Kapitel 6
Er erwachte in dieser Nacht besonders früh. Normalerweise schlief er immer ein bis zwei Stunden länger, doch heute war sein großer Tag. Heute war IHR großer Tag. Sie würden heute Heiraten. Er freute sich bei dem Gedanken, mit seiner Liebsten vermählt zu sein, für immer mit ihr verbunden zu sein. Gerade bei Vampiren zählte eine feste Bindung erst, wenn man bereit war, diese für die Ewigkeit zu besiegeln. Er selbst hielt zwar nicht sehr viel von solchen Bräuchten, jedoch hatte ihn Sarah überreden können, auch wenn er beinahe freiwillig zu der Hochzeit zugestimmt hatte. Damals, nach seiner ersten Hochzeit, die so unglücklich endete, hatte er gedacht, er könnte nie mehr jemanden so sehr lieben, doch er hatte sich getäuscht. Auch wenn der Verlust seiner ersten Ehefrau immer noch sehr schmerzte.
Er verdrängte die Gedanken und wandte sich wieder fröhlicheren Dingen zu. Sarah lag zusammen mit ihm in dem Sarg. Breda wollte eigentlich aufstehen, doch er wollte sie nicht wecken…
„Auch schon wach Liebster? Ich konnte auch nicht mehr schlafen." unterbrach Sarah seine Gedanken, wie er denn wohl am Besten hier heraus kam.
„Ich konnte nicht schlafen und musste die ganze Zeit an heute Nacht denken." erwiderte Breda. „Allerdings war es eher die Aufregung, die mich nicht schlafen ließ."
Sarah stutze. „Du und aufgeregt? Sag mir, was da nicht stimmt, aber seit wann bist du jemals nervös?"
„Ich bin öfters nervös. Schließlich heiratet man ja auch nicht jede Nacht."
„Na dann, lass uns aufstehen, wie es aussieht können wir ja beide nicht mehr schlafen." schlug Sarah vor.
Breda setzte sich auf, soweit es ihm möglich war, mit seiner Geliebten an der Seite, und schob die Sargdeckel beiseite. Sarah stand auf und Breda folgte ihr.
Sie gingen, jeder in den Gedanken bei der Hochzeit, in ihre Ankleidezimmer und zogen sich um.
Breda hatte einen schwarzen Anzug für heute und Sarah trug ein ebenso schwarzen Kleid. Schwarz war die Farbe, die man bei Hochzeiten trug. Das Schwarz stand für das ewig Dunkle, für die Nacht, in der sie nur leben konnten. Weiß hingegen war die Trauerfarbe. Mit allem Weißen, Hellen, verbanden fast alle Vampire das Schlechte. Weiß stand für den Tag, der sie umbrachte.
Breda hatte eigentlich gedacht, dass Sarah nicht mehr hübscher als beim Ball letzte Woche aussehen konnte, doch da hatte er sich getäuscht. Sie sah einfach atemberaubend aus.
Sarah lächelte, als sie bemerkte, wie Breda sie anstarrte.
„Was denn, Breda? Seh' ich so hässlich aus, dass du dermaßen aus der Fassung gerätst?"
Breda, der bis zu dem Zeitpunkt vor sich hingeträumt hatte, kam ins stottern.
„Was? Äh… Nein, nein! Im Gegenteil. Du siehst wunderschön aus. Ich habe noch nie Jemanden so schönes gesehen." Er näherte sich ihr und ihre Lippen trafen sich in einem leidenschaftlichen Kuss.
Nach einer Weile ließ Sarah von ihrem Geliebten ab. „Schatz, sollten wir uns nicht langsam auf die Trauung vorbereiten?"
Sie hatten in der letzen Woche die Tauung ein paar Mal ‚geprobt'. Schließlich verlief eine Vampirhochzeit anders, als die Menschliche. Zwar waren sie sich ähnlich, aber Sarah hatte immer ein paar Probleme gehab, sich alles zu merken und hoffte nun, dass heute alles gut verlaufen würde.
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Als Breda und Sarah, Hand in Hand, in den Saal traten, brach unter den vampirischen Gästen Jubel und Beifall aus.
Da es im Saal zu dunkel geworden wäre, standen überall berennende Kerzen, die alles in eine romantische Stimmung tauchten. Ihre Gäste hatten sich festlich angezogen und ‚schön' gemacht, aber das war bei Vampiren ein anderer Ausdruck als bei Menschen, denn Vampire fanden sich hübsch, wenn sie total geschminkt waren, so dass man die eigentlichen Gesichtszüge nicht mehr erkennen konnte. Manche Vampire kleideten sich sogar extravagant…
Der Pfarrer, der sie heute trauen sollte, war kein geringerer, als das Oberhaupt aller Vampire, Luzifer. Er war der älteste lebende Vampir und ihm waren alle anderen Vampire untergeordnet. In der ‚Rangfolge' war Breda sozusagen sein ‚Nachfolger'. Deshalb war es Luzifer eine besondere Freude, ihn zu trauen. Allerdings musste der ‚Vampirpfarrer' nur die Trauung eröffnen und beenden, der Rest wurde von dem restlichen Clan übernommen.
Er war schon sehr lange mit Breda befreundet, doch leider sahen sie sich nur sehr selten. Das brachten nun einmal die Pflichten des Obervampirs mit sich. Man hatte wenig Freizeit.
Normaler Weise zog Luzifer, wenn er ein Vampirpärchen traute, sich seine normalen Kleider an. Heute allerdings hatte er wegen Breda sein bestes Gewand angezogen.
Langsam und unter dem Jubel aller Anwesenden gingen Breda und Sarah zu Luzifer.
Als sie schließlich vor ihm standen, sprach er zu ihnen und es wurde still im Saal.
„Es kommt sehr selten vor, dass sich ein Paar entschließt, eine Verbindung für die Ewigkeit einzugehen. Umso erfreulicher ist es für mich, Breda, meinen alten Freund, trauen zu dürfen. Hoffen wir, dass diese Ehe länger hält. Ihr habt meinen Segen." Schloss er seine Rede ab. Nun kamen nacheinander sämtliche Vampire auf sie zu, die Rang und Namen hatten, um ihren Segen zu geben. Selbst Breda kannte kaum alle und Sarah natürlich erstrecht nicht.
Schließlich kam der letzte Vampir zu ihnen. Breda kannte ihn flüchtig, es war Nicolas.
„Ich denke, dass ihr Beide wisst, auf was ihr euch da einlasst. Eine Verbindung für die Ewigkeit kann schön sein, wenn man den richtigen Partner hat. Ich denke ihr Beide habt den richtigen Partner gefunden. Ihr habt den Segen von mir."
Nun trat Luzifer wieder zu Sarah und Breda und beendete die Hochzeit.
„Nun, so soll es sein. Ihr habt von jedem Vampir euren Segen erhalten. Ihr seit nun vor dem Teufel und uns Kreaturen ewiglich miteinander verbunden."
Sofort brach wieder Jubel unter den Gästen aus. Selbst Herbert freute sich für ihn (natürlich stand er in der Nähe von Alfred, der sich aber kein Unbehagen anmerken ließ), stellte Breda fest, als er sich umsah. Es war also endlich vorbei und es waren keine Vampirjäger von der Decke gestürzt oder durch die Fenster eingedrungen. Breda atmete erleichtert ein. Ein Glück war alles gut gegangen. Sie wurden von allen Seiten her beglückwünscht. Der Erste war aber sein Sohn gewesen.
Schließlich gingen sie alle in den Nebenraum und setzten sich an einem gewaltigen Tisch. Er bot Platz für alle Gäste, und es waren circa 500 Vampire anwesend. Außerdem war extra ‚Frischfleisch' bestellt worden, d.h. es waren Menschen gekommen.
Alle Vampire versuchten sich so schnell wie möglich einen zu schnappen, sie reichten aber natürlich nicht für jeden, sodass sie sich die Menschen untereinander teilen mussten.
Herbert setzte sich neben Alfred, ganz so, wie er es gewollt hatte.
Breda uns Sarah hatten dafür gesorgt, dass eine menge Blut, neben den Menschen, geliefert wurde. Aber natürlich war frisches Blut besser als das etwas Ältere. Breda wollte sich gerade ein Glas einschenken, er hielt nicht viel davon, einen Menschen zu beißen, wenn es anders ging, als er plötzlich etwas bemerkte. Da stand doch jemand am Fenster…
Viel weiter kam er allerdings nicht, da es auf einmal zersplitterte und dutzende von Menschen in den Saal stürmten. Es waren Vampirjäger.
Die ganze Vampirmeute stob auseinander, möglichst weit weg von den Menschen. Breda hatte ein paar Sicherheitsvorkehrungen getroffen, allerdings schienen die Vampirjäger sie überwunden zu haben. Es waren einige Vampire hier, die durchaus schon den einen oder anderen Vampirjäger auf den Gewissen hatten.
Breda musste plötzlich wieder an seine erste Hochzeit denken. Es schossen ihm Bilder durch den Kopf, seine Frau, leblos und Blut überströmt in seinen Armen… Und nun waren also auch Jäger auf seiner zweiten Hochzeit. Auf einmal spürte Breda einen stechenden Schmerz im Rücken, dann wurde er Bewusstlos.
