Kapitel 6

„Wir sollten auch ein paar Drohnen mitschicken", knurrte Ease Bonewhite zu, als die Clevermen im Darthangar auftauchten. Eine Fähre würde Blueface und seine beiden Assistenten Abode und Docker zu dem Kreuzer übersetzen, mit dem sie zu Sundancers Forschungseinrichtung reisen sollten.

Bonewhite quittierte die Äußerung nur mit einem vernichtenden Blick. Auch ihm war nicht wohl dabei, die drei Clevermen – und besonders Blueface – in die Obhut einer Fraktion zu geben, deren Absichten bisher noch nicht ausreichend geklärt waren. Aber unnötig Unmut zu provozieren würde ihnen wenig nützen. Er fing den Meister der Clevermen auf halbem Weg ab und ging neben ihm her, bis sie fast an der Fähre waren. ‚Hast du mit deinen Freunden gesprochen?', fragte er still.

‚Sie werden sich ruhig verhalten.' Blueface war noch blasser als sonst. Die Blades hatten heftig protestiert, während Sweep und Morose in Angst versunken waren. Ihm selbst ging es nicht anders, aber er riss sich zusammen. Vielleicht würde Guide schneller Erfolg haben, als sie überhaupt an ihrem Ziel angelangt waren. Er fragte sich zwar, wie man ein Labor auf einem Planeten ohne Sternenring einrichten konnte, aber das änderte nichts daran, dass sie beinahe sechs Tage auf dem Kreuzer unterwegs sein würden.

‚Wir haben die Koordinaten von der Einrichtung. Wenn etwas nicht stimmen sollte, melde dich', meinte Bonewhite, ‚Dann werden wir sehen, was wir tun können.'

Blueface schaute auf und bemerkte die Sorgenfalten auf Bonewhites Stirn. ‚Danke.'

‚Noch etwas', meinte der Hivemaster und hielt den Cleverman zurück, ‚Versteck das hier gut. Ich hoffe, du wirst es nicht gebrauchen müssen, aber… nimm es einfach.'

Verwirrt schaute Blueface auf den kleinen Dolch aus rotem Kusar-Metall in seiner Hand. Clevermen trugen keine Waffen. Bisher hatte er auch noch nie eine gebraucht, geschweige denn, konnte mit einer umgehen. Eilig versteckte er die Waffe in seinem Ärmel und schaute Bonewhite hinterher, der sich wieder zu Ease gesellte. Warum jetzt wieder so?, fragte er sich und stieg mit einem eisigen Gefühl in der Magengegend in die Fähre ein.

Blueface und Bonewhite hatten in der Vergangenheit Einiges durchzustehen, meist, wenn sie von Guide auf irgendwelche obskuren Missionen geschickt worden waren. Dabei hatte Bonewhite den kleinen Cleverman immer beschützt bis zum Letzten, umso seltsamer war es nun für ihn, allein losgeschickt zu werden. Vor allem, nach so langer Zeit. Als Guide sich wieder endgültig den Blades zugewendet hatte, war Blueface an seine Stelle als Meister aller Clevermen gerückt und kaum noch auf Außeneinsätze gegangen. Er hasste es, den Hive zu verlassen, egal, wie neugierig er werden konnte.

Auf dem Kreuzer wurden die drei Clevermen wortkarg empfangen und ihnen Quartiere für die Reise zugewiesen. Abode und Docker sollten sich eine Unterkunft teilen, Blueface wurde zu einer anderen Bleibe geführt. Seine Hoffnung, dort vielleicht trotz des chronischen Platzmangels auf Kreuzern allein bleiben zu können zerschlug sich, als er eindeutig das Gepäck eines anderen Wraith erspähte. Nun gut, es war wohl nicht anders zu erwarten gewesen. Er verstaute seine wenige persönliche Habe, die er mitgenommen hatte, in einem Wandverschlag und wollte nach seinen Assistenten sehen. Kaum hatte er die Tür geöffnet, stellte sich ihm eine Drohne in den Weg. „Was soll das?", fragte er ärgerlich und erhielt zur Antwort das Bild übermittelt, wie einer der Offiziere die Drohne angewiesen hatte, die Gäste in ihren Quartieren zu bewachen. „Unsinn. Lass mich durch", meinte er, wurde jedoch zurückgeschubst und die Türmembran vor seiner Nase geschlossen.

‚Abode? Seid ihr auch eingesperrt?', fragte er mental seinen Assistenten.

‚Ja, Sir. Was hat das zu bedeuten?'

Dass wir in Schwierigkeiten stecken, dachte er, antwortete jedoch: ‚Sie glauben wohl, wir bringen ihnen alles durcheinander. Unser Commander hat keinen besonders guten Ruf, wenn man bedenkt, was er schon auf Reisen alles kaputt-verbessert hat' Er verlieh dem Ganzen einen Beigeschmack von Humor und Zuversicht, denn es reichte völlig aus, wenn er selbst sich sorgte. Der Versuch, Bonewhite mental zu erreichen, scheiterte. Sie waren bereits in den Hyperraum gesprungen und die Distanz zu groß. Aber etwas wurde ihm immer deutlicher: Thorner war ebenfalls an Bord dieses Kreuzers.

Als sich einige Stunden später die Türmembran öffnete, brauchte Blueface gar nicht aufzuschauen, um zu wissen, wer da gerade eintrat. Der Cleverman hatte sich mit einem Datenpad an den kleinen Tisch gesetzt und die Virus-Software durchgeschaut gehabt. Er verstand den Code und wo er ansetzte, nicht aber, warum er nun nicht mehr wirkte. Die Alternativen zum Arbeiten wären gewesen, in Panik zu verfallen, wild auf und ab zu laufen, Abode und Docker ebenfalls zu ängstigen und schlimmstenfalls etwas wirklich Dummes anzustellen – nur, um vielleicht zu erfahren, dass sie nie wirklich in Gefahr geraten waren.

„Du hast dich verändert, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben." Thorner setzte sich auf den anderen Stuhl am Tisch und lächelte.

Blueface entgegnete nichts. Stattdessen arbeitete er weiter und verglich die Daten, die sie von „ihrem" Gefangenen mit denen, die Thorner ihm erst einen Tag zuvor gegeben hatte. Innerlich fühlte er nur eine abgeklärte Kälte, die ihm mehr Sorgen bereitete, als es Angst, Wut oder gar Panik vermocht hätten.

„Ist es auf Snows Hive nicht üblich, auf Fragen zu antworten?"

„Ich hielt das für eine Feststellung, weniger für eine Frage", antwortete Blueface, ohne von seinem Pad aufzuschauen.

„So, so. Deinen Stolz hast du also auch wieder gefunden. Ich dachte ja, den hätte ich dir ein für alle Mal ausgetrieben, kleiner Käfer." Thorner lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor dem Brustkorb.

„Ich würde es bevorzugen, wenn Sie auf solche Bezeichnungen verzichten würden."

„Snow scheint eine Menge von dir zu halten. Ich habe mich erkundigt, Guide hat deine Karriere ja ziemlich intensiv vorangetrieben. Meister der Clevermen. Beachtlich." Als Blueface nur schweigend weiterarbeitete, fuhr Thorner fort: „Deine Freunde hatten nicht so viel Beistand. Sonst hätten sie es wohl auch zu mehr gebracht."

Blueface lief es kalt den Rücken hinunter und er hielt in der Bewegung inne.

„Dachtest du etwa, ich hätte es nicht herausfinden können? Nur, weil sie sich vor mir versteckt hatten?" Thorner lachte auf. „Nein, du allein hättest keine zwei Tage durchhalten können, nachdem ich dich zurückließ. Sie haben dich irgendwann eingesammelt, nicht wahr? Das bisschen, was von dir noch übrig war."

„Und was wollen Sie jetzt?", fragte Blueface und schloss für einen Moment die Augen.

„Von denen? Nichts. Sie sind so wertlos, wie es meine Königin richtig erkannt hatte. Aber dich… dich hatte sie unterschätzt." Thorner beugte sich vor und suchte den Blick seines Gegenübers. „Selbstverständlich würde sie das nie zugeben. Königinnen sind so. Weißt du eigentlich, warum sie uns Jagd auf euch machen ließ? Damit sie später, wenn aus euch doch etwas werden sollte, behaupten könnte, ihr wäret getürmt nach ihrer Machtergreifung. Deserteure, Verräter. So kann sie jeden Einzelnen zurückfordern, ganz im Sinne des Alten Rechts."

Blueface schwieg und bekämpfte die Verzweiflung in seinem Inneren. Snow hatte es gesagt: Sundancer fehlte es an Forschern, darum könnte sie ihn durchaus zurückfordern und niemand würde etwas dagegen unternehmen können. Egal, was Bonewhite zu ihm bei der Abreise oder zuvor im Rat gesagt hatte.

„Meine Königin hört auf meinen Rat und ich entscheide, was ich ihr mitteile. Nun liegt es ganz allein an dir, was geschieht. Wie denkst du, könntest du mich davon abhalten, ihr von deinen Freunden zu berichten?"

„Ich weiß es nicht", sagte Blueface leise.

„Denk nach, dir fällt sicherlich etwas ein…" Triumphierend grinsend lehnte Thorner sich wieder zurück und beobachtete, wie der Cleverman immer weiter in sich zusammensackte. „Sie nährt sich übrigens gern von denen, die sie als zu schwach empfindet…"

„Ich könnte mich ihr freiwillig anbieten", flüsterte Blueface nach einer Weile.

„Ja, das würde sie wohl akzeptieren können. Aber das ist nicht alles, womit du aufwarten müsstest. Ich denke da an verschiedene Dinge…"

„An was genau, wenn ich fragen darf…?", krächzte Blueface heiser.

„Wir werden viel Zeit haben, darüber zu diskutieren, kleiner Käfer. Zunächst aber wirst du dir sofort angewöhnen, mich mit ‚Sir' anzusprechen, verstanden?"

„Ja, Sir."

„Schön. Du bist also immer noch lernfähig."

Am nächsten Tag der Reise kümmerte Blueface sich auf Anweisung von Thorner um die Verbesserung der Schiffssensoren. Die folgenden verbrachte er damit, ein Programm zu entwickeln, den Funkverkehr der Allianz abhören zu können, der Snow angehörte.

Als sie letztendlich bei der Forschungseinrichtung eintrafen, wartete die nächste böse Überraschung auf den Cleverman, der sich immer elender fühlte. Die lang verdrängte Vergangenheit hatte ihn eingeholt und er konnte nichts dagegen unternehmen.

A/N: So – ich bin wieder im Dienst und muss die Story ein paar Tage ruhen lassen. Nächste Woche geht es weiter.