Als Maglor am nächsten Morgen erwachte, fragte er sich, warum solch ein Gewicht auf ihm lastete. Es dauerte einen kleinen Augenblick, bis er sich wieder entsann, dass es die Zwillinge waren, die ihn da als Matratze umfunktionierten. Er lächelte und beobachtete die Kleinen in ihrem Schlaf, wie sie mit fest geschlossenen Augen tief schlummerten und sich dabei dicht an ihn kuschelten. Ihre kleinen Hände waren in sein Nachthemd geklammert, als fürchteten sie, er könne ihnen im Schlaf abhanden kommen.
Maglor entsann sich der Momente, als auch er noch ein Kind gewesen war. So lang war dies nun her! Doch viele der Erinnerungen waren noch so frisch, als habe er sie erst gestern erlebt. Wie auch er in seinen frühesten Jahren Angst vor Gewittern gehabt hatte und wie er dann stets zu seinem großen Bruder ins Bett gekrochen war, um sich von ihm Geschichten erzählen zu lassen. Er war nie zu seinem Vater gekommen, um sich von ihm trösten zu lassen, dafür hatte er stets zu viel... Respekt vor ihm besessen. Ihm fiel kein besseres Wort ein. Aber so war es nun einmal gewesen, bei seinem Bruder hatte er sich in solchen Momenten stets wesentlich behüteter gefühlt. Und außerdem konnte Maedhros wirklich tolle Geschichten erzählen, leider tat er es schon seit vielen Jahren kaum noch. Dabei hatten sogar Amrod und Amras hin und wieder wie kleine Kinder um eine Geschichte regelrecht gebettelt, als sie ihre ältesten Brüder auf dem Himring besuchen gekommen waren.
Die rothaarigen Zwillinge... Von all seinen Brüdern vermisste Maglor sie am meisten. Sie waren sich so ähnlich gewesen, dass sogar er sie gelegentlich verwechselt hatte, wenn sie es darauf angelegt hatten. Generell hatten sie gern Streiche gespielt und allerlei Schabernack getrieben. Beinahe wagte Maglor es zu behaupten, dass dies alle Zwillinge gern taten, denn auch seine zwei Kleinen hatten ihre Freude an solcherlei Dingen. Ein wenig frech sein, gestand er ihnen ja zu, das hatte er auch bei Amrod und Amras getan. Sie waren sich alle so ähnlich, seine Zwillingsbrüder und die Kleinen... Sogar die Angewohnheit, für den anderen weiter zu sprechen, hatten die Halbelben.
Oder sie hatten sie besessen. Es hatte eine Zeit gegeben, da hatten sich seine kleinen Zwillinge genau das angewöhnt, doch das hatte Maglor dann doch zu sehr an seine verstorbenen Brüder erinnert. Es war noch zu wenig Zeit seit Amrods und Amras' Tod vergangen, er hatte seinen Schmerz, der bei diesen Erinnerungen aufgekommen war, wohl nicht genügend vor den Kleinen verbergen können. Sie hatten ihn gefragt, warum er denn auf einmal so traurig sei und gleich angefügt, dass sie nicht wollten, dass ihr Onkel traurig war. Er hatte es mit einem „Es ist doch nichts" versucht, das hatten die Kleinen aber freilich nicht gelten lassen, also hatte er sie darum gebeten, diese Angewohnheit zumindest in seiner Anwesenheit nicht weiter zu verfolgen. Sie hatten es nicht verstanden, warum, und hatten freilich nachgefragt. Doch er hatte sich geweigert, ihnen Näheres zu erklären, es wäre nur weitere Fragen gefolgt. Und dann hätte er ihnen womöglich noch erklären müssen, dass er es gewesen war, der ihnen ihre Heimat genommen hatte... Er fürchtete sich jetzt schon vor dem Tag, an dem diese Beichte unweigerlich kommen musste.
Immerhin hatten sich die kleinen Halbelben seitdem bemüht, diese anscheinend für Zwillinge typische Angewohnheit zumindest in seiner Anwesenheit zu unterlassen.
Die Zwillinge erwachten wie immer fast zeitgleich, wenn auch Elros üblicher Weise ein paar Minuten eher wach wurde. Elros blinzelte, murrte, bemerkte, dass Maglor noch immer da war, lächelte glücklich und kuschelte sich wieder an ihn. Anscheinend wollte er seinen Onkel für diesen Tag nicht mehr hergeben. Maglor musste schmunzeln. Er sah zum Fenster und bemerkte anhand des durch einen Spalt zwischen den Fensterläden herein strahlenden Lichtscheins, dass die Sonne schon recht hoch stehen musste. Es war an der Zeit aufzustehen, also musste Elros seinen Onkel wohl doch wohl oder übel hergeben.
„Munter werden, Kleiner", sagte er ihm und gab ihm einen Stupser auf die Nase.
„Will nicht, is' so schön kuschelig warm", brummte Elros und kniff die Augen fest zu.
In dem Moment wurde auch Elrond munter. Nicht bedenkend, dass durch Maglor der Platz im Bett erheblich geschrumpft war, räkelte er sich ausgiebig und schaffte es dadurch, sowohl Maglor als auch Elros zu erwischen. Der kleine Halbelb beschwerte sich sogleich lautstark bei seinem Bruder für den Schlag auf die Nase.
„Na, na, nicht streiten" ging Maglor dazwischen. „Das kann doch mal passieren. So, und jetzt hört auf, auf mir herumzuturnen und husch aus dem Bett. Es gibt bald Frühstück, und das wollt ihr sicher nicht verpassen."
„Nein", ereiferten sich die Zwillinge zu rufen und sprangen aus dem Bett, auch wenn Maglor dafür noch ein paar Tritte erdulden musste. Er ertrug es mit Geduld, denn schließlich meinten sie es nicht böse, sie waren lediglich hin und wieder ein wenig eilfertig.
Nachdem die Zwillinge aus dem Bett waren, streckte auch Maglor seine über Nacht steif gewordenen Glieder. Auf Dauer in einem zu kleinen Bett ... nein, das würde kein Zuckerschlecken werden.
„Onkel Maglor, hast du gut geschlafen?", erkundigte sich Elrond höflich.
„Vielen Dank, mein Kleiner. Ja, das habe ich", bestätigte Maglor.
„Dann kannst du ja immer hier bei uns schlafen!", setzte Elros den Gedanken seines Bruders fort.
Maglor musste lachen. „Nein, ich überlasse euch lieber euer Bett. Es ist mir dann doch ein wenig zu klein."
Die kleinen Halbelben zogen Schippchen. „Och menno ..."
Es war Maglor noch immer ein Rätsel, wie sie es schafften, ohne sich vorher abzusprechen im selben Moment genau dasselbe zu sagen. Schon Amrod und Amras hatten das fertig gebracht. Wie war das möglich? Hatte es seine Ursache darin, dass das Verhältnis zwischen Zwillingsgeschwistern doch ein anderes war als zwischen älteren und jüngeren Geschwistern?
Mittlerweile hatte er sein Nachthemd ausgezogen und trug nur noch seine Unterkleidung, als schon wieder Elros angesprungen kam und sich auf seine Knie setzte. Er tippte seinem Onkel auf eine Stelle an seinem Arm.
„Du, was ist das? Hast du dich da mit Onkel Maedhros' Farben angemalt?", wollte er wissen. Er meinte eine kleine Narbe.
Maglor sagte es ihm.
Inzwischen war auch Elrond hingekommen und hüpfte ebenfalls auf Maglors Schoß. „Was ist das? Wie bekommt man die?", wollte er sogleich wissen.
„Eine Narbe stammt von einer alten Verletzung, die aus welchen Gründen auch immer nicht richtig abheilt", sagte er ihnen.
„Oh!", machte Elros. „Hast du dir dolle wehgetan?"
Maglor wuschelte ihm durchs Haar. „Nein, das habe ich nicht, es war nur ein Kratzer, wenn auch ein tiefer. Seht ihr, jetzt könnt ihr gleich lernen, wieso Maedhros und ich euch immer verbieten, unsere Schwerter anzufassen oder sonst etwas Scharfes, wenn wir nicht dabei sind. Auch ich war einmal so klein wie ihr heute, und als ich mir diese Narbe einfing, da hatte ich mit dem Schwert meines Vaters gespielt und mich geschnitten. Und Narben sind wirklich nichts Schönes, also passt ihr mir ja immer schön auf."
Bei der Erwähnung seines Vaters wirkten die Zwillinge auf einmal sehr nachdenklich. Maglor fragte sich, was ihnen da gerade durch die Köpfe ging.
„Du, Onkel Maglor?", begann Elros.
„Wie ist es, einen ada zu haben?", setzte Elrond fort. „Also ich mein, so einen richtigen. Na ja, eigentlich bist du ja unser richtiger ada, aber alle sagen, das ist Earendil, und du bist nur unser ... unser ..." Ihm fiel das Wort nicht ein.
„Unser Ziehpapa!", half Elros ihm auf die Sprünge.
„Genau!"
„Sagt das doch nicht", entgegnete Maglor, das Unbehagen hoffentlich genügend verbergend. Er mochte es immer wieder auf ein Neues nicht, wenn die Kinder ihn „Vater" nannten, das war er nicht. „Freilich ist Earendil euer richtiger ada, und ich eben nicht."
Plötzlich verunsichert sahen die Zwillinge zu ihm auf. „Aber Onkel dürfen wir dich doch noch nennen?", wollte Elrond vorsichtig wissen.
„Aber ja doch", beeilte sich Maglor zu sagen. „Das meinte ich doch gar nicht. Ich wollte euch lediglich daran erinnern, dass ihr mich nicht euren ada nennen sollt. Eines Tages werdet ihr es schon verstehen ..."
Freilich verstanden es die Zwillinge nicht. Aber irgendetwas im Ton ihres Onkels veranlasste sie dazu, nicht weiter nachzufragen. „Aber wie ist es nun, wenn man einen richtigen ada hat?", ließ Elrond dennoch nicht von seiner ursprünglichen Frage locker.
„Singt er auch immer was vor und erzählt tolle Geschichten?", fragte Elros weiter.
„Und verscheucht böse Monster unter Betten und in Schränken?"
„Und spielt mit einem Held und Bösewicht?"
„Oder Verstecken?"
„Oder Hasche?"
Maglor lachte. „Immer schön der Reihe nach", sagte er. „Aber ja, all diese Dinge tut ein ada für einen. Er ist immer für einen da, wenn man ihn braucht, er ist wie der beste Freund – nach den Brüdern versteht sich." Er zwinkerte ihnen zu. „Ein ada beschützt einen und tröstet, wenn böse Gewittermonster einen erschrecken wollen. Bei ihm kann man Trost und Geborgenheit finden."
„Und er verjagt die Monster auch?", wollte Elros wissen.
„Aber freilich, ganz gewiss!", versicherte Maglor ihm.
Elrond legte den Kopf schief und überlegte scharf. „Und eine nana?", wollte er wissen.
„Dasselbe. Sie ist die beste Freundin und kann noch viel tollere Geschichten erzählen", sagte Maglor.
„Dann bist du unser ada und unsere nana!", verkündeten die Zwillinge und umarmten Maglor.
Er lächelte, doch innerlich seufze er verdrießlich und dachte daran, dass er sich diese Liebe nicht verdient hatte, dass er sie von Earendil und Elwing geraubt hatte. „So, jetzt ist Schluss mit den Geschichten", sagte er stattdessen. „Zieht euch fertig an und dann gibt's Frühstück." Das prompte Grummeln in den Mägen verriet ihm, dass es Zeit dafür war.
Die Zwillinge hopsten wieder von ihm und zogen sich eilig an. Maglor mussten ihnen zwar wie üblich hinterher die Kleidung richten und die Haare ordentlich bürsten, doch dann waren sie fertig. Elrond klemmte sich noch Herrn Bär unter den Arm und damit konnte es losgehen. Maglor nahm sie bei den Händen und führe sie in den Speisesaal. Wie üblich war Maedhros schon auf und wartete auf sie. Stumm fragte sich Maglor, wie viel sein Bruder überhaupt geschlafen hatte. Wahrscheinlich zu wenig.
Wieder einmal hallte ein fröhliches „Guten Morgen, Onkel Maedhros!" durch den Raum und die Kleinen begrüßten den ältesten der Feanorer stürmisch.
„Onkel Maedhros, ist dein Bild fertig?", fragte Elros neugierig.
„Dürfen wir es sehen?", fragte Elrond noch neugieriger.
„Aber freilich dürft ihr es sehen", sagte Maedhros. „Es fehlen noch einige Feinheiten, doch im Großen und Ganzen ist es fertig."
„Und wahrscheinlich wirst du dennoch noch Wochen daran arbeiten, Bruder", scherzte Maglor. „Du bist ein hoffnungsloser Perfektionist!"
„Du aber auch!", entgegnete Maedhros. „Ich dachte, du weißt, dass man nicht von sich auf andere schließen soll."
Mittlerweile hatten sie sich gesetzt und man hatte ihnen das Essen gebracht. Maglor schnitt den Zwillingen die Brötchen auf und schmierte sie ihnen. „Das sagt der richtige!", konterte er Maedhros' Spitze. „Du warst es doch immer, der seinen kleinen Brüdern die Moralpredigten hielt und uns dann doch nur dazu anstiftete, Blödsinn anzustellen."
„Aber als wir adar den Schmiedehammer stibitzt haben ... Du musst, zugeben, es hatte unheimlichen Spaß gemacht!", rechtfertigte sich Maedhros.
Maglor lachte. „Oh ja! Ich wundere mich noch heute, wie lange er gebraucht hatte, um uns unter Verdacht zu haben. Erst hatte er nur geglaubt, er habe ihn verlegt."
Die Zwillinge sahen von einem zum anderen. „Ihr habt auch mal Blödsinn gemacht?", wollten sie verwundert wissen.
„Ja, wir waren auch einmal klein", sagte Maglor.
„Schwer vorstellbar, was?", fügte Maedhros an, er, der den Beinamen der Lange trug.
„Was habt ihr denn angestellt?", war sogleich die nächste Frage.
Maglor wischte Elros die Marmelade aus dem Gesicht. „Aber nicht, dass ihr mir das nachmacht", erinnerte er sie. „Unser Vater war ein begnadeter Handwerker, der beste, den die Welt je gesehen hatte. So verbrachte er die meiste Zeit in seiner Schmiede, und wir halfen ihm oft bei seiner Arbeit. Aber auch wir spielten nun einmal gern Streiche, und so schlichen wir uns eines Tages in seine Werkstatt, als er einmal nicht bei der Arbeit war (was selten genug vorkam). Er hatte den Hammer auf dem Amboss liegen lassen und wir nutzten sogleich die Gunst der Stunde und ‚verlegten' ihn ganz zufällig. Vater hatte wirklich lange gebraucht, bevor er dahinter kam, dass wir es gewesen waren. Dabei hätte er es sich nun wirklich denken können! Aber der Spaß hatte den Ärger, den wir dafür bekommen hatten, mehr als entschädigt."
Die Zwillinge kicherten bei der Vorstellung, dass ihre Onkel auch einmal wie kleine Lausbuben Streiche gespielt hatten.
„Aber ihr bleibt schön von Maedhros' Schmiede fern", erinnerte Maglor sie sicherheitshalber noch einmal. Freilich hatten sie, da sie nun einmal Feanorer waren, auch auf dem Amon Ereb eine Schmiede, denn sie wussten natürlich, wie man den Schmiedehammer schwang.
„Machen wir!", antworteten die Kinder brav und guckten wie kleine Engel.
Nach dem Essen nahm Maedhros die Kleinen mit und zeigte ihnen sein neuestes Werk. Es zeigte windgepeitschte Baumwipfel und dahinter eine drohende, aber imposant wirkende Wolkenformation aufragen. Die Wolken waren im scharfen Kontrast von hell und dunkel gemalt, um zum Ausdruck zu bringen, dass im Rücken des Betrachters noch immer die Sonne schien, die die Wolken teils hell zum Erstrahlen brachte, teils in tiefe Schatten hüllte. Alle Schrecken, die diese Wolken noch in der letzten Nacht für die Zwillinge gebracht hatten, waren vergessen und sie machten große Augen. Das Bild war wahrlich beeindruckend.
„Es sieht aus wie echt", sagte Elros ehrfürchtig.
„Als könnte man die Wolken gleich berühren", fügte Elrond an.
„Du musst mir das unbedingt wirklich zeigen!", beharrte Elros.
„Aber das Malen zu erlernen, erfordert viel Geduld", erinnerte Maedhros ihn.
„Will jetzt aber nicht lernen", widersprach Elrond seinem Bruder. „Los, komm, Onkel Maglor hat gesagt, dass er mit uns draußen spielen will."
„Mag jetzt aber viel lieber malen lernen", hielt Elros dagegen. „Guck doch mal, das sieht so schön aus, ist bestimmt toll, wenn wir das auch können. Spielen können wir auch wann anders."
„Malen lernen aber auch", konterte Elrond.
Maedhros hob eine Augenbraue. „Dann geht eben Elrond mit Maglor spielen und du, Elros, bleibst bei mir und lernst von mir", schlug er vor.
„Nöö!", kam es wie aus einem Mund von den Zwillingen.
Jetzt war Maedhros überfragt.
„Zusammen was machen, ist viel besser als allein", erklärten sich die Zwillinge, denn so hielten sie es. Selbst wenn sie einmal (was eigentlich so gut wie nie vor kam) nicht einer Meinung waren.
„So?", machte Maedhros schon beinahe lachend. Man konnte es auch schwieriger machen, als es war... „Dann einigt euch mal, mir ist es egal."
„Los, komm schon, Elros!", drängelte Elrond. Er hatte absolut keine Lust, bei solch einem schönen Wetter drinnen zu hocken und eine Leinwand anzustarren. Es war schließlich viel aufregender, mit Onkel Maglor zu spielen! Und außerdem schien Onkel Maglor an diesem Tag in Plauderlaune zu sein, so viel hatte er noch nie schon am frühen Morgen von seiner Familie erzählt! Vielleicht schafften sie es ja, ihm noch die eine oder andere, nicht in Versform gepackte Geschichte zu entlocken. Mit Versen wäre zwar auch schön, aber das verstand man immer so schlecht.
Elros blickte zum Bild und dann wieder zu seinem Bruder. „Na gut ...", räumte er ein.
„Au ja!", rief Elrond aus. Er schnappte seinen Bruder bei der Hand und stürmte sodann mit ihm durch das Haus. Maedhros sah ihnen schmunzelnd hinterher. Manchmal waren sie wahrlich possierlich. Damit machte er sich wieder an die Arbeit an dem Bild, an dem er, wie er es üblicherweise hielt, parallel zu anderen Bildern malte.
Elrond schleifte seinen Bruder, denn anders konnte man es kaum nennen, zu Maglors Arbeitszimmer. Seit die Zwillinge im Haus waren, war dieses Zimmer zwar nur sehr selten besucht, doch wenn Maglor ausnahmsweise einmal nicht bei den Kleinen war, dann hielt er sich recht häufig hier auf, um nicht gänzlich alle Arbeit auf seinen Bruder abzuwälzen. Es war so schon der größte Teil, was Maglor noch nie ganz behagt hatte. Aber er konnte es nun einmal nicht ändern, die Kleinen nahmen den Großteil seiner Zeit ein.
Vor der Tür zum Arbeitszimmer hielt Elrond an und klopfte. Eigentlich wäre er ja am liebsten einfach hinein gestürmt, zumal die Tür nur angelehnt war, aber Onkel Maglor hatte gesagt, dass man immer höflich anklopfte und bitte und danke sagte.
„Onkel Maglor? Dürfen wir rein kommen?", fragte er.
„Aber freilich", kam es von drinnen.
Elrond schob die Tür gerade weit genug auf, dass er, gefolgt von seinem Bruder, hinein schlüpfen konnte. Maglor saß an seinem Schreibtisch und las einige Wirtschaftsberichte. Er sah konzentriert aus, als passe ihm etwas nicht.
„Ist was?", fragte Elros nach. „Du guckst so böse."
Maglor sah auf und trat zu den Zwillingen. Er kniete sich vor sie hin. „So? Tu ich das?", sagte er lächelnd.
„Ja, tust du." Elros nickte eifrig. „Oder: Grad eben hat du's getan. Jetzt nicht mehr, jetzt guckst du viel netter."
Maglor lachte und zerwühlte ihm die Haare. „Was gibt es denn? Ich dachte, ihr seid noch bei Maedhros."
„Elros wollte Malen lernen", sagte Elrond, „aber ich hatte keine Lust. Und außerdem hast du uns versprochen, dass du heute draußen mit uns spielst. Hast du jetzt Zeit?"
„Gleich", versprach Maglor. „Ich muss das hier erst noch zu Ende bringen, dann komme ich."
Elros schlängelte sich an ihm vorbei und kletterte umständlich auf den Stuhl. Dann lugte er über die Tischkante, um zu sehen, was sein Onkel da machte. „Was ist das?", wollte er wissen. „Das sind ja nur lauter öde Zahlen!"
Maglor setzte ihn wieder auf den Boden. „Das interessiert dich bestimmt nicht", sagte er. Es waren ihre Finanzen, und diese hatten schon einmal besser ausgesehen. „Geht doch nach dem kleinen Vogel sehen, solange ich hier noch arbeiten muss", schlug er vor. „Er wird sich sicherlich freuen, wenn ihr ihn besuchen kommt."
„Er heißt Pieps", erinnerte Elrond ihn.
„Natürlich", bestätigte Maglor. „Und jetzt geht schon. Je eher ihr mich wieder arbeiten lasst, desto eher kann ich mit euch spielen."
„Machen wir!", verkündeten die Kleinen und waren schon im nächsten Moment wieder davon gewuselt. Wenn Onkel Maglor sagte, er könne eher mit ihnen spielen, wenn sie ihn in Ruhe ließen, dann war das sicher so. Und sie wollten ja so schnell wie möglich mit ihm spielen!
Sie tapsten zurück zu ihrem Zimmer, dessen Tür tagsüber nur angelehnt war, damit sie ungehindert ein- und ausgehen konnten. Ceomon konnte ja nicht Tag und Nacht Wache stehen, um ihnen die Tür aufzumachen, er hatte schließlich noch andere Verpflichtungen und brauchte ebenfalls seine Ruhe. Einer der rangniederen Bediensteten hatte bereits die Fenster geöffnet und die Betten gemacht sowie, zum Leidwesen der Kleinen, mal wieder für Ordnung gesorgt; mit der hatten es die Zwillinge nicht gerade, sie mochten es lieber, wenn ihr Spielzeug kreuz und quer und vor allem griffbereit am Boden lag, das war schließlich um einiges praktischer. Der Vogelkäfig aber stand noch immer im Fensterbrett, mit einem Tuch halb abgedeckt, damit der kleine Vogel nicht in der prallen Sonne saß. Ein kleines Schälchen mit Wasser war auf den Boden des Käfigs gestellt worden, in dem Pieps soeben ausgiebig badete und alles in seiner Umgebung mit Wassertropfen überzog.
Die kleinen Halbelben setzten sich auf ihr Bett, das unter dem Fenster stand, sahen Pieps bei seinem Bad zu und lachten, wenn er sie mit Wasser bespritzte. Der Vogel machte seinem Namen alle Ehre und piepste vergnügt, als würde er auf das antworten, was die Kleinen ihm sagten. Ihm schien es offensichtlich bestens zu gehen. Nachdem sie Fenster und Tür geschlossen hatten, wagten sie es sogar, ihn vorsichtig auf das Fensterbrett zu setzten und ihn es erkunden lassen, darauf achtend, dass er nicht herunter fiel. Er sah sie erst neugierig an, piepste erneut und begann dann umherzuhüpfen und hier und da ein wenig zu picken.
Nachdem so vielleicht eine halbe Stunde vergangen war, betrat schließlich Maglor das Zimmer und verkündete, dass er jetzt Zeit habe für sie. Schnell aber umsichtig setzten die Zwillinge Pieps wieder in sein vorübergehendes Zuhause, versicherte ihm, dass er nicht den ganzen Tag alleine bliebe, und eilten zu Maglor, noch einige Spielsachen im Vorbeigehen aufklaubend.
Sie machten sich einen vergnüglichen Tag im Wald um das Haus, indem die Kleinen fröhlich quietschend um die Bäume jagten und sich am Ende mit Gebrüll auf ihn stürzten. Maglor ließ es zu, dass sie ihm förmlich umwarfen, von allein hätten sie es ja nicht geschafft, und lieferte sich mit ihnen eine wilde Kampelei, freilich darauf achtend, dass sie sich nichts taten. Aber ein wenig Junge durfte man ja auch noch sein.
Ceomon war in der Zwischenzeit so aufmerksam gewesen und hatte ihnen einige Leckereien aus der Küche und etwas zu trinken gebracht. Nachdem sie sich ausgetobt hatten, ließen sie es sich also erst einmal gut gehen und kamen wieder zu Atem. Als die Kleinen allmählich wieder zur Ruhe gekommen waren, was eine kleine Kunst für sich darstellte, so aufgekratzt, wie sie waren, ließ es Maglor ein wenig ruhiger angehen. Er nahm sie bei den Händen und führte sie durch den Wald, nannte ihnen die Namen der Pflanzen und Tiere und erklärte das eine oder andere. Die Kinder hörten ihm mit großen Augen zu und schienen das Wissen regelrecht aufsaugen zu wollen.
Mit einem Male räusperte sich Ceomon vorsichtig, der ihnen bisher mit einigem Abstand gefolgt war, um ein Auge auf die Umgebung werfen zu können. Maglor sah fragend zu ihm, was denn sei, woraufhin der große Noldo in den Wald deutete. Stimmen waren zu hören, von einigen Noldor, wie es schien, die sich mit einem Sinda unterhielten, wenn auch nicht gerade angeregt.
Maglor bedeutete den Kleinen, sich jetzt zurückzunehmen und trat auf die Neuankömmlinge zu. Es waren freilich einige seiner Leute, die einen Sinda in ihrer Mitte hatten, der ganz und gar nicht begeistert wirkte. Anscheinend hatte man ihm weitestgehend im Unklaren gelassen, weshalb er hier war. Wahrscheinlich würde er schon morgen so einige unbequeme Nachrichten erhalten, dachte Maglor leicht säuerlich. Er hatte seinen Leuten doch gesagt, dass sie die Sindar respektvoll behandeln sollten, sie erlaubten ihnen immerhin trotz allem, auf ihrem Gebiet zu siedeln!
„Gwailin!", riefen die Zwillinge erfreut aus.
Der Sinda lächelte ihnen kurz zu, zog aber rasch den Kopf ein, als er Maglor erblickte, der ihm finster entgegen sah, als wolle er sagten, dass er sich jetzt lieber an die Regeln der Noldor hielt, wo er doch ihr Haus betrat. Er beeilte sich, schnell zu Maedhros zu kommen, um das Ganze noch schneller hinter sich zu haben; für die Sindar war Maedhros ein noch ungemütlicherer Geselle, da sie ihn eigentlich nur in nicht gerade fröhlicher Stimmung erlebten.
Elros zupfte Maglor an seinem langen Gewandt. „Du, Onkel?", fragte er, mit großen Augen zu ihm aufsehend. „Dürfen wir zu Onkel Maedhros und mit angucken, was er zu Gwailin sagt?"
Maglor, halb mit den Gedanken bei Gwailin und mit sich ringend, ob dieser Elb wirklich im Haus ein- und ausgehen durfte, brauchte einen kleinen Augenblick, bevor er reagierte. „Oh, ja, dürft ihr", sagte er. „Aber gebt Acht, dass ihr ihn nicht stört und seid leise. Ceomon, bitte begleite sie nach drinnen."
„Natürlich, mein Herr", bestätigte dieser mit einer Verbeugung und wandte sich dann an die Kinder. „Kommt, ihr beiden." Er reichte ihnen die Hände, die sie sogleich ergriffen.
„Bis gleich, Onkel Maglor!", riefen sie noch.
Ceomon führte sie nach drinnen.
„Duhu, Ceomon?", setzte Elros an.
„Warum verbeugen sich immer alle vor Onkel Maglor und Onkel Maedhros und sagen ‚mein Herr' und so?", fuhr Elrond fort.
„Sie sind doch auch bloß Elben wie du, oder?", ergänzte Elros.
Ceomon musste lachen. „Nein, so einfach ist das nicht", sagte er. „Ich bin nur ein Diener Herrn Maglors, so wie Rethtulu Herrn Maedhros folgt. Unseren Herren aber sind wirklich bedeutende Persönlichkeiten, müsst ihr wissen. Große Fürsten und Prinzen der Noldor."
„Boah!", kam es ehrfürchtig von den Kleinen. Vielleicht hatten sie das ja schon einmal gehört, wirklich bewusst gewesen war es ihnen aber nie.
„Also ihr seht, zu euren Onkeln muss man höflich sein", sagte Ceomon. „Deswegen treten ihnen alle so respektvoll entgegen."
„Aber … müssen wir das jetzt auch machen?", fragte Elrond besorgt.
„Onkel Maglor hat nie gesagt, dass wir das machen müssen", fügte Elros kleinlaut an.
„Nein, nein!", sagte Ceomon schnell. „Ihr müsst das nicht, ihr gehört doch zur Familie. Daher wird man euch eher selbst später so anreden, als dass ihr das bei anderen machen müsst."
Die Kleinen schwiegen eine Weile nachdenklich. „Verstehen wir nicht", stellten sie dann trocken fest.
Ceomon musste lachen. „Aber das werdet ihr noch, versprochen. Und nun seid still, da vorn ist das Zimmer des Herrn Maedhros."
Sie sahen gerade, wie Gwailin, der sie noch nicht bemerkt hatte, noch einmal tief durchatmete und dann mit besorgter Miene eintrat. Ceomon hieß den Zwillingen, einen Moment auf dem Flur zu warten, und folgte dem Sinda. Kurz darauf tauchte er wieder auf und winkte den Kindern.
„Herr Maedhros ist damit einverstanden, wenn ihr anwesend seid", sagte er. „Aber seid leise."
Elrond und Elros strahlten. „Machen wir!", verkündeten sie und huschten sogleich in den Raum.
Maedhros saß hinter seinem wuchtigen Eichenholzsekretär, umgeben von Bergen an Unterlagen, und musterte den armen Sinda, der vor ihm stand und sich offensichtlich ganz weit weg wünschte, mit dem finstersten Blick, zu dem er fähig war. Hinter ihm ragte Rethtulu auf, voll gerüstet und mit der Hand an seinem mächtigen Zweihänder.
Als die Kinder eintraten, zogen sie sogleich den Kopf ein. Der Raum war mit seinem dunklen, wuchtigen Mobiliar so schon beängstigend genug für sie, nun, da aber eine offensichtlich feindselige Stimmung vorherrschte, wären sie beinahe wieder umgekehrt. Auch ohne Ceomons Ermahnung, leise zu sein, hätten sie es nicht gewagt, auch nur einen Mucks von sich zu geben. Rasch setzten sie sich auf zwei Stühle und warteten, was nun geschehen mochte.
Maedhros begnügte sich noch eine ganze Weile damit, Gwailin von oben bis unten genauestens zu mustern. Der Elb schrumpfte vor aller Augen sichtlich. Unsicher huschte sein Blick durch den Raum, wurde aber immer wieder wie magisch von Maedhros' verstümmelten Arm angezogen. Rethtulu räusperte sich warnend. Hastig senkte Gwailin den Blick und starrte seine Stiefelspitzen an. Unsicher trat er von einem Fuß auf den anderen.
„Gwailin, so heißt du doch", begann Maedhros schließlich.
„J-ja, mein Herr", nuschelte Gwailin.
„Ich werde dich nicht auffressen, falls du das gerade denkst", rügte ihn Maedhros. „Also spricht lauter."
„Verzeiht, mein Herr", beeilte sich Gwailin zu beteuern.
„Du behauptest also von dir, dich in der Heilkunde auszukennen", fuhr Maedhros fort.
„So ist es, mein Herr", bestätigte Gwailin. „Zumindest habe ich ein wenig Wissen um die Kräuter des Waldes. Ich würde von mir selbst allerdings nicht zwingend von einem Heilkundigen sprechen."
„Was trieb dich dann aber dazu, zu glauben, du könntest Elrond helfen, wo es doch schon mein eigener Heilkundiger tat?", verlangte Maedhros zu wissen. „Oder zunächst: Warum treibst du dich überhaupt in der Nähe meines Hauses herum? Das gegenseitige Abkommen war doch von beidseitiger Toleranz geprägt, nicht aber von unangekündigten Hausbesuchen."
Gwailin rang sichtlich nach den richtigen Worten. „Die Zwillinge … nun, sie … ich meine, sie sind Earendils und Elwings Söhne", sagte er vorsichtig. „Viele von uns, die nach Doriath nicht nach Arvernien sondern Ossiriand gezogen waren, sehen Elwing noch immer als ihre Herrin an, auch wenn sie nun weit von uns im Westen verweilt. Mein bescheidenes Baumhaus ist nicht weit von hier im Wald. Ich will nicht sagen, ich hätte mir Sorgen um die Kinder meiner Herrin gemacht; ich glaube, vielleicht sind sie hier doch gut aufgehoben, diesen Eindruck machen sie auf mich. Aber schließlich trieb es mich nun doch dazu, wenigstens einmal einen Blick auf sie zu werfen."
So viele Fragen, die den Kleinen in diesen Augenblicken durch den Kopf gingen! Sie wussten gar nicht, welche sie zuerst gestellt hätten, selbst wenn sie den Mut aufgebracht hätten, den Mund aufzumachen. Etwas war da in der Welt, das sie nicht begriffen, und sie doch so maßgeblich zu beeinflussen schien.
Maedhros schwieg eine Weile und rieb sich den Armstumpf, wie immer, wenn er über etwas nachdachte, was ihm nicht ganz behagte. Schließlich nahm er Gwailins Worte erst einmal so hin, wie sie waren. „Und meine andere Frage", forderte er ihn auf weiterzusprechen.
„Ich sah die Kinder im Wald spielen", fuhr Gwailin fort. „Da beschloss ich, nun doch mit ihnen zu reden. Ich meine, kleinen unschuldigen Kindern eine Freude zu machen, egal welcher Herkunft sie sein mögen, indem man ein wenig mit ihnen spielt oder ihnen Dinge wie Blumenketten zeigt, daran finde ich absolut nichts Verwerfliches. Oder?" Unsicher und auf Bestätigung hoffend sah er zu Maedhros auf. Dieser aber zeigte keinerlei Regung. Gwailins Unsicherheit nahm zu, man konnte es aus seiner Stimme hören: „Ich bemerkte, dass etwas Elrond Unbehagen bereitete. Also fragte ich ihn, ob er wolle, dass ich mir das einmal ansehe. Es war die Entscheidung des Jungen, nicht meine, denn er sagte, ja. Es waren nur ein paar einfache Waldkräuter, daher hatte es mich verwundert, dass er sie nicht schon vorher bekommen hatte."
„Dir steht es nicht zu, Kritik an meinen Leuten zu äußern", knurrte Maedhros missmutig.
„Verzeiht, mein Herr." Gwailin verhaspelte sich beinahe vor Nervosität. „Das stand nicht in meiner Absicht …"
„Wenn du das sagst …", brummte Maedhros wenig überzeugt und stellte seine nächste Frage: „Woher hast du dein Wissen?"
„Aus dem Wald", war Gwailins Aussage. „Ich lebe ein wenig abseits der nächsten Siedlung meiner Leute, daher ist es für mich von Vorteil, mich mit dem meisten selbst versorgen zu können, was ich benötige. Ich habe mir das meiste selbst beigebracht, was ich über Heilkunde weiß."
„Und was beinhaltet dein Wissen?", verlangte Maedhros zu wissen.
„Ich kannte einige Haladin aus Thargelion, da ich eine Weile an der Grenze zu diesem Land gelebt hatte", sagte Gwailin. „Daher kann ich die meisten der menschlichen Krankheiten heilen. Ich hörte, auch Halbelben seien in einem gewissen Grade dafür anfällig."
Vor Maedhros' Gesicht zogen sichtlich finstere Gewitterwolken. Diese Bemerkung war offensichtlich beeinflussend gestellt worden.
„Verzeiht, mein Herr", murmelte Gwailin. Vorsichtshalber fuhr er etwas nüchterner mit seinen Ausführungen fort: „Ich kann einfache Verletzungen kurieren sowie nicht allzu komplizierte Brüche und ähnliches. Allerdings tauge ich wohl nicht als Heiler von Kampfverletzungen aus Schlachten, das übersteigt zumeist meine Fähigkeiten. Zumindest für den Alltag reicht es allerdings aus."
Maedhros lehnte sich in seinem großen Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Wieder einmal musterte er den Sinda von oben bis unten. Schließlich schien er sein Urteil gefällt zu haben.
„Elrond, Elros, verlasst bitte den Raum, es ist nicht alles für eure Ohren bestimmt", sagte er zu den Kindern.
Diese nickten artig und tapsten zur Tür. Ihnen lag der Protest zwar schon auf der Zunge, aber ihr Onkel hatte wieder einmal diesen strengen Ton angeschlagen, der absolut keinen Widerspruch duldete. Ach, zu gerne hätten sie gewusst, was Onkel Maedhros wohl sagen würde! Ob Gwailin bleiben durfte?
Als die Kinder die Tür hinter sich geschlossen hatten, fuhr Maedhros fort: „Ich mag dich nicht, und das sage ich offen, denn es nützt wohl keinem von uns, wenn wir uns etwas vormachen. Ich habe dir nur gestattet, dieses Haus zu betreten, weil die Kleinen es unbedingt wünschten. Der Widerwillen meines Bruders hiergegen war sogar noch stärker als meiner. Und ich will meinen, seine Einwände haben durchaus ihre Berechtigung."
Besorgt sah Gwailin zu ihm auf. Ihm schlug das Herz bis zum Hals, denn er wähnte sich durchaus in – vielleicht nicht wirklich ungerechtfertigter – Gefahr. Er rang die Hände. „Welche … Einwände, mein Herr?", fragte er leise.
„Wir Feanorer haben verlernt, leichtfertig Vertrauen zu fassen zu anderen als von unserem eigenen Blut", sagte Maedhros offen. „Ja, wir trauen dir nicht, zumindest nicht in der Hinsicht, dass du nicht versuchen wirst, einen Keil zwischen uns und die Zwillinge zu treiben. Selbst einige unserer eigenen Gefolgsleute haben das bereits versucht. Einer von ihnen befindet sich derzeit in Verbannung."
Gwailin nickte nur schwach, um nichts Falsches zu sagen. Er hatte sich schon gedacht, dass es sich nicht unbedingt nur auf den Arzt beschränkte.
„Hör zu, ich befinde mich in einer Lage, die mir nicht gefällt", fuhr Maedhros fort. „Ich sah mich gezwungen, Felaroth, den momentan einzigen Arzt in diesem Haus, zu verbannen, denn er hatte Elros Dinge über meinen Bruder und mich erzählt, für die der Junge noch nicht reif genug ist. Die Zwillinge benötigen allerdings in der Tat jemanden, der ihre Krankheiten kurieren kann, für die sie anfälliger sind als unsereins. Praktischer Weise botest du dich unmittelbar darauf dafür an. Außerdem scheinen die Zwillinge dich ja durchaus zu mögen. Gäbe es nur nicht das Problem, dass ich dir noch nicht trauen kann."
Gwailin brauchte einen kleinen Augenblick, bis er bemerkte, dass er nun Maedhros beweisen sollte, dass er seines Vertrauens würdig ist. „Herr, ich würde niemals wagen, den Söhnen der Herrin Elwing Schaden zuzufügen, und sei es, sie von Euch zu entfernen. Denn ich bemerkte durchaus, dass ihnen sehr viel an Euch und Eurem Bruder liegt."
„Außerdem hast du Angst vor mir." Es war keine Frage von Maedhros, sondern eine Feststellung.
Gwailin wagte nicht, dies auch nur durch ein Nicken zu bestätigen, obgleich dem so war.
„Und du tust gut daran", sagte Maedhros. „Wer grundlos keine Furcht vor jemandem wie mir empfindet, ist ein Tor. Dir liegt offensichtlich etwas an den Zwillingen. Ich will nicht, dass du dauerhaft hier Quartier beziehst. Das willst du wahrscheinlich selbst nicht. Aber ich biete dir an, zumindest für die Kleinen der neue Heiler im Haus zu sein. Wenn man dich benötigt oder die Kleinen es wünschen, werde ich nach dir schicken lassen. Ich verlange von dir nur eines: Wenn du auch nur ansatzweise eine Andeutung über die Sippenmorde vor den Kleinen machst, kann ich mich durchaus ungeachtet der Konsequenzen vergessen. Und sei gewarnt, sie haben ein Talent dafür, genau die Dinge zu hinterfragen, über die sie nicht nichts wissen sollen."
„Herr, ich danke Euch." Gwailin verbeugte sich tief vor Maedhros. „Es ist sehr großzügig von Euch, mir dieses Angebot zum beiderseitigen Vorteil zu unterbreiten."
„Erinnere dich nur immer an meine Worte, und es wird tatsächlich zum beiderseitigen Vorteil gereicht sein. Und nun geh deiner Wege."
Gwailin verbeugte sich erneut.
Doch kurz bevor er die Tür erreicht hatte, hielt ihn Maedhros noch einmal auf. „Dass wir jetzt in diesem Dienstverhältnis zueinander stehen, heißt jedoch nicht, dass du hier ein- und ausgehen kannst, wie du willst", sagte er. „Deine Leute haben uns dieses Land zugewiesen, jetzt gehört es uns. Und ich wünschte, dass dem auch so bleibt. Wenn du nicht gerufen wirst, hast du dich von hier fern zu halten."
Gwailin verbeugte sich noch tiefer. „Ich habe verstanden, mein Herr", beteuerte er.
Mit einer unwirschen Handbewegung scheuchte Maedhros ihn fort.
Nachdem die Kleinen mit Ceomon im Haus verschwunden waren, überlegte Maglor, was er nun machen könnte. Welche Arbeiten standen noch aus? Spontan fiel ihm nichts ein, was er nicht schon an diesem Tag erledigt hätte. Seinen Bruder wollte er jetzt auch nicht stören und ihm bitten, den Berg Papier, der garantiert auf seinem Schreibtisch lag, mit ihm zu teilen. Demnach blieb ihm mal wieder ein wenig Zeit für sich. Er beschloss, die Melodie, die ihm seit einigen Tagen durch den Kopf ging, zu Papier zu bringen.
Also begab er sich nach drinnen in seine Gemächer. Dort griff er zu seiner Harfe und suchte sich einige leere Notenblätter, Tinte und eine Schreibfeder zusammen. So bewaffnet ging er wieder nach draußen; an der frischen Luft konnte er wesentlich besser denken, befand er.
Er ließ sich im Schatten eines großen Baumes nieder, schloss die Augen und konzentrierte sich auf seine Umgebung, auf die frische würzige Waldluft, das Wispern des Windes in den Blättern, sein leises Streichen durch das Gras, die fernen Geräusche der Waldtiere, das fröhliche Singen der Vögel.
Wie von selbst fanden seine Finger den Weg an die Harfensaiten und entlockten ihnen die wundersamsten Melodien.
Plötzlich hörte er nicht weit von sich entfernt einen Ast brechen, gefolgt von einem spitzen Schrei und einem dumpfen Aufprall. Er fuhr zusammen und verfluchte denjenigen, der da vom Baum gefallen war – wer auch immer es sein mochte. Dennoch legte er die Harfe zur Seite und beschloss nachzusehen, ob auch niemand verletzt war. Was er vorfand, war eine junge Frau, eine Elbin, die mit zerzaustem Haar in einem Gebüsch gelandet war. Etwas belämmert sah sie zu ihm auf.
„Nanu, wen haben wir denn da?", wunderte er sich. „Seit wann fallen Grünelben von Bäumen?" Denn um eine Sinda handelte es sich bei ihr offensichtlich. Er reichte ihr die Hand und half ihr auf. Etwas verlegten strich sie ihr Kleid glatt und fischte einige Blätter und Äste aus ihrem Haar.
„T-tut mir leid, Herr", stammelte sie. „Ich war im Wald spazieren, und da hörte ich Eure Musik. Sie war so wunderschön. Ich wollte nur ein wenig zuhören und Euch nicht stören."
Noch eine Sinda also, die zu einem unerlaubten Hausbesuch bei den Noldor vorbei sah. Allerdings war ihr Maglor schon allein deswegen nicht so böse wie dem anderen Elb, da sie um seiner Musik willen gekommen war. Er lächelte versöhnlich.
„Ist dir etwas passiert?", erkundigte er sich.
„Nein, Herr, danke der Nachfrage." Sie sah zu ihm auf, lächelte und wurde puderrot. „Ihr seid Herr Maglor, oder?", fragte sie, offensichtlich schon etwas mutiger als noch vor wenigen Augenblicken.
„Ich hab Euch an Eurer Musik erkannt", fuhr sie fort, anscheinend einfach das plappernd, was ihr gerade in den Sinn kam. „Niemand macht mehr dieser Lande solch schöne Musik."
„Danke", sagte er bloß unbestimmt. Er wollte sie nicht einfach so davon scheuchen, ein wenig Taktgefühl hatte er ja immerhin, aber eigentlich zog es ihn mehr und mehr zurück zu seiner Harfe.
„Darf … darf ich euch um etwas bitten, Herr?", nuschelte sie.
Maglor seufzte innerlich. Langsam wurde sie lästig. „Was soll ich dir denn spielen?"
„Oh, nein, das meine ich nicht", beeilte sich die Elbin zu sagen. „Ich suche eine Anstellung, und wenn ich schon einmal hier bin … Ich kann gut kochen."
Das warf Maglor ein wenig aus dem Konzept. „Ach so? Nun, du müsstest deswegen bei unserem Küchenmeister vorsprechen, ob er noch eine Hilfskraft benötigt. Eigentlich brauchen wir keine weiteren Diener im Hause, aber vielleicht lässt sich etwas finden." Solange sie nur nichts mit den Kleinen zu tun bekam, war es ihm eigentlich recht egal, ob Sindar im Haus waren oder nicht.
„Danke, mein Herr!" Sie knickste ein wenig unbeholfen. Erwartungsvoll sah sie zu ihm auf.
„Ich denke, du wolltest beim Küchenmeister vorsprechen. Ist noch etwas?", fragte er, als sie nicht gehen wollte.
„Oh, nein, nichts weiter", meinte sie, machte sich aber nur zögernd auf den Weg.
In dem Moment sah Maglor, wie Gwailin vom Haus zurückkehrte. Er sah sie, machte ein erschrockenes Gesicht und eilte auf die Elbin zu. „Imariel, kleine Schwester, lass den Herrn Maglor in Ruhe!", rief er.
Ach, Geschwister waren sie also. Wollte er da Imariel wirklich noch im Haus haben? Nicht wirklich, befand Maglor.
„Es tut mir sehr leid, Herr Maglor, wenn sie euch belästigt hat", beteuerte Gwailin, als er bei ihnen angekommen war.
Maglor sagte nichts, sah ihn nur finster an. Wie Maedhros wohl entschieden hatte?
Gwailin nahm seine Schwester am Arm. „Ich hab doch gesagt, du sollst dir keine Sorgen machen und daheim bleiben", zischte er ihr zu.
„Aber ich mag ihn, er ist nett", bemerkte Imariel locker. „Er will mir hier eine Arbeit geben."
Nun seufzte Maglor nicht nur innerlich.
Gwailin warf ihm einen entschuldigenden Blick zu und zerrte seine Schwester fort. Maglor hörte gerade noch, wie er zu ihr sagte: „Lass das bleiben. Es reicht, wenn ich hier involviert bin."
Dann hatte Maedhros ihn also angenommen.
Imariel sah noch einmal zurück, lächelte und klimperte mit den Augen.
