bei ihrem Vater lebte mit nicht mehr als einem magischen Bild ihrer Mutter als Erinnerung, kamen diese Maßnahmen natürlich zu spät. Doch Janna war nicht die einzige Werwölfin mit einem Kind.
Und weil Remus das Gefühl nicht los wurde, dass Molly es ihm vorwarf, sie gleich zwei platonischer Töchter beraubt zu haben, nahm Remus Hermines Angebot, am Abend auf Teddy aufzupassen, dankend an.
Hermine war... ein liebes Mädchen. Sie hatte nichts von Dora und auch nichts von Janna. Stattdessen hatte sie ganz viel Gutmütigkeit und Liebe zu geben. Und weil Remus sich vorgenommen hatte, dieses Mal wirklich zu lernen, war Teddy für eine lange Zeit der einzige, der in den Genuss dieser Eigenschaften kam.
Und dann kam irgendwann der Tag, nach über zwei Jahren, an dem Remus aus einer Kloake von Behausung zurückkehrte. Der Tag, an dem er gesehen hatte, wo man enden konnte, wenn man nur immer die falschen Entscheidungen traf. Und plötzlich hatte er Teddy auf seinem Arm, den fünfjährigen Jungen, in dem seine Dora weiterlebte, in seinem blauen Pyjama und kräuselte über den Gestank die Nase, während Hermine sich mit ihrem krebsroten Gesicht ein Lächeln zu verkneifen versuchte. Und da stellte er sich vor, wie es wäre, jeden Abend so begrüßt zu werden. Vielleicht fernab von London. Vielleicht außerhalb von Glasgow. Oder irgendwo in Irland. Und er stellte fest, dass er sich genau das wünschte.
Über diese wundervolle Vorstellung vergaß Remus, dass die Erfüllung eines Wunsches auch immer einen Preis hatte. Und er dachte auch nicht an diesen Preis, während er Hermine mit in sein Bett nahm und sie an seinem Wunsch teilhaben ließ. Erst als der Zauber des herrlichen Traums am nächsten Morgen von einer dicken Schneeschicht begraben wurde, kehrten alle Einwände zurück.
Mal wieder viel zu spät.
Also tat er das, was jeder Angreifer in dieser Situation tun würde: Er griff an. Und verlor.
Wie es dazu kommen konnte, dass Hermine ohne ein persönliches Wort verschwand, konnte Remus sich allerdings bis heute nicht erklären. War er zu harsch gewesen, als er sich geweigert hatte, ihr von Janna zu erzählen? Oder durfte man in einer Beziehung keine Geheimnisse haben?
Dora hatte ihn nie solche Dinge gefragt. Aber als er mit Dora zusammen gekommen war, hatte er zugegebenermaßen auch noch nichts zu verheimlichen gehabt. Seine Vergangenheit war unter den Mitgliedern des Ordens so bekannt, dass er dankenswerterweise nichts mehr dazu sagen musste.
Von Janna wussten nur Molly und er. Und eventuell Teddy. Doch er war erst zweieinhalb gewesen. Vermutlich konnte er sich nicht mehr daran erinnern. Gut so.
Remus hatte nicht vor, diese Geschichte vor allen Freunden breitzutreten. Er hatte in seiner Vergangenheit genug Fehler begangen, die allen wieder einfielen, wenn sie ihn ansahen. Und wenn er es nicht schaffte, Hermine zu finden und die Dinge wieder gerade zu biegen, konnte sie sich in die Liste seiner Fehler mit einreihen.
Als der größte, denn er hatte es ganz alleine vermasselt.
Zu dieser Erkenntnis hatte er noch nicht gefunden, als er vor besagten elf Tagen in den Fuchsbau einfiel. Der Brief in seiner Hand fühlte sich falsch an. Doch das unbarmherzige Pergament tat ihm nicht den Gefallen, einfach wieder zu verschwinden und im Austausch dafür seine Hermine herzuholen.
„Das ist alles deine Schuld!", presste er mit heiserer Stimme hervor und schlug mit der flachen Hand auf den Küchentisch, so dass der Brief auf der zerkratzten Oberfläche liegen blieb. „Wenn du nicht gewesen wärst..."
„Dann wäre jemand anderes gewesen", erwiderte Molly und klang dabei weder zufrieden noch wissend. Wie sollte sie auch? Sie wusste mit Sicherheit noch nichts von dem, was geschehen war. Deswegen wischte sie sich auch die Hände an der Schürze ab und nahm den Brief auf. Mit gerunzelter Stirn überflog sie die Zeilen und während sich ihre Augen bei jedem Wort mehr weiteten, versuchte Remus die aufsteigende Feuchtigkeit aus den seinen zu blinzeln.
„Was hat das zu bedeuten?", fragte die ältere Frau, nachdem sie den ganzen Brief zweimal gelesen hatte – anscheinend in dem Glauben, dass sie ein entscheidendes Wort verpasst hatte. Doch der Sinn blieb derselbe. Und würde es auch beim zehnten Mal. Remus hatte es getestet.
„Sie ist fort. Sie hat ihre Sachen gepackt und ist gegangen." Kraftlos sank Remus auf einen der Stühle und wischte sich mit der flachen Hand über das Gesicht. Es schmerzte wie ein Dorn in seinem Fuß. Und mit jedem Schritt, den er tat, trieb er ihn tiefer in sein Fleisch.
Plötzlich war da eine Hand auf seiner Schulter und er zuckte zurück. Als er in Mollys Gesicht hinaufsah, konnte er Bestürzung darin sehen. Und Erleichterung. „Fass mich nicht an", warnte er, klang dabei jedoch wie ein kleiner Junge, der sich das Knie aufgeschlagen hatte.
„Es tut mir leid, Remus."
Er schnaubte. Dass er Molly jemals so sehr hassen würde, hatte er nicht erwartet. Doch es brannte in seiner Brust und bis in die Fingerspitzen hinein. Seine Hände zuckten auf der Tischplatte.
„Hör zu", begann Molly da mit energischer Stimme und setzte sich vor ihn hin, „ich habe dir gewünscht, dass du wieder glücklich wirst. Das habe ich wirklich."
„Aber?"
„Aber ich kann nicht das für dich tun, was dafür nötig ist. Hermine ist wie eine Tochter für mich. Genauso wie Janna und Nymphadora es gewesen sind. Und ich werde nicht dabei zusehen, wie du mir eine weitere Tochter nimmst, Remus."
Ohne dass er etwas dagegen tun konnte, lief ihm eine Träne über das Gesicht. „Glaubst du etwa, dass ich jemals beabsichtigt hatte, dass das geschieht?"
Molly schüttelte den Kopf. „Deswegen ist es geschehen. Solange du nicht verstehst, dass es in der Liebe schlimmer ist, jemanden von sich zu stoßen, anstatt mit ihm dem Schicksal die Stirn zu bieten, solange wirst du nicht glücklich werden, Remus. Und ich kann nicht dabei zusehen, wie Hermine da mit reingezogen wird." Ihre Lippen wurden zu einem schmalen Strich, der streng und verkniffen in ihrem runden Gesicht stand.
Für einen Moment blieb sie noch bei ihm sitzen, dann tätschelte sie seine Hand und stand mit knackenden Gelenken auf, um sich der liegen gebliebenen Hausarbeit zu widmen.
Als Remus seine kopflose Suche nach Hermine aufgab, stand er am Fuß eines Berges. Er wusste nicht einmal, in welchem Land er war, geschweige denn welcher Berg hier seine schneebedeckte Spitze so vorwitzig in die Wolken tauchte.
Doch er wusste, dass es hier vorbei war.
Müde setzte er sich auf den feuchten Boden und als das noch nicht genug war, ließ er auch seinem Oberkörper die Ruhe des harten Widerstandes zukommen. Er blinzelte in das dunstige Licht des bewölkten Tages und stellte sich vor, wie schön es sein musste, jetzt auf der Bergspitze zu stehen und statt den elenden Wolken die Sonne zu sehen.
Und dann dachte er daran, dass auch in England hin und wieder die Sonne schien – wenn man nur ausdauernd genug im Warten war. Und so apparierte er zurück in seine Wohnung und nahm sich vor zu warten.
Zwölf Tage. Vierzehn Stunden. Und... nein. Die Minuten konnte er beim besten Willen nicht bestimmen. Schon die Stunden waren eine geschätzte Angabe, denn zum Teufel! Er hatte nicht damit gerechnet, dass Hermine einfach so verschwinden würde! Und er hatte verdammt noch mal nicht zur Uhr gesehen, als sie seine Wohnung verlassen hatte.
Dafür tat er es jetzt. Andauernd. Immer wieder. Weil warten nicht seine Stärke war und er am liebsten irgendetwas eingerissen hätte. Wenn es sie nur zu ihm zurückbringen würde.
Stattdessen saß er auf der Couch und starrte in das dunkle Loch des Kamins. Unbeweglich. Wartete auf die grünen Flammen, die dort auflodern würden, sobald sie sich dazu entschloss, ihm noch eine Chance zu geben.
Bei Merlin, hoffentlich würde sie ihm noch eine Chance geben...
Wenn jetzt kurz vor Weihnachten wäre, dann wüsste Remus, was er sich wünschen würde. Er wusste es so genau wie Teddy es immer wusste. In allen Details, jede noch so unbedeutende Kleinigkeit. Wobei er auch durchaus dazu bereit wäre, das alles außer Acht zu lassen.
Doch es war nicht kurz vor Weihnachten. Vielmehr war es kurz nach Weihnachten. Das machte die Sache nicht besser.
Und das weinerliche „Da-ddy!", das aus Teddys Zimmer um die Ecke ins Wohnzimmer fegte, machte es sogar noch viel schlimmer.
Remus schloss kurz die Augen, wischte sich über das müde Gesicht und stand auf, um seinen Sohn trösten zu gehen. Der eigentlich schon seit drei Stunden schlafen sollte. Doch da er diesen Hinweis von seinen Eltern früher immer gehasst hatte, hatte er Teddy niemals auf solche Dinge hingewiesen. Es gab nun mal Nächte, die... waren schlimmer als andere. Und das spürten Kinder genauso wie Erwachsene.
Als Remus die Tür zum Kinderzimmer aufstieß, fiel der Lichtstrahl direkt über die bunt gepunktete Bettdecke, unter der sich zwei dünne Beine bewegten. Der kleine Junge stützte sich mit den Händen auf der weichen Matratze ab und blinzelte mit großen Augen zu ihm hinauf. Glänzende Spuren auf den roten Pausbäckchen informierten Remus darüber, dass es eine sehr schlimme Nacht war.
Er ließ die Tür offen stehen, so dass es im Zimmer etwas heller war als zum Schlafen nötig, aber trotzdem dunkel genug, um Schlaf nicht völlig unmöglich zu machen. Remus versuchte gar nicht, seinen Sohn mit falschen zuversichtlichen Worten zu beruhigen. Stattdessen setzte er sich auf die Bettkante und lehnte sich gegen das harte Holz des Kopfendes, so dass Teddy sich in seinen Arm kuscheln konnte.
„Ich vermisse Mia", jammerte es unterhalb von Remus' Kinn keine zwei Minuten später, gefolgt von einem Schniefen, das den Inhalt der kleinen Nase mindestens bis ins Gehirn befördert haben musste.
„Ich auch", erwiderte Remus leise und begann über den warmen Rücken zu streicheln, auf dem seine Hand lag.
„Warum können wir denn nicht zu ihr, Daddy?"
Remus seufzte. Weil dein Daddy ein Vollidiot war? Weil sie klammheimlich verschwunden ist? Weil Molly... „Weil sie vergessen hat, uns zu sagen, wo sie hinfährt."
„Aber..." Die dünne Stimme klang restlos entsetzt. So entsetzt, dass er darüber sogar das Weinen vergaß. „Aber morgen ist doch das Jahr vorbei..."
„So ist es", stimmte Remus zu.
„Mia kann doch nicht ohne uns das Jahr vorbei sein lassen. Sie wird doch vorher wieder kommen. Oder Daddy?" Das angenehme, warme Gewicht des jungen Körpers verschwand von Remus' Seite und erneut blinzelten ihn die neugierigen Augen von Nymphadora Tonks an.
Der nächste Abend war der einzige im Jahr, in dem Teddy offiziell bis über das Läuten des Big Ben um Mitternacht hinaus wach bleiben durfte. Doch die Freude, die er im letzten Jahr darüber gezeigt hatte, hatte sich bisher noch nicht eingestellt.
Stattdessen saß er mit der weißen Feder in der Hand auf dem Boden und drehte sie zwischen Daumen und Zeigefinger, so dass sie tanzte wie eine Primaballerina. Remus hatte er dabei den Rücken zugedreht; ob er das bewusst oder versehentlich tat, konnte vermutlich nicht mal Teddy selbst beantworten.
Müde saß Remus auf der Couch und hatte den Kopf in die Hand gestützt. Von den Straßen Londons drang dann und wann ein verfrühtes Knallen bis in die Wohnung, die ihn immer wieder aus dem Halbschlaf zog; fort von den erwachenden Erinnerungen an Hermine. An ihre Stimme und ihren Geruch. An die kleinen warmen Hände und das Lächeln, das bis an ihre Augen hinaufreichte.
„Daddy..."
Eine jähe Berührung seiner Knie ließ Remus ein weiteres Mal aufschrecken. Zur Abwechslung war es Teddy, der seine Aufmerksamkeit forderte, und nicht die Jugendlichen auf Londons Straßen, die Raketen und andere Feuerwerkskörper vor ihrer Zeit zündeten, weil sie es einfach nicht abwarten konnten.
„Ja?", fragte Remus einem Impuls folgend, noch bevor er wirklich wahrgenommen hatte, was geschehen war. Dann sah er die Feder, die Teddy noch immer in den Händen hielt. Sie leuchtete.
„Was ist das für ein Licht, Daddy?" Hinter der kleinen, nachdenklich gerunzelten Stirn arbeitete es sichtlich. Teddy war noch zu jung, um verstehen zu können, was für Remus sofort klar wurde.
Ein Lächeln stahl sich zum ersten Mal seit gut zwei Wochen auf die alternden Züge des Werwolfes und er schob seine breiten Hände unter Teddys Achseln, um seinen Sohn zu sich auf den Schoß zu ziehen. Gemeinsam betrachteten sie das Glühen der Feder.
„Es bedeutet", sagte Remus mit derselben Ehrfurcht, mit der er Teddy vom magischen Weihnachtsbrauch erzählt hatte, „dass wir noch heute Nacht eine Reise machen werden."
Mit großen Augen sah Teddy ihn an. „Ehrlich? Wohin denn?"
„An den Ort, an den du am meisten auf der Welt möchtest." Ohne dass er es bemerkt hatte, hatte Remus damit begonnen, seinen Sohn zu wiegen. So wie früher, als er noch knapp in seine beiden Hände gepasst hatte.
„Ohh, wir reisen zu Mia?" Vor Begeisterung wäre Teddy ihm beinahe vom Schoß gehüpft. Nur gerade so eben konnte Remus ihn auf seinem Platz halten.
Denn so viel stand fest: Wenn der Portschlüssel nun endlich aktiv werden und Teddy zu Hermine führen würde, dann würde er ihn begleiten. Und er würde beweisen, was er gelernt hatte.
„Ja, Teddy. Wir reisen zu Mia."
ENDE
