Kapitel 6
Die gleißenden Sonnenstrahlen verwandelten das Meer in einen glitzernden Spiegel. Leise Wellen schwappten an den Strand und Sirius lächelte, als er seine Augen zum Horizont wandern ließ. Wie so oft in letzter Zeit erfassten ihn Schuldgefühle, dass er so glücklich war. Es war in solchen Augenblicken, in denen er das Leben wieder in vollen Zügen genoss, dass die Vergangenheit auftauchte und sein Glück trübte.
Sirius schüttelte den Kopf und versuchte die Erinnerungen zu verscheuchen. Er suchte den Strand ab und spürte wie die dunklen Schatten von ihm wichen, als er zusah, wie Sara der vierjährigen Faith hinterherlief und sie kurz bevor sie das Wasser erreichte, fing und durch die Luft wirbelte. Seiner Tochter gefiel es allerdings überhaupt nicht, dass sie festgehalten wurde und strampelte herum. Ihre kleinen Händchen streckte sie nach dem Wasser aus. Harry währenddessen stand bis zu den Knien im Wasser und winkte ihm. Sirius lief durch den Sand und hielt im nächsten Augenblick Faith im Arm.
„Hier, nimm du sie.", sagte Sara und folgte Harry.
„Ist ja gut, Faith. Wir gehen auch gleich schwimmen.", versuchte er seine Tochter dazu zu bringen mit ihrem Strampeln aufzuhören.
Das Wasser war erfrischend kühl. Wenig später hatten sie die Sandbank erreicht, wo er Faith endlich loslassen konnte. Hier konnte selbst sie stehen.
Sara und Harry versuchten sich gegenseitig unter Wasser zu ziehen. Harrys Augen strahlten, als er sich zur Seite warf und Sara knapp entkam. Jedes Mal, wenn Harry so ausgelassen lachte, wusste Sirius, dass er damals richtig gehandelt hatte. Sicher, hin und wieder dachte er schon darüber nach, ob es nicht doch besser gewesen wäre zu versuchen seine Unschuld zu beweisen, aber jedes Mal kam er zum gleichen Schluss. Es hätte gelingen können und genauso gut hätte er in Askaban landen können. Und was wäre dann aus Harry geworden? Außerdem hätte er Sara niemals kennen gelernt. Das Schicksal ging schon merkwürdige Wege, dachte er.
In jeder Nacht, als er mit Harry und Sara aus ihrem kleinen Haus in den Wald geflohen waren, war er verzweifelt gewesen und war ratlos gewesen, wie es weitergehen sollte. Wäre Sara nicht bei ihm gewesen, Sirius wusste nicht, was er getan hatte. So hatte Sara ihn zu ihren Eltern mitgenommen. Diese hatten ihn willkommen geheißen und Harry hatte die beiden im Sturm erobert. Sara war bald darauf wieder zu ihren Eltern gezogen, auch wenn es bedeutete, dass ihr Weg drei Mal so lang war zu der Schule, an der sie unterrichtete.
Dort, in dem gemütlichen Haus, das in der Nähe des Waldes auf einen kleinen Hügel lag, hatte er sich wieder zu Hause fühlen können. Harry hatte sich wieder erholt und sein fröhliches Lachen hatte jedem ein Lächeln auf sein Gesicht gezaubert. Sogar Arbeit hatte Sirius gefunden. Auch wenn er sich nie hätte vorstellen können, dass er eines Tages in einer Bibliothek Bücher ausleihen würde, war es besser als nichts und mittlerweile machte es ihm sogar Spaß.
Sara und er waren sich immer näher gekommen und irgendwann, als sie mit Harry im Schnee herumgetollt war, hatte er begriffen, dass er sie liebte. Als er sie gebeten hatte seine Frau zu werden, war sie ihm um den Hals gefallen. Im Juli, kurz vor Harrys zweitem Geburtstag hatten sie geheiratet. Manchmal fiel es ihm immer noch schwer zu glauben, dass Sara seine Frau war. Mit ihr konnte er über alles reden. Auch wenn sie viele Dinge nicht verstand, die er ihr von der magischen Welt erzählte, hörte sie ihm zu. Wenn er traurig an seine Vergangenheit dachte, tröstete sie ihn, lenkte ihn ab und brachte im Harry.
Ein Jahr später war Faith auf die Welt gekommen. Ihre Geburt war ihm wie ein Wunder vorgekommen. Sie war so unglaublich winzig gewesen, als er sie zum ersten Mal in den Armen gehalten hatte.
In den Wochen nach Faiths Geburt hatte er wider mit den Gedanken gespielt Remus einen Brief zu schreiben und ihm alles zu erklären, doch bisher hatte er es nicht getan. Ohne Beweise würde Remus ihm kaum glauben und auch seine Gefühle standen ihm im Weg. Er hatte geglaubt, dass Remus der Verräter sei und dass er sich so in seinem Freund getäuscht hatte, hatte er immer noch nicht überwunden; den einen hatte er zu Unrecht beschuldigt, dem anderen zu Unrecht vertraut. Wie sollte er Remus das jemals erklären? Er verstand es ja selber nicht.
Als Harry sich mit einem lauten Schrei auf ihn warf, wurde Sirius aus seinen Erinnerungen gerissen. Sie landeten im Wasser und Harry versuchte ihn unterzutauchen. Er zog Harry mit sich hinunter und prustend kamen sie schließlich wieder an die Oberfläche.
„Schade, das wir nicht unsere Besen bei uns haben.", meinte Harry traurig und Sirius fuhr seinem Patensohn grinsend über sein nasses Haar.
Harrys vierter Geburtstag war kaum verstrichen gewesen, als er angefangen hatte Harry beizubringen auf einem Besen zu fliegen. Sara war zwar nicht gerade begeistert gewesen, aber Harry dafür umso mehr. Schließlich war es ausgeschlossen, dass Harry nicht von kleinauf lernte, wie man Quidditch spielte. Bald darauf hatte er auch angefangen Harry Magie beizubringen. Als er Monate später gemerkt hatte, dass Harry einfache Zauber sogar ohne Zauber zaubern konnte, war er im wahrsten Sinne des Wortes sprachlos gewesen. Doch je mehr Zaubersprüche Harry kannte, desto besser war es.
Es war von größter Wichtigkeit, dass Harry sich selber verteidigen konnte. Zwar hatte sie in den vergangenen Jahren niemand mehr aufgespürt, aber Sirius kämpfte dagegen an, allzu sorglos zu werden. Schließlich war die Gefahr noch lange nicht gebannt. In Großbritannien und in vielen Teilen Europas herrschte Krieg und Sirius vermutete, dass der Orden und Voldemort immer noch nach Harry suchten. Ob er mit seiner Vermutung Recht hatte oder nicht, schaden konnte es Harry auf keinen Fall, wenn er lernte sich zu verteidigen.
Um geeignete Bücher zu kaufen mit denen Harry lernen konnte und die nicht so kompliziert waren wie diejenigen, die er damals mitgenommen hatte, wie auch Harrys Besen, hatte er in den letzten Jahren einige Male die Zauberergemeinschaft aufgesucht. Natürlich war es gefährlich gewesen, doch Sirius fand, dass es das wert gewesen war. Außerdem hatte er sich stets verkleidet.
Während Sirius mit Harry im Wasser herumspielte, ging Sara mit Faith auf dem Arm zurück zu ihren Decken.
Faith hatte schon angefangen zu frieren und Sara wollte nicht, dass sich ihre Tochter eine Erkältung holte. Sie trocknete die Kleine ab, setzte ihr einen blaugeblümten Sonnenhut auf und setzte sie wenig später in die Sonne. Sara legte sich auf den Bauch und sah ihrer Tochter zu, die im Sand buddelte und fröhlich vor sich hinplapperte. Faith hatte Sirius' blaue Augen und sah ihrem Vater ähnlicher als ihr, nur die dunkelbraunen Haare hatte sie von ihr, die sich an den Enden lustig ringelten. Sara legte den Kopf auf ihre Arme und sah hinaus aufs Meer, wo sie Sirius und Harry nur noch als kleine Punkte erkennen konnte.
Sie lächelte, als sie sich daran erinnerte, wie sehr sich ihr Leben doch verändert hatte, seit Sirius und Harry in Kanada aufgetaucht waren. Mittlerweile hatte sie sich auch an Sirius' und Harrys magische Kräfte gewöhnt. Nachdem sie aus Sirius' Haus geflohen waren und die Nacht im Wald verbracht hatten, war es ihr am Anfang ziemlich schwer gefallen Sirius' Erzählungen zu glauben. Er sollte wirklich dankbar sein, dass ich's getan habe und nicht die Polizei gerufen habe, dachte sie und lachte leise. Faith ansehend, fragte sie sich, ob auch ihre Tochter eine Hexe war. Bis jetzt hatte sie keinerlei Anzeichen dafür gezeigt und wenn es nach Sara ging, konnte es auch ruhig so bleiben. Irgendwie kam ihr alles was mit Magie zu tun hatte, immer noch reichlich suspekt vor. Was nicht gerade verwunderlich war, bedachte man, dass sie erst davon erfahren hatte, als sie Sirius kennen lernte.
Selbst Sirius' Eule, die jeden morgen die Zeitung der Zauberer brachte, war gewöhnungsbedürftig gewesen.
Auch ihre Eltern waren im Bilde. Es war unvermeintlich gewesen, dass sie von Sirius' seltsamer magischer Welt erfahren hatten. Am Anfang hatten sie noch versucht es zu verheimlichen.
Als Harry jedoch anfing sein Spielzeug durch die Luft fliegen zu lassen, hatte es Sara für besser gehalten ihren Eltern die Wahrheit zu erzählen. Sara kicherte. Der Gesichtsausdruck ihrer Eltern, als Sirius einige seiner Zaubereien vorgeführt hatten, war köstlich gewesen, allerdings hatte sie vermutlich nicht viel anders ausgesehen. Wenigstens waren ihre Eltern nicht im tiefsten Winter in einem Wald gewesen und noch dazu auf der Flucht, ganz zu schweigen davon hatte niemand sie verzaubert, als sie davon erfahren hatten, ganz im Gegensatz zu ihr.
Sara warf einen Blick auf ihre Tochter, die fröhlich Sand zu einem Berg aufhäufte, stand auf und setzte sich in den Liegestuhl. Ihren Rücken hatte sie lange genug gebräunt. Triefend nass tauchte Harry wenig später auf und griff nach dem Handtuch. Sirius war noch im Wasser geblieben. Dass ihm überhaupt nicht kalt wurde, wunderte sie sich. Sara streckte sich aus und ließ ihren Blick über das Meer gleiten, welches wie ein friedlicher, blauer Spiegel vor ihr lag. Sie hätte es ewig betrachten können.
Träge beobachtete sie Sirius, der zum Strand schwamm, aus dem Wasser watete und mit jemandem zusammenstieß. Als sie sah, wie Sirius den Fremden niederschlug, war sie schlagartig hellwach. Sie hatte sich noch nicht ganz aus ihrem Liegestuhl erhoben, da war Sirius schon bei ihnen.
„Schnell! Er hat mich erkannt. Nimm die Kinder und lauf zum Auto."
Sirius stopfte ihre Sachen in die Tasche. Sie nahm Faith an die eine, Harry an die andere Hand. Es war mühsam durch den heißen Sand zu laufen. Als sie die Hälfte des Weges hinter sich gebracht hatten, holte Sirius sie ein. Weder den Sonnschirm, noch die Liegestühle trug er bei sich. Sie quetschten sich ins Auto und Sirius fuhr mit quietschenden Reifen los.
„Warum fahren wir jetzt schon?", fragte Harry, während Faith jammerte, dass sie ihre Sandburg noch nicht fertig gebaut hatte.
Sara warf Sirius einen Blick zu, der mit starren Fingern das Lenkrad umklammerte und gerade die Höchstgeschwindigkeit um ein Vielfaches überschritt. Also blieb es wohl an ihr hängen den Kindern eine plausible Erklärung für ihren überstürzten Aufbruch zu liefern. Das Problem war nur, dass ihr nichts einfiel. Es war ein Glück, dass die Kinder offensichtlich nicht mitbekommen hatten, wie Sirius den anderen Zauberer, wie sie vermutete, zu Boden geschlagen hatte.
„Nun ja, wir sind jetzt schon gefahren, weil…"
Als sie aus dem Fenster blickte, sah sie, wie sich dunkle Wolken vor die Sonne schoben.
„…weil es wahrscheinlich bald ein Gewitter geben wird und wenn es anfängt zu donnern und zu blitzen wollen wir doch zu Hause sein, nicht wahr? Dort können wir es uns dann so richtig gemütlich machen.", sagte Sara.
„Ein Gewitter! Toll!", rief Harry aus und schaute aus dem Fenster.
Unwillkürlich musste Sara lächeln. Während Harry von Gewittern fasziniert war und stundenlang am Fenster stehen konnte und die Blitze beobachten konnte, fürchtete sich Faith vor Gewittern. Im Spiegel sah sie wie Faith nach Harrys Hand griff.
„Sirius! Pass auf!", schrie sie, als er eine rote Ampel ignorierte.
Als sie endlich in die Einfahrt ihres Hauses fuhren, stieg Sara mit wackligen Knien aus dem Auto und schickte ein Dankesgebet gen Himmel. So wie Sirius gefahren war, kam es einem Wunder gleich, dass kein Unfall geschehen war.
Ihre Eltern waren überrascht, dass sie schon so früh zurückgekommen waren und musterten sie merkwürdig, während Sara merkte, dass sie alle noch ihre Badeanzüge anhatten. Zu ihrer Erleichterung sagten sie jedoch nichts weiter, als Harry meinte, sie wären vor einem Gewitter davon gelaufen.
Kaum, dass ihre Eltern mit den Kindern in den Garten gegangen waren, sah Sara zu Sirius.
„Er ist mit mir zur Schule gegangen. Weiß der Himmel, was er hier tat. Zum Glück brauchte er einen Augenblick länger um zu begreifen, wer ich bin.", sagte Sirius und trat zum Fenster.
„Es ist ja noch einmal alles gut gegangen.", erwiderte Sara, die sich langsam von dem Schrecken erholte, der ihrem Ausflug solch ein jähes Ende gesetzt hatte. Während sie in die Küche ging, um Tee zu machen, stand Sirius am Fenster.
Fröhliches Gelächter schallte zu ihm herüber. Sein Blick ruhte auf Faith, die sich lachend im Kreis bewegte, auf Harry, der mit Saras Vater Ball spielte.
Fast sechs Jahre lang war alles gut gegangen, niemand hatte sie gefunden. Dafür sollte er mehr als dankbar sein. Auch wenn er es nie wahrhaben hatte wollen, er hatte gewusst, dass es nicht ewig so weiter gehen konnte. Sirius ballte seine Hände zusammen.
Sein Entschluss stand fest. Er musste dafür Sorge tragen, dass Sara, die Kinder und seine Schwiegereltern in Sicherheit waren und dass ihnen nichts geschah. Auch wenn es gefährlich werden würde und das würde es ohne Zweifel werden. Es war die einzige Möglichkeit und um seine Familie zu retten, würde er tun, was auch immer notwendig war.
Als Sara hörte, was er vorhatte, schüttelte sie heftig den Kopf.
„Nein. Das kommt überhaupt nicht in Frage! Du wirst uns nicht hier alleine lassen!"
„Sara. Es wird nicht lange dauern und sie suchen die gesamte Gegend ab. Sie würden uns irgendwann finden. Jetzt, wo sie wissen, dass ich immer noch hier bin. Wenn sie mich aber woanders sehen, weit weg von hier, werden sie glauben, wir hätten Kanada verlassen. Niemand wird vermuten, dass es nicht so ist. Sara, das ist unsere einzige Möglichkeit. Ich will nicht, dass unsere Kinder sich dauernd auf der Flucht befinden. Hier sind sie sicher und du auch. Mach es mir nicht noch schwerer, als es schon ist."
„ Also wirst du dich auf die Suche nach denjenigen begeben, die dich töten wollen? Was, wenn dir etwas geschieht?" Ihre Stimme zitterte.
„Sie werden mich nur von weitem sehen, Sara. Im nächsten Augenblick bin ich wieder verschwunden. Es besteht überhaupt keine Gefahr."
Er log, sie wusste es. Es war gefährlich und er wusste es, ebenso gut, wie sie.
Sara schluckte. Tränen drohten ihr vor lauter Hilflosigkeit in die Augen zu treten. Als sie seine Arme spürte, die sie umfingen, klammerte sie sich an ihn. Sich wieder von ihm lösend, sah sie hinaus in den Garten. Der Gedanke, dass Faith und Harry nichts geschehen durfte, erstickte ihre Einwände im Keim. Sirius legte einen Arm um sie, drückte sie für einen flüchtigen Augenblick an sich und war verschwunden. Ohne Sirius' Wärme wurde ihr kalt. Sie erschauerte und verschränkte die Arme. Angst erfasste sie. Es dauerte nicht lange bis Sirius zurückkehrte. Er hatte sich angezogen, sein Haar war schwarz und obwohl sie wusste, dass es seine ursprüngliche Haarfarbe gewesen war, kam er ihr doch fremd vor. In seiner Rechten hielt er seinen Zauberstab. Sie wollte ihn anflehen nicht zu gehen und brachte es nicht über sich.
„Pass auf dich auf.", flüsterte sie stattdessen.
Er nickte und zog sie in seine Arme. Sie hielten sich fest, als wollten sie sich nicht mehr loslassen.
„Ich komme zurück, Sara. Ich komme zurück."
Er ließ sie los, machte Anstalten in den Garten zu gehen und überlegte es sich anders. Sie hörte, wie die Haustür ins Schloss fiel. Fort, dachte sie, Sirius war fort und ihr würde nichts anderes übrig bleiben, als zu warten. Langsam setzte sie sich in den Sessel. Sie würde für heute noch eine Erklärung brauchen. Diesmal allerdings hatte sie wirklich nicht den leisesten Schimmer was sie den Kindern erzählen sollte und ihren Eltern, die zwar wussten, dass Sirius ein Zauberer war, aber keine Ahnung hatten, dass er auf der Flucht war und dass er und Harry gesucht wurden.
