„Bedaure, aber derzeit driften wir ohne Antrieb am Rande des Duros Space Run, irgendwo, auf der Höhe von Kaal, und warten auf den Pannendienst."
„Pannendienst?", echote Irene perplex. „Sie haben eine ... Panne?"
„Das verdanken wir den Piraten, die uns gestern Abend überfielen ...", erklärte Ahab. „Nachdem sie bemerkten, dass sie den falschen Frachter geentert hatten und es bei uns nicht viel zu holen gab, nahmen sie notgedrungen mit unseren persönlichen Comlinks, und Chronos, einen nicht unerheblichen Betrag an Credits und dem Astromech vorlieb, legten unseren Antrieb und das Schiffscom lahm und verschwanden, wie sie kamen. Es hätte um einiges übler enden können. Wir hatten Glück im Unglück. Ohne anständigen Funkkontakt, dem Astromech, auf dem die detaillierten Holokarten mit den Feriendestinationen gespeichert gewesen wären, und unserer Urlaubskasse werden wir den Rest unseres Ferientrips jetzt allerdings vermutlich knicken können. Bitter, denn wir waren gerade einmal zwei Tage unterwegs. Aber wie sagt man so schön? Wenn jemand eine Reise tut ..."
„Was ...?", hauchte Irene. Sie fiel aus allen Wolken. Deshalb hatte also jeder von Piraten geredet? Ahab und die anderen waren nichts weiter als harmlose Touristen, unterwegs, mit einem gemieteten Frachter? Kein Wunder, waren alle so angespannt gewesen, als sie hier angekommen war! Sie war mitten in ein Szenario geschlittert, in welchem jeder noch damit beschäftigt gewesen war, ein recht traumatisches Erlebnis zu verarbeiten. Bei der Vorstellung, wie es hier vor ein paar Stunden zu und her gegangen sein musste, lief es ihr eiskalt über den Rücken.
„Das Schiff funkt momentan über einen versteckten Zusatz-Transmitter ein codiertes Notsignal an unseren Reiseanbieter. Spätestens in ein paar Stunden dürfte Hilfe eintreffen. Du hast mein Wort, dass ich alles in meiner Macht stehende tun werde, damit du danach überall hinkommst, wo du hin möchtest, nach Hause, oder auch in den Jedi-Tempel, wenn es denn unbedingt sein muss."
Unverhofft hatte sich etwas in seine Stimme geschlichen, das Irene stutzen liess. Ein Unterton, den sie so von ihm noch nicht kannte. „Sie mögen keine Jedi ...", stellte sie ernüchtert fest.
„Nicht besonders, nein", erwiderte er schlicht. Einen Moment lang blickten sie sich schweigend an, bevor er hinzufügte: „Ich bin froh, dass du keine von ihnen bist."
Sie unterliess es weiter zu bohren. Dons Bemerkung, dass Ahab wegen des Lichtschwertes nicht begeistert sein würde, Ahabs eigenes Verhalten ihr gegenüber, seine vermeintlich triumphierende Reaktion, als sie bei ihrem Telekineseversuch so kläglich versagte ... War das gar keine Schadenfreude gewesen, sondern bloss Erleichterung? Plötzlich ergab das alles einen Sinn! Etwas Hässliches musste in seiner Vergangenheit vorgefallen sein, in das der Jedi-Orden involviert gewesen war. Etwas, über das sie lieber erst gar nicht näher Bescheid wissen wollte, möglicherweise, weil es ihr Bild über die Jedi nachhaltig erschüttert hätte. Es gab Dinge, an denen man besser nicht rühren sollte! „Es tut mir leid." Irgendwie fühlte sie sich in diesem Moment mitverantwortlich für eine Sache, an welcher sie nie beteiligt gewesen war.
Sie erntete ein freundliches Nicken und die Andeutung eines Lächelns.
„Danke, dass Sie mir trotzdem helfen."
Was er bislang getan hatte, war keine Selbstverständlichkeit – unter diesen Voraussetzungen schon gar nicht. Wenn man es näher betrachtete, konnte sie von Glück reden, hier und heute an jemanden wie Ahab geraten zu sein. Er glaubte ihr ihre Geschichte, weil er wusste, dass sie die Wahrheit erzählte. Deswegen war er auch bereit ihr zu helfen und er schien sie zu mögen, wenngleich sie ihm bislang kaum einen triftigen Grund dafür geliefert haben dürfte. Denn, sachlich betrachtet, hatte sie bei ihm doch eher gleich zu Beginn mehr Sympathiepunkte verspielt als hinzugewonnen.
„Keine Ursache. Solange die Lebenserhaltungssysteme, die Kühleinheit und der Kaf-Prozessor ihren Dienst tun, ist alles im grünen Bereich." Erneut zeigte er ihr sein entwaffnendes Grübchen-Grinsen und prostete ihr zu. Er schien ihn nicht lassen können, diesen einmal mehr und einmal weniger dezenten Sarkasmus. Vermutlich war das einfach seine Art und entweder man kam damit klar, oder man ging sang- und klanglos unter.
Irene hatte allerdings nicht vor unter zu gehen. Dazu übte Ahab bereits eine zu grosse Faszination auf sie aus. Automatisch griff sie nach ihrem Becher und trank. Wonach das inzwischen nur noch lauwarme Gebräu tatsächlich schmeckte, war schwer zu sagen, aber es war recht gut. Und es lenkte von den Grübchen ab, zumindest solange man sich auf den eigenen Becherrand konzentrierte. Die Saite, die Ahab in ihr zum schwingen gebracht hatte, summte derweil munter weiter und ihre Lekku waren schon wieder, in enthusiastischer Verwicklungsabsicht, unterwegs nach vorne. Die unziemliche Frage, wie sich Ahabs Lippen wohl auf ihren anfühlen würden, schwappte ungewollt in ihr Bewusstsein.
Das Zischen der sich öffnenden Tür liess Irene erst zusammen und dann herumfahren, ehe ihre Fantasie komplett mit ihr durchgehen konnte.
Ein untersetzter Sullustaner mit akkurat gestutztem Bärtchen und kurz geschorenem, grauem Haarkranz hatte den Raum betreten. Barfuss, und gekleidet in eine hellblaue Hose und ein abgetragenes, vermutlich ehemals schwarzes Shirt, wankte er an ihnen vorbei zur Küchenzeile, ohne auch nur einem von beiden Beachtung zu schenken.
„Morgen, Pip", begrüsste Ahab ihn aufgeräumt, während Irene vor Überraschung über das Auftauchen eines weiteren, fremdartigen Besatzungsmitgliedes ihren Einsatz verpasste.
Sie verfolgte aus dem Augenwinkel, wie der Nautolaner sachte nach dem Lichtschwert griff und es diskret unter dem Tisch verschwinden liess.
„Kaf ...", brummte der Gegrüsste nur griesgrämig und bediente wie auf Autopilot das Gerät, bevor er verschlafen an den Holotisch zurückgeschlurft kam und sich vor Ahab aufbaute. „In der Hygieneraum-Türe hat es ein Loch", beschwerte er sich. „Und sie schliesst nicht mehr sauber."
„Tatsächlich?" Die Augen des Nautolaners blinzelten träge. „Trink erst mal deinen Kaf, Pip, du bist vor deinem zweiten Becher immer so unausstehlich."
Der Sullustaner tat wie ihm geheissen und schlürfte vorsichtig an seinem Getränk. „Ich will nicht meckern, aber ich finde das merkwürdig. Du weisst, ich lege viel Wert auf meine Privatsphäre und dieses Loch war vor zwei Stunden noch nicht da."
„Ich sehe es mir nachher an", versprach Ahab.
„Und wer ist das da?" Pips kurze Stummelfinger deuteten fast schon anklagend auf Irene.
„Irene", antwortete Ahab.
Irene brachte mit Mühe ein leise gemurmeltes „Hallo" zustande und hob die Hand zu einem schüchternen Winken. Dieser kleine, unwirsche Kerl erinnerte sie an eine übel gelaunte Bulldogge und schüchterte sie mehr ein, als Don.
„Irene ...?" Die Augen des Sullustaners schienen sich um einen Millimeter weiter zu öffnen. „Bist du eine von Dons Matratzen-Bekanntschaften?", wollte er unverblümt wissen.
Irene durchfuhr es ob dieser Anschuldigung siedend heiss. „Ich ...?" Wie konnte dieser impertinente Wicht nur denken, dass sie und ... und Don ...? Ausgerechnet DON!
„Irgendwann schneid' ich diesem dauerbrünftigen Sohn eines Hutten seine warzige Bumsnudel ab", prophezeite Pip, mehr an sich selbst, als an die anderen beiden am Tisch gerichtet.
„Trink einfach deinen Kaf", wiederholte der Nautolaner zuckersüss und rückte etwas zu Irene auf, um dem Neuankömmling Platz zu machen. „Don ist dieses Mal ausnahmsweise unschuldig."
Pip liess sich auf die Bank plumpsen. Sein Blick wanderte zwischen Irene und Ahab hin und her. „Verstehe", meinte er schliesslich gedehnt. „Das erklärt dann ja auch, weshalb sie deine Jacke trägt ..."
„Es ist nicht, wie du denkst. Der jungen Dame war lediglich kalt", kam es gleichmütig von Ahab. „Lass sie in Ruhe."
„Heilige Ting, sieh sie dir an! Dieses Küken könnte deine Tochter sein!", fuhr der Sullustaner auf und wies empört mit beiden Händen auf Irenes verschlungene Lekku. „So viel verstehe auch ich noch von Twi'lek Körpersprache ... Wir waren uns einig, Ay, keine Nuna-Geschichten auf dieser Reise. Wenigstens einmal ein verkriffter Poodoo-Urlaub mit euch, ohne Affären!"
Es war erstaunlich, wie gelassen Ahab angesichts des zeternden Sullustaners bleiben konnte. „Komm runter", sagte er bloss. Anscheinend war er solche Ausbrüche bereits gewohnt.
Irene war indessen, weit weniger gelassen, aufgesprungen. Sie wollte nur noch weg! Weg von diesem sullustanischen Bulldoggen-Verschnitt, der aussah, als wollte er ihr demnächst an die Gurgel fahren. Da half auch Ahabs beschwichtigend nach ihr ausgestreckte Hand nichts mehr.
Im Nachhinein liess sich freilich nicht mehr genau sagen, woran es lag. Vielleicht am Schwung, vielleicht am Kaf, an den viel zu hohen Schuhen, an ihren schweren, und zudem noch verknoteten Lekku, an ihrer eigenen Aufregung, oder auch einfach an der Kombination aus allem. Jedenfalls verlor sie das Gleichgewicht und fiel hintenüber. Sie registrierte noch, wie ihr rechter Knöchel nachgab und die Sandale ihr vom Fuss glitt, als die zierlichen Riemchen rissen, bevor die Fliegenklatsche ein zweites Mal erbarmungslos zuschlug.
