Als Sam erwachte, war es schon später Vormittag. Ein wenig verwundert setzte er sich auf und strich seine langen Haare aus dem Gesicht, bevor er feststellte, daß er alleine im Gästezimmer war. Der Himmel draußen war dreckig grau und es schneite noch immer dicke weisse Flocken. Sein Ausflug heute würde ohne Winterstiefel wohl sehr unangenehm werden. Sam dachte an sein einziges Paar Schuhe - einfache Sneaker, nicht unbedingt für diese Witterung geeignet - und überlegte, ob Deans Bikerboots wohl passender wären. Allerdings waren die ihm um mindestens 2 Nummern zu klein und Dean alleine rauszuschicken machte auch wenig Sinn, wenn Sam den gesuchten Ort nicht einmal richtig beschreiben konnte.

Vorsichtig stieg Sam die Treppe hinab. Sein Knöchel fühlte sich zwar bei jeder Bewegung ungewohnt an, allerdings war das mehr der dicke Verband als die Verletzung an sich - Schmerzen spürte er überhaupt keine mehr. Er testete seinen Fuß weiter bei jeder Stufe und als er die Stiege hinter sich gelassen hatte, war der jüngere Winchester zu dem Schluss gekommen, dass seine Verstauchung so gut wie geheilt war und einem Spaziergang draussen im Schnee zumindest von dieser Seite her kein Hindernis mehr im Weg stand. Sam brauchte Dean gar nicht zu suchen, er folgte einfach dem Husten ins Wohnzimmer und entdeckte dort seinen Bruder, mit einer dicken Wolldecke gut zugedeckt, auf der Couch liegen. Aus den Lautsprechern drang eine Musik ala Metalica meets Classic und Hope kam eben mit einem Tablett voller Essen aus der Küche. "Morgen Sam. Gut geschlafen?" fragte sie leise, wie um Dean nicht zu wecken. Der jüngere Jäger betrachtete seinen Bruder genauer, während er in selber Lautstärke antwortete: "Ja, ich glaube, du musst mir dann mehr über diese Kräutermischung erzählen." Der ältere Winchester schlief tatsächlich. Sein Atem rasselte ein wenig und Sam hatte das Gefühl, als wäre sein Bruder die ganze Nacht wach gewesen und erst vor kurzem eingeschlafen. Die dunklen Augenringe verstärkten diesen Eindruck noch. Als hätte sie seine Gedanken gelesen, sagte Hope, während sie ihm eine Hand auf die Schulter legte: "Er hatte Angst, dich mit seinem Husten zu wecken. Ich hab dir Frühstück hergerichtet. Iss etwas, ich komm gleich wieder, dann verfrachten wir ihn ins Bett."

Während Sam sich über die Essensansammlung am Tisch her machte, überdachte er ihre nächsten Schritte. Dean hatte es offensichtlich ziemlich erwischt und der jüngere Winchester verspürte keine Lust, sich allzu bald mit seinem kranken Bruder wieder ins Auto zu pferchen. Dieser Job schien nicht allzu zeitkritisch zu sein und Dean konnte ihm bei der Suche nach dem Ort in seiner Vision sowieso nicht helfen. Sam würde seinen Spaziergang alleine machen, solange Dean schlief.

Der jüngere Winchester war gerade beim gebratenen Speck angelangt (nicht dass er sowas normalerweise als Frühstück auch nur in Erwägung ziehen würde, aber heute war er wirklich hungrig), als Hope wieder auftauchte. Sam unterbrach seine Mahlzeit ein wenig widerwillig und ging vor seinem Bruder in die Knie. Er brauchte eine Weile, um ihn zu wecken und fragte sich, was Hope dem älteren Winchester für Medikamente verpasst hatte, denn er wirkte leicht weggetreten, als Sam sich seinen Arm um die Schultern legte und seinen Bruder so die Treppe hinauf ins Gästezimmer bugsierte. Dean beschwerte sich kein einziges Mal, dennoch hatte der jüngere Winchster das Gefühl, daß er ihm trotz aller Vorsicht Schmerzen zufügte. Auch dass sich der ältere Jäger im Bett nicht sofort auf den Bauch drehte, sondern am Rücken liegen blieb (Dean schief nie am Rücken. Niemals. Außer er hatte gebrochene Rippen oder eine ähnliche Verletzung), passte zu Sams Verdacht. Er deckte seinen Bruder sorgfältig zu und ging zu Fenster, wo er die Vorhänge vor zog.

Den restlichen Vormittag verbrachte Sam draußen im Schnee. Hope hatte von ihrgendwo her ein Paar Winterstiefel in der richtigen Größe und eine dicke Daunenjacke gezaubert, sodaß er gut ausgerüstet seinen Spazierang unternehmen konnte. Die ganze Welt schien von einer dicken, weichen Schneeschicht bedeckt. Wo am Horizont der graue Himmel mit dem gefallenen Schnee verschmolz, war nicht genau zu sagen. Bis auf seine gedämpften Schritte im Schnee, waren keine Geräusche zu hören. Schnee. Schnee. Schnee. Wohin das Auge blickte, alles schien nur mehr aus dieser Substanz zu bestehen. Schnee. Schnee. Schnee. Wie in seiner Vision. Aber... da war noch etwas gewesen. Bäume... viele Bäume... aber kein richtiger Wald. Sam kniff die Augen zusammen und ließ seinen Blick schweifen. Es gab hier immer wieder Windschutzgürtel aus Bäumen. Der jüngere Winchster nickte nachdenklich. Ja, soetwas hatte er gesehen. Aber da war noch etwas gewesen. Außer Bäumen. Er stapfte grübelnd weiter durch den Schnee, aber die Erinnerung wollte nicht an die Oberfläche kommen. Oberfläche... Wasser... Eine Wasserfläche! Ein See oder Ähnliches! Sam blickte sich erneut um, aber rings herum war alles in den gleichen Weiß und Grauschattierungen gefärbt. Wie sollte er hier einen See erkennen können? Er zog seinen linken Handschuh ein wenig herunter und warf einen Blick auf die Uhr, während sofort die Kälte sein Handgelenk umklammerte. Es war schon früher Nachmittag. Zeit umzukehren. Er hatte zwar ncht unbedingt einen geraden Weg hier her genommen, aber Sam war zuversichtig, ohne Probleme wieder zurück finden zu können.

Hope warf zum unzähligsten Mal innerhalb der letzten Stunde einen Blick auf die Uhr. Sie hoffte, Sam war nichts passiert. Er hatte zwar gesagt, daß er eventuell länger fort sein würde, aber so lange? Hier, innerhalb ihres Hausen und auch noch innerhalb des Gartens, konnte sie garantieren, daß ihm nichts Böses widerfahren konnte. Auch weiter draußen, innerhalb der Grenzen ihres Grundes, war sie ziemlich sicher, daß ihm Nichts etwas anhaben konnte, aber Sam war schon lange genug weg, um die schon vor Stunden hinter sich gelassen zu haben. Wo blieb der Junge nur? Zum Glück schlief wenigstens Dean mehr oder weniger friedlich. Das hätte ihr gerade noch gefehlt, wenn auch er nervös durchs Haus geistern würde. Eine Person, die das tat, reichte voll auf. Dann spürte sie etwas und warf einen Blick hinaus zum Fenster. Es war schwer, in dem dichten Schneegestöber auch nur irgendetwas zu erkennen, aber Hope war sich sicher, Sam zu sehen. Sie drehte die Mikrowelle auf und wartete auf den jüngeren Winchster, neugierig ob er den Ort seiner Vision gefunden hatte.

Nach dem Essen setzte sich Sam mit Hope ins Wohnzimmer. Er brauchte gar keine mentalen Kräfte, um herauszufinden, daß sie neugierig war. Also berichtete er von seinem Spaziergang und von den Bruchstücken, an die er sich wieder erinnerte – und von dem See. "Ja, es gibt hier einen See", sagte Hope nachdenklich nickend. "Er ist etwas mehr als 3 Kilometer vom Haus entfernt. Im Sommer fahre ich dort manchmal mit dem Fahrrad zum Baden hin. Aber bei dem Wetter ist das wohl ein Tagesausflug. Zumal die Straße total zugeschneit ist. Während du weg warst, habe ich in Jordan angerufen. Wir sind eingeschneit, bis das Wetter wieder besser wird." Sam gefiel der Gedanke gar nicht. Ihm war zwar aufgefallen, daß der Impala nicht mehr draußen auf der Straße stand, sondern hinterm Haus unter dem Dach, aber die Vorstellung hier fest zu sitzen, behagte ihm nicht wirklich. Als hätte sie seine Gedanken gelesen, versuchte ihn Hope zu beruhigen: "Das ist nicht das erste Mal. Ich habe genug Vorräte und auch Medikamente. Ich habe einen Haufen DVDs und falls dir das nicht reicht, gibt es auch Internetzugang." Sam sah sie erstaunt an. "Cool, kannst du mir die Zugangsdaten geben? Dann könnte ich vielleicht ein paar Nachforschungen vornehmen."

Als Dean aufwachte, wußte er nicht genau, was ihn geweckt hatte. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, daß es schon später Nachmittag war. Er konnte sich gar nicht erinnern, wann und wie er in sein Bett gekommen war. Der ältere Winchester setzte sich vorsichtig auf und versuchte, den Schlaf aus seinen Augen zu reiben. Sams Bett war leer und vom Gang drang leise Musik ins Zimmer. Dean verzog das Gesicht vor Schmerzen. a-ha . Er fühlte, wie sich seine Gedärme in Knoten legten und konnte nicht anders als leise stöhnen. Das war doch wirklich lächerlich. Er behauptete zwar immer, daß ihm diese Musik körperliche Schmerzen und Übelkeit verursachte, aber bisher war das nur Gerede gewesen. Er schlang die Arme um seinen Leib und hoffte, daß das Gefühl wieder verging, aber als das nicht der Fall war und ihm ein erneutes Rumoren in seinem Bauch ein weiteres Stöhnen abrang, wußte Dean, daß er möglichst rasch das Badezimmer aufsuchen sollte. Somit sah er die zufrieden grinsende Gestalt nicht, die sich manifestierte, als er den Raum so rasch es ging verlies. Es war eine junge Frau mit etwa kinnlangen dunklen Haaren, in denen eine schwarze Rose steckte. Sie trug einen schwarzen Ballonrock aus einem Satin-ähnlichen Stoff, eine Netzstrumpfhose, Stifletten und einen Oberteil aus schwarzer Spitze. Die junge Frau wartete noch einige Sekunden, um sicher zu gehen, daß Dean tatsächlich weg war, und machte sich dann daran, den Inhalt seiner Sporttasche zu erkunden.

Als Dean wieder zurück in den Raum kam, sah er weder die Gestalt, die sich hektisch in Luft auflöste, noch bemerkte er die Unordnung in seinen Sachen. Er setzte sich, deutlich blasser als zuvor, wieder auf sein Bett und lehnte den Rücken an das Kopfende. Der ältere Winchster kannte alle Anzeichen einer Lebensmittelvergiftung. Er hatte sich schon öfters mit diesem unschönen Nebeneffekt ihres Lebensstils herumschlagen müssen. Aber bisher gab es zumindest immer einen Verdacht, wo er sich den Magen verdorben hatte. Dieses Mal hingegen... Ihm taten vom Kotzen noch seine gebrochenen Rippen weh und Dean hatte wirklich keine Lust auf einen weiteren Durchgang, aber schon nach wenigen Minuten war das Rumoren in seinem Inneren zurück und er sah sich gezwungen, seinen Ausflug zu wiederholen. Als die junge Frau dieses Mal erschien, war ihr Gesichtsausdruck ein wenig genervt. Sie war es nicht gewohnt, daß Menschen ihren Kräften so viel Entgegen zu setzen hatten. Normalerweise hätte der Kerl die nächste halbe Stunde die Kloschüssel von innen Betrachten müssen. Sie war mit dem Notizbuch am Nachtkästchen noch nicht mal ansatzweise fertig, als sie am Gang schon wieder Geräusche hörte und mit einem verärgerten Augenrollen erneut verschwinden musste. So würde es Ewigkeiten dauern herauszufinden, ob die zwei Typen ihr helfen konnten oder nicht.

Als Sam zum dritten Mal innerhalb der letzten halben Stunde die Spülung der Toilette im ersten Stock hörte, wußte er, daß irgendetwas nicht stimmte. Er klappte sein Notebook zu und stand auf, um nach seinem Bruder zu sehen. Es hatte gar keinen Sinn, Hope daran zu hindern ihm zu folgen. Auch wenn es Dean sicherlich nicht recht war, daß ihn irgendjemand – schon gar kein Fremder – sah, wenn es ihm dreckig ging, Hope war Ärztin und konnte vielleicht helfen. Als Sam das Gästezimmer betrat, setze sich sein älterer Bruder gerade wieder aufs Bett. Er war sehr blaß und auf seiner Stirn glitzerten Schweißperlen. Der Veilchen und Rosen Duft, Deans ständiger Begleiter seit seiner gestrigen Dusche, überdeckte den Geruch nach Erbrochenem nicht zur Gänze. Der jüngere Winchster wollte gerade zu seinem Bruder gehen, als ihn Hopes Hand zurück hielt und er ihre Stimme in befehlendem Tonfall hinter sich erklingen hörte: "Das sind meine Gäste. Wenn du hier in meinem Haus bleiben möchtest, verlange ich von dir, daß du sie mit gebürendem Respekt behandelt und dich uns jetzt zeigst." In der am weitesten entfernten Ecke, nahe des Fensters schimmerte die Luft kurz, dann nahm der Geist aus Sams Vision Gestalt an. Die junge Frau machte einen teils verärgerten, teils eingeschüchterten Eindruck und Sam hatte beinahe das Gefühl, daß sie Angst vor Hope hatte. Allerdings wurde die Aufmerksamkeit des jünsten Winchesters abgelenkt, als sich sein Bruder erneut übergeben musste und es dieses Mal nicht einmal mehr aus dem Bett heraus schaffte. Auch wenn Deans Magen inzwischen leer war und nur mehr ein wenig gelb-grünliche Gallfüssigkeit aus seinem Mund auf die Laken tropfte, sah es so aus, als würde er große Schmerzen haben. Sam wollte einfach nur zu seinem, Bruder und ihm beistehen, irgendwie helfen. Aber Hope hielt ihn mit eisernem Griff zurück. "Laß ihn auf der Stelle in Ruhe, sonst bist du hier nicht mehr willkommen!" Die Worte ihrer Gastgeberin waren nicht allzu laut, der Geist taumelte aber einen Schritt zurück, als hätte er eine Ohrfeige bekommen und tatsächlich schien es Dean wieder etwas besser zu gehen. Er hörte auf zu Würgen und lehnte den Kopf mit geschlossenen Augen gegen die Wand. Endlich ließ auch Hope Sam los und der jüngere Winchester konnte zu seinem Bruder. Er hörte zwar, wie Hope den Geist aufforderte, ihr zu folgen, verspürte aber selbst keine Lust, sich jetzt mit der Erscheinung auseinander zu setzen.

Sam ging neben seinem älteren Bruder in die Knie und sagte leise: "Hey, wie geht es dir?" Natürlich war das eine blöde Frage, aber er wollte Dean behaupten hören, daß alles in Ordnung war. Er war so blaß und hatte offensichtlich noch immer Schmerzen, da sein Atem ruckartig und sehr gepreßt kam. Sam mußte sich einfach davon überzeugen, daß es seinem Bruder langsam wieder besser ging.

"Nicht so berauschend, Sammy..." antwortete Dean mit heiserer Stimme ohne die Augen zu öffnen.

"Meinst du, dir wird nochmals schlecht?" Sam blickte sich suchend im Raum um, fand aber keinen Plastikmistkübel oder ähnliches.

Der ältere Winchester atmete einmal vorsichtig tief durch und murmelte dann als Antwort: "Nah... ich glaub, das war's..."

"Ok, ich bin gleich wieder da. Bleib einfach so sitzen, ok?"

Sam verlies rasch den Raum um aus dem Badezimmer einen feuchten Waschlappen zu holen. Der Geruch dort reichte, um auch in ihm eine leichte Übelkeit hervorzurufen. Der jüngere Winchester fragte sich, wie lange der verdammte Geist seinen Bruder schon gequält hatte und nahm sich vor, den Rest des Tages die Toliette im Erdgeschoss zu benutzen. Als Sam wieder ins Gästezimmer zurück kam, versuchte Dean gerade mit mäßigem Erfolg, sein Shirt auszuziehen, des eben so wie seine Hose einige Spritzer abbekommen hatte. Der jüngere Winchester half seinem Bruder beim Umziehen, während der schon wieder genug Kraft gesammelt hatte, um sich murrend zu beschweren: "Ein Geist, der nur friedlich mit uns reden will... Pah, von wegen. Da sind mir die 'normalen', Geister lieber, als diese Schlampe. Bei denen weiß ich von Anfang an, woran ich bin. Sie wollen mit umbringen, ich will sie umbringen, alles ist in bester Ordnung."


Ja, ich geb's zu. Der Geist ist Thelma von Hex. Keine Ahnung, was sie hier macht, aber irgendwie habe ich das Gefühl, sie mag Dean nicht sonderlich...