19:00 Uhr

Als sie die Küche betritt, steigen ihr sofort die altbekannten Gerüche in die Nase, die diesen Platz so sehr zu einem Zuhause machen. Auf dem Herd köchelt es in verschiedenen Töpfen und Dampf steigt auf, der die Luft ausfüllt und sich dann von hier aus im ganzen Haus verbreitet. Es ist warm, behaglich, friedvoll, so voller Leben und Normalität.

Es ist eine Heimeligkeit, die sie zuweilen in ihrem eigenen Leben vermisst. In dem Leben, das zu einem so großen Teil aus der Klinik besteht und in das nun auch Rachel gekommen ist, die ihren eigenen Platz beansprucht. Und dann ist da noch er und will irgendwie nicht so recht in alles passen.

"Kann ich dir helfen?", fragt sie und tritt ein wenig näher.

"Immer doch", antwortet ihre Mutter mit einem Lächeln und schiebt ihr das Gemüse zu.

"Ich hasse Gemüse schneiden genauso wie du", sagt sie und bewaffnet sich trotz dessen mit einem Messer.

"Ich weiß."

Sie lächeln zusammen und erledigen ein Weilchen stumm ihre Aufgaben, während das Wasser brodelt und der Küchenwecker leise tickt. Sie überlegt, wann sie so etwas zum letzten Mal gemacht haben und kann sich nicht so recht an einen konkreten Zeitpunkt erinnern. Es ist auf jeden Fall viel zu lange her.

"Wo ist Greg?", unterbricht ihre Mutter die schwelgerischen Gedanken an die goldenen Tage der Vergangenheit.

"Im Wohnzimmer mit Dad. Ich glaube, er braucht ein wenig Freiraum ohne mich."

"Verständlich", sagt sie augenzwinkernd und füllt einen Topf mit ein wenig Brühe auf. "Bist du glücklich?", fragt sie dabei fast schon beiläufig.

"Falsche Frage, Mom."

Ihre Mutter legt den Löffel beiseite und schaut sie von der Seite an. "Das ist es nicht unbedingt, was eine Mutter hören will. Was ist los?"

"Es ist kompliziert."

"Zu kompliziert, um es zu verstehen?"

Sie versucht in ihrem Kopf zu ergründen, wie es sich zusammenfassen und auf einen Punkt bringen ließe, doch das ist nahezu unmöglich. "Vielleicht." Sie fährt sich mit einer Hand übers Gesicht und denkt an die allzu gewohnte Achterbahnfahrt von heute zurück. "Er ist ein toller Typ, nur manchmal schwer zu handhaben und zu ertragen."

Ein fast schon wissendes Nicken begleitet die nächste Aussage ihrer Mutter: "Er ist derjenige, der dich auch im Krankenhaus zur Weißglut bringt, oder?"

Sie muss lachen. "Wie hast du das nur erraten?"

"Du hattest schon immer eine Vorliebe für Hindernisse, denen andere lieber großräumig aus dem Weg gegangen sind."

Sie brummt nur, weil sie sich manchmal wünscht, einfach den leichten Weg einschlagen und verfolgen zu können, aber anscheinend fehlt ihr das nötige Talent dafür. Andere würden sicher behaupten, sie hätte es, so steil wie sich ihre Karriere entwickelt hat, doch sie würde dagegen argumentieren. Sie kennen ihre Kämpfe nicht.

"Warum muss das mit der Liebe immer so furchtbar kompliziert sein?", fragt sie.

"Weil wir nur so wissen, dass es sich lohnt, für sie zu kämpfen. Alles andere wäre zu einfach."

Sie nimmt die ungeliebte Zwiebel in die Hand, die sie bis zuletzt aufgehoben hat, und merkt, dass sie nicht umhin kommt, sich auch mit ihr zu beschäftigen. Seufzend hackt sie oben und unten jeweils ein Stück ab und befreit sie dann von der trockenen Schale. Die beißenden Dämpfe steigen ihr sofort in die Augen.

"Seit wann seid ihr überhaupt zusammen?"

"Wenn ich das wüsste. Vielleicht seit einem Jahr, vielleicht auch nicht."

"So lange? Warum hast du nichts erzählt?"

Sie lässt das Messer, mit dem sie die ersten Zwiebelwürfel geschnitten hat, leicht genervt auf den Küchentisch fallen und sieht ihre Mutter an. Für einen Moment will sie wütend sein, doch schnell realisiert sie, dass das hier ganz und gar fehl am Platz wäre. Ihre Mutter ist die letzte, die irgendetwas dafür kann. Also überspielt sie ihren impulsiven Ärger über die Frage, die sie vorhin erst gehört hat, mit einem lauten Seufzen.

Ratlos steht sie da und zuckt mit den Schultern. "Manchmal fühlt es sich so an, als könne sich alles ganz plötzlich in Luft auflösen, sobald ich dem Ganzen irgendeine tiefere Bedeutung gebe. Das macht mir Angst. Ich will ihn nicht verlieren."

Ihr Mutter nickt verständnisvoll und mit einem traurigen Ausdruck auf dem Gesicht, der sie schmerzt. Sie will sie in den Arm nehmen und sagen, dass alles nicht so schlimm ist, dass sie es schaffen werden und glücklich sein können, so wie es eine Mutter für ihr Kind möchte. Sie will es wirklich glauben.

Doch im Moment halten sie ihre nach Zwiebel stinkenden Hände davon ab. "Bin gleich wieder da", sagt sie deshalb und verlässt die Küche, um sich im Bad mit ein wenig Seife zu waschen. Als sie den ersten Schritt hinaus auf den Gang macht, läuft sie ihm direkt in die Arme und zuckt kurz zusammen. "Huch, du hast mich erschreckt."

Es sieht so aus, als stände er schon ein Weilchen hier.

"Tut mir leid."

Er nimmt ihre Hand und zieht sie ein Stück mit sich in eine kleine Nische des Flures. "Muss dir was sagen", murmelt er dabei.

In der Ecke angekommen zieht er sie noch weiter zu sich, bis sie in seinen Armen zu verschwinden scheint. Die Umarmung ist schlicht, so wie sie es meistens bei ihm sind, aber sie merkt, dass er es von Herzen meint.

Nach etwa zwei Minuten völliger Bewegungslosigkeit, in denen sie fasziniert der Regelmäßigkeit seines Herzschlages gelauscht hat, lässt er sie wieder los. Mit zusammengekniffenen Augen riecht er an seiner linken Hand.

"Das ist Zwiebel", erklärt sie.

Er verzieht das Gesicht. "Igitt."

Sie muss lachen und sieht ihn ein Weilchen an. "Ist das alles, was du sagen wolltest?"

"Nein", antwortet er und gibt ihr einen sanften Kuss, der noch lange nachklingt. "Das war alles."

Ihr läuft eine Träne über die Wange, nachdem sie sich mit den zwiebelgetränkten Händen auch noch ins Gesicht gefasst hat. Wenigstens hat sie so eine gute Ausrede, aber vielleicht braucht sie ja auch gar nicht unbedingt eine.


20:00 Uhr

Sie sucht unter dem Tisch nach seiner Hand, doch er spielt nicht mit. Auf seinem Bein dagegen lässt er sie gewähren, auch wenn er so tut, als hätte er rein gar nichts bemerkt. Unbeirrt nippt er weiterhin an seinem Weinglas und schaut sich in der Runde um.

"Kannst du mir die Schlagsahne geben?", fragt sie ihn leise, um die kleine Sünde auf ihrem Nachtisch zu verteilen. Heute hat sie sie sich redlich verdient und wird keinesfalls auch nur ein winziges Bisschen schlechtes Gewissen zulassen.

"Kann ich", antwortet er und rührt sich nicht weiter.

Um sie beide herum herrscht reges Treiben—klimperndes Geschirr, ein wenig Kindergeplärr und die übliche poltische Diskussion—doch für ein paar Momente kommt es ihr so vor, als gäbe es immer nur sie zwei. Sie überlegt seit ein paar Minuten, wie sie ihm beibringen soll, was sie noch zu sagen hat, aber eine befriedigende Antwort bleibt aus.

"Würdest du sie mir dann bitte geben?", fordert sie ihn möglichst freundlich auf und legt dabei eine besondere Betonung auf das Höflichkeitswort.

"Ja", meint er und rührt sich trotzdem nicht.

Sie schaut sich kurz um, bevor sie ihm einen kleinen Stoß in die Rippen verpasst. Keiner scheint ihnen beiden irgendeine besondere Aufmerksamkeit zu schenken und sie ist dankbar dafür.

"Ach du meinst jetzt?", fragt er mit gespieltem Erstaunen und streckt endlich den Arm aus, um das kleine Gefäß heranzuholen. Mit einem recht lauten Geräusch stellt er es genau vor ihr ab und sagt dann nicht weniger leise: "Aber nicht, dass du zu dick wirst."

Sie funkelt ihn böse an und quält sich ein drohendes Danke über die Lippen, während der ganze Tisch sich jetzt ihnen beiden zugewandt zu haben scheint. Wenigstens muss sie sich bei solch einem Verhalten keine allzu großen Gedanken über sein Befinden mehr machen.

Nach einem Moment der unbehaglichen Stille, versucht ihre Schwester die Situation zu retten. "Was ist eigentlich dein Spezialgebiet, Greg?"

"Zur Weißglut treiben", erwidert er prompt und sieht kurz zur Seite. "Cuddy kann das sicher bestätigen."

Alle am Tisch lachen ein wenig gezwungen und Julia versucht es erneut. "Und im Krankenhaus?"

"Da auch", wirft sie ein, bevor er antworten kann und tätschelt wieder sein Bein.

"Nebenbei auch noch Nephrologie und Infektionskrankheiten."

"Wirklich nur nebenbei", bestätigt sie.

Das Lachen aller ist diesmal etwas ungezwungener und sie muss ein wenig grinsen, weil sie beide wahrscheinlich jetzt schon wie ein altes Ehepaar wirken, das keiner versteht. Nicht einmal sie selbst.

"Und, wie ist sie als Chefin?"

Er wirft ihr einen langen, musternden Blick zu und sie rüstet sich insgeheim für die Antwort. "Definitiv attraktiver als jedes männliche Pendent in ihrer Rolle. Alles andere ist vernachlässigbar."

Es klingt fast wie ein Kompliment, aber da ist sie sich nicht so sicher. Was auch immer es ist, es wird von einem versöhnlichen, wenn auch etwas frechen Ausdruck auf seinem Gesicht begleitet.

"Und was ist mit meinen fachlichen Qualitäten?", will sie wissen.

"Nicht vorhanden."

Sie verzieht kurz schmollend den Mund, während sie realisiert, dass sie gerade den gesamten Raum unterhalten. Sogar die Kinder, die nicht mehr um den Tisch herum rennen, sondern sich dem Dessert gewidmet haben.

"Man kann nicht alles haben", sagt er und zuckt mit den Schultern. "Die fachlichen Qualitäten habe dafür ich. Wir ergänzen uns also perfekt."

"Ja, dafür ist House nicht gerade unser Brad Pitt der Klinik."

Sein Blick ist einer der entsetztesten, die sie je bei ihm gesehen hat, aber sie grinst unbeirrt weiter. Er hat schließlich die Grundlage gelegt, sie macht nur mit. Nach ein paar Sekunden aber hat er sich wieder gefangen und geht überraschenderweise nicht weiter auf die Aussage ein. Stattdessen schaufelt er sich einen ganzen Berg Sahne auf seinen eigenen Teller.

"Warum nennt ihr euch eigentlich beim Nachnamen?", fragt Julia etwas erstaunt nach.

Sie zucken beide zeitgleich mit den Schultern. "Getarnte Kosenamen. Cuddy wie Cuddles", wirft er in den Raum, "House wie—"

"Mouse."

Das kann ihn nicht mehr schocken, aber sie weiß jetzt schon, dass sie dafür sicher noch einmal Verwendung finden wird. Ob er nun will oder nicht.

Die Schlagsahne hinterlässt unterdessen einen kleinen, weißen Bart an seiner Oberlippe, den sie belustigt aus dem Augenwinkel heraus betrachtet, bis er ihn ein wenig genervt mit der Hand wegwischt.

Alles ist eigenartig, aber das sind wahrscheinlich einfach sie.


21:00 Uhr

In Jacke und Mantel gehüllt sitzen sie beide auf der Veranda und schweben auf der Hollywoodschaukel durch die kalte Herbstluft. Mit seinem gesunden Bein schiebt er sie beide ab und zu wieder an und dann schaukeln sie, bis die Energie davongeflogen ist. Danach beginnt es von vorn.

"Kannst du dir vorstellen, wie es ist, wenn wir beide alt sind und jeden Tag gelangweilt auf so einer Schaukel sitzen?", fragt sie ihn.

"Ich bin schon alt."

Sie sieht ihn voller Mitleid von der Seite an. "Na so schlimm ist es auch noch nicht."

"Ich bin alt und ich bin nicht Brad Pitt."

Ein kurzes Lachen dringt aus ihrer Kehle. "Ach komm. Ich hasse Brad Pitt, falls du das noch nicht wusstest."

"Das würde ich an deiner Stelle jetzt auch lieber behaupten." Er nähert sich ihr von der Seite und schubst sie ein Stück mit der Schulter weg. Eng an eng bleibt er danach bei ihr sitzen und zieht sich mit dem Stock einen Wäschekorb heran, um seine Füße abzulegen.

"Bequem so?"

Er nickt. "Jetzt noch ein Bier und eine Decke, dann wäre es perfekt."

"Was, lieber ein Bier statt mir?"

"Nein, du bist ja schon da. Mit Bier wäre es noch perfekter."

Sie denkt daran zurück, wo sie vor etwa vierundzwanzig Stunden waren—an einem ähnlichen Punkt und doch ganz woanders. Nicht nur der Ort war ein anderer, nein auch ihre Gefühlslage und wahrscheinlich ebenso seine. Seine Gesichtszüge im schummrigen Licht sagen ihr, dass er nun ein wenig Frieden in sich selbst und mit ihr gefunden hat.

Zum Glück hat sich einiges geklärt in den letzten Stunden, doch die Wunden werden bleiben und sie erfordern eine dauerhafte Behandlung. Eine, die ihm nicht schmecken wird, soviel ist sicher. Doch jetzt ist es besser das Pflaster so schnell wie möglich von der Haut zu reißen, bevor zu viel Wasser den Fluss hinab laufen kann.

"Ich muss dir auch was sagen", gibt sie nach einer Weile zu. Die Schaukel bewegt sich inzwischen nicht mehr, doch sie studiert immer noch sein Gesicht.

"Oh, jetzt kommt's", sagt er voller düsterer Vorahnung.

"Was glaubst du denn, was kommt?"

"Du schläfst doch mit Riley, weil er der George Clooney des Princeton Plainsboro ist."

Sie schüttelt mit dem Kopf und nimmt einen tiefen Atemzug. "Ich hatte am Dienstag einen Mittagstermin mit Rosenthal vom Lenox Hill in New York."

"Mein Gott, du schläfst mit dem?"

Sie geht nicht weiter darauf ein, denn ihre Gedanken sind schon viel weiter, Lichtjahre voraus, wo sie wie wild durch Universum rasen und seine Reaktion befürchten. Doch es gibt keinen Weg zurück mehr und was immer er jetzt auch sagen wird, wird nichts an ihrer Entscheidung ändern.

"Er hat mir einen Job angeboten. Eine Halbtagsstelle in der Krankenhausleitung. Ich würde ein Projekt betreuen, bei dem es um die bessere Vernetzung verschiedener Abteilungen geht." Sie redet nicht weiter, weil ihn die Details nicht interessieren werden.

Was er dazu sagt, ist gar nichts. Abwesend kaut er auf seiner Unterlippe herum und sieht verloren aus, während sie ein paar tiefe Atemzüge der abgekühlten Luft nimmt.

"Er hat dir nicht einfach so einen Job angeboten, oder?", sagt er dann endlich und beendet die beängstigenden Sekunden der Stille.

Sie nickt. "Ich habe danach gefragt."

"Was ist mit mir?"

Sie hat es nicht anders erwartet, wusste, dass es ihm als erstes um sich selbst gehen würde. Vielleicht ist sie deshalb nicht enttäuscht. "Ich tue das für uns. Du weißt, dass es so nicht funktionieren wird."

"Wir können es versuchen."

"Wir haben es versucht. Ich will nicht, dass die Klinik wieder einen Keil zwischen uns treibt, so wie es in den letzten Wochen zu oft der Fall war. Es ist unmöglich, Privates und Berufliches zu trennen. Für uns jedenfalls."

"Du liebst das Krankenhaus", stellt er fest und will sie so anscheinend davon überzeugen, dass es nicht die richtige Entscheidung sein kann.

"Ich liebe auch dich", ist die ganz simple Antwort, die sagt, dass es die einzig richtige Entscheidung ist. Sie nimmt seine Hand und gibt ihm die Zeit, die er braucht.

Nach einer Weile entspannen sich seine Finger zwischen ihren. "Ich hätte mehr Zeit für Rachel", spricht sie einen weiteren, nicht ganz unwichtigen Punkt an.

"Und jeden Tag über zwei Stunden Fahrzeit."

"Macht trotzdem weniger, als ich jetzt in der Klinik verbringe."

"Du weißt, dass ich mich keine zwei Wochen ohne dich halten werde", sagt er ein wenig vorwurfsvoll.

"Hey, für mich ist das auch nicht leicht. Du musst dich ebenfalls ein wenig anstrengen, aber ich dachte, du hättest mir heute das Signal gegeben, dass du das willst."

Er begegnet ihrer Aussage mit Schweigen.

"Also, was denkst du?"

"Weiß ich nicht. Kann ich mir überlegen, wie ich das finde?"

"Das heißt im Klartext, du verschiebst das Sauersein einfach auf später?"

"So in etwa." Ein Schulterzucken begleitet seine Bemerkung.

Sie überlegt kurz, aber es ist okay. Vielleicht ist es etwas, mit dem sie sich heute ohnehin nicht mehr beschäftigen will und wer weiß, wie morgen die Welt aussieht. Sie hat nicht erwartet, dass ihm die Entscheidung gefallen wird, aber sie spürt, dass auch er weiß, dass es vielleicht nicht anders geht.

Sie schwingt sich von der Schaukel, positioniert sich vor ihm und streckt die Hand aus. "Komm, lass uns reingehen, kurz verabschieden und dann ins Bett verschwinden. Ich bin todmüde."

"Siehst du, du wirst auch alt", brummt er, als er ihre Hand annimmt. "Wie beruhigend."


22:00 Uhr

Sie betrachtet das Bett argwöhnisch, bevor sie unter die von ihm bereits vorgewärmte Decke schlüpft und sich eng an ihn schmiegt. "Irgendeiner von uns beiden wird aus diesem winzigen Bett herausfallen in der Nacht."

"Keine Angst", beruhigt er sie, "ich stelle sicher, dass du es bist."

"Danke, deine Barmherzigkeit kennt keine Grenzen."

"Wie so vieles bei mir."

Sie nickt stumm und lässt den Kopf erschöpft gegen seine Brust fallen. Die Turbulenzen des Tages haben ihr die letzten Kräfte geraubt und noch weiß sie nicht so recht, wann sie ihre Batterien mal wieder aufladen soll. Solange bis sie ihren Job in Princeton zu Ende gebracht hat, wird dafür keine Zeit bleiben und wer weiß, wie es dann aussieht.

Vielleicht hat er recht und sie wird das Krankenhaus so sehr vermissen, dass ihr die neue Stelle nicht die Zufriedenheit gibt, nach der sie sich sehnt. Noch weiß sie nicht einmal, ob die Lösung wirklich ist, weniger zu arbeiten. Die richtige Lösung für sie, die sich so sehr über ihre Arbeit definiert und bis an den Rand der Erschöpfung geht, um sich nicht ihren wahren Gefühlen stellen zu müssen.

Er nimmt ihre Hand und umschließt schützend ihr Handgelenk. Sie hatte es inzwischen fast vergessen, doch der Schmerz kommt wieder, als seine Finger sich auf ihre Haut legen, so sanft und vorsichtig sie dabei auch sind.

"Wann hat es angefangen wieder besser zu werden heute?", fragt sie ratlos und blinzelt gegen die Dunkelheit an.

"Keine Ahnung", gibt er zu und überlegt ein Weilchen. "Vielleicht als wir angefangen haben, ehrlich zueinander zu sein."

Es ist ein erstaunlicher Satz für ihn und gerade deshalb wieder einer, der weh tut. Alles verschmilzt mit dem Schmerz in ihrer Hand, der Angst vor der Zukunft, der Ratlosigkeit und den trotzdem so starken Gefühlen, die sie für ihn hegt.

Und dann platzt er wieder dazwischen: "Um dieses ganze 'Wahrheit oder Pflicht'-Spiel zu beenden: Ich war mit Wilson nicht in Boston."

Ihre Welt fällt innerlich wieder ein Stück zusammen.

Er löst sich von ihr, steht auf, läuft mit den nackten Füßen über den Holzfußboden und macht dabei laute Geräusche. Sie wünscht sich an einen anderen Ort und vergräbt das Gesicht unter ihren Händen, doch vielleicht hat er genau diesen Ort mitgebracht, als er wieder zu ihr ins Bett kommt, die Nachttischlampe anmacht und mit einem Prospekt vor ihrer Nase herum wedelt.

"Hier", sagt er und animiert sie dazu, die Hotelbroschüre in die Hand zu nehmen. "Wir waren in Provincetown."

Sie faltet das Blatt auseinander und sieht verwirrt auf die Bilder von luxuriöser Idylle inklusive geblümten Vorhängen und passenden Tagesdecken, Kaminfeuern und frischen Schnittblumen hinab. Sie weiß nicht, was sie denken soll.

"Ich wollte sehen, ob es das richtige ist", erklärt er. "Außerdem erlauben sie normalerweise keine Kinder, weshalb Wilson ein wenig seinen Charme spielen lassen musste. Ich dachte, wir könnten vielleicht eine Woche dahin fahren. Mit Rachel."

Sie studiert weiterhin verdutzt die Fotos.

"Die haben auch jede Menge Wellness", fügt er hinzu, wie als müsse er sie noch weiter überzeugen.

"Das kostet sicher ein Vermögen", ist alles, was ihr einfällt.

"Es ist egal, was es kostet."

Sie weiß nicht, ob sie sich freuen oder sauer sein soll, weil es nichts ist, das er hätte so verheimlichen müssen. Nichts, weswegen sie sich den Kopf zerbrechen und alles in Frage hätte stellen müssen.

"Es sollte eine Überraschung werden", sagt er entschuldigend, als könne er ihre Gedanken lesen. "Sorry."

Sie sieht weiterhin nicht überzeugt aus.

"Hast du Lust oder habe ich es vermasselt?"

"Nah dran, aber ja, ich habe Lust."

Ein zufriedener Ausdruck formt sich auf seinem Gesicht. Er nimmt ihr den Prospekt ab und macht dann das Licht wieder aus, schlüpft zurück unter die Decke, wo sie sich vorerst ein wenig meiden.

"Ich liebe dich", stellt sie trotzdem etwas später klar und nimmt so den ersten Schritt.

"Ich weiß", antwortet er simpel und wartet dann ab. "Du wolltest, dass ich es auch sage, richtig?"

"Halt die Klappe, House." Sie spürt, dass er grinst, auch wenn sie sich nicht berühren und sie ihn kaum sehen kann. Doch um das zu ahnen, muss man ihn einfach nur kennen.

"Was ändert es, wenn ich es sage?", will er neugierig wissen.

"Nichts. Manchmal ist es nur schön, es bestätigt zu bekommen."

"Du weißt es."

"Manchmal ist es schön, es einfach zu hören", revidiert sie.

"Okay", er atmet tief ein, um sich gebührend vorzubereiten, "ich liebe dich."

Sie lächelt stumm, lässt ihre Hand wieder zurück zu ihm gleiten und nimmt mit den Fingerspitzen die Wärme seiner Haut in sich auf.

"Und ich liebe Monstertrucks und Ärztesoaps und meinen Ball—all meine Bälle um genau zu sein—und Wilson…"

Sie unterbricht ihn. "Danke, ich denke ich habe einen ganz guten Eindruck von der Liste bekommen."

"Sicher?"

"Sicher. Apropos Wilson—ist Provincetown nicht diese Schwulenhochburg?"

"Was glaubst du, was wir für Spaß da hatten."

"Ich will es mir gar nicht vorstellen."

"Wenn wir jetzt zusammen dahin fahren, werden alle glauben, ich betrüge Wilson."

Sie lacht und krallt sich eine Handvoll seines T-Shirts, um ihn noch näher zu sich heranzuziehen. Es folgt warmer Atem auf abgekühlter Haut, dann Lippen, die nur noch Millimeter voneinander entfernt sind, dann ein sachter, flüsternder Kuss.

"Soll mir egal sein", sagt sie, als ihre Zunge sich wieder dem Sprechen widmen kann und sie bereits davon träumt, wie es ist, den Sand unter ihren Füßen zu spüren und dabei die Hand eines Menschen zu halten, mit dem man sein Leben teilen möchte. Sie hört die Schreie der Möwen, das dröhnende Rauschen des Meeres, das freudige Quieken von Rachel beim Anblick der Wellen, die größer sind als sie selbst.

Sie hört es solange, bis sie eingeschlafen ist und ihr Griff an seinem T-Shirt sich langsam lockert.

ENDE

"You wait all night, where can he be, your lover and your enemy?" – Duke Special