Der Feind meines Feindes ist mein Freund
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by CarpeDiem
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Es ist eine schmale Linie
zwischen einem guten Menschen
und einem Schlechten.
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Während der nächsten Tage redeten Eragon und Murtagh kaum ein Wort miteinander, was eine Folge davon war, dass sie versuchten sich aus dem Weg zu gehen. In einem Lager von der Größe des Lagers der Varden sollte das eigentlich kein Problem darstellen, doch das tat es wiedererwartend doch, da Eragon bei den Besprechungen während denen Murtagh ihnen alles erzählte, was er über Galbatorix' Streitkräfte und die Verteidigung von Urû'baen wusste, anwesend sein musste. Die meiste Zeit gab Murtagh jedoch lediglich Dorns Beobachtungen an Jörmundur und König Orrins Generäle weiter, da der Drache sich als ein weitaus besserer Beobachter erwiesen hatte als ein Reiter.
Eragon hörte seinen Ausführungen schweigend zu und stellte gelegentlich eine Frage, die Saphira hatte, wenn sie diese Fragen nicht gleich an Dorn selbst stellte, doch ansonsten versuchte er nicht ein Gespräch mit Murtagh anzufangen aus dem einfachen Grund weil er nicht wusste, was er zu ihm sagen sollte. Er konnte und er wollte Murtagh nicht vergeben was er in Galbatorix' Namen getan hatte und doch wünschte er sich, dass sie wieder wie früher, als sie gemeinsam auf der Flucht vor dem Imperium gewesen waren, Freunde sein könnten.
Murtagh machte es ihm in dieser Beziehung leicht, denn er hatte freiwillig die Erkundungsflüge in der näheren Umgebung des Lagers übernommen und befand sich so mit Dorn zusammen die meiste Zeit des Tages in der Luft. Er fühlte sich Dorn näher als jemals zuvor und obwohl ihre Flüge allesamt vollkommen ereignislos verliefen, genoss er Dorns Gesellschaft, die Stille und den Wind in seinen Haaren, der eine willkommene Abwechslung zu der Hitze am Boden darstellte.
Am Morgen des dritten Tages nach der Wiedervereinigung von Murtagh und Dorn wurde Eragon aus dem Schlaf gerissen, als er Saphiras Stimme in seinem Kopf hörte.
Eragon, wach auf.
Eragon brummte missmutig und drehte sich von einer Seite seines Bettes auf die andere. Er hatte die Augen immer noch geschlossen und da Saphira nicht den Eindruck machte, als stünde ein Angriff auf das Lager bevor, hegte er die Hoffnung weiterschlafen zu können, nachdem er sich was auch immer sie von ihm wollte angehört hatte.
Was ist los?
Murtagh ist hier.
Und was will er? fragte Eragon ohne den Hauch von Interesse und im nächsten Moment, nachdem er seine Frage gestellt hatte, wäre er beinahe wieder eingeschlafen, doch Saphira ließ ihn nicht. Sie selbst lag jedoch immer noch im Halbschlaf draußen vor dem Zelt und lugte lediglich durch eines ihrer Augenlieder.
Keine Ahnung, frag ihn selbst, gab sie verschlafen zurück und schloss das eine Augenlied wieder um ihrerseits weiterzuschlafen.
Eragon stöhnte vernehmlich und richtete sich dann auf, während er sich mit einer Hand durch die Haare fuhr. In seinem Zelt war es noch weitgehend dunkel, was daher kam, dass der Eingang noch geschlossen war, aber dennoch musste es noch sehr früh am Morgen sein.
Wie spät ist es? fragte er brummig und rieb sich den Schlaf aus den Augen.
Die Sonne geht gerade auf, informierte ihn Saphira, bevor sie sich noch ein wenig enger zusammenrollte.
„Das ist ein Scherz oder?", fragte Eragon mürrisch als er das hörte.
In dem Moment wurde die Stoffbahn, die seinem Zelt als Eingang diente, geöffnet und Murtagh kam herein, angezogen und mit Zar'roc um die Hüften geschnallt.
„Nein, kein Scherz. Aber ich dachte mir wenn ich dich schon frage ob du nicht Lust auf einen kleinen Kampf hast, dann tue ich das besser noch bevor die Sonne aufgeht und es zu heiß wird, um sich meiner Meinung nach in irgendeiner Form körperlich anzustrengen."
Eragon brauchte einen Moment bis Murtaghs Worte zu ihm durchgedrungen waren, doch nachdem er einen Moment über dieses Angebot nachgedacht hatte, schien es ihm eine gute Idee zu sein und er zuckte gleichmütig mit den Schultern, bevor er aufstand um sich anzuziehen. Mittlerweile war er ohnehin wach.
„Von mir aus."
Murtagh war immer ein vorzüglicher Gegner gewesen und Eragon hatte es immer Spaß gemacht gegen ihn zu kämpfen, bis er dann gezwungen gewesen war es zu tun und sie versucht hatten sich mit jeder kreuzenden Klinge gegenseitig umzubringen. Doch das war vorbei und bereits nach den ersten paar Schwerthieben die sie mit ihren gestumpften Klingen austeilten, waren die Zeiten in denen ein Kampf zwischen ihnen ein tödliches Duell gewesen war, vergessen und sie konzentrierten sich beide darauf den anderen mit komplizierten Schlagkombinationen aus dem Gleichgewicht zu bringen, anstatt zu versuchen einen tödlichen Treffer zu landen.
Der Kampf dauerte weit über zwei Stunden und schließlich war es Murtagh, der Eragon auswich und Zar'roc auf den Boden fallen ließ, bevor er sich schwer atmend mit den Händen auf seinen Knien abstützte. Beinahe im selben Moment fiel auch Eragon sein Schwert aus der Hand und er lehnte sich gegen einen Baum am Rand der Wiese auf der sie waren, um wieder zu Atem zu kommen. Auch er war vollkommen erschöpft und konnte sich kaum noch auf den Beinen halten, aber er hätte den Kampf dennoch nicht als erster beendet. Murtagh hatte das geahnt und nachdem Dorn ihn zum dritten Mal gesagt hatte, dass er endlich sein Schwert fallen lassen sollte oder er gezwungen wäre dazwischen zu gehen, bevor Murtagh vor Erschöpfung zusammenbrach, hatte er es schließlich getan.
Die Sonne stand mittlerweile hoch am Himmel und ihre heißen Strahlen hatten dafür gesorgt, dass Eragon und Murtagh vom Schweiß vollkommen durchnässt waren. Es war ein erbitterter Kampf gewesen und viele der Varden, die auf dem Trainingsplatz geübt hatten, waren von dem Kampf schwer beeindruckt gewesen. Es hatte sich herausgestellt, dass Murtagh und Eragon nach wie vor vollkommen ebenbürtige Gegner füreinander waren und da beide hochkonzentriert gewesen waren keinen Fehler zu machen, hätte dieser Kampf noch bis zum Mittag weiter gehen können, falls nicht einer von ihnen vorher das Bewusstsein verloren hätte. Dass Eragon Murtagh nun auch ohne die Eldunarí von Galbatorix nicht überlegen war, kam vermutlich daher, dass bei Dorns beschleunigtem Wachstum auch Murtaghs Kräfte gesteigert worden waren ohne ihm jedoch das Aussehen der Elfen zu verleihen.
Obwohl Eragon sich kaum noch auf den Beinen halten konnte und jeder Muskel in seinem rechten und seinem linken Arm schmerzte - denn sie hatten beide in stillem Einvernehmen irgendwann während des Kampfes die Schwerthände gewechselt - fühlte Eragon sich vollkommen zufrieden. Es hatte gut getan mit Murtagh zu kämpfen, zum einen weil er seinem Zorn auf ihn endlich einmal freien Lauf lassen konnte und zum anderen weil es die alten Zeiten wieder hatte aufleben lassen. Es war wie früher gewesen, als sie abends am Lagerfeuer zusammen gekämpft hatten.
Es war wie früher gewesen, als sie noch Freunde gewesen waren.
# # #
Es dauerte weitere drei Tage bis sie endlich Nachricht von den Zwergen erhielten. Ein Bote tauchte vor Eragons Zelt auf, als er gerade dabei war die Riemen an Saphiras Sattel zu säubern, und sagte ihm, dass Nasuada ihn sofort sprechen wollte. Eragon war beinahe sofort klar, was das bedeutete und nachdem er die Lederriemen wieder verschlossen und des Geschirr in sein Zelt getragen hatte, machte er sich auf den Weg durch das Lager zu Nasuadas Zelt.
Sie hatten bereits seit vorgestern jeden Tag darauf gewartet, dass Orik sie kontaktieren würde und Eragon war zusehends nervöser geworden. Orik und seine Wachen hätten Tronjheim bereits vor zwei Tagen erreichen sollen und er wusste nicht ob es ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war, dass die Zwerge beinahe zwei Tage gebraucht hatten um eine Entscheidung zu treffen. Zwar vermutete Eragon, dass es nichts zu bedeuten hatte, immerhin schienen wichtige Entscheidungen bei den Zwergen immer eine gewissen Zeit in Anspruch zu nehmen, aber dennoch hatte er sich von Tag zu Tag unwohler gefühlt. Zu viel hing von dieser Entscheidung ab.
Auch Murtagh hatte Eragons Anspannung mitbekommen und heute Morgen bei ihrem Kampf auf dem Trainingsplatz hatte er ihn in einer Sekunde der Unachtsamkeit den Arm gebrochen. Eragon war mit seinen Gedanken woanders gewesen und so hatte er zu spät reagiert und den Schlag nicht mehr abblocken können. Zwar waren ihre Schwerter immer gestumpft, aber da jeder ihrer Schwerthiebe mit einer unglaublichen Kraft ausgeführt wurde, hatte der Schlag Eragon den Knochen gebrochen. Mit einer spitzen Klinge hätte er vermutlich seinen Arm verloren. Eragon hatte laut geflucht und seinen Arm wieder geheilt, aber als er weiter kämpfen wollte, hatte Murtagh gesagt, dass ihm das zu gefährlich sei und er erst wieder gegen Eragon kämpfen würde, wenn er mit seinen Gedanken bei der Sache bleiben konnte.
Daraufhin hatte sich Eragon in sein Zelt zurückgezogen und begonnen die Riemen an Saphiras Sattel zu reinigen um etwas zu tun zu haben. Er fragte sich warum Murtagh sich nicht so wie er Sorgen machte, doch diese Antwort war eigentlich leicht zu geben. Murtagh war bereits mit Dorn wiedervereint und hatte den Varden die Treue geschworen. Für ihn bedeutete es nichts wenn die Zwerge nun entscheiden würden, dass sie ihn tot sehen wollten, denn Nasuada würde das nicht zulassen und das Bündnis mit ihnen beenden. Die Auswirkungen die diese Entscheidung auf ganz Alagaësia haben würde, kümmerten Murtagh nicht und das wiederrum machte Eragon unglaublich wütend. Er war ein Drachenreiter und als solcher hatte er eine Verantwortung gegenüber diesem Land und jedem einzelnen Volk, das in Alagaësia lebte. Sollten die Zwerge tatsächlich entscheiden Murtagh zum Tode zu verurteilen, dann würde nie Frieden in Alagaësia herrschen, selbst dann nicht, wenn Galbatorix gestürzt war, und Eragon wusste nicht was er tun konnte, falls die Zwerge Rache forderten, denn Nasuada hatte sich bereits entschieden und als ihr Vasall blieb ihm nicht viel was er tatsächlich tun konnte.
Als Eragon Nasuadas Zelt betrat, wurde er von ihrer Magd nach hinten in den privaten Teil geführt, wo er Nasuada vor einem goldenen Spiegel sitzen sah, der auf einem kleinen Tisch stand. Auf der glatten Oberfläche des Spiegels zeichnete sich Oriks Gesicht ab.
„Herrin, Eragon ist hier."
Nasuada wandte sich zu Eragon um ohne aufzustehen und Eragon hatte gehofft bereits an ihrem Gesichtsausdruck ablesen zu können, wie die Entscheidung der Zwerge ausgefallen war, doch er wurde enttäuscht. Anscheinend hatten sie auf ihn gewartet und Orik hatte ihr noch nicht mitgeteilt zu welchem Urteil die Clans gelangt waren.
„Danke Farica, du kannst gehen."
Die ältere Frau verneigte sich kurz, bevor sie sich umdrehte und den hinteren Teil des Zeltes wieder verließ.
„Hallo Eragon. Orik hat mich gerade kontaktiert, die Clans sind zu einer Einigung gelangt", informierte sie ihn höflich und Eragon nickte angespannt, als er näher an den Spiegel herantrat.
„Sei mir gegrüßt Orik. Welche Entscheidung ist getroffen worden?", fragte Eragon ohne Umschweife und Orik schien nichts anderes erwartet zu haben, denn er störte sich nicht an Eragons fehlenden Umgangsformen. Ihm war klar gewesen, dass Eragon sofort wissen wollte, was die Zwerge entschieden hatten und ihn nicht erst nach dem Verlauf seiner Reise nach Tronjheim fragen würde.
„Die Oberhäupter der Clans haben entschieden, dass das Volk der Zwerge davon absehen wird Murtaghs Tod als Vergeltung für den Mord an unserem König Hrothgar zu fordern, da er diese Tat unter Galbatorix' Einfluss begangen hat."
Eragon atmete auf, als er das hörte und ein erleichtertes Lächeln trat auf sein Gesicht. Neben sich spürte er wie sich auch Nasuadas Anspannung merklich löste. Sie hatten nicht zu hoffen gewagt, dass die Zwerge diese Entscheidung treffen würden, aber wieder einmal hatte Orik es geschafft die Clans dazu zu bringen in seinem Interesse zu entscheiden, denn er wusste wie überaus wichtig diese Entscheidung für die Zukunft Alagaësias war.
„Das sind gute Nachrichten, Orik. Ich freue mich das zu hören", sagte Nasuada mit einem Lächeln und Eragon nickte dankbar, doch Oriks Miene blieb verschlossen und er brummte angesichts der Begeisterung, die Eragon und Nasuada seiner Mittleilung entgegen brachten.
„Wartet es ab. Ich war noch nicht fertig", warnte er sie und Eragon zog in einer unguten Vorahnung die Brauen zusammen. Er hatte erwartet, dass die Zwerge Forderungen stellen würden und Oriks Worten nach zu Folge, würden ihm diese Forderungen nicht gefallen.
Es wäre töricht gewesen anzunehmen, dass die Zwerge über den Mord an ihrem König einfach so hinwegsehen würden, ohne Forderungen zu stellen, denn sie wussten, dass ihnen dieses Entgegenkommen erlaubte, beinahe jede Forderung zu stellen. Nasuada würde beinahe alles tun, um das Bündnis mit den Zwergen aufrecht zu erhalten, und was sie auch dafür verlangen würden, Nasuada würde es ihnen höchst wahrscheinlich geben. Jedoch hoffte Eragon, dass sie es nicht übertrieben hatten.
„Wir fordern, dass Murtagh und sein Drache Dorn sich nach Tronjheim begeben und dort vor mir und vor allen Zwergen auf die Knie gehen und uns in der alten Sprache ihre Schuldgefühle und Reue angesichts des Mordes an König Hrothgar versichern, darum bitten ihr Leben behalten zu dürfen und schwören alles in ihrer Macht stehende zu tun, um Galbatorix zu vernichten und dem Volk der Zwerge Frieden zu bringen."
Eragon biss die Zähne zusammen, doch ein Blick zu Nasuada machte ihm klar, dass er mit so etwas hätte rechnen müssen. Sie hatte das offensichtlich getan, denn sie sah nicht so aus, als wäre sie von dieser Forderung überrascht. Die Zwerge hatte eine Forderung gestellt, von der sie bereits wussten, dass sie sie nicht bekommen würden und damit den Anschein erweckt, dass sie bereit wären den Mord an ihrem König zu verzeihen. In Wahrheit waren sie das allerdings nicht, und wenn Murtagh sich weigern würde, was er mit allergrößter Wahrscheinlichkeit tun würde, dann befanden sie sich wieder in der Position seinen Tod zu fordern und Nasuada würde das Bündnis brechen, ohne dass sie sich einer Schuld bewusst wären.
Eragon sah Orik an, dass er sich dieser Absicht wohl bewusst war. Es war der einzige Weg gewesen die Clans zum Einlenken zu bewegen, indem er ihnen versichert hatte, dass Murtagh diese Forderung nicht erfüllen und dieser Fall somit nie eintreten würde.
Die Rache für den Mord an Hrothgar würde demnach nicht mit Blut, sondern mit Ehre und Stolz bezahlt werden. Die Forderung, dass ein Drachenreiter vor dem König der Zwerge im Staub liegen und um sein Leben betteln sollte, war ein augenscheinlich viel zu hoher Preis, doch Eragon war bereit ihn zu zahlen und er würde dafür sorgen, dass Murtagh ihn ebenfalls bezahlte. Er war gerechtfertigt, wenn man bedachte welche Zukunft Alagaësia erwarten würde, wenn Murtagh nicht tat, was die Zwerge verlangten. Zwar hatte er sich geschworen, niemals wieder einen Schwur in der alten Sprache abzulegen, doch das hier war etwas anderes. Hier ging es nicht vorrangig darum ihn an die Zwerge zu binden, es ging vielmehr darum, dass er vor allen Zwergen bezeugte, dass er sein Handeln bereute und damit die Wahrheit sprach. War dem nicht so, dann könnte er die Worte nicht über seine Lippen bringen und wenn das der Fall war, dann verdiente er womöglich tatsächlich die Strafe, die die Zwerge so hartnäckig forderten.
Orik wusste all das und nur aus diesem Grund hatte er seinen Clans eine scheinbar sichere Möglichkeit gegeben zu bekommen was sie wollten, obwohl er bereits gewusst hatte, dass sie es nicht bekommen würden.
„Murtagh wird tun was ihr von ihm verlangt ", entschied Eragon und Orik zog die Augenbrauen zusammen, während er ihn skeptisch ansah.
„Woher willst du das wissen?"
Eragon beantwortete seine Frage nicht, doch der Blick mit dem er Orik bedachte, ließ unnachgiebige Entschlossenheit erkennen und den König der Zwerge nicht an Eragons Worten zweifeln.
„Er wird es tun."
Orik sah Eragon einen Moment lang an, dann nickte er knapp. „In Ordnung. Es wäre außerdem von Vorteil, wenn du Murtagh begleiten würdest, denn als Mitglied des Dûrgrimst Ingeitum bist du ein Zwerg und würdest damit zeigen, dass du Murtagh vertraust. Außerdem halte ich es für unwahrscheinlich, dass während eures Aufenthaltes jemand versuchen könnte ihn umzubringen, wenn du neben ihm stehst."
Eragon sah zu Nasuada, doch die Anführerin der Varden nickte ohne zu Zögern zustimmend. Belatona war immer noch beinahe zwei Wochen entfernt und den Varden drohte aus der Luft keine Gefahr, sofern Galbatorix sich nicht dazu entschließen sollte Urû'baen zu verlassen und das war kaum wahrscheinlich. Außerdem wollte auch sie, dass das Bündnis mit den Zwergen bestehen blieb und das würde es nicht, wenn Murtagh während der Zeremonie umgebracht wurde, denn er war bereits ein Verbündeter der Varden. Auf einen erneuten Streit mit Eragon legte sie es darüberhinaus ebenfalls nicht an.
„Wir werden Morgen früh aufbrechen", entschied Eragon, nachdem er sich wieder an Orik gewandt hatte und dieser nickte zufrieden.
„Gut. Dann erwarten wir euch in drei Tagen in Tronjheim. Der Weg dorthin dürfte euch noch in Erinnerung geblieben sein. Bis dahin, Eragon. Nasuada."
Damit verschwand Oriks Gesicht von der Oberfläche des Spiegels und Nasuada wandte sich auf ihrem Hocker zu Eragon um.
„Willst du es ihm sagen, oder soll ich es tun?", fragte sie, doch Eragon schüttelte den Kopf.
„Das werde ich selbst machen."
Nasuada nickte. Sie hatte nichts anderes erwartet. „Wir werden sehen was Murtagh dazu sagt."
# # #
„Das werde ich nicht tun!"
Murtaghs Augen funkelten empört, während er jede Silbe einzeln aussprach um Eragon unmissverständlich zu verstehen zu geben was er von diesem Vorschlag hielt. Und er hielt von diesem Vorschlag rein gar nichts, vielmehr machte er ihn unglaublich wütend.
Wie konnte Eragon nur glauben, dass er von Orik auf den Knien herumrutschen und um sein Leben betteln würde?! Nur die Zwerge konnten so eine anmaßende Forderung stellen und sich auch noch von der Vorstellung leiten lassen, dass Murtagh diese Demütigung hinnehmen würde. Das zeigte ihm nur ein Mal mehr, dass die Zwerge genau das waren, was er von ihnen hielt: streitsüchtige und starrsinnige Geschöpfe, so unnachgiebig wie der harte Stein aus dem sie glaubten zu entstammen. Und weil man ihnen nicht erlaubte mit ihren Breitäxten Vergeltung zu nehmen, taten sie es nun eben auf eine andere Weise.
Murtagh hatte sich geschworen, nie wieder einen Schwur in der alten Sprache abzulegen und sich damit unwiderruflich und endgültig an seine Worte zu binden. Er hatte nicht vor sich von dem magischen Geflecht aus Schwüren und Versprechungen, von dem er gerade erst befreit worden war, erneut gefangen nehmen zu lassen.
Er spürte Dorn noch immer deutlich in seinem Bewusstsein und obwohl er jedes Wort, das Eragon gesagt hatte, verstanden hatte und auch Murtaghs Gedanken ungehindert hören konnte, verhielt er sich still.
Der harte Klang mit dem Murtagh Eragon die Forderungen der Zwerge um die Ohren schlug, weckte Eragons Zorn und ließ ihn wütend die Zähne zusammenbeißen. Er hatte nicht erwartet, dass Murtagh ohne Weiteres bereit wäre den Forderungen der Zwerge zu entsprechen, aber er hatte gehofft, dass Murtagh zumindest in der Lage sein würde zu erkennen, dass es sich dabei vielmehr um ein Entgegenkommen, als um eine Demütigung handelte.
„Wenn du es nicht tust, bedeutet das das Ende des Bündnisses mit den Zwergen", stellte Eragon klar und es kostete ihn einiges an Mühe, um seine Stimme ruhig zu halten.
Murtagh jedoch zuckte unbeeindruckt mit den Schultern.
„Was macht das schon? Wir brauchen die Zwerge nicht um Galbatorix zu besiegen", antwortete er ungerührt und es war gerade diese Gleichgültigkeit, die Eragon zunehmend wütender machte. Doch er versuchte sich zu beherrschen, denn er wusste, dass es keinen Sinn hatte Murtagh anzuschreien. Denn dann würde er ihm erst recht nicht zuhören.
„Mag sein, dass du damit Recht hast", gab er zu, „aber wir müssen daran denken wie die Zukunft Alagaësias aussehen wird, wenn das Bündnis mit den Zwergen gebrochen wird. Es wird nie Frieden herrschen, wenn nicht alle Völker Seite an Seite für diesen Frieden kämpfen."
Murtagh warf Eragon einen verständnislosen Blick zu schüttelte den Kopf. „Das ist mir egal, Eragon. Für dich mag das aus irgendeinem Grund wichtig sein, aber mich kümmert es nicht was sein wird, wenn Galbatorix besiegt ist. Mein Ziel ist es diesen Tyrannen zu töten und wenn ich an der Seite der Varden kämpfen muss, um dieses Ziel zu erreichen, dann soll es mir Recht sein. Aber wenn das alles vorbei ist, dann interessieren mich die Belange dieses Landes nicht mehr."
Die Entschlossenheit, die in Murtaghs Worten lag, beeindruckte Eragon gleichermaßen wie ihn Murtaghs Unzugänglichkeit und sein Starrsinn sich um andere außer sich selbst zu sorgen, anwiderte. Er konnte nicht glauben, dass Murtagh tatsächlich dieser Überzeugung war und er vollkommen gleichgültig auf die Zukunft Alagaësias blickte.
„Das kann doch nicht dein Ernst sein!", entgegnete Eragon aufgebracht und ballte die Hände zu Fäusten. „Als Drachenreiter hast du eine Verantwortung für Alagaësia und alle Völker, die in diesem Land leben! Das kannst du nicht einfach ignorieren!"
„Ich kann tun und lassen was ich will!", gab Murtagh heftig zurück. „Die einzige Verantwortung, die ich trage, habe ich Dorn gegenüber!"
„Wenn du das glaubst, wofür kämpfst du dann überhaupt? Ist Rache wirklich das Einzige was dich antreibt?!"
Murtagh schnaubte ärgerlich. Eragon wusste nicht das Geringste über ihn, doch im Gegensatz zu all denen, die ihn verurteilten, glaubte Eragon in seiner Überheblichkeit doch tatsächlich ihn zu kennen und das machte es in gewisser Weise noch schlimmer. Wenn Eragon allen Ernstes glaubte, dass es ihm einzig und allein um seine persönliche Rache ging, dann kannte er Murtagh wirklich überhaupt nicht.
„Und selbst wenn es so wäre, was kümmert es dich?!", versetzte Murtagh und sah Eragon grimmig an.
Einen Moment lang herrschte Stille in dem kleinen Zelt. Murtagh fuhr sich mit einer Hand durch seine Haare und strich sich die schwarzen Strähnen aus dem Gesicht. Obwohl die Stoffbahn, die dem Zelt als Eingang diente weit geöffnet war, um so viel Luft wie möglich ins Innere des Zeltes zu lassen, war es dennoch drückend heiß.
Eragon atmete ein paar Mal durch, bevor er erneut zu sprechen begann.
„Es kümmert mich, weil ich genauso ein Drachenreiter bin wie du, und als Drachenreiter ist es unsere Pflicht für all jene zu kämpfen, die das nicht selbst tun können, und deine Ehre als Drachenreiter verbietet es dir die Macht, die du hast nur für selbstsüchtige Ziele einzusetzen."
Murtagh schnaubte abfällig und warf Eragon einen spöttischen Blick zu. „Aber meine Ehre als Drachenreiter erlaubt es mir vor dem König der Zwerge im Staubt zu kriechen und um mein Leben zu betteln?"
Eragon sah Murtagh scharf an. „Du hast den Mord an Hrothgar begangen, ob unter Galbatorix' Einfluss oder nicht. Alles, was die Zwerge von dir verlangen ist, dass du Reue für diese Tat zeigst, oder ist das bereits zu viel verlangt?"
Murtagh hatte sich nie dafür entschuldigt, dass er Hrothgar getötet hatte und genauso wenig waren Worte des Bedauerns für den Mord an Oromis und Glaedr über seine Lippen gekommen. Zumindest keine, die Eragon gehört hätte und er hielt es für angemessen und richtig, dass die Zwerge Reue von Murtagh erwarteten.
„Ich hatte keine Wahl!", verteidigte sich Murtagh gepresst. „Galbatorix hat mir den Befehl gegeben einen der Anführer der Varden zu töten und da die Zwerge Verbündete der Varden sind, machte das Hrothgar zu einem ihrer Anführer. Was bitte hätte ich denn tun sollen? Hrothgar war alt, er wäre ohnehin bald gestorben. Hätte ich etwa Nasuada umbringen sollen?!"
Eragon wandte seinen Blick ab und schwieg für einen Moment.
„Nein", antwortete er grimmig. „Aber du hast einen Unschuldigen getötet und wenn du dafür tatsächlich keine Reue empfindest, dann verdienst du es nicht ein Drachenreiter zu sein."
„Niemand hat mich je gefragt, ob ich ein Drachenreiter sein will!"
Murtagh sah Eragon direkt in die Augen und er glaubte so etwas wie Verständnis in ihnen zu sehen. Auch Eragon hatte bereits daran gezweifelt, ob er für die Aufgabe, die ihm das Schicksal auferlegt hatte der Richtige war, aber er hatte Trost und Sicherheit in dem Wissen, dass er nicht allein war, dass Spahira immer bei ihm sein würden, und dass er sein Schicksal nun einmal nicht ändern konnte gefunden. Doch obwohl er Murtagh durchaus verstehen konnte, war seine Stimmt hart als er wieder sprach und die Worte klangen genauso unbarmherzig wie sie es nun einmal waren.
„Du bist aber ein Drachenreiter, und als solcher trägst du eine Verantwortung, ob es dir gefällt, oder nicht. Aus großer Macht folgt immer große Verantwortung. Es ist dein Schicksal ein Drachenreiter zu sein und du kannst deinem Schicksal nicht entkommen."
„Mag sein, dass du damit Recht hast", entgegnete Murtagh ungerührt. „Aber ich werde nicht vor Orik auf den Knien herumrutschen und um mein Leben betteln wie ein Wurm."
Ihre Blicke trafen sich; hart und unnachgiebig.
„Ist das deine Entscheidung?", fragte Eragon leise und Murtagh nickte knapp und entschlossen.
„Ja, das ist sie."
Noch für einen Moment sah Eragon Murtagh in die Augen und Murtagh konnte die Enttäuschung erkennen, die Eragon empfand, doch dann drehte er sich um und verließ ohne ein weiteres Wort das Zelt.
tbc.
