Er streifte noch ein wenig über den Parkplatz, aber es gab keine Spuren mehr des Angreifers, keine verlorene Brieftasche, kein Autoschlüssel, nichts.

Im Krankenhausgebäude nahm er denselben Weg über das Treppenhaus zurück, stieß die Tür zur Station 7 auf und suchte nach Murray.

Er fand ihn vor Atkins Zimmer. Murray lehnte wie ein Fragezeichen an der Wand und hielt sich die Wange. Seine Brille hing schief und seine Haare waren durcheinander, aber wenigstens stand er aufrecht.

„Murray."

Cody eilte näher.

„Oh, Cody… Cody, gut, dass du da bist…"

Murray fingerte an seiner Brille herum für die bessere Durchsicht, aber Cody fürchtete, die hatten sie verloren.

„Murray." Cody legte eine Hand auf die Schulter seines Freundes. „Bist du in Ordnung?"

„Ja… irgendwie, bis auf…"

Cody sah jetzt erst Murrays rechte Gesichtshälfte, die bisher von ihm abgewandt war. Eine ansehnliche Prellung war dort zu sehen, die bereits begonnen hatte, sich zu verfärben.

„Wie ist das passiert? Hat er dich noch erwischt?"

„Nein…" Murray atmete heftig durch. „Das war Atkins. Naja, nicht Atkins, ich meine, der… der Nicht-Atkins. Jemand kam und hat ihn aus dem Bett gezerrt und- oh, Cody, ich glaube, man hat ihn entführt."

„Entführt? Atkins?" Cody schüttelte verwirrt den Kopf. „Wer sollte ihn denn entführen? Wer war das? Hast du ihn gesehen, Murray, kannst du ihn beschreiben?"

„Nein," bedauerte Murray. „Ich wollte es verhindern und bin von hinten auf ihn drauf, weißt du, und dann hat er einmal mit dem Ellbogen ausgeholt und-"

Murray zuckte mit den Schultern. „Vielleicht hat er mich gar nicht gemeint und wollte sich nur umdrehen. Als ich wieder was sehen konnte, waren sie beide weg."

Cody berührte vorsichtig mit dem Finger die frische Prellung. Murray zuckte zusammen.

„Wollen wir das von einer Krankenschwester ansehen lassen?" fragte Cody. „Die Gelegenheit wäre gerade günstig."

Murray seufzte tief.

„Das haben wir in den Sand gesetzt, oder?" sagte er.

„Auf ganzer Linie!" antwortete Cody.

Nick war auf, als sie am Abend nach Hause kamen, saß im Salon am Tisch, vor ihm die Unterlagen zu ihrem Fall, die er gelesen, mit Notizen versehen und in eine Reihenfolge gebracht hatte. Als Cody und Murray die Riptide betraten, seufzte Nick tief, als er sie sah.

„Sag es nicht", warnte Cody ihn.

Nick unterdrückte ein Grinsen.

„Was?"

Cody ließ sich mit einem Aufstöhnen auf die nächste Sitzbank fallen.

„Dass offenbar wir es sind, die nicht allein gelassen werden können."

Nick schmunzelte.

„Wäre mir nie in den Sinn gekommen." Dann verschwand sein Lächeln. „Ernsthaft: seid ihr verletzt?"

„Nein", antwortete Murray und setzte sich. „Nicht richtig. Abgesehen von unserem Stolz."

„Was machst du da?" fragte Cody erstaunt, als er die Papiere auf dem Tisch sah.

„Hatten wir dir nicht verboten, zu arbeiten?"

Nick überlegte.

„Nicht ausdrücklich", verteidigte er sich.

„Das stimmt", warf Murray ein und kicherte.

„Was ist euch passiert?" fragte Nick.

Cody fasste in wenigen Sätzen zusammen, was in den letzten Stunden geschehen war und Nick stieß einen Fluch aus.

„Schon wieder eine Spur im Arsch", fügte er hinzu.

„Das würde ich nicht sagen", widersprach Murray. „Wir haben wichtige Erkenntnisse erworben…" Dann ging ihm die Luft aus und er sackte ein wenig in sich zusammen.

„Nein, du hast recht, Nick. Die Spur ist im Arsch."

Nick beugte sich etwas zu ihm herüber, legte eine Hand vorsichtig an Murrays Wange und inspizierte das Veilchen.

„Das solltest du so schnell wie möglich kühlen", riet Nick. Dann warf er Cody einen prüfenden Blick zu.

„Was ist mit dir?"

Cody zuckte mit den Schultern und fuhr gleich darauf vor Schmerz zusammen.

„Das Übliche. Ein paar blaue Flecken."

Nick hielt seinen Blick.

„Wirklich?"

„Wirklich", versicherte Cody. „Du bist immer noch der einzige schwere Fall hier."

Nicks Miene verdüsterte sich etwas.

„Es geht mir gut."

„Ja", sagte Cody, stand auf und streckte vorsichtig die Arme durch. „Ich weiß. Wie immer." Er fischte ein Tablettenröhrchen aus der Hosentasche und gab es Nick.

„Hier."

„Was ist das?" fragte Nick.

„Salztabletten", antwortete Cody. „Weißt du noch? Wenn wir in Vietnam Malaria hatten, haben wir die immer genommen."

Nick nahm das Röhrchen in die Hand und studierte die Aufschrift.

„Schwer zu vergessen, so eklig, wie die sind."

„Ihr hattet Malaria?" staunte Murray. „Beide?"

„Jeder in Nam hatte es", antwortete Nick. „Mehr oder weniger schwer."

„Wir bekamen Medikamente, um das Schlimmste zu verhindern", warf Cody ein,

„aber man bekam es trotzdem. Allerdings hatten wir Glück, es waren nur leichte Schübe. Oder?"

Sein Freund nickte, in Gedanken versunken.

„Versuchs trotzdem mit den Tabletten", bat Cody ihn. „Dann geht's dir vielleicht besser."

Nick sah auf, nicht begeistert.

„Ich hatte gehofft, die Dinger nie wieder sehen zu müssen."

Cody lächelte mitfühlend.

„Ich weiß." Dann wurde seine Miene ernst. „Wir sollten deinen Verband wechseln."

Nick sah ihn mit einem seltsamen Ausdruck in den Augen an.

„Okay", sagte er.

Die Wunde sah gut aus; die Heilung hatte sichtlich Fortschritte gemacht und die Naht war sauber, nur noch stark gerötet. Die Haut rund um die Wunde fühlte sich noch ein bisschen zu warm an, aber der Anblick war kein Vergleich mehr zu dem vor dem Besuch in der Notaufnahme.

Cody entfernte den alten Verband, trug Wundsalbe auf, deckte die Wunde wieder mit neuen Auflagen ab und wickelte sorgsam die Mullbinde um Nicks Unterarm. Sein Freund gab keinen Kommentar ab, auch nicht, als Murray sagte: „Wow. Sieht schon viel besser aus, Nick."

Cody lächelte.

„Das gibt eine interessante Narbe ab, mein Freund."

Nick zeigte die Andeutung eines Lächelns.

„Deshalb ja der ganze Aufwand", sagte er trocken.

Cody grinste.

Nick nahm die Salztabletten zusammen mit den Antibiotika und räumte die Papiere zusammen.

„Ich gehe ins Bett", gab er bekannt.

Murray, der mit einem Eisbeutel seine Prellung kühlte und Cody wechselten einen Blick.

„Was?" fragte Nick. „Braucht ihr mich hier noch?"

„Nein", sagte Cody. „Schon gut. Leg dich hin."

Nick blieb am Tisch stehen, etwas schwankend und stützte sich unauffällig mit einer Hand ab.

„Nick", sagte Cody sanft. „Geh ins Bett, es ist okay. Du bist noch nicht wieder auf dem Damm."

„Hast du den Mann erkannt?" fragte Nick.

Cody überlegte.

„Er hatte ein Allerweltsgesicht", gab er zu. „Ich würde ihn wiedererkennen, aber er ist schwer zu beschreiben."

„Schwer oder unmöglich?" fragte Murray und lüftete das Eis von seinem Auge.

Cody ging in sich.

„Naja… etwa 1,80 groß, weiß, durchschnittlicher Kurzhaarschnitt, dunkelblond, du weißt schon. Keine besonderen Merkmale… außer einem verdammt harten Tritt."

Nick verzog mitfühlend das Gesicht.

„Nick", sagte Cody. „Du bist ja immer noch hier."

Nick starrte ihn einen Moment lang an, dann wandte er sich ab.

„Nacht, Jungs."

„Gute Nacht, Nick", antwortete Murray dumpf durch den Eisbeutel hindurch.

„Nacht", sagte Cody.

Sie sahen ihrem Freund nach; Cody blickte auf die Uhr. Es war noch nicht mal acht.

„Er ist noch nicht wieder gesund, Cody", sagte Murray ruhig. „Er muss sich noch erholen."

„Ich weiß", antwortete Cody. „Er spielt uns was vor."

„Nein", widersprach Murray. „Er haushaltet mit seinen Kräften. Das ist doch gut."

Cody seufzte, dann nickte er.

In der Nacht musste Nick sich übergeben.

Cody wachte erst auf, als Nick aus dem Bad zurückkam und sich wieder auf sein Bett legte, zu entkräftet, um sich zuzudecken.

„Was ist?" fragte Cody schlaftrunken. „Nick? Alles okay?"

Sein Freund antwortete nicht, aber als Cody sich auf der Bettkante niederließ, konnte er mit einem Blick erkennen, dass Nick gerade in seiner Genesung zurückgeworfen worden war.

„Was ist los?" fragte Cody nachdrücklich.

Nick antwortete nicht sofort. Er atmete stoßweise und starrte mit glasigem Blick an die Kajütendecke.

„Nick?" fragte Cody. Seine Besorgnis stieg. Er legte den Handrücken an Nicks Wange: sein Freund fühlte sich heiß an, und doch war seine Haut klamm.

„Ich habe die Salztabletten nicht vertragen", sagte Nick heiser.

Cody stutzte.

„Oh", machte er, als er verstand.

Nick drehte den Kopf etwas und suchte Codys Blick.

„Keine Selbstmedikation mehr", sagte er. „Bitte."

Cody nickte, dann atmete er tief durch.

„Wir sollten einen Arzt holen", sagte er. „Du kommst nicht wieder auf die Beine, das macht mir Sorgen. Der Schwindel, das Fieber-"

Nick winkte ab.

„Mach dir keine Mühe", bat er und schloss erschöpft die Augen. „Ich kann morgen selbst zum Arzt gehen."

Eine Weile lang betrachtete Cody seinen Freund nachdenklich. Dass er freiwillig ärztliche Hilfe suchte, verriet Cody einiges darüber, wie Nick sich wirklich fühlte. Er erwog, sich über den Wunsch seines Freundes hinwegzusetzen und sofort einen Arzt zu holen, dann entschied er sich dagegen.

„Versprochen?" fragte Cody.

Nick schlug die Augen auf, etwas verwirrt; offenbar hatte er den Faden ihrer Unterhaltung schon wieder verloren.

„Was?"

„Dass du morgen zum Arzt gehst. Ich begleite dich."

Nick blinzelte.

„Nicht nötig."

„Doch", widersprach Cody. „Das ist meine Bedingung. Sonst hole ich jetzt sofort einen Notarzt."

Nick warf Cody einen skeptischen Blick zu.

„Schon gut, ganz ruhig", lenkte er ein. „Alles, was du willst."

Cody nickte, dann stand er von der Bettkante auf, ging ins Bad und suchte nach einem sauberen Waschlappen. Er fand einen im Schrank, feuchtete ihn an und kehrte zurück an die Seite seines kranken Freundes. Behutsam kühlte er Nick die Stirn, dann legte er den Lappen auf dem Nachttisch ab und atmete tief durch.

„Mein Gott, Nick", sagte er matt.

Ende des ersten von zwei Teilen

Verfasst (mit einer großen Unterbrechung) zwischen dem 2008 und dem 2013

Facts & Fiction:

Meine Kenntnisse in Notfallmedizin und Diesel- sowie Sikorskytechnik sind begrenzt. Ich bin aber dankbar für Hinweise auf grobe Fehler.

Weder die California Life & Boat Insurance Company noch die Atkins Construction Company gibt es wirklich; der Fund des fossilen Wal-Skelettes im Jahr 1986 in Laguna Niguel ist allerdings Tatsache. Die Small Boat Design and Repair gibt es, allerdings in der Gegenwart und nicht in Long Beach. Der Firmenname klingt allerdings so allgemein, dass ich mir erlaubt habe, ihn zu borgen.

Die zusätzlichen Bootsnamen sind auch alle erfunden; die Stargazer ist natürlich ein Salut an eines meiner anderen Lieblingsfandoms, Star Trek. Sorry, dass ich sie explodieren lassen musste.

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