10. Juni 1243
Der Deutsche Orden ist ohne mich völlig aufgeschmissen. Sie haben vor einem Jahr eine Schlacht auf dem Eis gegen die Russen verloren, die Polen haben 1241 gegen die Mongolen verloren und können den Orden jetzt nicht mehr unterstützen, und wegen ein paar Handelsstreitigkeiten kämpft der neue Herzog von Pommern, Swantopolk II., jetzt gegen den Orden. Wie gesagt, völlig aufgeschmissen.
Und so haben die Preußen ihre Chance genutzt, um gegen den Orden aufzubegehren. Sie haben einige Schlösser des Ordens eingenommen - welche übrigens großartig auf diesem Landstrich aussehen, ich habe unsere Architektur in den Jahren meiner Abwesenheit wirklich vermisst - und die Ordensritter haben nur Sartowice und Natok unter ihre Kontrolle bringen können, beide Eigentum von Swantopolk.
Ich hätte nie gedacht, dass ich das einmal sagen würde, aber die Preußen sind gut. Doch sie tun mir ständig weh - Schlussfolgerung: der Deutsche Orden ist also doch mein Volk, das ist gut zu wissen - es ist an der Zeit für mich, einzugreifen. Ich habe die Ordensritter nun seit ein paar Tagen aus der Ferne beobachtet, sie brauchen die Hilfe ihres Landes. Zum Glück bin ich zur Stelle!
Ich frage mich, wie das für mich laufen wird. Obwohl sie mittlerweile zu alt zum kämpfen sind, leben Arnulf und Volkmar noch, und sie waren es, die mich von dem Kreuzzug ausgeschlossen haben. Denen werde ich es zeigen, niemand kann den einzig wahren Preußen dauerhaft verbannen! Oder den Deutschen Ordensstaat, aber ich will meinen Namen nicht noch einmal ändern, und außerdem ist Preußen ja auch nach wie vor der Name der Region.
Preußen legte sein Tagebuch weg, klopfte sich den Sand von seinen Kleidern und ging stolz zur Kulm, dem deutschen Schloss in Kulmerland. Es war eines der wenigen, die ihnen noch blieben. Kulmerland war das erste Land des Deutschen Ordens gewesen, und nach wie vor ein wichtiger Stützpunkt, obwohl es im Moment für den Orden nicht gut lief. Aber Preußen würde ihnen zurück auf die Beine helfen! Drei Ritter die gerade Wachdienst hatten erspähten ihn in Sekundenschnelle, und griffen sofort nach ihren Bögen. „Halt!" rief einer. „Halt dich fern von uns, Dämon! Du gehörst hier nicht her."
Preußen rollte mit den Augen. Diese Männer waren zu jung, um ihn noch zu kennen. „Schießt ruhig auf mich," rief er genervt zurück. „Das wird euch auch nicht helfen! Holt Volkmar oder Arnulf her, die wissen, wer ich bin." Die Männer blickten sich zweifelnd an, aber schließlich nickte einer und ging, die anderen zwei blieben, Bögen gespannt und auf Preußen gerichtet, bereit zu schießen, sollte er sich auch nur einen Zentimeter bewegen. Sie konnten ihn nicht töten, das wusste er, aber sie konnten ihn verwunden, und er hatte keine Lust, sich später Pfeile aus der Brust ziehen zu müssen, also regte er sich nicht und wartete auf die beiden Älteren. Er wunderte sich, ob sie ihn erkennen würden, schließlich war er in den 13 Jahren seiner Abwesenheit ein ganzes Stück gewachsen und trug nun Kleider, die eher für Adlige als für Ritter wie sie angemessen wären, doch dann seufzte er. Also würden sie ihn jemals vergessen.
Es dauerte nicht lange, bis der junge Ritter mit Volkmar zurückkam. Arnulf war nirgends zu sehen. Der Mann riss seine Augen erschrocken auf, als er Preußen sah, und blieb wie angewurzelt stehen. „Gilbert," krächzte er. „Du bist es!"
„Überraschung," sagte Preußen trocken, seufzte wieder und verschränkte vor seiner Brust die Arme. „Du hast nicht gedacht, ich würde zurückkommen, oder?"
„Eigentlich," antwortete der alte Mann mit einem kleinen Lächeln, „Hatte ich mir das schon gedacht. Ich denke, du bist hier um dein Volk in ihrem Aufstand zu unterstützen?" Sein Lächeln verschwand, Vorsicht und Misstrauen standen nun in seinem Gesicht.
„Tatsächlich bin ich hergekommen, um meinem Volk den Rücken zu stärken," erwiderte Preußen mit einem Grinsen. „Ich bin hier, um mit ihm gegen den feindlichen Aufstand zu kämpfen. Also, wie kann ich euch helfen? Die Preußen ausspionieren? Ritter ausbilden? Was auch immer getan werden muss, ich bin euch zu Diensten." Er lachte und zuckte mit den Schultern. „Mir zu Diensten, eigentlich. Ich bin es leid, dass ihr ständig verliert und mir Schmerzen bereitet."
Aber Volkmar schüttelte den Kopf. „Wir haben dir bereits gesagt, Gilbert, dass du dich nicht einmischen sollst," sprach er zu dem Kind, nun äußerlich etwa zehn Jahre alt. „Und das gilt nach wie vor. Ich erwarte zwar nicht, dass du gehst, denn dazu können wir dich nicht zwingen, aber wir brauchen dich hier nicht."
„Aber ihr seid mein Volk!" protestierte Preußen wütend, biss die Zähne zusammen und trat einen Schritt näher. Die anderen Ritter waren drauf und dran, auf ihn zu schießen, aber Volkmar winkte ab. „Ihr seid mein Volk, und ich muss euch beschützen! Und ich weiß, dass ich das kann - die Preußen haben keinen Unsterblichen an ihrer Seite, sie ist schon vor Jahren verstorben! Sie ist gestorben und in meiner Person ist sie wieder-geboren worden, aber die Menschen, die mit Preußen verbunden sind, sind nicht mehr die gegenwärtigen Bewohner Preußens, sondern ihr! Und ich bin eure unsterbliche Verkörperung, ich bin euer Land!"
„Vor 13 Jahren warst du das nicht," sagte Volkmar unberührt. „Du hast uns angefleht, die Preußen zu verschonen, und jetzt flehst du uns an, mit uns gegen sie kämpfen zu dürfen?" Er schüttelte den Kopf und wollte gerade gehen, als Preußen ihm widersprach.
„Ich war verwirrt!" versuchte er, den Menschen zu überzeugen. „Es hat Jahre gedauert, bis ich herausgefunden habe, was hier wirklich vor sich geht, aber jetzt weiß ich es, und alles was ich dir gerade gesagt habe ist wahr!" Er trat noch einen Schritt näher, aber Volkmar ging bereits.
„Ich bezweifle nicht, dass du unsterblich bist, Gilbert," antwortete der Mensch ruhig. „Ich kenne dich schon zu lange, um das noch zu bezweifeln. Aber ich weiß nicht, zu wem du wirklich gehörst. Vorerst, und bis du deine Treue bewiesen hast, kann ich dich nur bitten zu gehen." Dann zog Volkmar von dannen, in das Schloss zurück, und ließ das junge Land einfach stehen.
Unbeeindruckt drehte Preußen sich um und ging, ob die Wachen auf ihn schossen oder nicht war ihm gleich.
Aber sie taten es nicht, und bald war er wieder am Rande des Waldes, wo er sich vor einer Weile ein kleines Lager aufgebaut hatte. Dort angekommen trat er einen Kieselstein aus seinem Weg und setzte sich hin. „Ich weiß, es ist kompliziert," murmelte er, zu sich selbst, aber auch zu den Ordensrittern, die ihn nicht mehr hören konnten. „Aber ich glaube, ich habe es endlich raus! Und ich kann helfen! Ich muss ihnen helfen!" Seine neueste Theorie ging so: während sein Wandel noch ihn vollem Gange war, war er stärker mit seinem Land als mit seinem Volk verbunden, und die Menschen, die am stärksten mit diesem Land verbunden waren, hatten den meisten Einfluss auf ihn. Als er zum ersten mal nach Preußen gekommen war, waren das ohne Frage die Preußen gewesen, obwohl er keine echte emotionale Bindung zu ihnen hatte. Was er in der Nacht, bevor er rausgeworfen worden war gefühlt hatte, war nur die Zerstörung des Landes sowie seine eigenen Gefühle, Verwirrung und Frust. Der Deutsche Orden und die Ritter haben so lange in der Region gelebt, dass sie Teil des Landes waren. Jedenfalls war Preußen stärker mit ihnen verbunden. 1230 hatten sie sogar den Ordensstaat gegründet, und mittlerweile repräsentierte Preußen diesen mehr alles andere. Er wollte bloß seinen Namen nicht wieder ändern, und ‚Preußen' war nun einmal wesentlich kürzer und einfacher als ‚Deutscher Ordensstaat'.
Er wusste nicht, ob er mit seiner Theorie nun recht hatte oder nicht. Aber eine bessere fiel ihm auch nicht ein. Und überhaupt, das einzige was, was ihm wichtig war, war dass er keine heidnischen Balten repräsentieren musste, sondern ein christlicher Deutscher sein konnte. Es war viel einfacher, das zu repräsentieren, wozu er erzogen worden war, als das, wogegen er Jahrzehnte lang gekämpft hatte. Nicht dass er irgendetwas gegen Balten hatte, aber Heiden… die konnte er wirklich nicht leiden. Was war so schwer daran, dem wahren Glauben zu folgen? Dem einzig wahren? Das hatte man ihm jedenfalls im Orden immer erzählt, dass der christliche Glaube der einzig wahre in der Welt war, und alle anderen bekämpft werden mussten. Er war sich natürlich nicht ganz sicher, aber hinterfragen wollte er es auch nicht.
Er seufzte und legte sein Kinn auf seine Knie. Warum konnte er nicht einfach so schnell wie ein Mensch erwachsen werden? Er war sich sicher, hätte er den Körper eines Mannes statt den eines Kindes, dann würden die Menschen auf ihn hören. Er hatte über die Jahre bewiesen, dass er intelligent, fleißig und stark war. Er hatte in Sizilien allein drei Männer in einem Kampf besiegt, als er bei Heilig war. Er verdiente mehr Respekt, als man ihm zollte. Sie sollten alle lieber auf ihn hören. Er tat nicht nur so, als wüsste er alles besser, er wusste es meist wirklich besser. Was das Kämpfen anging, jedenfalls, aber auch in vielerlei anderen Dingen. Seht doch nur, was ich über meinen kleinen Waschlappen von Cousin herausgefunden habe, seufzte er.
Dann sah er plötzlich auf, als er ein leisen Quieken in seiner Nähe vernahm. Neugierig stand er auf und sah sich um. Es hatte sich nach einer Maus angehört. Er wollte keine Mäuse um sich haben, er hatte noch einen Sack voll Essen in seinem kleinen Zelt. Er würde die Maus fangen und sie dann irgendwo weit weg von seinem Essen wieder freilassen. Er ging auf einen Baum zu, wo die Geräusche am lautesten schienen, und durchsuchte vorsichtig das hohe Gras. Was er dann fand, war aber keine Maus, sondern ein winzig kleines Vögelchen. Ein noch fast federloses Küken. „Du musst aus dem Nest gefallen sein." Behutsam hob er es auf. Dann blickte er nach oben, durch die Äste. Wegen der vielen Blätter konnte er nicht sehen, ob dort ein Nest war, aber es musste eines geben, dachte er. „Ich würde den Baum hochklettern und dich zurück legen, wenn ich könnte, aber… ich kann dein Nest nicht sehen, Kleiner." Er sah dann wieder das Küken an, das nach seinen Eltern, nach Essen, oder wonach auch immer krähte. Er seufzte. „Ich werde mal sehen, ob du von meinem Essen irgendwas magst. Und dann schauen wir, ob wir dich wieder nach da oben auf den Baum kriegen." Er setzte sich hin, den kleinen Vogel immer noch in seinen Händen, und sah auf in den Himmel. Geistesabwesend streichelte er das Vögelchen. Immerhin war er jetzt nicht mehr allein.
Drei Tage später versuchte Preußen noch einmal, mit dem Orden zu reden, doch wieder wurde er zurückgewiesen. Trotzdem beschloss er, die Ritter wenn nötig im Kampf zu unterstützen.
Der kleine Vogel blieb bei ihm - er konnte sein Nest nicht finden, also behielt er ihn. Er hoffte, dass er den Vogel am Leben halten konnte, aber er war sich nicht sicher. Er hatte sich noch nie um irgendein Tier gekümmert, von Pferden abgesehen. Wenn er nichts zu tun hatte, konnte er sich wenigstens mit der Pflege des Vogels beschäftigen.
Zwei Tage nachdem er es noch einmal beim Deutschen Orden versucht hatte ging alles schief. Die Preußen hatten Kulmerland schon eine Weile lang immer wieder überfallen, aber es war noch nie so schlimm gewesen wie am 15. Juni 1243.
Er wachte vormittags auf, in der vorherigen Nacht hatte er mehrere Stunden damit verbracht, sich um sein kleines Küken zu kümmern und dabei einen stichartigen Schmerz in seinem Rücken verspürt. Er hatte keinen blassen Schimmer, was diesen Schmerz hatte verursachen können. Er versuchte, sich aufzusetzen, aber sein Rücken schmerzte so sehr dass er auf seinen Knien zusammenbrach. Er schaute unter seiner Tunika nach, wo er den Vogel immer aufbewahrte, wenn er schlief - er schlief immer entweder auf der Seite oder auf dem Rücken, er konnte den Vogel unmöglich erdrücken, und so hatte er es immerhin warm. Er war noch da, und piepste mit hoher Stimme als Preußen nach ihm sah. „Wir müssen gehen, Kleiner," sagte er schwach. Jede Bewegung schmerzte, aber er zwang sich wieder auf die Beine, griff nach Schwert, Dolch, Bogen und Pfeilen und stolperte aus seinem Zelt. Er eilte so schnell es ging zur Kulm, und er wünschte, er hätte es nicht getan.
Er hörte, was los war, bevor er auch nur irgendetwas sah, und Angst ergriff von ihm Besitz. Die Preußen hatten die Ossa nahe der Kulm erreicht und kämpften gegen die Ritter. Der baltische Stamm hatte mehr Männer auf seiner Seite als der Orden, das konnte er sehen. Die genauen Zahlen konnte er nur schätzen, aber die Ordensritter hatten keine Chance. Der Vogel unter seiner Tunika wand sich und piepste, aber Preußen schenkte dem keine Aufmerksamkeit. Das war's. Das war der Moment, da er seinem Volk helfen musste, ihnen beweisen musste, dass er auf ihrer Seite war. Noch immer zwischen den Bäumen versteckt, holte er Pfeil und Bogen heraus. Er zielte auf den Kopf einer der Preußen, traf aber seine Schulter. Der Mann blickte um sich, konnte ihn aber nicht finden. Währenddessen nahm Preußen schon den zweiten Pfeil. Dieses mal tötete er tatsächlich jemanden. Er schoss noch einmal, und dann wieder, und wieder, dann griff er sich sein Schwert und rannte mit lautem Kampfschrei aufs Schlachtfeld. Er sprang auf den Rücken eines Preußen, klammerte sich mit seinen Beinen an ihm fest und stach auf seine Kehle ein. Er sprang ab, als der Mensch zu Boden ging, und landete auf seinen Füßen. Im Eifer des Gefechtes vergaß er die Schmerzen seiner leidenden Männer, und kämpfte als stünde seine Seele in Flammen. Er grinste, während er preußische Krieger niedermetzelte, er hatte immer schon den Kampf geliebt. Rote Rage vernebelte seine Sicht, er fühlte sich mächtig und frei wie nie zuvor, als wäre er unverwundbar, als könnte ihm Niemand auch nur irgendetwas entgegensetzen.
Plötzlich war er von vier Preußen umgeben, und ohne nachzudenken nahm er sein Schwert in die eine und seinen Dolch in die andere Hand. Mit zwei Waffen zu kämpfen war schwieriger als gedacht, besonders da sein Schwert zu schwer war, als dass er es in seiner anderen Hand halten könnte, aber seine Wut betäubte die Schmerzen in seinen Muskeln.
Er spürte, wie warmes Blut in sein Gesicht spritzte während er kämpfte. Er liebte diesen Tanz: Der Tango der Schlacht, die Musik des Massakers. Österreich konnte sich seinetwegen ruhig den lieben langen Tag lang sein Klaviergeklimper anhören, Preußen war für das hier gemacht, seine Leidenschaft und seine Stärke. Sein Volk zu verteidigen, das zu beschützen, was ihm gehörte. Den Feind wie Vieh abzuschlachten.
Er wusste nicht, wie lange er aushielt bis seine Schmerzen ihn in die Knie zwangen. Sein ganzer Körper wund und blutig brach er schließlich zusammen. Das rote Licht, dass seinen Blick im Kampf vernebelt hatte erblasste, er sah Ordensritter rund um ihn herum tot auf dem Boden liegen, geschlagen von den Preußen. Die Toten waren unzählbar, Deutsche und Preußen, und als er realisierte, dass er auf einem Feld voller Leichen kniete, drehte sich sein Magen um. Wie viele dieser Menschen hatte er getötet? Wie viele Ordensritter hatten diesem Blutbad entkommen können? Er hoffte, dass sie zum Schloss Rehden flohen, oder vielleicht Sartowice, dem pommerschen Schloss jenseits des Flusses, dass sie im Winter 1242 erobert hatten. Dort war es sicherer als hier. Ich werde auch kommen, dachte er vage, ich werde zurückkommen und wieder an eurer Seite kämpfen...
Zitternd legte er sich auf den Rücken und starrte in den Himmel, hellblau und unschuldig als wäre an diesem Tag nicht ein Tröpfchen Blut vergossen worden. Er musste stärker werden, ruhig wie der Himmel über der Schlacht und tödlich wie der Blitz. Denn er konnte die Menschen an seiner Seite nicht beschützen. Noch nicht...
Er schloss die Augen und lauschte, wie die letzten Preußen nach Überlebenden suchten. Als er hörte, wie sie näher kamen, hielt er die Luft an, nur zum Fall. Er wusste nicht, wann er wieder zu atmen anfing, oder ob überhaupt. Dann wurde alles schwarz.
Er wachte auf als er etwas in seinem Gesicht spürte und öffnete seine Augen. Er war nicht mehr draußen, aber er erkannte den Raum, in dem er war, nicht. Er sah an seiner Seite das kleine Vögelchen, das ihn mit seinem Schnabel in die Wange pikste. Es hatte nun mehr Federn als das letztes mal, da er es gesehen hatte, die Schlacht musste bereits einige Tage her sein, und jemand hatte sich um seinen Vogel gekümmert während er bewusstlos gewesen war.
Dann bemerkte er, dass er seine Tunika nicht mehr trug und sah an seinem Körper herab. Nicht eine einzige der Wunden, die er sich im Kampf zugezogen hatte war noch da und es hatten sich keine Narben gebildet. Allen Schmerzen zum Trotz fuhr er seine Finger über seinen wunden Rücken. Unterhalb seines linken Schulterblattes fühlte er ein Stück angeschwollene, warme Haut. Diese Narbe musste er sich im Kampf zugezogen haben. Also ist Kulmerland ein Teil meines Rückens, dachte er geistesabwesend. Oder repräsentieren die gefallenen Ritter diesen Teil meines Körpers? Was tat das schon zur Sache. Es war die erste Narbe, die er sich in seinem 52 Jahre langem Leben zugezogen hatte. Das musste eine gewaltige Niederlage gewesen sein. Er sah herab zu seinem Vogel, der wieder piepste, und kitzelte ihn vorsichtig hinter seinem kleinen Köpfchen. Dann stand er auf und stolperte aus dem Raum. Da draußen waren Stimmen, er sah sich um.
Vor der Tür unterhielten sich drei Männer, er brauchte eine Weile, bis er sie als Ordensritter erkannte. Er blinzelte sie an und beobachtete sie einen Moment lang, aber sie schienen ihn nicht zu bemerken. „Wo bin ich?" krächzte er und unterbrach einen von ihnen.
Die Männer blickten ihn nun an, überrascht. „Auf der Ordensburg Rehden," antwortete einer von ihnen. „Ein Glück bist du wieder aufgewacht, Gilbert."
Jetzt war er an der Reihe, überrascht zu sein. „Ihr kennt mich?" fragte er leise, er hoffte, sein Kopf würde sich bald entwirren. „Woher?"
„Den Rittern auf der Kulm hat man erzählt, wer du bist nach deinem Besuch dort am Zehnten. Die Überlebenden, die hierher gekommen sind, haben uns dann informiert." erklärter ein anderer. „Wir wissen, dass du etwa ein halbes Jahrhundert alt bist, obwohl es eher nach einem Jahrzehnt aussieht. Du bist unsterblich. Aber auch einer der besten Krieger, die der Deutsche Orden jemals gesehen hat."
„Wenn ihr schon all diese Dinge wisst," sagte das junge Land, lehnte sich gegen die Wand und sah mit schweren Lidern zu den Männern herauf, „dann solltet ihr auch wissen, dass mein Name nicht Gilbert ist. Ich bin Preußen. Aber ich bin euer Preußen, das deutsche, nicht das baltische. Macht euch darum keine Gedanken." Die Männer nickten, widersprachen ihm nicht. Allein wie schnell Preußens schweren Verletzungen heilten erübrigte jeden Zweifel über den Wahrheitsgehalt seiner Worte.
Angenehm überrascht davon, wie schnell sie diese Information akzeptiert hatten, fuhr Preußen fort. „Also was machen wir jetzt mit den Preußen? So kann es doch nicht weitergehen. Sie werden uns von diesem Land vertreiben und ich... ich werde sterben, wenn das passiert. Wenn ich sterbe, gibt es kein deutsches Preußen mehr, und der Kreuzzug wird sinnlos gewesen sein." Er rieb sich die Stirn, sein Kopf fing schon wieder an zu schmerzen. „So lange ich lebe, gibt es Hoffnung auf Erfolg. Und es geht mir gut - relativ gut. Wir sind nicht zum Scheitern verdammt, aber etwas muss sich ändern. Was ist unser Plan?"
„Das wissen wir noch nicht, Preußen," sagte der dritte der Männer, und ihm wurde warm ums Herz, da ihn zum ersten mal einer seiner Ritter als Land ansprach. „Wir arbeiten daran."
Preußen wurde daraufhin einen Augenblick lang still und dachte nach. Er wusste nicht die Zahlen, aber allein dass er eine Narbe auf dem Rücken hatte sagte ihm, dass er viele seiner Krieger in dieser Schlacht verloren haben musste. Was am Ufer der Ossa passiert war hatte die Ritter geschwächt, er wusste nicht, wie es weitergehen sollte, bis sie wieder genügend starke, junge Männer in ihren Reihen hatten. „Wir brauchen Hilfe," sagte er, zu sich selbst wie zu den drei Rittern. „Gegen die Preußen, aber auch gegen Swantopolk. Er wird unsere Niederlage zu seinem Vorteil nutzen. Besonders jetzt da die Kulm gefallen ist-"
„Ist sie nicht," korrigierte ihn einer der Männer. „Aber einige der Überlebenden sind dorthin gebracht worden, weil man es da für sicherer gehalten hatte."
„Gut. Aber wir brauchen trotzdem Hilfe. Wir müssen mehr Streitkräfte finden, die Kulmerland verteidigen," sagte Preußen, seufzte und schloss die Augen. Er lehnte sich stärker gegen die Wand, jemand legte eine Hand auf seine Schulter.
„Wir werden es dem neuen Marschall sagen," versicherte es ihm einer der Menschen. „Du solltest dich ausruhen. Leg dich hin, wir bringen dir dann Wasser und Essen." Neuer Marschall, dachte Preußen erschrocken. Das heißt der ehemalige Marschall ist tot. „Ich meine es ernst, Preußen, du solltest dich hinlegen. Du wurdest in der Schlacht schwer verwundet." Preußen nickte und stolperte zurück in den Raum, in dem er aufgewacht war. Einzuschlafen fiel ihm schwer. Er vermisste sein gemütliches Zimmer in Sizilien, schlief dann aber schließlich doch ein.
Die Ritter folgten Preußens Rat. Der Deutsche Orden fand Unterstützung aus Masuren, Großpolen und Pomerellen - letzteres stand unter der Herrschaft der Brüder von Swantopolk II., die hofften ihr Erbe zurückzubekommen wenn sie dem Orden halfen, ihren Bruder zu besiegen. Den anderen war für ihre Unterstützung Land in Preußen versprochen worden.
Preußen hatte auch Swantopolk richtig eingeschätzt, der kurz nach der Niederlage an der Ossa mit seiner Armee die Kulm belagerte. Selbst mit 2000 Mann hatte er wenig Erfolg und wurde vom Deutschen Orden zurückgedrängt. Vier Jahre später, 1247, begannen die Verhandlungen zwischen dem Orden, den Preußen und Swantopolk. Letzterer wurde gezwungen, den Preußen in ihrem Aufstand gegen den Orden nicht mehr zu helfen, und die Preußen wurden gezwungen, drei Jahre später, am 7. Februar 1249, den Vertrag von Christburg zu unterschreiben. Das Kämpfen hörte zwar nicht auf, es wurde aber wesentlich weniger.
1252, ein Jahr vor Ende des Preußischen Aufstandes, beschloss Preußen, dass er noch stärker werden musste, um seinem Volk zu helfen, welches ihn als sein Land akzeptiert hatte, obgleich ohne große Begeisterung. Er trainierte mit den Rittern, entschied aber, wieder zu reisen, um mehr Erfahrung zu erlangen. Nicht nur weil er stärker werden wollte - er wollte auch die eine Person sehen, die er Jahrzehnte lang vermisst hatte, und ihm von all den Dingen erzählen, die er erfahren und gelernt hatte, seit sie sich das letzte mal gesehen hatten. Er wusste, dass er auch mit ihm trainieren und als fähigerer Kämpfer nach Preußen zurückkehren konnte, um sein Volk bei der Eroberung zu unterstützen. Aber vorerst würde er sich auf den Weg nach Ungarn machen.
AÜ: Weder ich noch die Autorin unterstützen religiös motivierte Gewalt! Preußens Gedanken sollen die der Kreuzritter widerspiegeln.
