Die nächsten beiden Tage vergingen wie im Traum. Ich schien auf Wolken zu schweben. Meine Gedanken waren bei Richard, so nannte ich ihn heimlich. Colonel Fitzwilliam. Wie alt er wohl sein mochte? Wahrscheinlich in Darcys Alter, vermutete ich, vielleicht sogar etwas älter. Hach, ich konnte nicht erwarten, ihn wiederzusehen. Dieses Lächeln, diese Augen… war ich etwa verliebt?
Die zwei Tage schienen kaum vergehen zu wollen, aber endlich war es soweit und wir fuhren vor dem Stadthaus der Darcys vor. Ein sehr, sehr elegantes Anwesen. Außer uns waren nur noch die Bingleys, Jane und die unvermeidliche Miss Everton eingeladen. Ich grinste innerlich. Es würde lustig sein, sie und Caroline zu beobachten, wie sie sich um Fitzwilliam Darcys Gunst stritten! Ich vermutete, Caroline würden in jedem Fall den kürzeren ziehen, da wie gesagt Miss Everton praktisch schon als seine Verlobte galt.
Die Ärmste! Im Theater hatte er nicht unbedingt den Eindruck gemacht, sich besonders viel aus Miss Everton zu machen, sie mußte ihm regelrecht nachrennen, als sie in ihre Loge zurückkehrten. Und die Art und Weise, wie er nach der Pause zu uns herübergestarrt hatte! Wieso bloß – er war sowohl zu Caroline als auch zu mir nicht besonders freundlich gewesen. Obwohl… mich hatte er immerhin einmal sogar angelächelt. Und ich habe ihn bisher selten lächeln sehen! Jane hatte mir erzählt, daß er Caroline nicht sonderlich mochte, weil sie ihn unbedingt einfangen wollte. Egal, ich versprach mir einen amüsanten Abend.
Anfangs wurde ich auch nicht enttäuscht. Caroline suchte sofort Darcys Nähe. Pech für sie, daß Emily schon da war und ihn in Beschlag genommen hatte. Als ich die drei so heimlich beobachtete hatte ich den Eindruck, daß er weder die eine, noch die andere Dame besonders gerne um sich haben wollte. Kurz darauf entschuldigte er sich auch schon und verwickelte meinen Onkel in ein Gespräch übers Angeln. Die Veränderung in seinem Verhalten, nachdem er beide Ladies losgeworden war, war beeindruckend, seine Erleichterung offensichtlich.
Ich nutzte die Zeit vor dem Essen, um mich ausführlich mit Georgie zu unterhalten. Wir hatten uns so viel zu erzählen! Natürlich in erster Linie von unseren gemeinsamen Abenteuern in Hertfordshire – sieben Jahre sollte das schon her sein! Kaum zu glauben! Und es wurde richtig lustig. Wir lachten so laut, daß wir schließlich Richards Aufmerksamkeit erregten und er zu uns herüberkam.
Ich wurde unglaublich rot, als er sich uns lächelnd näherte und wissen wollte, worüber wir uns denn so amüsierten.
„Oh, wir tauschen bloß Kindheitserinnerungen aus," murmelte ich verlegen.
„Wir haben als Kinder zwei wundervolle Sommer in Hertfordshire verbracht, Cousin," erklärte Georgie. „Sieben Jahre ist das schon her, stell dir vor! Solange haben wir uns nicht mehr gesehen."
Colonel Fitzwilliam sah mich an. Sein intensiver Blick aus diesen unglaublichen blauen Augen ging mir durch Mark und Bein. Er lächelte spitzbübisch.
„Sind sie etwa die wilde, ungezähmte Miss Elizabeth, von der Darcy so oft erzählt hat?" Ich wurde noch roter als vorher und blickte unbehaglich drein. Richard lachte gutmütig.
„Er hat ihnen die Narbe am Kinn zu verdanken," flüsterte er. „Aber sie brauchen ihn nicht zu bedauern, er ist insgeheim schrecklich stolz darauf! Die Damen lieben sein verwegenes Aussehen!"
Unbemerkt war Darcy zu uns getreten. „Erzähle Miss Bennet nicht solchen Unsinn, Richard," sagte er finster. Ich begutachtete besagte Narbe scheu. „Ist es wirklich wahr, bin ich daran schuld?" flüsterte ich. Darcy schaute mich durchdringend, aber nicht unfreundlich an. „Ja, eine Erinnerung an ihren Sturz vom Apfelbaum," sagte er leise und lächelte leicht.
Ich war auf einmal schrecklich verlegen. Warum schaute er mich so an mit seinen dunklen, plötzlich so warmen Augen? Zwei attraktive Männer an einem Abend – das war ja kaum auszuhalten.
Als ich mich entschuldigte, da ich zu Jane gehen wollte, fiel mein Blick auf Emily Everton, aus deren Augen regelrecht Blitze schossen.
Nur wenige Augenblicke später wurden wir zu Tisch gebeten. Ich hatte Glück mit meinen Tischnachbarn: auf einer Seite Richard, auf der anderen Jane. Mir gegenüber hatte Fitzwilliam Darcy Platz genommen, neben ihm saßen seine Schwester und – sehr zu Carolines Ärger – Emily Everton.
Richard unterhielt mich während des Essens ganz köstlich. Er hatte in seiner militärischen Laufbahn bereits viel erlebt, war weitgereist und hatte entsprechend viel zu erzählen. Jane war eher mit Charles an ihrer Seite beschäftigt, und so konnte ich mich ganz meinem neuen Verehrer widmen. Erst beim zweiten Gang merkte ich, daß Darcy, mein Gegenüber, mich kaum einen Moment aus den Augen ließ. Er trug auch kaum etwas zur Unterhaltung bei. Seine Schwester störte das nicht besonders – sie, Richard und ich unterhielten uns prächtig – aber Emily war ziemlich angesäuert. Mit meinem Onkel an ihrer anderen Seite konnte sie nicht viel anfangen, obwohl dieser sich alle Mühe gab, und so brütete sie den Abend schweigsam vor sich hin. Ich dachte nicht groß darüber nach, aber ich hatte nicht den Eindruck, daß Darcy besonders erpicht darauf zu sein schien, sie zu heiraten. Daß er mich dafür die ganze Zeit über beobachtete, gefiel mir hingegen auch nicht besonders. Ich hatte keine Ahnung, was an mir so besonders interessant sein sollte.
Nach dem Essen zogen sich die Damen ins Musikzimmer zurück, wo uns die Herren nach etwa einer halben Stunde wieder aufsuchten. Richard strebte sofort auf mich zu.
„Miss Bennet, bitte erweisen sie uns die Ehre und spielen uns etwas auf dem Piano vor," bat er und lächelte mich erwartungsvoll an. „Ich werde ihnen auch die Blätter wenden!"
Ich wurde rot. Warum wurde ich in seiner Gegenwart immer rot? Es gab keinerlei Grund dazu, er hatte nur ganz höflich eine Bitte geäußert. Ich fürchtete, mich nicht besonders gut konzentrieren zu können in seiner Anwesenheit. Aber fast noch mehr verwirrte mich das Stirnrunzeln, mit dem uns Fitzwilliam Darcy bedachte, der nicht weit entfernt von uns stand und uns wieder einmal beobachtete. Langsam, aber sicher ging er mir auf die Nerven.
„Sir, ich glaube, wir sollten Georgie fragen, sie ist die talentiertere von uns beiden," wehrte ich ab, aber Richard wollte nichts davon hören. „Oh nein, ich bestehe darauf. Sie können mir die Bitte nicht abschlagen, Miss Elizabeth." Seine blauen Augen strahlten.
Er hatte mich „Elizabeth" genannt! Ich schmolz dahin und fügte mich schließlich seinem Wunsch.
Oh ja, ich liebte die Musik. Und ich spielte auch gar nicht mal soooooooooo schlecht. Normalerweise. Aber Richard setzte sich zu mir auf das Klavierbänkchen, um mir wie versprochen die Notenblätter umzudrehen und seine Nähe machte mich nervös. Mir war heiß und mir wurde noch viel, viel heißer, als er öfters einmal wie aus Versehen mein Bein mit seinem berührte oder meinen Arm zufällig streichelte. Ich war noch nie erleichterter gewesen, als das Stück endlich vorbei war. Auf ein zweites Lied ließ ich mich nicht ein, mit schwankenden Knien stand ich auf, nur um in das ernste und mißbilligende Gesicht Fitzwilliam Darcys zu blicken. Was zum Teufel war sein Problem? Konnte er nichts anderes, als mich grimmig anzustarren?
Ich sah ihn herausfordernd an und wartete, daß er etwas sagte, aber er verneigte sich nur leicht und wandte sich ab. Kopfschüttelnd blickte ich ihm nach.
Puh, war mir heiß! Ich beschloß, kurz nach draußen zu gehen, um ein bißchen frische Luft zu schnappen und meine aufgewühlten Gedanken in Ordnung zu bringen. Gleich hinter den großen Glastüren befand sich eine Terrasse und am Rand, dort, wo das Licht des Salons nicht mehr hinkam, stand eine Bank, auf der ich mich niederließ. Ich atmete tief durch und schloß kurz die Augen.
War ich verliebt? Fühlte sich das so an? Ich hatte mich in meinem ganzen Leben noch nie so gefühlt. So schwebend, so glücklich! So aufgeregt, als wir uns „versehentlich" berührt hatten. Wie würde es sein, einen anderen, einen männlichen Körper zu berühren? Einen Mann zu küssen? Ein…wieder mal wurde ich rot – Bett mit ihm zu teilen? War ich tatsächlich verliebt?
Wie schon erwähnt, hatte ich auf diesem Gebiet keinerlei Erfahrung. Ernsthafte Erfahrung, meine ich. Ob Richard etwas für mich empfand, was über die reine Höflichkeit hinausging? Ich wagte es nicht zu hoffen.
Während ich so in meine Schwärmereien versunken war, traten zwei Männer auf die Terrasse und kamen ziemlich nahe an mich heran. Sie konnten mich nicht sehen, ich saß ganz im Schatten und wollte mich schon bemerkbar machen, als ich meinen Namen hörte.
„Ich bitte dich Richard, laß die Finger von Miss Elizabeth."
„Also wirklich, Darcy. Du tust ja geradeso, als hätte ich unehrenhafte Absichten!"
Ein bitteres, kurzes Lachen erklang. Darcys Lachen.
„Nein, hast du natürlich nicht. Du wirst ihr den Hof machen und sie dann um ihre Hand bitten," sagte Darcy mit ätzendem Sarkasmus.
Ich hielt die Luft an.
„Du weißt, daß das nicht geht, Darce. Ich kann es mir als Zweitgeborenem einfach nicht erlauben, unter meinem Stand zu heiraten."
Eine kurze Pause trat ein.
„Aber sie ist niedlich, findest du nicht auch? So lebhaft, so ungezähmt!" Richard lachte leise. „Ich wette, sie ist im Bett eine kleine Wildkatze."
Ich schnappte erschrocken nach Luft und wurde knallrot. Mal wieder! Meine Hände zitterten. Solche Worte von meinem Richard?
„Richard, laß den Unsinn!" kam die scharfe Antwort von Darcy. „Ich warne dich, Cousin, laß Elizabeth in Ruhe. Wenn du jemanden brauchst, der dein Bett wärmt, dann hast du ja in der Stadt genügend willige Damen zur Verfügung."
Richard lachte wieder. „Warum bist du auf einmal so besorgt wegen der Kleinen? Na, willst du sie am Ende für dich selbst haben, alter Freund? Soll sie etwa dein Bett wärmen?"
„Unfug," kam es ärgerlich zurück. „Laß einfach die Finger von ihr, ja?"
„Darce, Darce, Darce!" Richard klang amüsiert. „Du kannst mich nicht hinters Licht führen. Sollte es tatsächlich eine Frau geschafft haben, deinen selbsterrichteten Schutzwall zu durchbrechen? Die arme Miss Everton, ich gehe davon aus, wir werden demnach die frohe Botschaft über eure Verlobung noch nicht so bald in der Zeitung lesen können?"
Ob Darcy etwas geantwortet hatte, weiß ich nicht, da die beiden Männer wieder ins Haus zurückgingen. Ich saß wie betäubt auf der eiskalten Bank und obwohl mir furchtbar kalt war, konnte ich mich nicht dazu überwinden, zu den anderen zurückzugehen. Ich hatte sehr, sehr viel zum Nachdenken.
