6. Der kommende Sturm

16. Dezember 1831

Enjolras erwachte mit seinem Rücken gegen die Wand gedrückt und Éponine, die sich an seine Brust schmiegte. Ihr Gesicht war anders, viel mehr entspannt, als sonst und die kleine Falte zwischen ihren Augen war verschwunden. Er hasste es beinahe sie zu wecken, doch sie hatte sich auf seine Beine gerollt. „Hey. Hey, Éponine. Wach auf."

„Hmmm…", murmelte sie und drehte sich auf ihre Seite. Ihre braunen Augen flackerten verschlafen auf und klärten sich dann. „Wir sind in demselben Bett."

„Ja."

„Anziehsachen noch an?"

„Ja."

„Gut", murmelte sie und rutschte von ihm weg, um ihn zu befreien. „Es tut mir deswegen Leid."

„Warum? Anscheinend haben wir nichts getan, also warum sollte es wichtig sein?", stellte er fest, als er aufstand und auf die Falltür zulief.

„Richtig…", sagte sie stumpfsinnig. „Pass auf, du hast dein Gewehr auf dem Boden liegen lassen." Enjolras blieb kurz bevor er darüber gestolpert wäre stehen.

„Oh…. Danke."

„Du solltest jetzt besser nach unten gehen, bevor du das heutige Treffen verpasst."

Merde! Das Treffen! Ich könnte zu spät kommen!" Er trat die Tür auf, kletterte die Leiter herunter und rannte zur Tür.

„Vergiss nicht deine Hose anzuziehen", rief sie.

„Oh… richtig… Nachtkleidung."

„Und du hast deinen Mantel hier oben vergessen."

„Ich hole ihn gleich!"

„Hast du genug Geld, um dir etwas zu Essen zu kaufen, wenn du Hunger bekommst?"

„Mir geht es gut!"

„Hast du etwas, mit dem du Grantaire auf den Kopf hauen kannst, wenn er sich betrinkt?"

„Wann habe ich das nicht?"

„Du solltest besser eine dicke Krawatte mitnehmen. Es ist wahrscheinlich kalt–"

„Éponine! Mir geht es gut!", lachte er. „Du brauchst nicht so einen Wirbel um mich zu machen, als wärst du meine Mutter!"

„Entschuldigung." Sie rutschte die Leiter herunter, um ihn anzusehen. „Ich bin… ich bin einfach um dich besorgt. Besonders nach der letzten Nacht."

„Wenn dieser Mistkerl zurückkommt, werde ich schon mit ihm fertig."

„Nicht, wenn die ganze Patron-Minette bei ihm ist."

„Vertrau mir einfach. Bitte?" Er lehnte sich vor und küsste sie sanft. „Wenn du das tust, werde ich etwas Besonderes für dich haben, wenn ich zurückkomme, okay?"

„Oh, na gut. Aber nur, weil du darauf bestehst. Nun zieh deine Hose, Schuhe und deinen Mantel an und geh zu dem Treffen."

„Du machst schon wieder einen Wirbel."

„Geh!"

„Ich gehe ja schon!", schrie er, als er seine Krawatte faul um seinen Nacken legte und seine Beine in seine Hose steckte. Als er aus seinem Raum kam, lehnte Éponine gegen den Türrahmen und hielt ihn seinen Mantel mit einem gekrümmten Finger hin. „Danke."

„Wage es ja nicht zu spät zu kommen."

„Werde ich nicht", versprach er und lehnte sich für einen letzten Kuss vor, bevor er aus der Tür schlüpfte.


„Mamamamamama!" Erik zerrte an Éponines Rock. „Mach schon, mach schon, mach schon!"

„Zum letzten Mal, Erik, ich werde nicht mit dir spielen, bevor wir mit dem Säubern der Gästeräume fertig sind. Bist du unter dem Bett fertig?" Sie sah zu ihm nach unten und zog erschrocken die Luft ein. Erik war von Kopf bis Fuß mit Staub bedeckt, der ihn leicht grau machte. „Ach du meine Güte! Jetzt muss ich dich wieder baden."

„NEEIIIN! KEIN BAD!"

„Doch, baden."

„NICHT FAAAAAAAAAAIR!"

„Doch, fair."

„STOOOOOOOOP!"

„Was ist denn da oben los?", schrie eine schrille Stimme von unten.

Et merde… Erik, Liebling, bleib hier oben, bis ich zurück bin."

„STAUUUUUUUUUUUUB!", kreischte Erik und tauchte wieder unter das Bett. Éponine wischte sich ihre Hände an ihrer Schürze ab und lief zur Tür. Das fette, runzelige Gesicht von Madame Laroche sah zu ihr hoch.

„Äh… hallo, Madame."

„Schüsse in den frühen Morgenstunden, herumgeballere wie wahnsinnige morgens und jetzt dieser schreckliche Krach!", kreischte die alte Frau. „Madame Madeleine, ich muss wirklich protestieren!"

„Es ist für mich nicht einfach ein Kind alleine aufzuziehen, Madame! Wenn sie das nicht mögen, tut es mir Leid, aber Monsieur Enjolras war der Einzige, der mich einstellen wollte. Nun, ich muss noch ein wenig saubermachen, wenn sie mich entschuldigen würden–"

„Ich werde mit ihrem Arbeitgeber reden!"

„Tun sie das, Madame. Guten Tag." Éponine schloss die Tür und rollte mit ihren Augen. „Alte Kuh…"

„Muuuuuuh!"

„Erik!"

„Muuuuuuh!"

„Verrückter kleiner Junge", murmelte sie und lief in das Gästezimmer zurück. Erik sprang auf dem Bett hoch und runter und hinterließ staubige Fußspuren auf der sauberen Decke. „Oh nein! Nein, nein, nein! Komm da sofort runter!"

„Oooh, aber–"

„Erik, willst du eine Tracht Prügel bekommen?"

„Neeeeiiin!"

„Dann. Komm. Jetzt. Vom. Bett. Herunter." Erik schmollte, sprang aber trotzdem auf den Boden. „Geh und beginne mit dem Bad. Ich bin gleich bei dir, um dich zu waschen, nachdem ich das abgezogen habe. Schon wieder."

„Gibt es einen bestimmten Grund, warum ich von unserer grässlichen Nachbarin angesprochen wurde, als ich heute Abend nach Hause gekommen bin?", rief Enjolras und schlug die Tür hinter sich zu.

Jemand grölte, weil ich nicht mit ihm spielen wollte und jetzt muss ich diese Decke hier schon wieder waschen."

„Ist das der Grund, warum Erik grau ist?"

„Äh… Ja. Er sollte unter dem Bett saubermachen, während ich es oben neu bezog. Als die alte Kuh nach oben kam, ließ ich ihn für fünf Minuten alleine, und als ich zurückkam sah ich, wie er auf dem Bett herumsprang. Es tut mir Leid–"

„Er sollte derjenige sein, der sich entschuldigt, nachdem er gebadet hat."

„KEIN BAAAAAAAAAAAAAAD!", schrie Erik aus der Küche.

„Erik, du nimmst ein Bad und danach hilfst du Éponine beim Säubern der Decke."

„Oooooh…"

„Du hast mich gehört, junger Mann. Ich werde dich selbst waschen, wenn ich das muss."

„Aber–"

„JETZT", rief Enjolras über seine Schulter, als er das Schlafzimmer betrat. „Lass mich dir dabei helfen."

„Ich schaffe das schon, aber danke."

„Du machst einen Wirbel um mich, also werde ich auch einen um dich machen."

„Du hörst dich an, als wären wir beide verheiratet", erwiderte Éponine abfällig und schlug mit dem Ende der Decke nach ihm.

„Tue ich das?"

„Ja, das tust du."

„Das ist widerlich. Nun, gibst du mir einen Kuss?", fragte er und kam einen Schritt näher, als sie die Enden der Decken zusammenlegten.

„Ihnen nachzugeben ist das Letzte, was ich jetzt tun will, Monsieur", antwortete sie und tippte ihm frech an die Nase. „Ich muss an meinen Job denken."

„Was wäre, wenn ich dir eine Gehaltserhöhung geben würde?"

„Ich werde darüber nachdenken. Nachdem ich mit meiner Arbeit fertig bin."

„Hmpf." Er setzte sich finster blickend auf das Bett.

„Geh da herunter!"

„Ich denke nicht, dass ich das tun werde."

„Bastien Enjolras, ich warne dich, wenn du nicht–" Er stand auf und brachte sie mit einem weiteren Kuss zum schweigen. „Mmmpf!", quietschte sie und schob ihn weg. „Du kannst mich nicht einfach immer küssen, wenn wir streiten!"

„Kann ich nicht?"

„Nein, kannst du nicht. Außerdem hast du schon längst eine Mätresse. Patria, erinnerst du dich?"

„Nun ja, der Vorzug eine Mätresse zu haben ist der, dass sie nicht ausgelöscht werden kann, wenn ich eine zweite habe."

„Nur so lange, wie du deine Prioritäten im Auge behältst", warnte sie ihn. „Wir können das nicht außer Kontrolle geraten lassen. Vor allem, da ich eine Witwe bin." Die Erinnerung an ihren Trick schien ihn zurück in die Wirklichkeit zu holen.

„Nun, das ist eine Art einen Dämpfer auf eine Beziehung zu setzten", murrte er. „Ich werde Erik bei seinem Bad helfen."

„Danke." Sie küsste seine Wange und lief zur Falltür. „Und bringe mir ja ein oder zwei Wassereimer mit, damit ich diese verdammte Decke noch einmal waschen kann."

„Das werde ich. Keine Sorge."


19. Dezember 1831

„Enjolras?"

„Hmmm?" Enjolras, der gerade seine Karten reorganisierte, sah auf. „Oh. 'Ferre. Was gibt's?"

„Versteckst du etwas vor uns?"

„Was? Nein! Sei doch nicht lächerlich."

„Bist du dir sicher?"

„Combeferre, du weißt, dass die Revolution immer meine höchste Priorität ist."

„Aber gibt es noch andere Prioritäten?", fragte Combeferre, zog einen Stuhl neben Enjolras und legte seinen blauen Mantel beiseite. „Du benimmst dich seit den letzten paar Monaten seltsam. Ich begreife einfach nicht, was das sein könnte."

„Wenn ich ein Geheimnis hätte, wäre es nicht eins, das ich dort teilen würde, wo ein betrunkenes Arschloch mich vielleicht hören könnte." Er zeigte mit seinem Finger auf Grantaire, der eine Flasche Absinth in der Ecke pflegte. „Selbst wenn er mit Rasen bedeckt wäre, würde ich ihm nicht trauen."

„Können wir dann bei dir Zuhause reden?"

„Nein, das ist wahrscheinlich keine gute Idee."

„Warum nicht?"

„Mein Großvater kommt." Combeferre machte ein Geräusch, als würde er erwürgt werden. „Du siehst mein Problem."

„Was will dieser alte Royalist jetzt schon wieder von dir?"

„Das übliche. Unterwerfung, Anpassung, Heirat."

„Heirat? Du? Jede dumme Salonlöwin, die mit dir verheiratet wäre, würde sich selbst in einer ziemlich vernachlässigten Position wieder finden."

„Du weißt das, aber der alte Ziegenbock scheint überzeugt zu sein, mich zu ändern. Ha!"

„Und deine Schwester?"

„Was? Marianne?" Enjolras hob eine Augenbraue. „Was interessiert dich meine Schwester?"

„Nichts, wie auch immer", platzte Combeferre heraus. „Es ist nur, weil du häufig über sie sprichst. Ich dachte, ich könnte so auch etwas zur Konversation beitragen." Lügner, dachte Enjolras. Es war ziemlich klar, das Combeferre von dem Gedanken an ein Mädchen, wie Marianne betört war. „Also?"

„Sie kommt mit ihm. Das war's oder sie bleibt mit potentiellen Verehrern zuhause."

„Also, wir könnten uns auch in meiner Wohnung treffen."

„Ich muss nach Hause zurück. Mich vergewissern, dass alles in Ordnung für ihn ist. Ich will ihn doch nicht schon vor dem richtigen Moment aufregen?"

„Der wäre?"

„Dass ich ihm sage, dass ich immer noch plane die Revolution zu führen, während er einen guten, großen Schluck Wein genommen hat."

„Er wird dich erwürgen!"

„Man kann immer noch Hoffen."

„Enjolras!"

„Nun ja, ich kann das!"

„Er ist dein Großvater. Sicherlich hat er wenigstens eine ausgleichende Qualität."

„Er ist alt. Das bedeutet, dass es eine größere Chance für ihn gibt zu sterben."

„Selbst für dich ist das mehr, als nur ein bisschen finster."

„Luc." Das ließ Combeferre aufhören. Marius und Jehan waren wirklich die Einzigen, die bei ihren Vornamen genannt wurden. Jeder andere benutzte einfach seinen Nachnamen. „Es tut mir Leid. Aber ich wollte einfach… Ich weiß nicht, wie lange ich mit diesem alten Narren noch fertig werde. Bitte… ich möchte einfach nur nach Hause."

„In Ordnung, es tut mir Leid. Ich werde dich dann sehen, wenn du befreit bist."


„Ich bin zuhause!"

„Dein Abendessen steht auf dem Tisch", rief Éponine, als sie zum Kuchen, der vor ihr stand blinzelte. „Könntest du vielleicht für einen Moment herkommen?"

„Na klar." Enjolras betrat den Raum, ließ seinen Mantel in der Tür fallen und rollte seine Ärmel hoch. „Hey, das sieht gut aus."

„Berühre diesen Kuchen vor Morgen und ich werde sehr wütend sein", warnte sie ihn und schlug seine Hand weg. „Nun, sieht der Zuckerguss für dich symmetrisch aus?"

„Nein, hier ist dieses Klümpchen, das ich ablecken könnte–"

„Nein."

„Ach komm schon, ich verhungere!"

„Du hast ein super gutes Essen, das auf dem Tisch steht und kalt wird. Iss das!", schimpfte sie und glättete die Unebenheit mit ihrem Messer. „Siehst du? Es braucht nicht geleckt zu werden." Enjolras sah sie böse an, setzte sich an den Tisch und begann mit beinnahe wilder Weise zu essen. „Nicht so! Du bekommst noch Bauchschmerzen!"

„ICH TUE, WAS ICH MÖCHTE, ÉPONINE."

„Gut. Ich gehe nach oben, um Erik zu Bett zu bringen. Wenn du den Kuchen berührst wirst du mit deinem Kopf bezahlen." Sie legte das Messer weg und wischte sich ihre Hände an ihrer Schürze ab.

„Warte…"

„Ja?" Sie blieb in der Tür stehen. „Was ist los?" Enjolras stand auf, lief zu ihr und nahm ihre Hand. Éponine spürte ihr Herz, das gegen ihre Rippen schlug und versuchte ihrem Körper zu entfliehen. „B… Bastien…"

„Genau genommen habe ich darüber einige Zeit lang nachgedacht und Combeferre hat es heute wesentlich bestätigt. Jeder aus meinem auserwählten Personenkreis würde eine armselige Partie für mich sein. Du bist die Einzige Frau neben meiner Schwester, bei der ich mich jemals so fühle, als ob ich, ich selbst sein kann. Es ist eine geringe Chance, dass ich überhaupt die Barrikaden überleben werde–"

„Rede nicht so!"

„Hör mir zu. Wenn ich sterbe will ich sicherstellen, dass du und Erik versorgt seit. Ich habe es ausgiebig überprüft und die einzige Sache, die ich rechtlich tun kann ist, wenn du zur Familie gehörst. Außerdem würde ich mich ernsthaft um euch beide kümmern."

„Bastien, was… was willst du sagen?"

„Ich sage… Ich frage dich, ob du mich heiraten willst, Éponine Thénardier. In guten, wie in schlechten Tagen. Erik hat uns zusammengebracht und wir sind jetzt eine Familie. Ich möchte, dass wir es offiziell machen."

„Aber dein Großvater–"

„Erinnerst du dich, was ich dir gesagt habe? Meine Hinterlassenschaft meiner Eltern kann ich nur bekommen, wenn ich heirate oder dreißig werde. Ich kann mich erfolgreich von dem alten Ziegenbock befreien und sicherstellen, dass Erik eine Zukunft hat, auch wenn ich keine habe." Er drückte ihre Hand sanft. „Ich weiß, dass du Marius gern hast. Aber er hat dich nicht bemerkt und, es tut mir Leid das zu sagen, aber ich denke, dass er das nie tun wird. Ich bitte dich nicht mich so zu lieben, wie du ihn liebst, ich will nur, dass ich dich weiter in meinem Leben haben kann." Éponine schniefte und zitterte leicht. „Was ist los?"

„Du sorgst dich", flüsterte sie. „Du sorgst dich. Du willst mich tatsächlich hier haben. Nicht, weil ich nützlich bin oder weil du mich behalten musst… Du willst mich."

„Das ist alles? Deswegen weinst du? Natürlich will ich dich und ja, ich sorge mich um dich. Ich weiß nicht, wie sich jemand nicht um dich sorgen kann. Du bist eine gute Person, Éponine. Du bist freundlich und… siehst du nicht, wie du zu Erik bist? Du bist eine wundervolle Mutter. Jeder würde das sein… ich bin froh dich in meinem Leben zu haben."

„Dann ja. Ja, ich will. Also, sorgst du besser dafür, dass du überlebst, hörst du mich?"

„Laut und deutlich." Ihr neuer Verlobter lächelte und Éponine fühlte etwas Kühles und glattes, das auf ihren dritten Finger der linken Hand glitt. Sie sah nach unten und sah ein einfaches silbernes Band mit einem einzelnen Diamanten, der in der Mitte davon saß. „Da. Jetzt ist es offiziell."

„Oh, Bastien…", flüsterte sie. „Ich kann es nicht glauben…"

„Nun, tu es. Denn es ist wahr."