Draco hat zwei Söhne: Lucius Jr. & Abraxas . Hogwarts hat uns wieder!

Lyn genoss die ersten Tage zurück in der Schule; sie mochte Hogwarts mehr als jeden anderen Ort der Welt, mit Ausnahme des Fuchsbaus vielleicht.

Claire hingegen gewöhnte sich nicht allzu schnell an den geordneten Tagesablauf.

„Wisst ihr, gegen Hogwarts im Allgemeinen hab ich ja nichts", verkündete sie beim Frühstück des dritten Schultages, „es ist ja ganz nett hier und so. Aber dieser Unterricht, es ist einfach zum Weinen."

Sie seufzte tief. Lyn warf ihr einen raschen Blick von der Seite her zu. Claire würde sich prima zum Spielen in einer der Seifenopern ihrer Mutter eignen. Diese Serienleute waren ähnlich dramatisch.

„Wisst ihr, was ich glaube?", fuhr Claire fort und stopfte sich noch etwas ihres Schokomüslis in den Mund.

Lyn schüttelte den Kopf, Emma ebenfalls, sah allerdings nicht vom Tagespropheten vor ihr auf.

„Die Lehrer hassen mich einfach", sagte Claire bedeutungsschwer. Um die Wirkung ihrer Worte zu verstärken, schwieg sie einen Moment.

Lyn sah sie nur mehr oder weniger verständnislos an.

„Ich meine, es ist wirklich so, oder? Ich kann mir das ja gar nicht erklären, ich bin ja eigentlich ein sehr umgänglicher, hilfsbereiter und freundlicher Mensch", verkündete Claire.

Nun hob auch Emma den Kopf. Manchmal fragte sich Lyn ernsthaft, ob Claire überhaupt selbst an das glaubte, was sie redete.

Harry hatte schon direkt zu Beginn des Schuljahres einiges an Arbeit vor sich. Jedoch beschränkte sich dies weniger auf Korrigieren von Hausaufgaben, als darauf, dass er im kommenden Schuljahr wohl einiges an Nervenstärke beweisen musste. Die Zwillinge versuchten, ihn schier in den Wahnsinn zu treiben. Bisher konnte er aber glücklicherweise von sich behaupten, dass er es ganz gut überstanden hatte.

Zum Glück hatte sich bei den Schülern nicht viel geändert. Die alten waren durch neue ersetzt worden und keiner stieß besonders aus der Menge hervor.

Trotzdem musste er zugeben, dass es ihm momentan etwas an der Routine fehlte, die er sich im vergangen Jahr so eifrig antrainiert hatte. Aber durch den Umzug, die Heirat und die bevorstehende Geburt seines ersten Kindes ließ sich dies schwer einrichten.

Natürlich hatte er auch schon zuvor seine Wochenenden meistens mit Ginny verbracht, und sich Mühe gegeben, ihr soviel Zeit wie nur irgendwie möglich zu widmen, aber nun, wo sie zusammen wohnten, konnte er sich nicht irgendwann verabschieden und wieder zurück zur Arbeit kehren.

Wie oft hatte er schon zu Ginny gesagt, er müsste weiter den Unterricht vorbereiten, aber mit einem Blick hatte sie ihn meistens schon soweit, dass er die Unterrichtsvorbereitung bereitwillig stehen und liegen ließ.

Außerdem, er gestand es sich selbst ungern ein, würde er sie ohnehin am liebsten rund um die Uhr bewachen. Auch wenn der Geburtstermin noch weit in der Ferne lag, mochte er es nicht, dass sie zuviel arbeitete. Dobby führte zwar den gesamten Haushalt, aber trotzdem fand Ginny aus unerfindlichen Gründen immer etwas zum Aufräumen.

„Harry, jetzt ist es aber mal gut!", wies sie ihn zurecht, als er ihr zum wiederholten Male einen Wäschekorb aus der Hand riss, „ich bin schwanger, und keine Schwerkranke!"

„Ja und? Denkst du, ich möchte, dass dir oder dem Kind irgendwas passiert?", sagte er und blickte sie streng an.

„Es passiert uns gewiss nichts, wenn ich einen Wäschekorb trage", meinte sie verächtlich und riss den Korb zurück an sich.

„Wo liegt denn dein Problem?", fragte Harry, „ich kann den Korb genauso gut tragen, gib schon her!"

Ginny jedoch machte keinerlei Anstalten, ihm ihre Beute freiwillig wieder auszuhändigen.

„Nein, ich bin schon noch in der Lage, diesen Wäschekorb selbst zu tragen, danke."

„Was machst du eigentlich jetzt wieder für einen Aufstand aus der Sache?", fragte Harry unwirsch und versuchte, ihr den Wäschekorb zu entreißen.

„Was ich für einen Aufstand mache? Du machst doch hier den Aufstand!"

„Ich mache keine Aufstand, ich bin lediglich besorgt um dich und das Baby."

„Weißt du, wenn du die Geburt des Babys überhaupt noch miterleben möchtest, wäre ich an deiner Stelle einfach mal still", sagte Ginny und schaute in übelgelaunt an.

„Was willst du denn damit wieder sagen? Also... jetzt hör aber mal", meinte Harry zerknirscht. Er stritt sich nicht gerne mit Ginny, erst recht nicht regelmäßig. Aber er konnte es schlecht zulassen, dass sie sich bereits in den ersten Schwangerschaftswochen ans Arbeiten gewöhnte.

„Ich behaupte ja nicht mal, das es schlecht für dich ist, einen Wäschekorb zu tragen, ich will eben nur nicht, dass es erst der Wäschekorb ist und dann das... du weißt schon", versuchte er, die Situation etwas zu entschärfen.

„Und dass ich dann irgendwann anfange, Zementsäcke zu tragen oder was?", sagte sie verächtlich, „Harry, ich mache hier in dem Haus überhaupt nichts, das macht alles Dobby. Vielleicht ist es mir da auch mal gestattet, ohne Hilfe oder Magie einen Wäschekorb zu tragen."

„Ist ja schon gut, trag du ruhig deinen Wäschekorb, wenn das so wichtig für dich ist", rief Harry. Langsam wurde er ungehalten.

„Tja, nur hab ich leider keine Lust mehr dazu, wenn ich erst mal Ewigkeiten mit dir drüber streiten muss, ob ich den Wäschekorb überhaupt tragen darf."

„Also willst du ihn jetzt nicht mehr tragen?", fragte Harry.

„Nein", antwortete sie. Allmählich wurde es lächerlich. Er blickte Ginny an.

„Sag mal, willst du mich verarschen oder was?", sagte er motzig, aber sobald er das breite Grinsen auf ihrem Gesicht erkennen konnte, musste er schallend anfangen zu lachen.

Harry gewöhnte sich allmählich daran, zwischen Hogsmeade und Hogwarts hin- und herzupendeln. Wenn er ehrlich war, war es ihm um einiges lieber, in ein Heim zurückzukehren, in dem er erwartet wurde, und nicht in eines, in dem ihn nur Arbeit erwartete, wie das noch vor einiger Zeit im Birkenweg Nummer 16 der Fall gewesen war.

Langsam hielt der Herbst Einzug und die Tage wurden kürzer, das Wetter kälter und regnerischer.

Harry mochte solche Tage besonders, wenn er gemeinsam mit Ginny auf dem Sofa saß, zusammen mit ein paar Decken, Keksen und heißem Tee.

„Ich finde, wir sollten uns mal ein paar Gedanken über Namen machen", schlug er an einem dieser Sonntagnachmittage vor. Ginny blickte verdutzt zu ihm hoch.

„Wir haben doch noch so viel Zeit", sagte sie lächelnd.

„Jahh, schon, aber am Ende finden wir keinen. Stell dir das nur mal vor! Wie wollen wir das Kind dann nennen? ‚Sohn' oder ‚Tochter' oder was? Das wäre doch echt bescheuert. Oder wir geben ihm aus lauter Verzweiflung irgendeinen Namen...", erklärte Harry ihr.

„Wie zum Beispiel Elaine oder Michael-Marc oder so", sagte Ginny kichernd.

„Genau, deshalb finde ich ja, wir sollten uns früher was überlegen", bekräftigte Harry, „wobei ich Elaine gar nicht so schlimm finde."

Harry hatte bei weitem schon schlimmere Namen gehört. Ginny allerdings drehte sich so, dass sie ihm direkt ins Gesicht blicken konnte.

„Du findest Elaine nicht schlimm?", fragte sie erstaunt.

„Nein", wiederholte Harry.

„Findest du nicht, dass es einfach nur protzig und reich klingt?"

„Tja, meine Liebe", lachte Harry, „das ist es doch, was die Leute von uns erwarten. Der berühmte Harry Potter und seine wunderhübsche Gattin nennen ihr Kind nicht ‚Megan', nein, sie nennen es ‚Morgaine Gwendolyn' oder so."

„Womit wir schon mal für die Hälfte von unseren Kindern Namen hätten", meinte Ginny grinsend.

Harry sah sie nur verständnislos an.

„Guck nicht so, wir bekommen Vierlinge. Das hab ich gestern in der Hexenwoche gelesen", sagte sie gespielt ernst und kuschelte sich an ihn.

„So, wenn Sie das Tafelbild bitte übernehmen würden", wies Harry seine Erstklässler an und ließ sich selbst auf seinem Stuhl nieder.

Nach einem Schwung seines Zauberstabes füllte sich die Tafel wie von Geisterhand geschrieben mit säuberlicher, weißer Schrift.

Er hatte festgestellt, dass es sich insbesondere bei dieser Klasse empfahl, am Ende jeder Stunde die Ergebnisse des Unterrichts an der Tafel zusammenzufassen, damit die Schüler einfach nur abschreiben mussten.

Andernfalls war ein Großteil der Klasse nicht in der Lage, irgendetwas aus dem Unterricht mitzunehmen, da sie Sirius und James die größte Aufmerksamkeit zollten.

Harry wusste aus eigener Erfahrung, dass in solchen Fällen ermahnen und zurechtweisen wenig nützte, und als Lehrer wollte er natürlich, dass sie keinen wichtigen Lernstoff versäumten.

Das Rascheln von Pergament und das Kratzen von Federn verrieten ihm, dass die Klasse anscheinend aufmerksam dabei war zu schreiben.

Deshalb konnte er sich nun getrost dem Papier-Chaos auf seinem Pult zuwenden. Besonders bei den jüngeren Schülern ging gerne mal ein Zauber daneben, und so hatte es Bob Sewer, der neugewonnene Freund der Weasley-Zwillinge, heute geschafft, einen Haufen Stühle in Harry Tisch krachen zu lassen.

Die Papiere und Unterlagen hatten sich daraufhin auf dem Boden verteilt, aber Harry hatte keine Gelegenheit gehabt, sie mehr als zusammenzuraffen.

Plötzlich fiel ihm zwischen ein paar Hausaufgaben etwas Härteres in die Hände. Verwundert zog er eine blaue Mappe aus dem Chaos heraus. Darauf stand in großen, hellen Lettern „Für den werdenden Herr Papa".

Was war das denn schon wieder? Eins stand fest: von Harry war das bestimmt nicht.

Er schlug die erste Seite auf und sofort drang ohrenbetäubendes Babygeschrei aus der Mappe heraus. Erschrocken knallte er sie wieder zu.

Das Federkratzen verstummte fast unmerklich und Harry sah verlegen in die Klasse.

„Da kann es wohl jemand kaum erwarten, was?", fragte eine Stimme in einer der hinteren Reihen. Sirius. Das hätte Harry sich ja denken können.

„Und dabei haben sie doch noch genug Zeit, Professor", meinte James grinsend.

„Allerdings", bestätigte Harry trocken.

„Sie sollten sich auf keinen Fall schon im Voraus stressen lassen", sagte Sirius altklug.

„Andererseits sollten Sie natürlich auch nicht vergessen, dass es jetzt vielleicht noch Spaß macht, Kinderlieder zu singen..."

„...und Kinderbücher zu lesen..."

„...und Babybrei zu kochen..."

„...und Strampelanzüge einzukaufen..."

„Doch Sie sollten immer dran denken: Kinder können auch so werden wie wir", meinte James ernst.

Harry seufzte. Soweit hatte er noch gar nicht gedacht.

„Besonders nicht mit uns als Cousins", fügte Sirius grinsend hinzu.

„Also genießen Sie die Zeit, die Ihnen noch bleibt!"

„Also, wisst ihr, ich freue mich irgendwie schon total auf die Delegationen von Minzeblott und Beauxbatons", erzählte Lyn ihren beiden Freundinnen auf dem Pausenhof.

Der goldene Herbst schien doch noch mal in voller Pracht aufzuleben, und obwohl es nicht besonders warm war, strahlte die Sonne.

„Ich auch", stimmte Emma ihr zu, „obwohl ich nicht glaube, dass sich die ausländischen Schüler sonderlich von uns Briten unterscheiden werden."

„Das ist es, was du glaubst", mischte sich Claire mit altkluger Stimme ein.

„Na, und, was glaubst du?", erkundigte sich Emma, mehr oder weniger interessiert.

„Ich glaube, nein ich weiß sogar, dass die Franzosen einen absoluten Knall haben", erklärte Claire.

„Ach ja, das haben sie also?", hakte Emma sichtlich ungehalten nach.

„Jah, sie essen Frösche", meinte Claire nur, als würde das die Sache klären.

„Andere Länder, andere Essgewohnheiten", sagte Emma.

„Du willst mir ja wohl nicht erzählen, dass es normal ist, lustigen, grünen, quakenden, lebensfrohen Fröschen die Beine auszureißen, nur, um sie essen zu können?", ereiferte sich Claire.

„Nein, das ist es allerdings nicht", ertönte eine Stimme hinter ihnen.

Lyn wandte sich um. Hinter ihnen stand breit lächelnd Howard Burkes.

„Da hörst du es, das ist absolut abnormal", rief Claire entzückt und zog ihn mit einer raschen Handbewegung zu sich, „gut so, Howard, du bist mein Mann!"

Lyn wunderte sich, wie Claire von „normal" sprechen konnte, wo doch bei ihr in keinem Fall von „Normalität" zu sprechen war.

Emma hingegen setzte schon direkt zu einer ausführlichen Erklärung des Essverhaltens anderer Länder an, und es dauerte nicht lange, und die zwei waren in eine lautstarke Diskussion verwickelt.

Lyn warf Howard einen entschuldigenden Blick zu.

„So sind sie immer", meinte sie schulterzuckend.

„Und ich dachte schon, ich hätte einen handfesten Kampf angestachelt", sagte er lachend.

„Nein, mach dir da mal keine Sorgen, das hätten sie auch irgendwie ohne dich hinbekommen", grinste sie.

„Ich hätte es nicht ertragen können, zwei so sanftmütige Mädchen auf dem Gewissen zu haben..."

Lyn warf ihren beiden Freundinnen einen Blick zu. Sie nickte.

„Sehr impulsiv", bemerkte sie.

„In der Tat", stimmte ihr Howard zu, „und das zum Glück nicht nur, weil ich dich was fragen wollte."

„Du wolltest mich was fragen?"

„Jahh, allerdings", meinte er und blickte verlegen grinsend zu Boden, „also... du weißt ja, dass ich es nicht so mit dem Fliegen hab, und da wollte ich dich fragen, ob du es mir sozusagen noch mal erklären könntest? Mir persönlich liegt ja nicht so viel daran, aber ich denke, es ist doch ganz gut, es zu können."

„Natürlich, kein Thema", sagte Lyn sofort. Sie konnte sich gut vorstellen, warum Howard fliegen lernen wollte.

Vielleicht war es unbewusst passiert, aber sie hatte bemerkt, wie sein Blick während des Sprechens öfter in die hintere Ecke des Schulhofes gehuscht war, in der sich sein älterer Bruder aufhielt. Sie wusste, dass er Quidditchspieler war und nahm an, dass Howard daheim nicht als „Verlierer" dastehen wollte.

„Echt jetzt?", fragte er erleichtert.

„Ja, klar", sagte Lyn.

„Sie mal einer an", hörte Lyn plötzlich eine schneidende Stimme sagen, „es reicht unserem kleinen Versager anscheinend nicht, eine Schande für die ganze Familie zu sein. Nein, dieser Blutsverräter muss sich auch noch mit dieser ekligen Schlammblüterin abgeben!"

Die Worte lasteten in der Luft und eine kurze Zeit schien keiner im Umkreis etwas zu sagen. Sogar Claire und Emma schwiegen. Dann wandte sich Lyn um und blickte wie erwartet in das feixende Gesicht Brianna Borgins. Neben ihr stand Hendric Burkes.

„Dieses Miststück", zischte Claire halblaut.

Aber Lyn war nicht in der Lage, großartig etwas zu erwidern. So ein Mädchen, so dreist und widerwärtig, war ihr noch nie begegnet.

Wie konnte sie es wagen, Howard vor seinem Bruder solche Sachen an den Kopf zu werfen?

„Aber sonst geht's dir noch ganz gut, ja?", bemerkte Howard trocken.

„Im Gegensatz zu dir offenbar", warf Hendric ein. Dem Anschein nach kam er sich ganz cool und lässig vor, um seine Lippen ein spöttisches Lächeln.

Lyn widerte er einfach nur an.

„Das glaubst du also?", mischte sich Claire gefasst ein und trat einen Schritt vor, „weißt du, Brianna, Schätzchen, ich wusste ja schon vorher, dass du nicht ganz helle bist, aber manchmal übertreibst du's einfach... Denkst wohl, du müsstest vor deinem tollen Freund hier", sie bedachte Hendric Burkes mit einem kurzen, überlegenen Blick, „die tolle Reinblütige raushängen lassen, was?"

Briannas Gesicht verhärtete sich, und einen Moment sah es aus, als wollte sie zurückschießen, aber Claire ließ ihr keine Gelegenheit und fuhr ungerührt fort:

„Aber weißt du, du solltest dir besser nicht vormachen: Unser großer Freund Hendric ist nicht nur so hohl wie du im Kopf, nein, er denkt zwar, er wäre etwas besseres als Howard, aber in Wirklichkeit möchte er ja doch nur das Beste vom Besten und Brianna, da wissen wir doch alle, dass du das nicht sein kannst."

Sie schenkte ihr ein mitleidiges Lächeln.

Lyn musste sich ein Lachen verkneifen, Howard war da nicht so sensibel und lachte laut auf. Belustigt musterte sie Brianna, deren Gesicht erst weiß, dann leicht grünlich anlief.

„Unser lieber Hendric hier", nun drehte sich Claire zu ihm, „würde nämlich nie zu einem Mädchen nein sagen, egal, wie blutsverräterisch es ist."

Lyn war klar, worauf sie anspielte: Im letzten Schuljahr war es Claire ohne große Mühe gelungen, Hendric mit wenigen Augenaufschlägen aus der Bahn zu werfen.

Diesem war das anscheinend auch noch gut im Gedächtnis, denn das Einzige, was er herausbrachte war ein gepresstes „Pass auf, was du sagst!", bevor auf dem Absatz kehrt machte und Brianna ihm hastig nacheilte.

Am Abend im Gemeinschaftsraum war Briannas Auftritt keinesfalls vergessen.

„Sie ist so eine dumme, kleine, hinterhältige Schlampe", verkündete Claire aufgebracht. Emma schwieg.

„Ja. Das hast du schon mal gesagt", lachte Lyn, „aber ich finde, du hast es ihr ordentlich gegeben."

Claire grinste stolz.

„Ja, das hab ich wirklich gut gemacht", lobte sie sich selbst.

„Ich denke, wir sollten gar nicht mehr soviel darüber nachdenken, ich meine, Brianna scheint tatsächlich nicht besonders intelligent zu sein", sagte Emma sachlich.

„Also willst du es darauf belassen?", fragte Claire bestürzt.

„Was sollte man denn sonst noch groß machen?", erkundigte sich Lyn und lehnte sich im Sessel zurück.

„Naja, so ein niederträchtiges Ding kann man nicht einfach so davonkommen lassen", sagte Claire, „sie ist sozusagen eine Gefahr für die Allgemeinheit!"

Emma erhob sich seufzend.

„Ich geh mal nach Artemis sehen", sagte sie entnervt und verließ den Gemeinschaftsraum, um sich in Richtung Eulerei aufzumachen.

Die nächsten Tage wurden zur Qual für Emma und Lyn. Wann immer Claire Brianna zu Gesicht bekam, rastete sie schlichtweg aus.

Es war kein Geheimnis, dass Claire Brianna immer verabscheut hatte, aber langsam fand es sogar Lyn lächerlich.

„Was soll das eigentlich?", fragte sie Claire eines Mittags in der Großen Halle.

„Sie ist eine absolut blöde Kuh", sagte Claire und warf ihr einen verständnislosen Blick zu, „hast du vergessen, was sie über dich und Howard gesagt hat?"

„Nein, natürlich nicht", stöhnte Lyn auf, „aber sie ist halt dumm. Na und? Musst du dich deshalb so über sie aufregen?"

„Wie kannst du Brianna überhaupt ernst nehmen?", mischte sich Emma ein.

„Ich nehme sie nicht ernst, ich kann sie nur einfach nicht abhaben. Und nur weil ich klüger bin, heißt das noch lange nicht, dass ich sie mit allem davonkommen lasse", sagte Claire aufgebracht und knallte ihre Gabel auf den Teller.

Emma und Lyn schwiegen. Sie beide wollten es nicht auf einen Streit ankommen lassen, zumal sie Claire wirklich verstehen konnten.

Lyn jedoch Claires Reaktion etwas überzogen, aber es wäre ihr auch ein bisschen undankbar vorgekommen, wenn sie darüber mit ihr stritt, weil Claire ihr ja eigentlich nur helfen wollte.

Schon nach kurzer Zeit kam es Harry so vor, als hätte er Hogwarts nie verlassen. Der Unterricht verlief meist reibungslos, wenn man von den Witzbolden absah, die es gelegentlich mit Streichen oder anderen amüsanten Zwischeneinlagen versuchten. Harry aber sah dies nicht als ernsthafte Störung an.

Es war ein Freitagabend, in Hogwarts wurde er einige Male aufgehalten und konnte sich erst in der Dämmerung loseisen.

Da Harry nie etwas für apparieren übrig gehabt hatte, und der Abend recht schön war, machte er sich zu Fuß auf den Weg.

Es dauerte nicht lange, da konnte er schon das Haus erkennen, und er beschleunigte seine Schritte. Mittlerweile war der Himmel schwarz.

Doch einige Meter davon stockte er. In allen Zimmern schien Licht zu brennen, außerdem hörte er fürchterliches Gepolter und leise Schreie, die rasch in lautes Lachen übergingen.

Verwundert runzelte er die Stirn. Was in aller Welt trieb Ginny da? Mit wenigen Schritten erreichte er die Tür. Im Untergeschoss traf er niemanden an, aber ein Blick ins Wohnzimmer ließ ihn nur noch mehr stutzen: Die Kissen waren auf dem mit Dreckspuren versehenen Boden verteilt, eines von ihnen war sogar zerrissen. Das war mehr als komisch. Hätte er nicht noch Ginnys Lachen aus dem Obergeschoss gehört, hätte er es mit der Angst zu tun bekommen.

Kurzentschlossen sprintete er die Treppe herauf. Beinahe wäre er in einer Wasserlache ausgerutscht.

„Hey, nein, lass das", lachte Ginny, „du machst mich ja ganz nass!"

Harry runzelte die Stirn. Was war hier los? Ginnys Stimme kam eindeutig aus dem Badezimmer. Anscheinend war sie mit der Badewanne beschäftigt, denn er konnte ebenfalls lautes Geplätscher vernehmen.

Auf Zehenspitzen schlich er zur nur angelehnten Tür. Es würde wohl am besten sein, wenn er erst einmal unbemerkt nachsah, was dort vor sich ging.

Doch urplötzlich schwang die Tür auf und etwas Wuscheliges, Nasses sauste in den Flur. Gerade sah er sich das Tier genauer an, als auch schon Ginny pitschnass und mit Schaum im Haar hinterher stürmte.

„Hey, bleibst du gefälligst hier!", rief sie und schnappte sich den nassen Hund, ohne Harry überhaupt zu bemerken.

Er räusperte sich.

„Was macht dieser Hund in unserem Haus?", fragte er verwundert. Überrascht drehte Ginny sich zu ihm.

„Oh, du bist schon da", strahlte sie.

„Schon ist gut", meinte Harry grinsend. Sie streichelte den kleinen Hund hinter den Ohren.
„Das da ist Harry", erklärte sie ihm, „er wohnt auch hier."

Harry sah sie mit offenem Mund an.

„Also, sag mal, redest du lieber mit diesem Hund als mit mir?", fragte er.

Ginny lachte.

„Ist er nicht putzig?", rief sie und streckte ihn Harry entgegen. Unsicher nahm dieser das Tier in die Hände. Es schien noch eine Welpe zu sein, das Fell hatte eindeutig die Farbe, die man als straßenköterbraun bezeichnete. Der Hund winselte.

„Ähm, ist ja schon gut", sagte Harry und tätschelte ihm den Kopf. Er konnte nicht verleugnen, dass der Hund wirklich niedlich war.

„Und was macht der bitteschön hier?", erkundigte sich Harry.

„Also, er stand auf einmal vor der Tür", erklärte Ginny, „und dann hat er mich so angeguckt..."
„Aha", stellte Harry fest, „dann hat er dich also so angeguckt..."

„Jah, und da hab ich ihn reingelassen. Also, eigentlich hab ich nur die Tür aufgemacht, er ist mir sozusagen auf die Pelle gerückt."

„Und da konntest du nix machen?"

„Nein, ich war vollkommen hilflos."

„Aha", sagte Harry noch mal. Ihm wurde langsam klar, worauf das hier hinauslief. „Wem gehört das Tier überhaupt?"

„Weiß ich nicht", begann Ginny, „aber er sah so ausgemergelt aus und da hat Dobby ihm was zu essen gemacht, und er war ganz froh, dass er hier im Haus war, und jetzt, wo's so langsam kälter wird, können wir ihn doch unmöglich wieder rausschmeißen!"

Harry blickte den Hund in seinen Händen an. Er hatte das Gefühl, er würde ihn angrinsen.

„Der Köter hier grinst mich so spöttisch an", sagte er zu Ginny.

„Harry, das ist kein Köter! Außerdem grinsen Hunde nicht", belehrte sie ihn.

„Er will mich zum Narren halten", verkündete Harry kurz darauf, „siehst du das?"

Er drehte den Hund in Ginnys Richtung, damit sie den treuherzigen Blick erkennen konnte.

„Er will mich zum Narren halten", verkündete Harry kurz darauf, „siehst du das?"

Er drehte den Hund in Ginnys Richtung, damit sie den treuherzigen Blick erkennen konnte.

„Oh, wie schnuckelig er doch ist", seufzte sie, „aber er war so dreckig, da wollte ich ihn baden und da ist er mir aus der Wanne gehüpft."

„Wie putzig", säuselte Harry genervt.

„Hey!" Ginny knuffte ihn härter als nötig in die Seite. „Mach dich nicht über mich lustig!"

„Wie könnte ich", brummte Harry, „dann gib ihn mal her, ich werd ihm schon zeigen, wer hier der Chef im Haus ist!"

„Harry", lachte Ginny, „mach dich nicht lächerlich. Das ist ein Hund, der wird dir hier bestimmt nicht den Rang ablaufen."

„Dafür werde ich schon sorgen, glaub mir."

Harry schnappte sich den Hund und marschierte mit ihm ins Badezimmer. Der Boden war so nass, dass er aufpassen musste um nicht hinzufallen. Flaschen mit Badeölen und Shampoos lagen halb geöffnet herum und die Badewanne quoll über vor Schaum.

„Okay, mein kleiner Freund", sagte Harry und hielt den Hund auf Augenhöhe, „jetzt wird schön gebadet, und zwar ohne Widerrede!"

Das Tier schaute ihn mit großen Augen an.

„Und spar dir den Blick, das zieht bei mir nicht."

Harry sah ihn noch ein letztes Mal streng an, dann tauchte er ihn in das warme Wasser.

„So, du hältst ihn fest und ich schäum ihn ein, ja?", sagte Ginny eifrig. Harry fand, dass sie eindeutig übertrieb mit ihrer Fürsorglichkeit. Trotzdem stimmte er zu.

„Oh Harry, er mag dich so und du bist immer so gemein zu ihm", meinte Ginny einige Zeit später anklagend, als sie gemeinsam mit dem frischgebadeten Welpen auf der Couch im Wohnzimmer saßen.

„Ich bin gemein zu ihm?"

„Ja, du bist so abweisend."

„Also, hör mal, der letzte, zu dem ich gemein sein werde, ist sicherlich irgendein streunender Straßenköter!", verteidigte sich Harry.

„Jetzt ist er ja kein streunender Straßenköter mehr, nicht wahr?", säuselte Ginny und kraulte den Hund hinterm Ohr. Auch nach der Reinigungsaktion hatte er noch das gleiche, matschbraune verstrubbelte Fell.

Harry verschluckte sich an seinem Wasser.

„Der soll für immer hier wohnen oder was?", fragte er schnell.

„Natürlich" sagte Ginny und sah ihn bittend an, „wir können den kleinen Schnuckel doch unmöglich zurück auf die Straße setzen."

„Nein, das können wir dem kleinen Schnuckel wirklich nicht antun", seufzte Harry ergeben.

Aber es dauerte nicht lange, da hatte sich Harry schon an ihn gewöhnt. Auch wenn er anfangs nicht besonders begeistert von dem neuen Mitbewohner gewesen war, freute er sich trotzdem darüber, wie Schnuffel jetzt durch die Wohnung tollte. Er brachte etwas Leben ins Haus, und das war Harry gerade recht.

Lange hatten er und Ginny über einen geeigneten Namen für das Tier nachgedacht, bis sie schließlich auf die Idee gekommen waren, ihn Schnuffel zu nennen.

Schnuffel hatte seinen eigenen Korb im Wohnzimmer, aber er bevorzugte es, nachts in Harrys und Ginnys Bett zu hüpfen, ohne dass sie es bemerkten, genauso wie er bevorzugte, heimlich Sachen vom Tisch zu klauen anstatt aus seinem Napf zu fressen.

Immer wieder beobachtete Harry, wie Schnuffel erst auf einen Stuhl und dann mit den Vorderpfoten auf den Tisch sprang, um sich einen Apfel zu stibitzen.

„Weißt du, es ist nicht gut, wenn du ihm alles durchgehen lässt", ermahnte ihn Ginny des öfteren, „du siehst doch genau, wie er verbotene Sachen macht. Er braucht schon ein paar Regeln, an die er sich halten muss."

„Ach was, man muss ihm auch ein bisschen Spaß lassen", entgegnete Harry.

„Ich will ja auch gar nicht sagen, dass er keinen Spaß haben darf, aber er darf immer noch nicht alles machen, was ihm gefällt!"

„Er macht es ja auch nur, wenn er denkt, ich seh's nicht."

„Aber du siehst es doch."

„Das weiß er ja nicht."

„Wo liegt da der Unterschied?", fragte Ginny entnervt.

„Ich symbolisiere ihm nicht, dass es gut ist, was er tut", meinte er grinsend.

„Harry!"

Unter den Schülern war das Trimagische Turnier immer noch Thema Nummer eins. Jeder war gespannt, wer sich wagen würde, seinen Namen in den Feuerkelch zu werfen, und wer es letztendlich zum Champion schaffen würde. Heimlich wurden Wetten abgeschlossen, es wurde abends im Gemeinschaftsraum über mögliche Aufgaben diskutiert und die Spannung stieg von Tag zu Tag.

Wenn die drei Mädchen nachts in den Betten lagen, fanden sie immer später Ruhe.

„Also, ich hab gehört, dass Jimmy es versuchen will", verkündete Claire in ihre Decke gekuschelt Lyn und Emma.

„Ist der überhaupt schon siebzehn?", erkundigte sich Lyn. Müde starrte sie die flackernde Flamme der Kerze auf ihrem Nachttisch an.

„Na, ansonsten wird er sich nicht bewerben können", sagte Emma nüchtern.

„Denkt ihr nicht, man kann da irgendwie was tricksen?", fragte Lyn. Sie selbst hatte zwar nicht die Absicht, an diesem Turnier teilzunehmen, aber interessieren würde es sie schon.

„Nein", sagte Emma schlicht, „außer, du überredest jemanden, deinen Namen in den Kelch zu werfen..." Sie stutzte einen Moment. „Obwohl, ich bin mir nicht mal sicher, ob das noch hinhauen würde."

„Jedenfalls würde ich sagen, solang du keine 17 bist, hast du in jedem Fall abgelost", nuschelte Claire. Nur noch ihr silberblonder Haarschopf lugte unter der Bettdecke hervor.

„Schade", murmelte Lyn enttäuscht.

„Nun hör aber auf", rügte Emma sie, „egal, ob du es schaffst, Champion zu werden, spätestens im Turnier wird es gewaltig gefährlich und anstrengend. Besonders für Leute in unserem Alter. Was können wir denn schon? Da kann man froh sein, wenn man die erste Aufgabe noch überlebt."

„Ich möchte ja gar nicht teilnehmen, es ist nur...", begann Lyn. Sie konnte sich selbst nicht erklären, was genau sie störte.

„Ich versteh dich", murmelte Claire, „dieses Machtgefühl ist weg. Man kann es nicht, auch wenn man wollte!"

Damit hatte sie vollkommen Recht, fand Lyn.

Trotz der ganzen Aufregung und den Vorbereitungen blieben den Schülern allerdings nicht die riesigen Mengen an Arbeit erspart.

„Ehrlich mal", schnaubte Claire und pfefferte ihre Feder lautstark auf den Tisch, „die könnten uns ja wohl wenigstens weniger Hausaufgaben aufgeben. Wie soll sich denn überhaupt noch einer darauf konzentrieren können?"

„Also nur, weil die Delegationen in fünf Tagen ankommen, heißt das ja nicht, dass man uns drastisch entlasten musste", sagte Emma stirnrunzelnd.

Lyn allerdings gingen diese ewigen Diskussionen einfach nur gewaltig auf den Keks. Emma und Claire würden niemals denselben Standpunkt haben, wenn es um Schule ging. Trotzdem schnitten beide das Thema so oft an, dass man meinen konnte, sie legten es nur auf einen Streit an.

„Trotzdem", meinte Claire mürrisch, „sie müssen uns ja wohl nicht bis spät in die Nacht beschäftigen, oder?"

„Sag mal, geht es jetzt darum, dass du weniger Aufsätze schreiben willst, weil bald das Trimagische Turnier stattfindest oder weil du überhaupt und immer an Arbeit sparen möchtest?", fragte Emma unwirsch und markierte sich eine Stelle in Liquide Zauber – Die Kunst des Zaubertrankbrauens.

„An Arbeit zu sparen ist nie schlecht", rief Nathaniel dazwischen, der am Nachbartisch saß und ebenfalls über seinem Aufsatz für Zaubertränke brütete.

„Das ist doch alles der letzte Schwachsinn", beschwerte sich jetzt auch Dominic, „wer soll den Aufsatz denn bitteschön innerhalb von zwei Tagen schaffen!"

„Jetzt macht aber mal einen Punkt!", fauchte Emma genervt, „ein bisschen Arbeit hat auch noch keinem geschadet."

Lyn hatte das Gefühl, dass sie mit ihrer Meinung ziemlich allein dastand. Allerdings fand sie, dass es nun an der Zeit war, ihrer Freundin einmal beizupflichten.

„Sooo schwer ist dieser Aufsatz ja wohl wirklich nicht", versuchte sie den Streit zumindest ein wenig zu schlichten, bevor es wieder schlimm endete.

„Nur ist vielleicht nicht jeder so gut in Zaubertränke wie du", motzte Claire ungehalten weiter. Heftiges Kopfnicken von Nathaniel und Dominic unterstützten ihre Aussage.

Lyn verdrehte die Augen. So gut, dass sie alle andern in Zaubertränke um Meilen überragte, war sie bei weitem nicht, obwohl sie zugeben musste, dass ihr das Fach sehr lag.

„Es reicht mir für heute Abend", verkündete Claire und erhob sich, „wenn ihr das ja alles ach so toll findet, könnt ihr meinen Teil gerne mitmachen!"

Sie schenkte ihren Büchern einen letzten verächtlichen Blick, machte auf dem Absatz kehrt und verschwand Richtung Mädchenschlafsaal.

Lyn schüttelte den Kopf.

„Was stellt sie sich bloß immer so an?", fragte Emma ungehalten. Ohne ein weiteres Wort über Claire zu verlieren wandte sich Lyn wieder ihrem sie Aufsatz zu.

Sie hasste es, wenn Abende so endeten. Claire stiftete durch ihr ständiges Gemotze doch meist nur Unfrieden.

Wenn sie dann einmal für genug schlechte Laune gesorgt hatte, war es für Lyn ohnehin meistens gelaufen. Die Stimmung für ihren Aufsatz war ihr schon gründlich vergangen, und die mangelnde Motivation hatte auch sämtliche Ideen aus ihrem Kopf gewischt.

Schon wenige Minuten nach Claires Abgang raffte auch sie ihre Sachen zusammen, und Emma, die ihren Aufsatz ungefähr zeitgleich beendet hatte, folgte ihr in den Mädchenschlafsaal.

Lyn hoffte, dass Claire schon schlief, und bemühte sich, besonders leise die Tür zu öffnen, doch die Nachttischlampe neben dem äußersten Bett brannte noch.

„Naaa, habt ihr eure tollen Aufsätze spielend leicht zu Ende gebracht?", keifte sie auch schon direkt los.

Lyn seufzte.

„Was machst du eigentlich für einen Stress mit diesem Schulkram?", fragte sie und ließ sich auf ihrem eigenen Bett nieder.

„Was ICH für einen Stress mache? Ich bin die Einzige, die hier keinen Stress macht", giftete Claire.

„Was erwartest du, Claire?", schaltete sich Emma wieder ein, „wir sind hier in einer Schule, da wird um Schulkram nun mal ein Riesentheater veranstaltet!"

„Jah... schön... toll...", kam es unter der Bettdecke hervor.

„Was beim Barte des Merlin erwartest du eigentlich von einer Schule?", fragte Emma sie, während sie ihren Pyjama überstreifte.

„Ich erwarte zumindest nicht, dass ich von morgens bis abends nur mit lernen beschäftigt bin!" Ruckartig setzte sich Claire in ihrem Bett auf. „Und wisst ihr was? Ich meine, ich möchte sogar lernen, ja, das meine ich wirklich ernst, aber ich bin eben nicht so der theoretische Typ. Was kann ich denn dafür, dass ich eher aufgedreht bin? Da hab ich doch schon mal an dieser schule direkt Pech gehabt, es ist doch einfach bescheuert. Und nicht, dass mal sagen würde, die Schüler können wenigstens am Abend ihre Ruhe haben, nein, das müssen sie uns direkt auch wieder versauen, und zwar immer und zu jedem Zeitpunkt!"

Mittlerweile war sie aus ihrem Bett gehüpft und hatte die Hände in die Seiten gestemmt.

Lyn war etwas verblüfft. Claire gab selten Schwächen zu, und sie hätte nicht gedacht, dass sie ihre negative Einstellung gegenüber sämtlichen Lernen wirklich belastete.

„Ist doch so, oder?", rief Claire noch einmal aus. Sie hatte sich ziemlich hitzig geredet und ihre Gesichtszüge wirkten im gedämpften Schein der Lampe weniger hübsch und elegant als verzerrt und wütend. Um ihrer Stimmung noch ein letztes Mal Luft zu machen, holte sie weit aus und trat mitten in Lyns Koffer, der zu seinem Leidwesen in nächster Nähe stand.

Dieser, noch halb geöffnet, fiel nun zu Boden und der gesamte Inhalt verteilte sich zwischen den zwei Betten.

„Oh... Entschuldigung." Etwas verwirrt bückte sie sich, um das Chaos wieder in Ordnung zu bringen. Anscheinend war sie selbst ein bisschen verblüfft über ihren Ausbruch.

„Ach, komm schon gut, ich mach das", erklärte sich Lyn bereit und kniete sich zu ihr. Sie hoffte, dass das Thema damit jetzt erledigt war und sie und Emma nicht weiterhin jeden Abend, den sie mit Hausaufgaben verbrachten, endlose Beschwerden ertragen würden müssen.

„Nein, ich will das jetzt machen", sagte Claire, mittlerweile wieder amüsiert und wühlte in dem Wirrwarr herum. „Du trägst pinke Socken mit goldenem Glitzerrand?"

Sie warf Lyn einen belustigten Blick zu.

„Die hat meine Mum gekauft", meinte Lyn, während Emma ebenfalls aus ihrem eigenen Bett sprang und auf das von Lyn kletterte, um alles besser im Blick zu haben.

„Du könntest auch noch mal aufräumen", meinte sie dann zu Lyn, allerdings war es eher eine Feststellung als ein Befehl.

„Wem sagst du das?", kicherte Lyn und warf ein paar weitere Sachen zurück in den Koffer. Claire hingegen inspizierte weiter den Inhalt.

„Was ist das?", fragte sie und zog ein Stück Pergament unter einem Strickpulli hervor, „geheime Aufzeichnungen oder was?"

„Hey, sei vorsichtig damit", rief Lyn, sobald sie erkannte, was Claire in Händen hielt.

„Oh jahh... wie konnte ich vergessen, dass so ein sanftmütiges, uraltes, leeres Stück Pergament keine ruckartigen Bewegungen verträgt?", fragte sie gespielt entsetzt und hielt das Pergament in die Höhe. „Das ist doch reif für den Müll!"

Mit diesen Worten setzten ihre Hände zum Reißen an. Entgeistert versuchte Lyn es ohne es allzu sehr zu gefährden zurück in ihren Besitz zu bringen.

„Was soll denn an diesem Pergament so toll sein?", fragte Emma verwundert, „Steht das was in unsichtbarer Tinte drauf oder was soll das?"

„So ungefähr", bestätigte Lyn, sobald sie das Pergament wieder sicher in Händen hielt. Dann erzählte sie ihren Freundinnen, was es mit der Karte des Rumtreibers auf sich hatte.

„Und du meinst... die zeigt einem echt alles!", fragte Claire begeistert und ihre Wangen glühten scharlachrot.

Aber so richtig überzeugt von der Tauglichkeit waren die beiden erst, nachdem Lyn die Karte demonstriert hatte. Tatsächlich hatte sie diese vollkommen vergessen gehabt.

Allerdings war es auch nicht so, als hätte sie sie in den vergangenen Monaten wirklich gebrauchen können.

„Wow", sagte nun auch Emma beeindruckt.

„Seht ihr, da hängt Jonathan Diggle rum", sagte Claire fast ehrfürchtig, „und da sind Lorrain und Thomas... will lieber nicht wissen, was die da machen..." Fast ehrfürchtig wanderten ihren Augen über die Karte.

„Was zum Teufel machen Sirius und James da!", fragte plötzlich Emma entsetzt, „es ist schon so spät und sie treiben sich in den Kerkern rum? Das kann ja wohl nicht angehen, wenn die erwischt werden –"

„Da ist Brianna", rief Claire erfreut, „oh sie ist ja so scharf auf Howards Bruder, es ist echt schon fast unheimlich!"

Kopfschüttelnd blickte auch Lyn auf die beiden Punkte im Gemeinschaftsraum der Slytherins, die mit Hendric Burkes und Brianna Borgin beschriftet waren.

„Und wisst ihr was?", strahlte Claire, „mit diesem Ding kriege ich sie eines Tages dran, das könnt ihr mir glauben!"