KAPITEL 05

Kaltes Metall prallte mit voller Wucht gegen ihr Gesicht und ließ sie schwungvoll zu Boden stürzen. Metallischer Donner tobte hallend in ihren Ohren, ein akustisches Echo ihrer physischen Schmerzen.

Scheiße tat so ein Schildschlag weh.

Aedans Abwesenheit war eine Wohltat für Kaelis geschundenen Seelenfrieden. Seit zwei Tagen war er auf der Suche nach seinem Bruder, die übrigen Wächter minus der beiden Späher hatten ihr Lager am Rand der Korcari-Wildnis aufgeschlagen. Leliana war eine hervorragende Lehrerin und Kaeli eine begierige Schülerin. Wenn jemandes Leben vom Beherrschen einer Waffe abhing, lernte man die Grundlagen schnell. Sie hätte sich für eine Karriere als Kriegerin mit Zweihänder oder Axt oder etwas anderem Großen entschieden, hätte man ihr die Wahl gelassen. Stattdessen hatten Alistair und Leliana sie in vollkommener Übereinstimmung für zu schwach dafür befunden und ihr stattdessen einen zweiten Dolch in die Hand gedrückt. Leliana hatte keine Intentionen, den ersten zurückzufordern.

»Als Schurkin bist du schnell und wendig. Deine Stärke liegt im lautlosen Angriff von hinten«, hatte Leliana beschlossen. Kaeli war mehr robust als geschmeidig, aber sie hatte aufgehört, sich zu beschweren. Wie Alistair, war Leliana im Laufe der Stunden in die singulare Anrede gewechselt. Folglich war es Lelianas Schuld, dass Kaeli mit blutiger Nase auf dem Boden lag.

»Scheiße, Alistair!«, keuchte sie, die Handflächen über ihre untere Gesichtspartie gepresst. Vorwurfsvoller wiederholte sie, »Scheiße, Alistair!«

Er kniete sich neben sie, halb schuldbewusst, halb lachend. »Reflexe. Tut mir leid.«

»Du sollst mich abwehren, nicht angreifen!«, rief sie empört. Nach der Verwehrung eines richtigen Schwertes hatte sie sich alternativ für einen Bogen als Waffe der Wahl eingesetzt. Ein Ding der Unmöglichkeit, bedachte man, dass Bogenschießen eine schwer zu erlernende Kunst war. Was hätte sie wenigstens um eine Armbrust gegeben, etwas, das man aus der Distanz abfeuern konnte! »Verfluchtes Nichts, meine Nase!«

Alistair half ihr auf. Am Rand des provisorischen Trainingsrings sah sie Duncan mitleidig lächeln. Waffentraining war eine schlechte Idee gewesen. Wer hatte ahnen können, dass ein Verteidiger ungefragt Schaden austeilte? Jammernd verstaute sie die Dolche an dem Gürtel, den ihr einer der Wächter überlassen hatte. Es war ein alter, abgetragener, dessen Leder an mehreren Stellen Risse vom vielen An- und Ablegen zeigte, aber er hielt die Dolche an ihrem Platz. Die Lederrüstung, die sie bekommen hatte, war absolut nicht ihr Fall und war eine Nummer zu groß, aber damit stach sie weniger heraus als mit ihrem modischen Printshirt, über das sie bereits zweimal mit Alistair diskutiert hatte. Es war eine Eule, aber das wollte er nicht akzeptieren. Das war der Stand der Dinge. Tage voller Abers, Tage voller Kompromisse. Sie hatten keine Wahl. Welche Vorhaben sie auch haben mochte, hier war sie hilflos. Ohne Vorhut loszuziehen, war Selbstmord. Sie musste mit Lyra im Schutz der Wächter bleiben.

Alistair und Leliana außer Acht gelassen, blieben Kaeli und Lyra unter sich. Lyra hatte sich geweigert, die Rüstung einer Leiche anzuziehen, so saß sie in ihrer schwarzen Hose und dem schwarzen T-Shirt am Lagerfeuer, die Beine angezogen, die Lieder halb geschlossen, als Aedan zurückkam, der Mabari schnaufend an seiner Seite. Beide waren mit Blut bedeckt, sowohl ihr eigenes als auch das der Dunklen Brut. Er hatte nicht mehr als einen flüchtigen Blick für sie übrig, als er an ihr vorbei zu Duncan ging.

Den gesamten verbalen Rapport über streichelte er seinen tierischen Gefährten. Der Mabari hatte sich neben dem als Sitzplatz dienenden Baumstumpf zu einem dicken Knäuel zusammengerollt und hechelte seine Anstrengung weg. Im Schein des Lagerfeuers glitzerte Schweiß auf seinem braunen Fell, ebenso auf Aedans Gesicht. Wenige Minuten später schloss sich Alistair dem Duo an und Aedan begann von vorne.

Kaeli hatte keine Muße, sich die Zusammenfassung der gescheiterten Mission anzuhören. Aedan hätte sie ihr sowieso nicht zuteilwerden lassen. Die Tatsache, dass er außer mit dem Kriegshund alleine zurückgekommen war, ließ nur wenig Spielraum für Spekulationen.

»Hältst du es wirklich für eine gute Idee, Waffen in die Hand zu nehmen?«, fragte Lyra. Es klang mehr wie ein Ratschlag, selbiges zu unterlassen. »Wir wollten unter dem Radar bleiben.« Kaeli warf den Dolch in die Luft, ließ seine Klinge um die eigene Achse routieren und spreizte die Beine, bevor das spitze Ende ihren Schenkel durchlöchern konnte. Das Fangen musste sie definitiv üben. Leliana machte einen amüsierten Laut über den gescheiterten Versuch. Lyra deutete auf die Klinge. »Nicht zu vergessen, dass du tollpatschig bist.«

»Eine Möglichkeit zur Verteidigung ist nie schlecht, Lyra«, erklärte Leliana sanft. Ihre Finger strichen über die Saiten der Laute, die sie seit mehreren Minuten in der Hoffnung streichelte, eine Eingebung für ein Lied zu bekommen. »Kämpft man dort, von wo ihr kommt, nicht?«

Lyra wandte sich ihr zu. »Es gibt Kriege. Allerdings nicht direkt vor der Haustür.«

»Dann habt ihr Glück. Nicht überall kommt man kampflos durch den Tag. Ferelden ist ein gefährlicher Ort. Wenn ihr mit einen Ratschlag gestattet; ihr solltet euch nicht zu sehr auf die Schilde vor euch verlassen.«

Sie erhielt keine Antwort. Lyra wusste das. Ebenso wie sie wusste, dass Kaeli der Zustand des Nichtstuns am meisten zu schaffen machte. Wenn dem Alphatier langweilig war, suchte es sich eine Beschäftigung. Viel mehr als Waffen gab es hier nicht.

»Leliana hat gute Argumente«, versuchte Kaeli diplomatisch zu bleiben. Das Warten war ein Warten auf den Tod und es machte sie verrückt. Ihr ursprünglicher Plan, sich an Aedan zu heften, hatte sich spätestens jetzt in Luft aufgelöst. Der Spielverlauf war vorerst aus dem Ruder gelaufen. Wenigstens hatten sie Leliana. Das war ein Anfang. Leise sagte sie: »Wir brauchen ein Ziel.«

»An Aedans Fersen zu haften entspricht nicht deinen Erwartungen?«, meinte Lyra schnippisch. Sie strich sich ein paar Strähnen mit beiden Händen aus dem Gesicht. »Hör nicht auf mich.«

Leliana zupfte zärtlich an einer Saite. »Unser Ziel ist der Erzdämon, ja? Dann sollte der Kurs klar sein. Mein Traum hat mir nichts über den Weg enthüllt, doch ich vertraue in dich, Kaeli. Was immer du tust, der Erbauer wird deine Schritte lenken.«

Erbauers Arsch. Gerade der hatte damit am wenigsten zu tun, was Kaeli um keinen Preis der Welt sagen konnte. Sie begann ins Feuer zu starren. In die Nacht hinein züngelnde Flammen schienen dieser Tage ihre einzige Konstante zu sein. Sie waren warm und knisterten angenehm in den Ohren, dämpften die Umgebung ein wenig, wenn man sich stark genug darauf konzentrierte. Sie war in einen fast meditativen Zustand abgedriftet, als ein Paar Stiefel vor ihr auftauchte. Langsam sah sie auf, fast sicher, dass sie Duncans Vorschlag nicht hören wollte. Er sprach ihn aus und sie behielt recht.

»Eure Handhabung des Bogens ist beeindruckend, Leliana. Ich möchte nicht nachfragen, wie eine Laienschwester zu derartiger Kunstfertigkeit in Bezug auf das Töten von Gegnern kommt, nichtsdestoweniger wäre es mir eine Ehre, Eure Talente in die Grauen Wächter zu inkludieren.«

Lelianas liebliches Kichern erfüllte die Nachtluft. »Ihr schmeichelt mir, Kommandant. Die Grauen Wächter sind Helden. Ich hingegen bin eine orleisianische Bänkelsängerin, die es vorzieht, im Schatten der Glorreichen ihren Teil zu einer besseren Welt beizutragen. Ich bin keine Frau, die in den Geschichtsbüchern vorkommen sollte.«

»Zu schade«, bedauerte Duncan. Ihm war anzusehen, dass sein letztes Wort zu diesem Thema noch nicht gesprochen war. Die Grauen Wächter waren mehr als nur angeschlagen. Sie atmeten kaum noch, glosten dahin wie ausgetretenes Feuer. Die Not war groß; nicht groß genug, um Kaeli oder Lyra zu fragen. Im offenen Kampf waren sie keine Hilfe.

Lelianas Bogen lag schneller in ihrer Hand als die erste Silbe eines schnaufenden Wächters ertönte, der durch die Bäume auf die kleine Lichtung brach. »Zu den Waffen!«

Mit einem Schlag war das Lager in hellem Aufruhr. Schwerter fanden ihre Besitzer, im Sinne der Bequemlichkeit abgelegte Rüstungsteile rasteten hörbar an den vorgesehenen Stellen ein. Aedans Mabari kämpfte sich mit gespitzten Ohren auf müde Beine. »Lauf, Junge«, hörte Kaeli seinen Besitzer sagen. Der Mabari winselte besorgt, ehe er Aedans Fingerzeig in den Wald hinein folgte und im schweren Laufschritt in die Büsche sprang. Das Tier war zu mitgenommen für einen Kampf. Aedan hatte sein Breitschwert ergriffen, die Beine in Angriffsstellung. In der Ferne ertönte ein Schrei, ein Befehl, dann plötzlich brachen sie herein wie ein kalter Schauer in einer lauen Sommernacht.

Sie trugen kein Banner, kein Siegel, keine Wappen. Lelianas Pfeil erwischte den ersten, Alistairs Schild den zweiten. Es war ein Déjà-vu, ein Film, den man immer wieder abspielte: Hilflos, ohne Möglichkeit zur Verteidigung, beiläufig hinter irgendeinen Rücken geschoben. Leliana stand neben ihnen und zog die Aufmerksamkeit der Angreifer mit ihren Pfeilen auf sich. Es waren zu viele, als dass die Wächter sie von ihr fernhalten konnten. Zehn Sekunden und achtzehn Pfeile später überwand der erste die Front.

»Lauft!«, wies Leliana an. Zwei weitere ihrer Pfeile zurrten durch die Luft, trafen ins Nichts, wo eben noch ein Mann gestanden hatte. Sie machte ein paar Schritte zurück, Pfeil um Pfeil, bis der Angreifer zu nahe war, um den Bogen zu spannen. Ein Tritt in den Bauch, ein Schlag ins Gesicht machten ihm nichts aus, also rannten sie, Lyra voraus in unbestimmte Richtung durch den dunklen, dichten Wald. Kaeli war direkt hinter ihr. Ihre Beine trugen sie schneller als Lyras Tempo, und nur weil sie ihren Überlebensinstinkt niederkämpfte, stieß sie sie nicht bei einem Überholmanöver aus dem Weg. Menschen konnten grausam werden, wenn ihr Leben auf dem Spiel stand.

»Weiter, weiter, weiter!«, trieb sie Lyra an, erst rau, dann atemlos. Leliana war unmittelbar hinter ihnen, manchmal im Rückwärtsschritt, um weitere Pfeile abzufeuern. Sie bewegte sich nahezu lautlos durch den Wald, sodass Kaeli sich nicht sicher war, ob sie tatsächlich noch da war. Zeit zum Umdrehen hatte sie nicht.

Die Bäume waren Hindernisse, die es sich in den Kopf gesetzt hatten, ihre Flucht zu erschweren. Flechtreben hingen von Ästen, die ein natürliches Dach hoch über ihnen bildeten, Ranken bildeten Netzte, die nur darauf warteten, etwas zu fangen. Ihre Sinne waren geschärft, gepusht an ein fast schon schmerzhaftes Limit. Schemen und Schatten und Konturen bildeten sich stärker als üblich auf Kaelis Retina ab, der Kontrast überanstrengte ihre Augen. Wenigstens sah sie in dem salienten Bild jedwede Hürden. Den Mann sah sie nicht kommen.

Er war klein und sein Lederharnisch war hart. Ihre Finger krallten sich in die Schnallen seiner Rüstung; ein kurzes Aufkeuchen begleitete ihren Fall. Ineinander verschlungen, rollten sie einen kleinen Abhang hinab, prallten gegen einen Felsen. Er war auf ihr, einen Arm auf ihrem Hals, ein anderer zog in einer flüssigen, tausendfach geübten Bewegung einen Dolch aus dem Schaft an seiner Hüfte. Er holte nicht aus. Zeitverschwendung, wenn das Opfer schon am Boden lag. Für einen Moment sah Kaeli die Schneide im durchscheinenden Mondlicht aufblitzen. Sie tastete blind nach ihrer eigenen Waffe; vergebens.

Seine Augen weiteten sich, eine feine Blutspur bahnte sich ihren Weg aus seinem Mundwinkel. Er kippte seitlich von ihr. Die Spitze eines Pfeils lugte verräterisch am Ansatz seiner linken Rippen heraus. Leliana hatte die Lunge erwischt. Sie selbst war weniger beeindruckt von ihrer Zielgenauigkeit. Mit kontrollierter Hektik drehte sie das Geschoss aus dem Körper. Ihr Opfer röchelte. Als er starb, waren sie bereits verschwunden.

Lyras Orientierung ließ zu wünschen übrig, wohingegen Leliana zu sehr mit der Abwehr potenzieller Verfolger beschäftigt gewesen war, um auf die Laufrichtung zu achten. Für Kaeli sah der Wald an allen Ecken gleich aus. Die lauter werdenden Kampfgeräusche waren der einzige Anhaltspunkt dafür, dass sie in die falsche Richtung liefen. Aus dem Dickicht heraus erwischte Leliana im Vorbeilaufen einen weiteren Angreifer. Es wirkte wie ein Automatismus.

Außer dem einen schien ihnen niemand gefolgt zu sein. Jeder hörbare Schritt riskierte, ihre Position zu verraten. Kaeli und Lyra konnten nichts weiter tun als sich hinter einem Busch zusammen zu kauern, während Leliana sicherheitshalber einen ihrer letzten Pfeile anlegte. Ihr Köcher war von vornherein nicht gut bestückt gewesen.

»Sind sie weg?«, wisperte Lyra. Die letzte Silbe versank in Kaelis Handfläche. Keine der beiden zitterte, wimmerte, tat auch nur irgendetwas, das verräterisch sein konnte. Atmen war der einzige Luxus, den sie sich gewährten. Ein Rascheln ließ sie auch das einstellen. Ihnen gegenüber spannte Leliana ihren Bogen und sie hätte fast geschossen, wäre sie schreckhafter gewesen als ihre bewegte Vergangenheit erlaubte. Lang ausatmend ließ sie den Bogen wieder sinken und fand Halt an einem willkürlichen Baum hinter ihr.

»Um ein Haar hätte ich Euch erschossen.«

»Dann bin ich ja froh, dass Ihr es nicht getan habt«, versetzte Aedan. Der Mabari bellte zustimmend. »Das Lager ist sicher. Kommt.« Er wandte sich zum Gehen. Ein flüchtiger Blick über seine Schulter – so flüchtig wie seine Blicke immer waren, wenn sie auf die nicht mehr ganz so fremden Frauen trafen – ließ ihn innehalten. Für einen kurzen Moment haderte er mit sich. Kaeli war aufgestanden, Lyra blieb stur auf ihrem Platz. Ihre Sturheit war schlichte Reaktionslosigkeit.

Sich dessen unbewusst oder einfach nur demgegenüber ignorant, zog Aedan sie am Oberarm auf, als hebe er nicht mehr als eine zu groß geratene Puppe auf. Sein fester Griff schien ihr Schmerzen zuzufügen, die sie gar nicht richtig bemerkte. Wurzeln hatten ihren Knöchel verstaucht, Dornen hatten ihre Haut zerkratzt, Angst hatte ihre Glieder gelähmt. Einem kleinen Kind gleich mitgeschleift zu werden, war nicht das Angenehmste für widerwillige Beine. Sie musste mindestens so müde sein wie Kaeli selbst. Zu gerne hätte Kaeli Aedan Einhalt geboten, ihm gesagt, dass ihre Freundin besser zu behandeln war. Doch sie war zu erschöpft und ihr Verstand war taub von den Geschehnissen.

Im Lager ließ Aedan Lyra endlich los und sie schnappte aus ihrer Agonie. Kaelis vertraute Hände pressten sie sanft auf eine der wenigen nicht blutigen Decken. »Ich erkundige mich, was passiert ist. Bleib hier«, sagte sie. Genauso gut hätte sie den Jingle aus der Handywerbung singen können, Lyra hörte es nicht.

Noch auf halbem Weg hielt Kaeli inne. Was tat sie hier? Der Angriff hatte nichts mit dem Erzdämon zu tun. Das Lager war verwüstet, ein Grauer Wächter war schwer verwundet worden. Es war kein Werk der Dunklen Brut. Alistair sammelte sie ein, schleifte sie an der Schulter einfach mit zu Duncan, Aedan und Leliana, die sich in einem Halbkreis leise berieten.

»Jemand muss sie geschickt haben. Es sind Häscher«, eröffnete Aedan die erste Runde für Erklärungsversuche.

Mit Kaeli an seiner Seite, schloss Alistair den Kreis. »Häscher ohne Wappen? Das ist höchst unwahrscheinlich. Wer würde es wagen, Graue Wächter anzugreifen? Wir haben einen gewissen Status. Gerechtfertigt, wie man sieht.« Er schloss mit seinem Arm die getöteten Angreifer ein. Zwei Wächter schafften die Leichen auf einen Haufen abseits der Zelte zusammen und bedeckten sie so gut es ging mit Blattwerk. Der Rest schloss sich der Runde an, die Mienen finster und ernst.

»Wenn ihr mich fragt, gibt es nur eine Schlussfolgerung«, sagte einer von ihnen. Maxon, wenn Kaeli sich recht erinnerte. Sein Gesicht verfinsterte sich. »Loghains Schwerter stehen jetzt alle schief.«

Zustimmendes Murmeln über die Metapher ergoss sich über den Kreis. Niemand unterband es. Niemand erhob Einwände, bis auf Leliana. »Reichen die Einflüsse des Teyrn wirklich so weit, binnen weniger Tage ein knappes Dutzend Krähen aus Antiva anzuwerben? Meines Wissens nach dauert alleine die Antragsstellung ein paar Wochen.«

»Krähen? Aus Antiva?«, hakte Duncan nach. Seine Augenbrauen waren unheilvoll zusammengezogen, als er ein paar Schritte nach hinten machte, den Kopf in den Nacken gelegt. Ein subtiler, kaum auszumachender Schauder durchfuhr ihn. »Ich hasse Antiva. Das Land ist voll von … Antivanern. Grauenhaft. Seid Ihr Euch sicher, dass es sich um Krähen handelt, Schwester Leliana?«

Leliana blickte wachsam um sich, als sie antwortete. Irgendwann zwischen letztens und jetzt hatte sie ihre rosafarbene Kirchenrobe gegen eine nietenbesetzte Lederrüstung eingetauscht. »Bei den Krähen kann man sich nie sicher sein. Antiviansche Assassinen haben einen individuellen Stil, Aufträge zu erledigen. Sie arbeiten bevorzugt mit vergifteten Waffen und Tricks, meist gut gestellte Fallen, aber wie gesagt, es gibt keine patenten Erkennungsmerkmale. Sie greifen direkt an oder spielen ein Theaterstück. Eine Milchmagd in Nöten, ein verirrter Junge, ein alter Greis auf dem Weg zum Grab seiner verstorbenen Frau. Bis man ihre Waffen sieht, ahnt man es nicht, und sobald man es tut, ist es meist zu spät.«

»Diese hier haben uns aus dem Hinterhalt angegriffen«, warf Maxon ein. Seine dicken Finger kämmten durch seinen schütteren, blonden Bart. Es fehlte nicht mehr viel und er hätte auf den Boden gespuckt. »Feige Bastarde.«

Leliana schenkte ihm ein beruhigendes Lächeln. »Die Vorgehensweise entspricht nicht dem Ruf der Krähen, jedoch kann ich mir keine andere Gruppierung vorstellen, die versuchen würde, es mit über einem halben Dutzend Grauer Wächter aufzunehmen. Schon gar nicht mit elf Mann. Nicht jeder kann ein Angebot an die Krähen aus Antiva machen. Man braucht Einfluss und Freunde und eine Menge Geld. Alleine die geforderte Summe würde das Kapital der meisten Edelmänner übersteigen. Sieben Graue Wächter müssen ein Vermögen kosten. Legt man ausreichend Sovereigns dar, beginnt innerhalb der Krähen die Entscheidung darüber, wer den Auftrag ausführen darf. Solche Dinge dauern länger als ein paar Tage.«

»Das bedeutet?«

Sie presste die Lippen fest aufeinander. Besorgnis hatte ihre Züge befallen. »Jemand hatte gute Gründe, die Sache zu beschleunigen, und das nötige Kleingeld, es zu tun.«

Das Lager verstummte. Der Wald schien mit ihnen den Atem anzuhalten, oder es war bloße Einbildung. Maxons kühne Anschuldigung hing in der Luft. Wer hätte mehr Gründe und mehr Mittel, die Hürden der Anwerbung einer Assassinengruppe in Rekordzeit zu meistern, als Teyrn Loghain Mac Tir? Kaeli spürte ihre Atmung schwerer werden. Das hatte sie davon, bei den Grauen Wächtern geblieben zu sein. Deren Probleme.

»Wir haben keine Beweise für Loghains Beteiligung.« Duncan wandte sich wieder der Gruppe zu. Die schwere Stimmung löste sich unter seinem entschlossenen Gesichtsausdruck auf. »Allerdings können wir nicht riskieren, nach fehlenden Beweisen zu urteilen. Alistair, du gehst mit Aedan nach Denerim. Stellt sicher, dass Loghain keine Dummheiten anstellt.«

»Hast du nicht gesagt, er würde schon zur Besinnung kommen?«, warf Alistair ein. Der Gedanke, sich in der Hauptstadt mit dem Schwiegervater des Königs anzulegen, schien ihm nicht sonderlich zu behagen. Mehrere Tagesreisen von Denerim entfernt, versteckt neben einem verlassenen Lager, drangen Neuigkeiten nur spärlich zu ihnen. Die Wächter, die die Umgebung absicherten, schnappten manchmal etwas von vorbeifahrenden Händlern auf. Nach Lotherings Zerstörung waren diese jedoch dünn gesät. Die letzten Nachrichten hatten allerdings Revolten behauptet. Das Volk war in Rage, weil der König nach wie vor nicht bei Bewusstsein war. Wenig überraschend gab man den Grauen Wächtern die Schuld. Das alte Lied. Kaeli hatte es hundert Mal gespielt.

Duncan kümmerte sich nicht um Alistairs Bedenken. »Ich sagte, wir geben Loghain Zeit, kein naives Vertrauen. Wenn er sich bis jetzt nicht seiner Verantwortung gefügt hat, wird er es leidlich zu einem späteren Zeitpunkt tun. Tut, was nötig ist, um ihn zur Besinnung zu bringen.«

»Denkst du, das wird möglich sein?«, warf Aedan ein. Seine Zweifel waren berechtigt, auch ohne den Verlauf der Alternativgeschichte zu kennen. So stark sie in diversen Punkten abwich, so schien sie sich immer wieder auf die Kernpunkte zu berufen.

»Loghain ist ein vernünftiger Mann. Wenn seine Schwerter – wie Maxon es poetisch wertvoll bezeichnet hat – alle schief sind, rücken wir sie wieder gerade. Es liegt mir nichts ferner, als ihn zum Feind zu haben.«

»Dann bitten wir den Erbauer, dass wir die Wahl haben«, brummte Gromrik. Kaeli wusste nicht viel von dem fortwährend mürrischen Zwerg mit den Narben im Gesicht, außer dass er Adeligen rein aus Prinzip nicht über den Weg traute. Wundersamerweise hatte er gegen Aedan nicht mehr als gegen alle anderen Wächter. »Was macht der traurige Rest, Duncan, wenn wir schon nicht alle nach Denerim spazieren können, um diesem Teyrn den Hintern zu versohlen?«

»Wir bleiben bei unserem ursprünglichen Plan. Arl Eamons Hilfe ist unerlässlich, ebenso die Aktivierung der Verträge. Ihr geht nach Denerim«, wiederholte er an Alistair und Aedan gewandt. »Sofort

Dem Befehl wurde augenblicklich Folge geleistet. Rucksäcke wurden gepackt, Vorräte aufgeteilt. Denerim war weiter entfernt als Redcliffe, sodass die Aufbrechenden einen größeren Teil des Proviants beanspruchten als die Zurückbleibenden.

Lyra war sichtlich nicht glücklich darüber, von einem Ort an den nächsten geschleift zu werden. Aufstände in Denerim klangen nicht besser als ein selbstverliebter Arl in Redcliffe. Sie wurde nicht gefragt. Solange sie keinen besseren Plan hatte als Kaeli, musste sie sich fügen. Denerim war der Schauplatz der letzten Schlacht. Wenn sich der Erzdämon zeigte, dann dort. Kaelis Argumentation war schwach, aber sie ließ keine Widersprüche zu, und wenn Lyra zu sich selbst ehrlich war, war sie mit keiner Option zufrieden. Reisen oder nicht reisen bedeutete für ihre angeschlagene Stimmung keinen Unterschied.

Noch vor Sonnenaufgang brachen sie auf. Diskussionen über Kaelis und Lyras Mitkommen fielen kurz aus. Aedan hatte keinen Kopf für gewichtige Gegenargumente. Lelianas Begleitung akzeptierte er ohne Widerspruch. Nach ihrer Vorführung war er fast schon begierig darauf, sie mitzunehmen. Das Ausmaß der gezeigten Begierde fiel hingegen schmal aus. Ein einfaches Kopfnicken, was mehr war als Kaeli sich jemals von ihm erhoffen konnte, wenn sie überhaupt hoffte, etwas von ihm zu bekommen. Was sie nicht tat. Einen Ausschlag höchstens. Anfälle von stiller, sengender Antipathie mindestens. In einem solchen befand sie sich nach seiner Bemerkung über ihre Bitte nach einer Pause. Sechs Stunden waren sie auf unbefestigten Straßen nach Nordosten marschiert, nur eine einzige Rast am Wegrand hatten sie gemacht.

»Wie konntest du so alt werden, wenn du nicht einmal eine Tageswanderung verträgst?« Es interessierte ihn ernsthaft. Seine Augenbrauen waren fragend nach oben gezogen, sodass seine Stirn leichte Falten warf. Gemessen an den Gesprächsbrocken zwischen ihm und Alistair war er nur um ein paar Jahre älter als sein weitaus kommunikativerer Freund. Zweiundzwanzig, vierundzwanzig maximal. Kaelis und Lyras Alter, obgleich er wesentlich älter wirkte. Sein Äußeres war verhärmt durch Wind und Wetter, ganz anders als man es von einem Adeligen erwarten würde.

Kaeli schnaufte einmal, um genügend Luft für eine Antwort zu haben. »In meiner Welt gibt es Transportmittel, die dich von einem Ort zum anderen bringen. Und Straßen

»Worauf gehst du jetzt, wenn auf keiner Straße?«, fragte Aedan rhetorisch.

»Dreck.« Kaeli atmete tief ein. Ihre körperliche Leistungsgrenze war lange nicht erreicht. Einen halben Tag lang spazieren zu gehen, laugte einen durchschnittlich sportlichen Erwachsenen nicht aus, schon gar nicht jemandem im Marathontraining. Sie hatte schlichtweg keine Lust mehr. »Matsch«, fuhr sie fort. »Dreck und Matsch. Matsch und Dreck. Willst du mehr Details?«

»Auf deinen Sarkasmus kann ich verzichten. Tut mir leid, Prinzessin, mit dem Komfort von Kutschen können wir nicht dienen. Wieso kommst du überhaupt mit?«

»Zuhause bei mir war es so schön friedlich, da dachte ich bei mir: Was könnte mein Leben so richtig schön versauen? Ferelden schien mir die passende Lösung zu sein.«

»Kaeli …«, murmelte Lyra sanft mahnend aus dem Hintergrund. Sie schüttelte den Kopf. Ihre blassen Wangen waren vom sattesten Rot, das man sich an einem lebenden Menschen vorstellen konnte. Über die letzten Stunden hatten sich widerspenstige Strähnen aus ihrer Haarspange gelöst. Daran erinnert, dass ihre eigene letzte Dusche mehrere Tage her war, strich Kaeli über ihren Zopf. Das Fehlen von Spiegeln hatte sie ihre mangelnde Körperhygiene vergessen lassen. Die Haarsträhnen auf ihrem Kopf waren fettig und verknotet.

Drei Stunden später wählte Aedan einen geeigneten Platz zum Aufschlagen des Lagers aus. Die Lichtung befand sich gut eine dreiviertel Stunde waldeinwärts auf einer kleinen Lichtung, kaum größer als Kaelis Einzimmerwohnung. Sie war gut geschützt von umstehenden Bäumen, gesäumt von bedornten Wildbüschen und bewachsen von verdorrtem Gras. Alistair strich über die Spitzen der Halme, fast andächtig, sein Gesicht voller Sorge.

»Die Verderbnis breitet sich aus. Man erkennt es zuerst an den kleinen Pflanzen. In diesem Teil Fereldens sollte die Vegetation üppiger sein.«

Aedan warf seinen Rucksack zu Boden und durchwühlte ihn nach seinem Zelt, das nicht mehr war als ein großes Stück Stoff. »Die letzten Tage waren feucht. Gestern Nacht gab es Regen. Der Boden müsste aufgeweicht sein.«

»Was bedeutet es, dass er es nicht ist?«, fragte Lyra. Sie ließ sich zu Boden sinken, die Atmung schwer. Immer noch war kein Wort der Beschwerde über ihre Lippen gekommen. Aedan war so sehr in die Überprüfung seiner Umgebung vertieft, dass er erst nach einigen Minuten antwortete.

»Die Verderbtheit beschränkt sich nicht auf Menschen und Tiere, sie greift auf alles über, das mit Dunkler Brut in Berührung kommt. Jedem lebenden Organismus wird Energie entzogen. Die Gräser kämpfen ums Überleben und entziehen dabei dem Boden alle verfügbaren Nährstoffe und Wasserreserven. Der Boden wird karg und damit stirbt alles um ihn herum. So kann eine ganze Region absterben, lange bevor sie in tatsächlichem Kontakt mit Dunkler Brut kommt.«

»Ah«, sagte Lyra nachdenklich und Aedan wandte sich der Gruppe zu.

»Es gibt nicht viele Studien zur Verderbnis. Die meisten stammen von Gelehrten, die nie selbst Zeuge einer selbigen waren, daher sind es nur Vermutungen. Irgendwo müssen wir mit der Orientierung anfangen.«

Er erhielt keine Erwiderung. Lyra hatte müde die Augen geschlossen, Leliana fühlte sich nicht angesprochen und Kaeli hätte sich lieber die Zunge abgebissen als eine tatsächliche Konversation mit ihm zu führen. Streiten schön und gut, aber irgendwo musste man eine Grenze ziehen. Am Ende war es Alistair, der sich nach dem Ursprung von Aedans fundiertem Wissen erkundigte. Er als älteres Mitglied – auch wenn sein Beitritt nur unwesentlich früher stattgefunden hatte – verfügte über weit weniger. Die daraus resultierende freundschaftliche Stichelei über den Vorteil, lesen zu können, ging in Lelianas verheißungsvollem Angebot unter.

»Bevor die Männer ihre Erziehung gänzlich vergessen, sollten wir uns um Frauendinge kümmern. Ich höre einen Fluss und denke, wir alle könnten ein Bad vertragen, ja?«

Bis sie bei dem breiten Fluss mit dem seichten Ufer angekommen waren, hatte Leliana ihr Abendessen in Form dreier Vögel geschossen, sie mit einer Schnur an den Füßen zusammengebunden und sich über die Schulter geworfen, wo sie so lange leblos herunter baumelten, bis sie mit einer Einstiegsstelle zufrieden war. Im Vergleich zu den Krähen aus Antiva waren diese Vögel allzu einfach vom Himmel zu holen gewesen. Die leichte Beute hinterließ einen Ausdruck von Unbefriedigung auf Lelianas Gesicht.

Einmal jährlich fuhr Kaeli in ein Wellnessresort, ließ es sich gut gehen, genoss die Auszeit von ihrem ach so stressigen Alltag. Lernen, Arbeiten, sozial aktiv bleiben, feiern, wie sollte ein Mensch diese Beanspruchung ohne ein paar Tage Nichtstun aushalten? Nicht, dass sie tatsächlich jemals nichts getan hatte, während sie nach einem ausgiebigen Dampfbad in den gepolsterten Rattanmöbeln im Ruheraum versank. Herumliegen war Zeitverschwendung. Sie hatte Fachzeitschriften oder Fallakten gelesen, auf ihrem Laptop Mindmaps für anstehende Präsentationen erstellt, und ja, wenn sie absolut keine Lust auf all das hatte, war sie zum Schreiben von Fanfictions übergegangen. Es war paradox, dass sie am besten arbeitete, wenn sie nicht sollte. Die Ablenkungen der Wellnessbehandlungen hatte sie deshalb umso mehr genossen – und in Wahrheit auch nur deswegen.

Von einem Steinufer in einen kalten Fluss zu waten, war eine neue Form der Entspannung. Sobald das klare Wasser ihre Waden umspülte, begannen ihre Muskeln zu entkrampfen, ihre Schultern zu entspannen, und als sie durch die plötzlich fehlende Muskelkontraktion vornüber in die hüfthohen Fluten stolperte, fühlte sie sich leichter als nach einem Jahr Urlaub. Teilweise, weil sie gestresster war als jemals zuvor. Teilweise, weil der erfrischende Strom für den Moment des Untertauchens all ihre Ängste wegspülte.

Sie tauchte lachend auf, das Lachen nur ein wenig verrückt. Um sie herum schwappten eiskalte Wellen um ihren Oberkörper, während ihre Füße vorerst vergeblich nach Halt am steinigen Flussbett zu finden versuchten. Zweimal rutschte sie ab, tauchte unter und kam erst knapp vor dem qualvollen Erstickungstod wieder hoch.

Bis Kaeli sich gefangen hatte, waren Leliana und Lyra ihr weniger geräuschvoll gefolgt. Über Lyras Haut hatte sich eine Gänsehaut ausgebreitet. Sie hatte die Arme um sich geschlungen, die Beine fest zusammengepresst, um wenigstens ein bisschen Körperwärme zu behalten. Gegen den Fluss hatte sie keine Chance. Er nahm die von Anstrengung herrührende Hitze mit sich, die ungeweinten Tränen, für einen Moment sogar das starke Gefühl der Hilflosigkeit. Er riss es mit sich, stromabwärts der Erbauer wusste wohin, jedenfalls weg.

Leliana beobachtete die konträren Gemüter mit dem nachgiebigen Lächeln einer großen Schwester. Ihre schlanken Finger tauchten ein Stück Seife ins Wasser. Sie würden ihre Haare mit einem gebrauchten Barren Natrium-Salze waschen. Kein Shampoo, keine Pflegespülung, kein Föhn, kein Glätteisen.

»Was?«, fragte Kaeli. Lelianas Amüsement war ihr nicht entgangen.

»Ihr wirkt nur, als hättet ihr noch nie in einem Fluss gebadet.«

»Haben wir auch nicht. Nicht freiwillig und geplant jedenfalls.« Kaeli legte den Kopf zurück, damit die Strömung zusätzlich zu ihrer Anspannung auch das Blut, Fett und den Dreck in ihrem Haar mitnehmen konnte. »Da war diese eine Joggingtour im Winter, bei der ich samt meiner Kleidung und meinem Walkman in einen Teich gefallen bin, aber das ist keine sehr schöne Erinnerung.«

»Was ist ein Walkman?«

Kaelis Kopf schnellte wieder hoch. Wenn überhaupt, war sie lediglich überrascht, dass sie sich erst jetzt mit modernem Vokabular verplappert hatte. Jetzt bereute sie, dass sie die Entscheidung, wie weit sie von ihrer Welt erzählen sollte, aufgeschoben hatte.

Die Bardin hob ihre Arme vor die nackten Brüste. »Antworte nicht, wenn du nicht willst. Ich bin nur neugierig.«

Unter den Umständen der letzten Tage war Kaeli die kollektive Nacktheit nicht so unangenehm wie sie hätte sein können. Und weil sie kein Problem mit ihrem Körper hatte – zumindest keine Komplexe oder Schamgefühle, die der Rede wert gewesen wären – stand sie auf und nahm die Seife. Etwas unbeholfen rieb sie die Seife zwischen ihren Händen, gerade so schnell, dass sie nicht mit ihrer Anspannung und dem Blut, Fett und Dreck stromabwärts trieb. Tuben waren praktischer.

»Wer wäre nicht neugierig? Unsere Heimat ist …« Vergeblich suchte sie nach einer schmeichlerischen Umschreibung für die weiten Unterschiede zwischen Ferelden und Europa. Den Sinn eines lange überholten Musikabspielgerätes zu erläutern, überstieg Kaelis Geduld. »… anders. Die breite Masse lebt so komfortabel wie eure Adeligen: Ein Dach über dem Kopf, warme Mahlzeiten nach Bedarf, humane Arbeit. Wenigstens in der Region, aus der wir stammen. Wir haben Duschen«, schloss sie den Bogen zum ursprünglichen Thema. »Schläuche in den Wänden, aus denen warmes Wasser kommt.«

»Das klingt traumhaft«, seufzte Leliana. Sie senkte ihren Körper bis zum Kinn ins Wasser und schauderte. »Warmes Wasser wäre wahrlich eine Wohltat. Diese barbarischen Zustände in Ferelden müssen euch zusetzen.«

»Wäre kaltes Wasser unser einziges Problem, hätten wir keines.«

Mit dem Schaum auf ihren Fingerspitzen begann sie ihre nassen Strähnen einzeln einzuseifen. Wenn sie jedes Haar einzeln behandeln musste, war es ihr recht. Lyra hatte weniger Probleme mit der Handhabung der glitschigen Seife. Hätte sie keine Angst vor einer schlimmen Erkältung gehabt, wäre sie mindestens in Unterwäsche in den Fluss gestiegen. Gegen ein paar Minuten der Entblößung unter Frauen wog eine Nacht in nasser Kleidung schwerer in die negative Richtung. Der Versuch, ihr weit längeres Haar von unerwünschten Rückständen zu befreien, war ebenso hartnäckig wie Kaelis. Leliana war dazu übergegangen, von einem Ufer zum anderen und wieder zurück zu schwimmen.

»Sieh an, sieh an«, erklang plötzlich eine tiefe Stimme. »Haben wir nicht alle Spaß?«

Die Sprecherin war eindeutig weiblich, trotzdem schlugen Kaeli und Lyra gleichzeitig schützend ihre Arme vor ihre Brüste. Leliana reagierte richtig. Sie warf sich nach vorne zu ihren Sachen und spannte ihren Bogen, knietief im Wasser mit nichts an sich außer einem erhöhten Puls. Ihr Bogen suchte die Umgebung ab, wechselte von stromabwärts nach stromaufwärts, den Pfeil zum Abschuss bereit angelegt. Eine Gänsehaut zog sich über ihre Arme als einziges Indiz, dass sie fror. Ihre jahrelange Körperbeherrschung ließ es nicht zu, mit angespannter Waffe zu zittern, egal wieso. »Zeigt Euch!«

»Beruhigt Euch, Rotschopf«, sagte die Stimme. Der zugehörige Körper schlenderte durch eine natürliche Allee von Bäumen ans karg bewachsene Ufer, mit ihm kam der verführerischste Schwung schwarz gekleideter Hüften in Sicht, den Kaeli jemals gesehen hatte.

»Morrigan«, hauchte Lyra. Sie war ein wenig tiefer ins Wasser gesunken, die Lippen fast an der Wasseroberfläche. »Das ist Flemeths Tochter.«

Beim Klang ihres Namens blieb die Hexe stehen, zwei dünn geschwungene Augenbrauen über die raubvogelähnlichen Augen erhoben. »Ich gestehe, meine Mutter hat mich über Euer … erweitertes Wissen in Kenntnis gesetzt. Die Realität übersteigt natürlich die Erwartungen in dieser Hinsicht. Es ist seltsam, seinen Namen vor der Vorstellung zu hören, aber so sei es.«

Kaeli und Lyra tauschten einen jener Blicke aus, die sie seit ihrer fulminanten Ankunft so oft ausgetauscht hatten. Er lief über vor Verwirrung und Ratlosigkeit. Allem Anschein nach hatte Flemeth sich nicht die Mühe gemacht, ihre Tochter außer über dieses Metawissen auch darüber aufzuklären, dass sie bereits Bekanntschaft mit den beiden gemacht und Morrigan erwähnt hatte. In Foren schieden sich die Geister über Morrigan. Lyra mochte sie. Kaeli hielt sie für eine zickige Oppositionistin. Wie oft schon hatte sie Morrigan ist dagegen (-11) auf ihrem Bildschirm gelesen. Fast schon flackerten die Buchstaben vor ihrem inneren Auge auf. Wenn Morrigan eine Vorstellung über die beiden gehabt hatte, war sie bitter enttäuscht. Trotzdem näherte sie sich ein paar weitere Schritte, Hüften schwingend, nur geringfügig irritiert von dem auf sie gerichteten Pfeil.

»Könntet Ihr Euer Spielzeug senken? Ich stelle keine Gefahr für Euch und Eure Weggefährtinnen dar. Es ist nicht mein Anliegen, euch zu schaden.«

»Ach, sondern?«

»Euch helfen, wenn ich kann«, behauptete sie in ihrem dunklen, melodischen Timbre. Wenn überhaupt, hatte Kaeli mit dem Computerpendent der Hexe nur geredet, um ihrer Stimme zu lauschen. Sie war voll und hatte etwas tief Mystisches und man konnte sich darin verlieren, wenn sie über ihre Erlebnisse im Körper eines Tieres erzählte. Kaeli war nur milde überrascht, dass ihre Bogenschützin auf ihre Anweisung wartete. Anführerpersönlichkeit. Schießen oder nicht schießen. Es war beängstigend, über eine solche Entscheidungsgewalt zu verfügen.

»Nimm den Bogen runter, Leliana. Sie wird uns nichts tun.«

Sehr, sehr langsam leistete sie Folge. Morrigan sprach, sobald sie sich in keiner Gefahr mehr befand, ihr Herz von einem Pfeil durchbohrt zu bekommen. Es war zu bezweifeln, dass sie sich zu irgendeinem Zeitpunkt in der realen Gefahr davon befunden hatte. Hier ging es um ein Prinzip. Oder mehrere. Bei Morrigan konnte man sich nicht sicher sein. »Meine Mutter hat mich fortgeschickt, was Eure Schuld ist.« Es war nicht ganz klar, wen der Frauen sie ansprach. Beide oder alle drei. »Ich sehe den Sinn nicht, doch da ich mich fügen muss, biete ich hiermit meine Unterstützung an. Bei welchen Vorhaben Ihr sie auch einsetzen möchtet.«

»Flemeth hat dir nichts gesagt?« Lyra war ein Stück aus ihrer Deckung gekommen, gerade weit genug, um nicht in den Fluss hinein zu sprechen.

»Meine Mutter sagt viele Dinge«, sagte Morrigan, »aber nein, über Euch hat sie mir nichts gesagt. Ich kenne Euer Ziel nicht, noch weniger den Zweck Eures Unterfangens, aber ich bin willens zu helfen. Das Schicksal der Welt steht auf dem Spiel, so viel hat man mir immerhin mitgeteilt.«

Das Schicksal der Welt. Klar. Als stünden sie nicht so und so schon unter Stress.