Kapitel 5 – Wahrnehmung, Körper und Geist

Jahr 12, Sonnenfall

Etwas mehr als einen Monat verweile ich nun bereits hier und ich habe noch niemanden gesehen außer Vinduil, der regelmäßig meine Thalassischkenntnisse prüft. Um zu garantieren, dass ich mich hier zurechtfinde. Super. Hoffentlich bringen die nächtlichen Stunden, in denen ich, Mangels Müdigkeit, die Sprache studiere, bald etwas.

Eine aufgehende Sonne tauchte Silbermond in ein warmes Licht,

doch die Stadt war erst am Erwachen. Im Gegensatz zu dem Hochelfen, der

gerade die Straße entlang zu den Unterkünften der magischen Akademie

von Silbermond entlang schritt. Hin und wieder blickte er von seinem Manuskript

auf, um die Umgebung zu beobachten, das Spiel der Sonnenstrahlen im Brunnen,

das leise Surren der magischen Laternen, welche ihr kühles Licht verstrahlten,

die Straßen, welche durch die steigende Sonne heller und heller wurden.

Schließlich erreichte er sein Ziel, eine Quartiertür, welche zu dem separaten Teil

der Akademie gehörte, den er für sich beanspruchte.

Er klopfte kurz und trat ein. Nach einem Schritt duckte Vinduil sich plötzlich nach unten, doch es passierte nichts. Stattdessen kam aus dem hinteren Teil des Quartiers eine Begrüßung auf thalassisch.

„Guten Morgen Meister Vinduil. Diesmal brauche ich das Buch leider noch."

Vinduil räusperte sich, strich seine Robe glatt und trat zu seinem Schüler heran, der gerade zwei Bücher separat zu lesen schien und sich Notizen machte.

„Dir auch einen guten Morgen, Vincent. Ich war nur vorsichtig. Beim letzten Mal, als ich um diese Uhrzeit hier aufgetaucht bin..."

„Habe ich euch das Buch fast an den Kopf geschmissen, ich weiß. Zur meiner Verteidigung; das war das einzige Mal und es ist schon über einen Monat her. Eine Frage wenn es gestattet ist. Wie ist mein Thalassisch mittlerweile?"

„Soweit sehr gut, für die kurze Zeit, die du hier bist. Wenn auch noch etwas träge in der Melodik. Und wenn ich eine Frage stellen darf, wie war die Nacht?"

„Hm...Hab kaum geschlafen. Zwei, vielleicht drei Stunden. Ist rekordverdächtig, seit ich hier bin. Aber wie man sieht, weiß ich mich zu beschäftigen, wenn ich schon nicht schlafen kann."

Damit klappte Vincent die Bücher zu und offenbarte dadurch die Titel. 'Magica Arcanum', einmal die thalassische Ausgabe und einmal die Ausgabe in der Gemeinsprache der Menschen.

„Bücher über die Verzauberkunst?"

„Ja. Recht trocken, doch sehr nützlich um verschiedene Alltagsbegriffe zu finden und dann zu lernen."

„Wie auch immer. Jetzt, wo du die einheimische Sprache beherrschst, wird es Zeit mit deiner eigentlichen Ausbildung zu beginnen. Folge mir, Vincent."

Sogleich brach Vinduil auf und führte Vincent durch die Gänge in eine Halle, in deren Mitte eine Art Kampfring war. Die Wände waren mit Bücherregalen voll gestellt. Nahe der Decke zog sich einmal um den Raum herum eine Art Zuschauerbalkon

„Hier werden wir deine Fähigkeiten schulen."

Begann Vinduil seine Einführung mit einer Handgeste in den Raum hinein. In der Mitte des Kampfringes blieb er stehen und deutete Vincent an, sich für einen kleinen Übungskampf bereit zu machen. Als dieser die Ärmel hoch gekrempelt und sich in in eine entsprechende Haltung gebracht hatte begann Vinduil wie ein Raubtier um Vincent herum zu streifen.

Vincent seinerseits versuchte so gut wie möglich Vinduils Bewegungen wahrzunehmen. Mit den Augen, wenn dieser im Sichtbereich war und mit seinem Gespür, wenn sich Vinduil in seinem Rücken befand.

„Wahrnehmung...das Sehen mit all unseren Sinnen, mit unserem Instinkt, unserer Intuition. Nur Narren verlassen sich allein auf ihre Augen"

In diesem Moment schnellte Vinduil nach vorn, um einen Schlag auszuführen. Vincent schaffte es jedoch sich zu Vinduil zu drehen und den Angriff abzufangen. Da jedoch sein Gegenschlag ins Leere ging, brachte Vincent mit einem kleinen Satz nach hinten wieder etwas Entfernung zwischen sich und Vinduil.

„Dein Körper...ist dein Werkzeug."

Vinduil setzte erneut einen Schlag an, Vincent hob seine Arme um diesen abzufangen. Dass dieser Schlag nur eine Finte war, merkte Vincent auf die schmerzhafte Weise, als ihn ein gezielter Tritt gegen seine Knöchel aus dem Gleichgewicht brachte und er sich nach einem weiteren Schlag auf dem Boden wiederfand.

„Dein Geist...ist deine Klinge."

Allmählich kroch die Wut in Vincent hoch, weshalb er schnell aufstand und nun seinerseits in die Offensive ging. Mit einem Ausfallschritt schloss er die Distanz zwischen sich und Vinduil und holte zum Schlag aus. Vinduil tauchte jedoch seitlich weg und stellte Vincent ein Bein, über das er wegen seinem Schwung stolperte und nach einem Schlag Vinduils in den Nacken erneut auf dem Boden lag.

„Disziplin...ist das Mittel um alle drei zu beherrschen."

Erneut rappelte sich Vincent hoch und kämpfte seine Wut nieder, da er erkennen musste, dass sie ihm hier nichts bringen würde. Stattdessen versuchte er, wie Vinduil, eine Finte. Er deutete einen Schlag auf Kopfhöhe an, nur um schnell an Vinduils Verteidigung vorbei einen Hieb auf seinen Solarplexus zu landen. Dass sein Schlag jedoch nicht die erhoffte Wirkung gehabt hatte, zeigte sich, als Vincent im nächsten Moment bereits einen Faustschlag ins Gesicht kassierte, der ihn benommen nach hinten taumeln ließ. Vinduil nutzte diese kurzzeitige Hilflosigkeit, indem er Vincent packte und mit einem Schulterwurf erneut gen Boden schmetterte.

Vincent sammelte sich kurz, bevor er dann wieder auf die Beine kam. Vinduil pfiff anerkennend als er sah, wie sich sein Schüler mit schmerzverzogenem Gesicht und blutender Nase wieder aufrichtete, um weiter zu machen. Vinduil befand es jedoch für passender, den Kampf zu beenden.

„Es reicht Vincent. Wir beide wissen, dass du mir noch nicht gewachsen bist. Also lassen wir es darauf beruhen."

Vinduil ging auf Vincent zu und half ihm, sich auf einen Stuhl zu setzen. Anschließend stellte er Gläser auf den Tisch und befüllte diese aus einer bereitstehenden Karaffe mit einer goldgelben Flüssigkeit. Er nahm sich ein Glas und prostete Vincent zu, als er seine Belehrung fortsetzte.

„Ich bin beeindruckt. Nicht viele finden so früh zur Erkenntnis, dass Zorn meist eine sehr...ungeeignete Quelle für unsere Kräfte ist. Außerdem muss ich zugeben, dass du ziemlich zäh bist... für einen Menschen. Und da ist eine gewisse Sturheit, die damit einher geht. Eine ziemlich interessante Mischung, deren Hartnäckigkeit wir wohl sehr bald erleben werden, wenn du die Grundzüge von Wahrnehmung, Körper und Geist erst einmal beherrschst."

„Laufen die nächsten Lektionen auch darauf hinaus, dass ich einen auf die Zwölf bekomme?"

„Nicht immer. Das hier war nur zur Einstimmung, damit du siehst, was du am Ende erreichen kannst. Sofern ich es für angebracht halte, werden wir derlei Übungskämpfe wiederholen, um zu sehen wie weit deine Fortschritte sind, doch vorerst konzentrieren wir uns auf weniger schmerzhafte Methoden um Körper und Geist entsprechend zu trainieren. Und jetzt warte hier. Ich hole schnell einige Utensilien für später."

Damit drehte sich Vinduil weg und verließ die Übungshalle. Allerdings konnte er es sich nicht verkneifen, sich draußen an die Wand zu lehnen und ein paar Mal kräftig durchzuatmen. Der letzte Schlag von Vincent, der durchgekommen war, war eben doch härter gewesen, als Vinduil hatte zugeben wollen.

In der Halle saß Vincent noch immer auf dem Stuhl und versuchte einen Heilzauber zu kanalisieren, um seine blutende Nase zu richten. Als er von oben ein Kichern hörte unterbrach er kurz seine Tätigkeit um nachzusehen, konnte jedoch nichts auf dem Zuschauerbalkon erkennen. Also nahm er seine Heilung wieder auf, bis er mit dem Ergebnis, einer nicht mehr blutenden Nase und ein paar Schmerzen weniger, zufrieden war. Zu diesem Zeitpunkt betrat auch Vinduil die Halle wieder und reichte Vincent als erstes ein feuchtes Tuch, damit dieser das Blut aus seinem Gesicht entfernen konnte.

„Schön, dich wieder als Menschen erkennen zu können", brachte Vinduil amüsiert hervor, was Vincent dazu veranlasste das Tuch beiseite zu legen und Vinduil mit einen Todesblick zu bedenken.

„Jetzt schau nicht so, das entstellt dich völlig. Versuch eher einen gelassenen Eindruck rüber kommen zu lassen...ja so in etwa...noch nicht ganz...genau so.", kommentierte Vinduil Vincents Versuche, „gelassen" auszusehen. Am Ende war es ihm jedoch geglückt, so dass er nun den Eindruck erweckte, eine derartige Abreibung wäre lediglich zum Aufwärmen gut gewesen.

„Sehr gut, sehr gut. Übe das immer ein wenig, vielleicht sogar am Spiegel. Das lässt dich gleich um einiges professioneller aussehen. Und jetzt versuche den Ausdruck beizubehalten, während wir ein paar Übungen machen, damit deine Bewegungen endlich etwas geschmeidiger werden."

Damit begann Vinduil Bewegungsabläufe vorzuführen, welche Vincent versuchte nachzustellen. Erst recht unbeholfen, doch dann immer sicherer und flüssiger.

Jahre sollten vergehen, in denen aus einzelnen Bewegungen ganze Bewegungsserien wurden, aus den Serien entwickelte sich schließlich eine Art Tanz aus Hieben und Tritten.

Meine Ausbildung nimmt nun ihren Lauf.