„Bitte, lass mich aufhören dich zu lieben."
Ihre Nägel kratzen über mein Rücken und hinterlassen brennende Spuren, als sie wie wild versucht, die Lagen nasser Kleidung von mir abzustreifen. Mittlerweile hat sie aufgehört zu weinen.
Und mir wird klar .. Nicht so. Ich will nicht Jahre lang gewartet haben, nur um das ganze hier im Schlamm und Regen enden zu lassen. Nicht hier. Nicht so. Und nicht, wenn sie meinen Bruder nächsten Samstag heiratet.
„Hermine, hör auf", krächze ich mit zittriger Stimme und versuche, ihre Hände mit meinen festzuhalten.
Sie erstickt meine Worte indem sie meinen Mund mit ihrem bedeckt und ihre Hände unter mein Shirt schiebt. Der plötzliche, leichte Kontakt ihrer Fingerspitzen mit meiner Brust stößt mich wieder zurück in die Realität.
„Hermine. Hör auf.", befehle ich, jetzt mit festerer Stimme, greife mir ihre beiden Handgelenke und versuche, sie von mir zu schieben. Sie kämpft jetzt genau so darum, mich berühren zu können, wie sie vorhin noch darum gekämpft hatte, mich von ihr zu schieben. Sie setzt sich auf meinen Schoß während ich ihre Hände weit von ihr halte und atmet schwer.
„Ich dachte, dass es das ist, was du willst.", sagt sie, fast schon knurrend. Sie sieht beinahe besessen aus. Die Rage, in der sie sich noch vor Minuten befand, ist wiedergekehrt und flackert gefährlich in ihren Augen. „Wenn es dir also doch nur um Sex geht, dann können wir das hinter uns bringen. Wenn es nur das ist dann können wir es beenden. Dann kann ich aufhören, so zu sein."
„Hermine, mach dich nicht lächerlich.", schimpfe ich und bringe es fertig sie von mir herunter und auf die feuchte Erde zu schieben. Ich lasse ihre Hände los und versuche, wieder auf die Füße zu kommen.
„Denkst du wirklich, dass ich nur mit dir schlafen will?", frage ich ungläubig auf ihr Angebot hin. „Denkst du das wirklich von mir?"
Ihr Gesichtsausdruck wird weicher, als ein Schmerz der Schuld sie trifft. Denkt sie an Ron? Denkt sie an mich? Denkt sie überhaupt an irgendjemanden außer an sich selbst?
„Nein .. Ich .."
„Du glaubst wirklich, dass ich all die Jahre nur gewartet habe um am Ende damit zufrieden zu sein, dich hier im Schlamm neben der Heulenden Hütte zu ficken?"
„Ich .. Nein ..", murmelt sie und sieht vom Boden aus zu mir hoch.
„Natürlich will ich dich. Aber ich will mehr als nur das. Ich brauche mehr als nur das!", sprudeln die Worte aus mir heraus. Ich schleiche um sie als wäre sie ein verwundetes Tier, als würde ich nur darauf warten, zuzustoßen. „Willst du gerade nur noch ein Letztes mal nach der Luft der Freiheit schnappen bevor du für immer glücklich leben wirst?"
„Ich .. Ich will nicht ..", stottert sie.
„Wenn das,", beginne ich und schlucke hart. „Wenn das wirklich das ist, woran du glaubst, dann habe ich nie gewusst, dass du so grausam sein kannst, Hermine. Erst zu sagen, dass du mich liebst .. Du bist einfach nur kaltschnäuzig, rachsüchtig und auf grausame Weise böse. Und wenn das der Grund ist? Der Grund für unser Techtelmechtel? Das würde doch wunderbar passen. Ich bin fertig damit."
Und so balle ich meine Fäuste, biete meine letzte Kraft auf, drehe mich um und gehe weg. Ich sehe nicht einmal zurück und schließe meine Augen, drehe mich halb und disapperiere auf dem Fleck.
Doch zur Wohnung kann ich jetzt nicht zurückgehen. Ich könnte es nicht ertragen. Und als ich meine Augen öffne bin ich erleichtert, direkt vor der Grenze zu meinem wahren zu Hause zu stehen. Dem Fuchsbau.
Ich frage mich, ob immer noch jemand wach ist. Ich sehe auf die Uhr und bin überrascht, dass es gerade erst Mitternacht wird.
Ich komme kaum noch hier her. Es ist zu seltsam. Das Haus sollte sich ohne alle sieben Kinder leer anfühlen. Oft kann man Geräusche hören, die noch vor Jahren durch das Haus hallten. Wie die Zwillinge Percy durch das Haus hetzen oder wie Ron einen seiner Wutanfälle hat oder Mums freudiges Quietschen wenn eins von uns Kindern es geschafft hatte, zum Vertrauensschüler oder sogar zum Schulsprecher gewählt zu werden oder irgendetwas in der Art. Etwas unbekümmertes. Etwas, das mit der Familie zu tun hat.
Ohne, dass ich groß nachdenken muss, tragen mich meine Füße den Weg zum Haus hinauf. Ich sehe auf, vom Anblick meines Elternhaus beruhigt und bezaubert.
Sobald ich die Tür aufdrücke sehe ich meine Mutter am Abendbrottisch sitzen, sie sieht sehr sorgenvoll aus.
Sie sieht zu mir auf, legt ihre Hand auf ihr Herz und kommt hastig auf mich zu um mich in eine starke, warme Umarmung zu ziehen.
Deswegen bin ich hergekommen. Ich brauche meine Mum einfach. Ich brauche sie um mich halten zu lassen und damit sie mich beruhigt. Ich kann nicht aufhören, an ihrer Schulter zu weinen.
„Oh Ginny, Ginny.", seufzt sie erleichtert und streicht über mein Haar. Bald darauf bemerkt sie, dass ich an sie gelehnt weine, wie ein Kind an ihre Brust gekuschelt. „Oh Ginny, was ist denn los?"
„Ich bin so unglücklich, Mum.", murmle ich und versuche erst gar nicht, den Fluss den Tränen zurückzudrängen. „Ich will einfach nur, dass es mir wieder gut geht."
„Meine Ginny, wieso bist du denn so unglücklich?", flüstert sie in mein Ohr. „Was kann ich tun? Wie kann ich dir helfen?"
Sie schiebt mich leicht von sich und glättet meine Haare während sie mir in die feuchten Augen blickt.
„Mum. Ich ..."
Ich werde von dem Geräusch einer Eule unterbrochen, die gegen die Fensterscheibe fliegt. Diese launische, dumme Eule hat sich nach all der Zeit nicht sehr verbessert. Es ist Pigwidgeon, Rons Eule. Ron schreibt meiner Mutter um diese Zeit einen Brief.
Hin- und hergerissen dazwischen mich festzuhalten und die Eule hereinzulassen entscheidet sie sich, mich bei der Hand zum Fenster zu ziehen. Sie entriegelt das Fenster und diese dumme Eule springt herein, wie wahnsinnig schuhuend.
Er fuchtelt mit seinem Bein in der Luft herum und Mum versucht behutsam, die Schriftrolle mit ihrer freien Hand abzumachen. Pig flattert hinüber zum Wasser und macht sich über das Futter her als wäre es ein Festmahl, während Mum widerstrebend meine Hand los lässt, um den Brief zu lesen.
Nachdem sie ihn schnell aufrollt und überfliegt stößt sie einen Seufzer der Erleichterung aus.
„Hermine ist zurückgekommen.", sagt sie sanft. Ich bin mir nicht mal ganz sicher, ob sie überhaupt mit mir redet. Könnte auch sein, dass sie es einfach nur laut vor sich hin sagt.
„Richtig", murmle ich und bewege mich zum Kühlschrank, um mir etwas Wasser zu holen.
Sie sieht sich nach mir um, den Brief fest in ihrer Hand. „Hermine ist diesen Abend disapperiert als sie, Ron und ich uns gerade über die Hochzeitspläne unterhalten haben.", erklärt sie mir. „Ron schickte mich nach Hause und versprach, mir eine Eule zu schicken, wenn sie zurück kommt. Er kam mir nicht sehr besorgt vor."
Ich nehme einen ordentlichen Schluck Wasser, nicke langsam und meide den Blick meiner Mutter.
„Weißt du, wo sie war?", fragt sie mich vorsichtig. Sie blickt wieder auf den Brief. „Ron meint, dass sie dreckig war, als sie nach Hause gekommen ist. Das ist nicht gerade typisch für Hermine. Ohne ein Wort abzuhauen – und sich dann im Dreck zu wälzen."
„Nein, dass ist wirklich nicht typisch.", stimme ich ihr zu und setze mich auf den Tisch.
Verdammt. Merlin. Verdammt.
Wenn meine Mutter so klug ist wie ich weiß, dass sie es ist, wird sie sicher mitbekommen haben, dass Hermine und ich zum gleichen Zeitpunkt zu Hause angekommen sind. Daher sieht sie mich so an. Sie weiß, dass wir zusammen irgendwo waren. Sie weiß es ganz genau.
Oh Merlin, meine Mum weiß Bescheid.
„Hat sie dir denn gesagt, wieso sie abgehauen ist?", fragt mich Mum nun zögernd.
„Wann hätte sie mir das denn sagen können?", erwidere ich mürrisch. Ich starre auf das Parkett um dem Molly Weasley Blick-der-Wahrheit zu entgehen. Sogar den Zwillingen hat sie damit, als sie noch jünger waren, ein paar Mal einige Schwierigkeiten bereitet.
Ich bin am Arsch.
„Ginny, Liebling", sagt sie sanft, gleitet neben mich und schlingt einen Arm um meine Taille. „Du bist auch ein bisschen dreckig."
Als ich mit einem leisen Stöhnen an mir herabsehe bemerke ich, dass mein Oberteil mit Schmutz bedeckt ist und meine Hose dreckverkrustet. Wieso wieso wieso nur habe ich nicht daran gedacht, das mit einem tergeo verschwinden zu lassen, bevor ich hier reingekommen bin? Bin ich ein kompletter Idiot?
Ich weiß es nicht. Ich hab nicht damit gerechnet, dass sie weiß, dass Hermine genau so aussieht.
„Es ist okay, dass ihr zusammen wart. Immerhin seid ihr Freunde.", versucht Mum mich zu besänftigen und streicht mir über den Rücken. „Du hast jedes Recht, wie dein Bruder für sie da zu sein."
Merlin sei dank. Merlin sei verdammt nochmal dank.
„Ich war bei ihr", gebe ich wortkark zu. Offenbar gibt es keine Möglichkeit mich hier rauszulügen. Aber sie muss trotzdem nicht wissen, was oder warum was passiert ist.
„Und jetzt ist dir kalt, hm?", vermutet sie.
„Ja, mir ist kalt.", antworte ich mit einem leichten Schaudern. Mum glaubt, dass das daran liegt, dass mir kalt ist, weil ich vom Regen durchnässt bin. Eilig levitiert sie mit ihrem Zauberstab eine vorgewärmte Wolldecke heran und wickelt sie um meine Schultern.
In Wahrheit ist es nicht die Kälte, die mich schaudern lässt. Es ist Hermine. Sie und alles, was ich zu ihr gesagt habe. Und alles, was sie nicht zu mir gesagt hat. Und die eine Sache, die sie doch ausgesprochen hat – aber ich versuche, das schnell aus meinem Kopf zu drängen.
War all das, was ich ihr vorgeworfen habe, wirklich wahr? Hat sie darum nicht mit mir geredet.? Geht es wirklich nur darum? Oder ging ..
Ich will nie wieder etwas mit Hermine Granger zu tun zu haben.
Meine Mum beobachtet mich während ich so in Gedanken vertieft dasitze. Ich kann aus dem Augenwinkel sehen, wie sie jede meiner Bewegungen prüfend beobachtet. Ich frage mich ob sie wohl erwartet, dass ich zusammenbreche und ihr irgendeine grausame Wahrheit erzähle.
Ich wünschte nur ich könnte das.
„Ich sollte Harry einen Brief schreiben um ihn wissen zu lassen, wo ich bin.", sage ich ihr schwach und stehe wieder von der Bank auf.
„Nimm Pig, Ron wird es nicht stören", meint Mum vergnügt und schwingt ihren Zauberstab, um den Wasserkessel zu kochen zu bringen.
„Okay.", murmele ich und mache mich auf die Suche nach einem restlichen Stück Pergament und einem Federkiel.
Harry,
Tut mir Leid, dass ich vorhin abgehauen bin. Das tut es wirklich. Entschuldigung, Harry. Es tut mir so Leid, dass ich das getan habe. Aber irgendwas in mir konnte einfach nicht anders. Ich hab mich jetzt dazu entschieden über die Nacht bei Mum zu bleiben, damit ich ein bisschen die Geborgenheit meiner Heimat fühlen kann. So hast du auch mehr Platz in der Wohnung. Und so muss ich dir nicht in die Augen sehen und das unvermeindliche Gespräch noch nicht jetzt führen. Ich komme morgen so um die Zeit zurück wenn du fertig bist mir arbeiten.
In Liebe, ich zucke zusammen als mir bewusst wird wie wenig ich tue um seine Liebe verdient zu haben.
Ginny.
Ich binde den Brief an Pigs Bein und hoffe, dass er nicht zu kurz oder abrupt erscheint oder zu durchschaubar geschrieben ist, wie Alicia meinte, dass ich es bin.
„Bring das Harry. Und flieg dann zurück zu Ron, okay?", weise ich ihn klar an. Er schuhut und ich kann nur annehmen, dass er mich verstanden hat. Dann springt er aus dem Fenster und erhebt sich in die Nacht.
„Kakao, meine Liebe?", bietet mir Mum an und schiebt einen dampfenden Becher auf den Tisch.
„Danke", nicke ich schwach und setze mich wieder in meinen Stuhl.
„War es ...", fängt sie an und beißt zögernd auf ihrer Lippe herum. „War es Harry, der dich so aus der Fassung gebracht hat? Oder hat es etwas mit Ron und Hermine zu tun? Ist bei denen alles okay? Oder ... " Sie streckt ihre Hände hilflos von sich.
„Es ist kompliziert, Mum.", murmele ich und nehme einen kleinen Schluck. Die Wärme entspannt und tröstet mich sofort. Mums Kakao kann das. Beruhigt einen und lässt einen glauben, dass alles gut wird. Ich weiß nicht wirklich, warum. Ich bin mir eigentlich sicher, dass sie keinen Beruhigungstrank oder so etwas hinein gibt. Vielleicht liegt das einfach an der Art, wie sie ihn macht.
Gott sei Dank sind wir Weasleys und nicht Blacks. Sonst wäre hier wohl noch eine ordentliche Dosis Veritaserum drin.
„Gibt es da etwas, was du mir verschwiegen hast, Ginny?", fragt sie sanft und reißt sich stark zusammen, um nicht so zu wirken als wolle sie sich einmischen. „Du weißt, dass du mir alles erzählen kannst. Das weißt du doch, oder?"
Ich fühle die Wörter auf meiner Zunge brodeln, umhüllt von dem heißen Milchgetränk. Sie tauchen aus mir auf. Ich sehe sie an, besorgt und ängstlich. Ich muss es ihr einfach sagen. Ich kann nicht anders. Ich muss es ihr sagen.
„Nein, nichts, Mum", seufze ich und trinke weiter. „Wie du es dir schon gedacht hast hat Hermine einfach ein bisschen Bammel vor der Hochzeit. Ich war für sie nur als Freund da."
„Okay", nickt sie und sieht ganz so aus als würde sie das akzeptieren. Ich beiße mir leicht auf die Zunge und schimpfe mich im Inneren dafür aus, sie anzulügen, wo ich ihr doch so sehr von der Wahrheit erzählen will. Nach all den Jahren gibt es viele Dinge, die ich vor meiner Mutter geheim gehalten habe. Natürlich gibt es die. Wer hat sowas auch nicht? Dumme Sachen. Leichtfertige Sachen.
Nichts, was mich innerlich zerissen hätte.
Ich würde mich danach so viel besser fühlen, das weiß ich ganz genau. Aber ich kann es einfach nicht über mich bringen, diese Worte meine Lippen verlassen zu lassen.
„Hast du Probleme mit Harry?", lässt sie nicht locker.
Ich nicke langsam, zumindest das kann ich ihr erzählen. „Ja, haben wir."
Sie seufzt leise und setzt sich nochmal neben mich um mich in eine feste Umarmung zu ziehen. „Es ist schon okay. Du musst mir nicht davon erzählen. Aber wenn du dazu bereit bist weißt du, dass ich hier für dich da bin."
Ich schaudere wieder und bin mir todsicher, dass sie Bescheid weiß. Wieso sollte sie so etwas sagen, wenn sie nicht Bescheid wüsste?
Sie hat keine Ahnung. Ich bin nur paranoid. Paranoide Ginny, die immer viel zu viel in alles hineininterpretiert.
Wie in das mit Hermine.
Sie hat gesagt, dass sie mich liebt.
Nein. Sie hat es nur angedeutet. Und Liebe stand in Verbindung mit „aufhören" und „sollte nicht". Es war nicht gerade eine in Stein gemeißelte Erklärung ihrer Hingabe.
Und alles was sie wollte, war „es hinter sich zu bringen".
Ich kann darüber jetzt nicht nachdenken. Das in Verbindung mit dem Gedanken, dass mich meine Mutter gerade wie ein kleines Kind hält würde sicher in Tränen enden. Und dann könnte ich mich nicht mehr zurückhalten und es ihr doch erzählen.
Stattdessen umarme ich sie zurück während sie mich auf den Kopf küsst. „Ich mach dein Bett fertig, okay?"
Sie küsst mich nochmal auf die Stirn und verschwindet die Treppe herauf.
Trotz der letzten schrecklichen, fürchterlichen Tage fühlt es sich gut an, jetzt zu Hause zu sein. Es fühlt sich gut an, in eine weiche Decke eingewickelt zu sein, die stark nach dem Geruch unserer Familie riecht. Fühlt sich sicher an, von Mum die Treppen herauf und ins Bett geführt zu werden. Fühlt sich warm an, in dem Bett meiner Kindheit zu liegen und meine Lieblinskissen an mich zu drücken. Und es ist wie eine Art Atempause für meine Psyche vor diesem jüngsten Drama einfach die Augen zu schließen und noch mal im Fuchsbau einzuschlafen.
Es ist ein Montag morgen, aber irgendwie fühle ich mich besser als sonst, weil ich von Mum, die mir ein Tablett mit Tee und Toast bringt, geweckt werde, anders als sonst, wenn mich Harry ausversehen im Bett tritt oder der Müllmann draußen die Straßen hoch und runter scheppert.
Ich lächle breit, als sie mein Frühstückstablett auf meinen Schoß legt und mir einen guten Morgen wünscht während sie mir auf die Wange küsst.
„Dein Vater hat gefragt, ob du heute morgen mit ihm ins Ministerium gehst?", fragt sie und durchsucht meinen Kleiderschrank um nachzusehen, ob ich irgendwelche Roben hier gelassen habe.
„Ja.", nicke ich und beiße ein Stück des Toasts ab. Nach letzter Nacht rechnete ich ernsthaft damit, heute Nacht krank zu sein und unentschuldigt zu fehlen. Aber ich fühle mich ziemlich gut. Auf dieser Seite des Schlafes sieht alles viel besser aus.
„Das hab ich mir schon gedacht. Wenn du zu Hause geblieben wärst hätte ich deine Hilfe brauchen können um das Haus für die Ankunft der Grangers am Dienstag und die Hochzeit am Samstag herzurichten. Ich kann es kaum glauben, dass Ron und Hermine das alles so weit herausgeschoben haben.", murmelt sie und hält eine Mitternachtsblaue Robe prüfend hoch. „Es ist so untypisch für Hermine. Klar, Ron würde von sich aus nichts tun wenn ihm nicht jemand unaufhörlich Beine machen würde."
Und da ist er auch schon. Der Grund dafür, dass ich mich vollkommen schrecklich fühlen sollte.
Aber das lasse ich nicht zu. Ich hatte gerade die erholsamste Nacht seit der Verlobungsfeier am Samstag. Oder seit ich die Eule zur Verlobungsfeier vor sechs Monaten bekommen habe. Oder seit Hermine Hogwarts im Arm meines Bruders hinter sich lies.
Ich fühle mich ausgeruht und erfrischt und für einen neuen Beginn bereit. Diese Woche wird mich nicht zerstören. Ich werde einige Sachen klar stellen. Ich werde mit mir zufrieden sein.
Das erste was ich tun muss ist, Harry die Wahrheit zu sagen, dann muss ich noch ein paar Sachen klären und aufhören, mich ihm gegenüber so furchtbar zu benehmen.
Dann werde ich mich mit Mum unterhalten. Und dieses Gewicht, das so schwer auf meiner Brust liegt, wird von mir fallen.
Ich werde nicht zu der Hochzeit gehen. Ich bin kein totaler Masochist. Ich werde einfach weitermachen und vergessen, dass es jemals eine Hermine Granger gab.
Das Leben wird bald wieder schön sein. Ich kann mich nicht wirklich daran erinnern, wann das das letzte mal der Fall war.
Vielleicht als ich noch unschuldig war. Vergesslich. Und nicht in den unbarmherzigen Klauen der zukünftigen Frau Ron Weasley.
Ich bin stark, ich kann das schaffen.
„.. Und auch weil es Zauberertradition ist, alles am Tag vor der Hochzeit vorbereiten, aber normalerweise fangen die Leute heutzutage viel früher an. Nicht wie damals wo jeder alles stehen und liegen hat lassen wenn es um irgendeine Feier ging. Ehrlich gesagt glaube ich, dass das einfach nur Faulheit ist.", schwafelt Mum weiter. Ich sehe, dass ich bei meiner Tagträumerei nichts wichtiges verpasst habe,
„So muss es wohl sein.", stimme ich ihr zu und schlürfe meinen Tee. Sie gibt mir einen missbilligenden Blick welchen ich mit einem Grinsen quittiere, als ich über mein Kinn wische.
„Dir geht es heute morgen besser."
„Wie ich es immer sage, Mum: Guter Schlaf und sowas.", lächle ich sie an und verschlinge den Rest meines Toasts.
„Falls du immer noch Hunger hast – dein Vater macht unten gekochte Eier. Auf die Muggelart.", ächzt sie. „Hat das Haus fast in Flammen aufgehen lassen. Das kriegen wir bis Dienstag garantiert nicht wieder hin"
„Vielleicht nicht", antworte ich ihr in einem Singsang und gleite aus dem Bett.
„Oh, ich hab mir nur Gedanken gemacht.", meint Mum plötzlich. „Über Muggels"
„Wirklich? Naja, die gab es schon immer um uns herum, Mum", scherze ich.
„Nein, nein, ich meine Hermines Familie."
„Naja, sie wissen, dass sie eine Hexe ist. Sie haben gesehen, wie sie gezaubert hat. Ich bin mir zwar sicher, dass unser Haus ein bisschen seltsam für sie sein wird, aber ..."
„Nicht ihre Eltern, ihre restliche Familie", murmelt Mum und schaut verdrießlich aus, weil sie daran bisher noch nicht gedacht hat. „Ihre Tanten und Onkel und Cousins. Und Muggelfreunde. Sie dürfen von alle dem nichts wissen. Oh, wir müssen all die Pläne über den Haufen werfen und uns etwas sicheres einfallen lassen ..."
„Mum, ich glaube du übertriffst dich grad selbst.", erzähle ich ihr. „Hermine hat keine Tanten oder Onkel. Ihre Eltern waren Einzelkinder und ihre Großeltern sind tot."
„Wie schrecklich.", sagt Mum reumütig und schüttelt ihren Kopf.
„Es ist nur anders, Mum. Sie hat eine kleine Familie. Wir haben eine riesige.", antworte ich ihr besänftigend.
„Hm, aber was ist mit ihren Muggelfreunden?"
„Sie hat keine.", antworte ich schnell. Aber höre dann sofort auf, darüber nachzudenken. Sie hat keine Muggelfreunde, nicht mal aus ihrer Kindheit vor Hogwarts. Das sagte sie mir offen als ich sie fragte, ob sie zu Hause irgendwelche Freunde hat.
Bei mir war das ganz anders. Ich bin mit acht anderen Leuten aufgewachsen. Und unzähligen Cousins, Tanten und Onkeln. Ich hatte gar keine Zeit, etwas mit anderen Kindern zu machen. Und das hab ich auch gar nicht gebraucht. Selbst als Ron nach Hogwarts ging hatte ich ja immer noch meine Cousins.
Aber Hermine ist zur Schule gegangen. Eine Grundschule der Muggle. Sie war mit zwanzig anderen Kindern sieben Jahre lang auf dieser Schule. Und sie hat aus dieser Zeit keine Kindheitsfreunde? Niemand, der sie vermisste, als sie nach Hogwarts ging, oder sich auch nur wunderte, wohin sie gegangen ist? Kein Nachbarskind, mit dem sie gespielt hatte?
„Oh. Das ist aber sehr schade", atmet Mum aus.
„Naja, es ist nicht sehr einfach, mit ihr befreundet zu sein.", murmele ich und studiere meine schlammigen Schuhe. Sieht ganz so aus als müssten sowohl Mum als auch ich sie saubermachen, bis sie wieder einigermaßen akzeptabel aussehen würden.
Ich sehe auf um sie zu fragen was sie von meinen Schuhen denkt und sehe, dass sie mich anstarrt. Als sollte ich so nicht von der Verlobten ihres Sohnes sprechen..
Wobei ich glaube, dass sie Hermine auch irgendwie wie eine Tochter sieht.
„Ich hab es nicht so gemeint." Ich rolle mit dem Augen und versuche, der Atmosphäre die Schärfe zu nehmen.
„Wie hast du es dann gemein?", fragt sie in einem gereizten Ton.
„Ich meine nur, dass es nicht einfach ist, sich mit ihr zu befreunden. Harry und Ron haben sich nur nach diesem Troll-Ding mit ihr befreundet, weißt du noch?", erkläre ich.
„Dieses. Troll. Ding.", sagt Mum durch zusammengebissene Zähne und erinnerte sich offensichtlich nur zu gut daran, wie wütend sie damals gewesen war.
„Genau."
„Aber nachdem man sie erstmal kennen gelernt hat ist sie ganz in Ordnung.", gebe ich zu.
„Ihr wart während eurer letzten Schuljahre beste Freunde.", sagt Mum sanft und dreht sich zu mir. „Und jetzt ist sie nur noch „ganz in Ordnung"? Was ist passiert?"
„Wir haben uns auseinandergelebt, das ist alles, Mum." Ich fühle mich als würde ich dieses Mantra seit Jahren immer wieder wiederholen.
„Wie auch immer, ich bin froh, dass sie bald ein richtiger Teil der Familie wird. Ich glaube, dass sie das sowieso schon irgendwie immer war.", schweift Mum nachdenklich ab „Und vom Namen her wird sie das auch bald sein. Es wird gut sein, wenn sie erst mal eine Weasley ist."
„Ja.", murmle ich, greife mir ein Handtuch und gehe in Richtung Dusche.
Ich habe mich seit letzter Nacht immer noch nicht gewaschen. Ich bin noch immer dreckverkrustet. Meine Haare sind ein bisschen feucht. Und meiner Haut hängt immer noch ein kleiner Rest von Hermines Duft an.
Ich werde so lange schrubben bis ich wund bin.
So, da bin ich wieder, diesmal schneller, quasi als Entschädigung für die lange Wartezeit :)
Hexchen: tja, wenn das nur so einfach wäre ... ;)
skaterbär: danke :)
Und ihr anderen faulen Schweine: Ich seh ganz genau, wer hier meine Geschichte gelesen hat! Wenn ihr die Geschichte schon euren Lieblingsgeschichten zufügt, dann könnt ihr wenigstens noch ein paar Worte schreiben, oder? Und wenn es nur ein, zwei Sätze sind, ich würde mich über alles freuen!
bis bald also,
Jon
