Kapitel 5: Eine gefährliche Begegnung
Harry, Ron und Hermine trafen als Erste im Korridor vor dem Klassenraum für
Verwandlung ein. Ohne zu Zögern öffneten sie die knarrende massive Holztür.
Gerade als Harry eintreten wollte, spürte er eine merkwürdige Berührung an
seinem linken Bein und zuckte erschrocken zusammen. Erlaubte sich da einer
der Schlossgeister mal wieder einen kleinen Scherz? - Harry schaute sich
suchend um, und wie aus dem Nichts huschte eine getigerte Katze an Ihnen
vorbei ins Klassenzimmer. Erleichtert atmete er auf. Die Scherze der
Geister konnten nämlich manchmal ganz schön ausarten...
"Guten Morgen, Professor McGonagall," begrüßten die drei Zeitreisenden das
Tier, welches mit einem eleganten Satz auf das Lehrerpult sprang und sich
augenblicklich in die Professorin verwandelte.
"Woher wissen Sie, dass ich...?", Professor McGonagall brach ab, als sie in
die grinsenden Gesichtern von Harry und Ron sah. "Was frag ich noch...,"
brummte sie leise.
In diesem Moment trudelten zwei andere Gryffindors ein.
"Wir sind leider nicht die Ersten," sagte der eine enttäuscht. Sein Name
war Stephan. Oder Steven? Harry war sich nicht sicher.
"Ist doch egal, Steve," versuchte der andere ihn aufzumuntern.
"Ich heiße nicht Steve, klar?", giftete dieser zurück. "Hör auf mir so
einen dämlichen Spitznamen zu geben. Ich nenne dich auch nicht Davi. Ich
heiße STEPHAN. Verstanden?" Wütend stampfte er mit dem Fuß auf und zu einem
Platz in der vordersten Reihe.
"Wir wäre es mit Stan?", überlegte Davius und eilte Stephan hinterher.
"Die scheinen sich ja schon prächtig zu verstehen," flüsterte Hermine
ihren beiden Freunden spöttisch zu.
Nach fünf Minuten hatte auch der Rest der Gryffindors und Hufflepuffs, mit
denen sie Verwandlung hatten, den Weg ins Klassenzimmer gefunden. Harry,
Ron und Hermine setzten sich an einen Tisch in der letzten Reihe.
"Guten Morgen!", begrüßte Professor McGonagall die Klasse.
"Guten Morgen!", erwiderten die Schüler im Chor.
"In unser ersten Stunde werden wir lernen, wie man einen Kanarienvogel in
ein gelbes Wollknäuel verwandelt," fuhr sie fort und zeigte auf einen
großen verdeckten Käfig auf dem Lehrerpult. Bei einem Wink ihre
Zauberstabes rutschte das dunkle Tuch zu Boden und sofort begann es im
Vogelkäfig laut zu fiepen. Wild mit den Flügeln schlagend, flatterten ein
paar Duzend kleine leuchtend gelbe Vögelchen aufgeregt darin herum.
"Zuerst mache ich es Ihnen vor und dann versuchen Sie es selbst." Mit der
einen Hand öffnete sie die Käfigtür und mit der anderen holte sie einen
Vogel heraus, der sich mit heftigen Flügelschlägen dagegen wehrte. Schnell
verschloss Professor McGonagall den Käfig wieder, nahm ihren Zauberstab und
richtete ihn auf das verängstigte Tier. Mit lauten Gekreische schrie dieses
seinen Ärger darüber aus und pickte nach der Hand der Professorin.
"Passen Sie gut auf!", befahl sie den Schülern, die mit großen Interesse
den Kampf zwischen dem kleinen Vogel und der Professorin beobachteten. Sie
ließ das Tier los, schwang ihren Zauberstab kreisförmig darüber und sprach
laut und deutlich: "Transformali!" Kaum losgelassen, wollte der Singvogel
sofort zum Fluchtflug ansetzen, aber er schaffte nicht einmal den ersten
Flügelschlag, als er auch schon als hübsches gelbes Wollknäuel auf dem
Tisch herumkullerte.
Ein begeistertes Raunen ging durch die Reihen, gefolgt von heftigem
Applaus. Selbst die drei Zeitreisenden waren von dieser Vorstellung
verblüfft.
"Warum hat sie uns das nicht in unserer ersten Stunde gezeigt?", wunderte
sich Ron, immer noch applaudierend. Hermine und Harry konnten als Antwort
nur mit den Schultern zucken.
"So," sagte Professor McGonagall laut und deutlicher, als es langsam wieder
ruhiger wurde, "Jetzt sind Sie dran. Packen Sie sich alle einen
Kanarienvogel und versuchen Sie den Zauber selbst. Beachten Sie dabei die
Bewegung des Zauberstabes, er muss kreisförmig geschwungen werden, und die
korrekte Aussprache lautet Transformali! Bitte nachmachen!" Die Schüler
kreisten ihre Zauberstäbe und wiederholten die Formel im Chor.
"Gut, sehr gut," lobte McGonagall die Klasse. Sie wandte sich zum
Vogelkäfig um, sprach einen Schwebezauber darüber und folgte ihm dann durch
die Tischreihen. Schüler für Schüler wurde ein zappelnder Kanarienvogel vor
die Nase gehalten.
Während die anderen sich noch bemühten, die sich stark wehrenden Vögel
ruhig in einer Hand zu halten, ohne direkt von den kleinen, aber scharfen
Schnäbel gebissen zu werden, hatte Hermine schon ihren Zauberstab kreisen
lassen und "Transformali!" gesprochen. Augenblicklich verwandelte sich ihr
Versuchstier sich in ein einwandfrei aufgerolltes gelbes Wollknäuel
feinster Qualität. Kein einziger Faden war verrutscht und es war zu einer
perfekten Kugel geformt. Zu Hermines Leidwesen war Professor McGonagall
gerade am anderen Ende des Raumes dabei zwei Huffellpuffmädchen zu helfen
und konnte nicht ihre hervorragende Verwandlung loben.
"Wie hast du das so schnell hinbekommen?", wunderte sich Ron. Er musste
seinen aufgeregten Vogel mit beiden Händen festhalten, damit er nicht davon
flog, und hatte keine Chance, nach seinen Zauberstab zu greifen.
"Ganz einfach," begann Hermine in ihrer besserwisserischen Art
"Benutze die Ganzkörperklammer!", antworte Harry, bevor Hermine weiter
erklären konnte.
"Das ist das einfachste," stimmte sie Harry schmollend zu, weil sie einmal
nicht die Einzige war, die etwas wusste.
"Toll! Das hilft mir auch nicht viel, wenn ich nur mit beiden Händen diesen
Plagegeist unter Kontrolle halten kann," maulte Ron.
"Dann nimm ihn doch nur in eine Hand. So stark ist das kleine Biest nicht,"
seufzte Harry und verwandelte gerade seinen Vogel. Das entstandene
Wollknäuel war zwar gelb, hüpfte allerdings auf kleinen Krallenfüßchen
quicklebendig über den Tisch, was Hermine mit einem herablassenden Lächeln
quittierte.
"Wenn ich ihn in eine Hand nehme, habe ich Angst ihn zu erdrücken. Er sieht
so zerbrechlich aus," verteidigte sich Ron.
"Petrificus Totalus!", half Hermine ihm. "Und du, Harry! Du hättest das -li
mehr betonen sollen," erklärte sie ihm rechthaberisch.
Ron öffnete vorsichtig seine Hände, aber der mittlerweile arg zerzauste
Vogel blieb, wo er war.
"Danke! ... Und jetzt...," er schwang seinen Zauberstab und rief:
"Trasformali!" Aber nichts passierte - der Vogel blieb ein Vogel.
"Das heißt TRANSformali," verbesserte Hermine ihn, woraufhin Rons Ohren rot
anliefen.
Harry versuchte noch mal sein Glück und sprach das Wort so aus, wie es ihm
Hermine vorgemacht hatte - diesmal mit mehr Erfolg. Das Wollknäuel hatte
aufgehört zu springen und die Krallenfüßchen waren verschwunden. Allerdings
fühlte es sich noch so weich wie Federn an und nicht wie Wolle.
Auch Ron schwang wieder seinen Zauberstab - diesmal mit einem besseren
Ergebnis als vorher. Aus dem Vogel war ein wüst zerrupftes Wollknäuel
geworden. Es sah aus, als hätte sich Filch's Katze schon ausgiebig damit
beschäftigt.
"Das ist wirklich eine ausgezeichnete Arbeit, Miss Granger. Sehen Sie
bitte alle hierher." Die Professorin war an den Tisch von den dreien
getreten und hielt Hermines Knäuel für alle sichtbar in die Luft. "Seit ich
unterrichte, hat noch kein Erstklässler beim ersten Mal so eine perfekte
Verwandlung hinbekommen. Fünfzehn Punkte für Gryffindor." Die Schüler
klatschten.
"Danke," nuschelte Hermine und starrte mit gesenktem Kopf auf ihren Tisch.
Aber Harry und Ron wussten genau, dass sie dadurch nur ihre Freude über
dieses Lob zu unterdrücken versuchte.
"Ihres ist auch nicht schlecht." Professor McGonagall hatte Hermines Knäuel
wieder auf den Tisch gelegt, nicht ohne ihr noch einen weiteren lobenden
Blick zu zuwerfen, und griff nach Harrys Wollknäuel. "Es ist zwar noch
nicht ganz perfekt, aber doch schon ganz gut. Zehn Punkte für Gryffindor.
... Und Ihres...," sagte sie zu Ron, "...sieht zwar schon aus wie ein
Knäuel, aber das nächste Mal sollten Sie den Vogel vorher besser nicht
rupfen." Die anderen Schüler lachten. "Weitere fünf Punkte für Gryffindor.
Wie Sie alle sehen, ist es nicht so schwer. Also versuchen Sie es noch
mal!", forderte McGonagall die Schüler auf.
"In welchem Schuljahr waren Sie eigentlich?", flüsterte die Professorin den
Dreien zu, als die Klasse ihre Aufmerksamkeit wieder den Vögeln zu wandte.
"Im vierten," antwortete Hermine genauso leise.
"Professor, wir haben da ein Problem...," versuchte Ron die Aufmerksamkeit
Professor McGonagalls auf sich zu lenken, doch erschrockene Schreie aus der
ersten Reihe unterbrachen ihn.
"Was ist passiert?" McGonagall drehte sich um und stockte. Auf dem Tisch
von Davius und Stephan hockte ein großes Flugdinosaurierbaby.
"Wie konnte das geschehen? Das ist doch unmöglich," wunderte sie sich. Die
anderen Schüler sprangen erschrocken von ihren Stühlen und liefen ängstlich
zu den hinteren Tischreihen. Die noch nicht verzauberten Kanarienvögel
flatterten aufgeregt im ganzen Klassenzimmer herum.
Professor McGonagall ging zu Davius und Stephan, die beide, vom Schock
gelähmt, vor dem Flugdinosaurier saßen.
"Ganz ruhig! Nicht bewegen," sprach Professor McGonagall beruhigend auf die
zwei und das Dinobaby ein.
Harry betrachte unterdessen neugierig aber vorsichtig das Baby. Es
erinnerte ihn an Hagrid's Norbert. Es sah so lebensecht aus und für
Erstklässler war diese Verwandlung wahrlich eine Meisterleistung. Der
grünlich schimmernde Mini-Dino hatte sich bis jetzt nicht gerührt und
wirkte wegen seinen großen Kulleraugen auch sehr friedlich, aber der Schein
konnte trügen. Wer weiß, welche Gefahr in dieser Verwandlung schlummerte?
Plötzlich bemerkte er im Augenwinkel eine Bewegung. "Nicht!", rief er, aber
zu spät - eines der Gryffindor-Mädchen hatte die Tür des Klassenzimmers
geöffnet. Augenblicklich hatten die schlauesten der losgelassenen Vögel
ihre Fluchtmöglichkeit erkannt und der ganze Schwarm schoss sturzflugartig
aus dem Zimmer, um der Gefahr weiterer Schülerhände zu entgehen. Die
meisten der Schüler schlossen sich den Tieren ohne weiteres Zögern an.
"Wir müssen Professor McGonagall helfen," sagte Hermine bestimmt und sowohl
Ron als auch Harry nickten ihr zu. Doch die Professorin brauchte keine
Hilfe. Sie sprach einen Zauberspruch und das riesige Dinosaurierbaby war
wieder ein kleiner Kanarienvogel.
"Wie haben Sie das gemacht?", staunte Ron.
"Das war nicht schwierig," winkte die Professorin ab. "Der Gegenbann
funktioniert meistens bei Zauberunfällen von Erstklässlern."
"Alles Ok ?", erkundigte sich Hermine bei Davius und Stephan. Beide nickten
erst stumm und sagten dann gleichzeitig: "Wahnsinn!!" Professor McGonagall
zog missbilligend die Augenbrauen hoch, schwieg aber.
"Mr. Thomson, Sie können die Klasse wieder reinholen!"
Ron kam ihrer Aufforderung wortlos nach.
"Nun - die Kanarienvögel sind weg und wir haben noch eine weitere
Unterrichtsstunde vor uns. Also lohnt es sich, neue zu holen, aber...",
überlegte Professor McGonagall laut.
"Ich könnte neue holen, wenn Sie wollen. Schließlich ist es meine Schuld,
dass sie weggeflogen sind," meldete sich Davius zu Wort.
"Sie müssten zu Hagrid, um welche zu bekommen. Bevor Sie seine Hütte
gefunden haben, ist die nächste Stunde schon rum," lehnte sie Davius´
Vorschlag ab.
"Ich kann doch gehen," schlug Harry vor, "Ich weiß, wo Hagrids Hütte ist.
Ich brauche nicht länger als zehn Minuten."

Kurz darauf befand sich Harry auch schon auf den Weg zu seinem großen
Freund. Er rannte eilig den Gang entlang und bog gerade um die erste Ecke,
als James, Sirius und Snape in seinem Blickfeld auftauchten. Schlagartig
blieb er stehen. Es lag Ärger in der Luft, das war sogar für einen Blinden
erkennbar.
Krone und Tatze lachten lauthals, doch Snapes Gesicht war so rot, wenn
nicht sogar röter, als eine Tomate. Severus` Ähnlichkeit mit einer
tickenden Zeitbombe stieg von Sekunde zu Sekunde. Dass er jeden Augenblick
vor Wut explodieren würde, stand für Harry außer Frage. Es irritierte ihn
viel mehr, dass es keinen der beiden Rumtreiber störte. Oder bemerkten sie
die Gefahr etwa gar nicht?
Vorsichtig kam Harry näher, aber keiner nahm Notiz von ihm.
Plötzlich zog Severus - wie Harry befürchtet hatte - seinen Zauberstab und
schrie seinen Widersachern eine lange Zauberformel entgegen, die Harry
unbekannt war. Dass sie nichts Gutes verhieß, war jedoch eindeutig. Er
schluckte schwer und starrte mit Schrecken auf Severus. Auch James und
Sirius hatten aufgehört zu lachen. In ihren Augen spiegelte sich mehr als
Unbehagen wider.
Und noch bevor Snape den Zauberspruch beendet hatte, ertönte lautes
Donnergrollen, gefolgt von einer heftigen Explosion, die Harry von den
Füßen riss. Er wurde einige Meter weit durch die Luft geschleudert und
prallte zu Boden. Schmerz durchfuhr seinen Körper wie ein Blitz. Er schrie
auf, aber sein Schrei ging im Echo des Donners unter wie ein Flüstern im
Wind.
Doch hilflos einfach dazuliegen kam für Harry nicht in Frage. Dem Schmerz
zum Trotz richtete er sich so schnell wie möglich wieder auf; doch seine
wackeligen Beine wollten ihn kaum tragen. Der Schreck und der Schmerz saßen
zu tief in seinen Gliedern.
Harry versuchte, tief durch zu atmen. Er brauchte einen Moment, um beides
zu verdrängen. Erst als er husten musste, bemerkte er, dass der Gang voller
Rauch war. Blinzelnd und keuchend versuchte er, durch den Qualm James oder
Sirius auszumachen. Doch alles, was er erkennen konnte, waren unklare
Silhouetten von Personen - unbeweglich am Boden liegend.
Allmählich legte sich der Rauch und das Erste, was Harry deutlich erkennen
konnte, war das Blut verschmierte Gesicht von James. In einer
Zehntelsekunde rasten Hunderte von Schreckensgedanken durch seinen Kopf und
sein Herz schien seine Funktion vergessen zu haben und still zu stehen, um
danach mit dreifacher Geschwindigkeit weiter zu schlagen. Seine eigener
Schmerz war vergessen. Alles, was jetzt zählte, war James!
Mit feuchten Augen hastete Harry so schnell er konnte zu ihm und stellte
voller Erleichterung fest, dass er bei Bewusstsein war. Es schien sich
lediglich um eine Platzwunde über seinen linken Auge zu handeln.
Überglücklich atmete Harry auf. In diesem Augenblick wurde ihm bewusst,
dass er sich in der Vergangenheit befand und Snape in diesem Alter nie und
nimmer zu einen wirklich bedrohlichen Zauber in der Lage gewesen wäre. Oder
etwa doch?
Mühevoll half Harry James auf die Beine. Auch Sirius und Snape hatten sich
zwischenzeitlich hochgerappelt - beide unverletzt.
"Mir ist so schlecht," murmelte James und wäre fast wieder
zusammengebrochen, hätte Harry ihn nicht rechtzeitig gestützt hätte.
"Wir müssen ihn in den Krankenflügel bringen. Er hat wahrscheinlich doch
mehr abbekommen, als nur die Platzwunde über seinem Auge," vermutete Harry
tief beunruhigt, aber weder Sirius noch Snape hörten ihm zu. Sie hielten
ihre Zauberstäbe bereit und sahen sich hasserfüllt an.
"Das wirst du büßen! ... Expelliarmus!", brüllte Sirius und Snapes
Zauberstab flog in hohen Bogen davon. "Sprich schon mal dein letztes Gebet!
In den nächsten Monaten wirst du den Krankenflügel nicht mehr verlassen!"
Harry wollte aufschreien. Er wollte Sirius daran hindern, sein Vorhaben in
die Tat umzusetzen. Aber er konnte nicht. Kein Laut entrang sich seiner
Kehle. Sie war vor Entsetzen wie zugeschnürt. Harry kannte seinen
zukünftigen Patenonkel gut genug, um zu wissen, dass der sehr wohl zu einem
gefährlichen Zauber fähig wäre - bereits in seinem jetzigen Alter.
Die Sekunden verstrichen in quälender Langsamkeit. Wie in Zeitlupe schwang
Sirius seinen Zauberstab und öffnete den Mund, um Snape einen zweifellos
entsetzlichen Fluch entgegen zu schleudern.
Doch plötzlich wurde Harry mehr als unsanft angerempelt, wodurch er fast
erneut mit James zu Boden gerissen worden wäre. Ein großer hagerer Mann in
schwarzem Umhang rannte an ihnen vorbei .
Er packte Sirius am Arm und zischte leise: "Wenn du nur an einen meiner
Schüler Hand anlegst, dann wirst du das bitter bereuen."
"Was geht hier vor?", erklang hinter ihnen die wohlbekannt
ehrfurchtgebietende Stimme von Professor McGonagall. Harry fuhr erschrocken
herum und sah sie eilig herbei laufen.
Das Verwandlungs-Klassenzimmer lag ja nur um eine Ecke im nächsten
Korridor, das bedeutete, seit der Explosion konnten nicht mehr als zwei,
höchstens drei, Minuten vergangen sein, dachte Harry verwirrt. Sein
Zeitgefühl war ihm im Augenblick der Angst völlig abhanden gekommen.
"Er hat James verletzt!" Sirius zeigte anklagend auf Snape und versuchte,
sich gleichzeitig aus den Griff des unbekannten Mannes zu lösen. Ohne
Erfolg.
"Das geschieht Potter nur recht," fauchte dieser ihn an.
"Was haben sie diesmal angestellt?", wollte er mit gänzlich anderer,
ruhiger und fast väterlicher Stimme von Severus wissen, ohne Sirius
loszulassen.
"Vielleicht sollten wir dazu lieber Mr. Potter selbst befragen," mischte
sich Professor McGonagall ein, bevor Severus den Mund aufmachen konnte.
"Schließlich ist er als Einziger verletzt, oder ... Professor Spoison?",
fragte sie mit einem lauernden Unterton, der Harry absolut fremd bei ihr
war.
Der Professor murrte etwas unverständliches und ließ Sirius los - stieß ihn
fast schon von sich.
"Also, Potter! - Was ist geschehen?", fragte er gleichgültig und blickte in
Richtung Harry und James.
Harry öffnete den Mund, um seine Verteidigung zu starten, merkte dann aber
gerade noch, dass er ja gar nicht gemeint war.
"Ich...," begann James, "Ich weiß nicht mehr. Mir ist so schwindl..." Seine
Stimme versagte.
"Er ist schwerer verletzt, als es aussieht. Wir müssen ihn schnell in den
Krankenflügel bringen," rief Harry hilflos. James Gewicht drückte immer
stärker auf seine Schulter. Lange würde er ihn nicht mehr halten können.
"Mr. Creevey hat Recht. Vermutlich hat er eine Gehirnerschütterung,"
befürchtete Professor McGonagall, "Würden Sie Mr. Potter zu Madam Promfrey
bringen, Mr. Creevey?" Harry antwortete ihr mit einem Nicken.
"Warten Sie noch! Mr. Creevey war doch auch dabei, als es geschehen ist,
oder?" Professor Spoison blickte mit seinen eisblauen Augen in Harrys grüne
und kam mit lauerndem Blick näher.
"Ja..," begann Harry vorsichtig und wich dabei einen Schritt zurück,
"...aber nicht von Anfang an..."
"Was hast du gesehen?", unterbrach ihn der Professor ungeduldig.
"Sn....äh, Severus hat irgendeinen Fluch gesprochen, aber ich habe nicht
verstanden, welcher es war, und dann hat es gedonnert und es gab eine
Explosion, die mich umwarf..."
"Das ist jetzt nicht von Bedeutung! Mr. Potter ist verletzt und muss in den
Krankenflügel," bestimmte Professor McGonagall und missachte den
missbilligenden Blick ihres Kollegen.
"Mr. Creevey, Sie kennen den Weg?" Es war mehr eine Feststellung als eine
Frage, aber Harry nickte trotzdem als Antwort.
"Ich begleite ihn, sonst verläuft er sich noch," sagte Spoison
unfreundlich. "Mr. Black und Mr. Snape, Sie kommen auch mit."
Sirius war sofort an Harrys Seite und nahm ihm James ab.
"Alles klar bei dir?", fragte er seinen Freund leise, der unter Schmerzen
gezwungen zurück lächelte. "Die Promfrey bekommt dich schon wieder hin. Das
heißt, dass muss sie, weil wir am Freitag doch unser erstes
Quidditchtraining nach den Sommerferien haben und es wäre schrecklich, wenn
der beste Sucher aller Zeiten fehlen würde," grinste er.
"Ich hoffe, es stört Sie nicht, wenn Mr. Creevey der nächsten Stunde
fernbleibt?", erkundigte sich Professor Spoison bei McGonagall.
Ohne eine Antwort abzuwarten, ging er los und schubste Harry dabei vor sich
her.
Harry war nicht wohl bei den Gedanken, in Begleitung des Professors zu
sein. Seine Stimme war so eisig, dass Harry ein Schauer nach dem anderem
über den Rücken raste. Spoison war ihm sogar noch unheimlicher als
Professor Snape und das sollte wirklich etwas heißen.
Auf dem Weg zum Krankenflügel hatte Harry das Gefühl, dass giftige Blicke -
sowohl von Snape als auch von Spoison - ihn von hinten geradezu
durchbohrten.
Unruhig schielte er zu James und Sirius. Tatzes Mund umspielte ein
merkwürdiges Lächeln, aber seine Augen strahlten Besorgnis aus.
Harry hätte ihn am liebsten mit einem Haufen Fragen überschüttet. Aber die
Anwesenheit des Professors verbot ihm instinktiv, auch nur eine Einzige
davon zu stellen.
Beim Krankenflügel angekommen, eilte eine etwas pummelige Frau mittleren
Alters und mit streng geflochtenen dunkelblonden Haaren auf sie zu. Ihr
Gesicht war von kleinen Lachfältchen durchzogen, die sie jünger wirken
ließen. Harry konnte seinen Augen nicht trauen. Das war doch nicht etwa...?
"Madam Promfrey," rief Sirius. Sie war es tatsächlich, dachte Harry
überrascht.
"James ist verletzt, Sie..." Spoison machte eine befehlende Geste, die
Sirius zum Schweigen brachte.
"Meine werte Madam Promfrey, der liebe Mr. Potter war mal wieder nicht in
der Lage, die Hausregeln zu beachten und hat ein weiteres Mal verbotener
Weise herum experimentiert. Das Resultat haben Sie hier!" Professor Spoison
zeigte auf den mittlerweile bewusstlosen James. "Ich hoffe doch, Sie
bekommen den Jungen so schnell wie möglich wieder hin?" Madam Promfrey
nickte besorgt und wies Sirius an, James auf eines der Krankenbetten zu
legen.
"Der Junge lernt es nie," seufzte sie. "Wenn Sie mich bitte jetzt alleine
lassen würden? Ich brauche Ruhe, damit ich mich um den jungen Potter
kümmern kann."
" Mr. Black, Mr. Creevey, verlassen Sie den Raum!", befahl Professor
Spoison.
"Ich meinte, ganz allein." Madame Promfrey schaute den Professor
durchdringend an.
"Ich bitte Sie, Poppy; könnte ich nicht doch bleiben?", fragte er mit
erschreckend zuckersüßer Stimme, die erstaunlicherweise ein kleines Wunder
bewirkte, denn die Krankenschwester ließ sich ganz gegen ihre Natur
erweichen: "Na gut, Sie dürfen bleiben, aber die Schüler müssen raus."
"Nun, verschwinden Sie schon," fuhr er Sirius und Harry an, die sich nur
widerwillig in Bewegung setzten.
Dann wand sich Spoison zu Severus und flüsterte ihm etwas ins Ohr,
woraufhin ein unverhohlen gemeines Lächeln auf Snapes Gesicht erschien.