6. Dezember
Ein besonderes Weihnachtsgeschenk
von Madam Mim
Es war schon sehr spät. Severus Snape saß mit einem Glas Rotwein im Wohnzimmer, wo im Kamin ein kleines Feuer prasselte.
Er drehte das Glas gedankenverloren in seinen Händen.
Viel war in den letzten Monaten geschehen, viele Dinge, die er nie im Leben für möglich gehalten hätte.
Er hatte den Kampf gegen Voldemort überlebt und damit ein neues Leben begonnen, ein freies Leben, außerhalb des rassistischen Zaubereiministeriums. Noch stand seine berufliche Zukunft in den Sternen, aber das war zweitrangig.
Viel wichtiger war die Tatsache, dass er eine Tochter hatte. Ein ihm bisher unbekanntes Kind. Vanessa war ein normaler sechszehnjähriger Teenager. Ihr hatte er es zu verdanken, dass er den Biss der Riesenschlange überlebt hat. Vanessa war Mitglied der Loge, ein Zusammenschluss frei lebender Hexen und Zauberer. Einige Mitglieder hatten ihr geholfen ihren Vater zu suchen und schlussendlich zu finden.
Seit dieser Zeit lebte er im Haus der Mutter seiner Tochter. Erst später hatte er, mehr durch Zufall, herausgefunden, dass Vanessa ebenfalls eine Hexe war. Sie ging nämlich auf eine normale Muggelschule – ein Gymnasium und übte die Magie nur mit Bedacht aus.
Auf seine Frage, ob sie sich schäme eine Hexe zu sein, antwortete sie ihm damals: „Paps, ich gehe doch damit nicht hausieren. Das ist nicht mein Stil. Soll ich in Zukunft mit einem T-Shirt herumlaufen, wo drauf steht – ICH BIN EINE HEXE - ?"
Bei diesen Gedanken musste Snape schmunzeln. Vanessa war etwas Besonderes. Nicht nur, dass sie hübsch war, schwarz haarig, wie er, aber mit den grünen Augen ihrer Mutter, nein, sie war auch schlagfertig und nicht auf den Mund gefallen. Sie wollte unbedingt Ethnologin werden, um bei der Gelegenheit auch die Magie der ethnischen Minderheiten zu studieren.
Er akzeptierte diesen Berufswunsch. Nicht jede Hexe musste Zaubertrankmeisterin werden oder Heilerin.
Vanessa war das Ergebnis eines One-Night-Stand, den er und Angelika Lindemann, jetzt verwitwete Durham, im November 1981 hatten.
Zwischen ihm und Angelika, die mittlerweile Doktor der Archäologie war, entwickelte sich im Laufe der Monate eine zarte Liebesbeziehung – kurz sie machten da weiter wo sie damals aufgehört hatten.
Das Gefühl geliebt und begehrt zu werden, war für Severus Snape ungewohnt. Jahrelang musste er hinter einer Maske leben, nun war das zum Glück vorbei. Für ihn war das Ganze eine komplett neue Erfahrung, die er auskostete, jede der Minuten.
Ja, er war frei, frei- nun nicht ganz. Da war ja noch Vanessa und - und das besondere Weihnachtsgeschenk, welches heute die kleine Lebensgemeinschaft erhalten hatte.
Alles begann am Mittag mit einem Telefonanruf für Angelika.
Sie hatten noch alle Hände voll zu tun: Baumschmücken, Essen vorbereiten, dekorieren und einiges mehr. Es war ja Julabend.
Dabei ging es Angelika in den letzten Wochen nicht besonders gut. Jeden Morgen erbrach sie, manchmal vor, manchmal nach dem Frühstück.
Sie beschloss daher einen Arzt aufzusuchen. Sie redete sich ein, es könnten schon Anzeichen der Menopause sein oder einer Magen-Darm-Grippe. Sie hatte eine Freundin im gleichen Alter, die bereits mit 38 Jahren die ersten Anzeichen der Wechseljahre hatte.
Als das Telefon klingelte nahm Angelika Durham das Gespräch entgegen. Im Laufe des Telefonats wurde Angelika immer blasser.
„Sind sie sicher Frau Doktor? Sie irren sich nicht, auch nicht ein kleines bisschen?" Angelika verlor langsam die Fassung.
„Sie sind schwanger meine Liebe, ich gratuliere. Daran besteht kein Zweifel.", lautete die Antwort am anderen Ende der Telefonleitung.
„Ja, danke für das Bescheid geben und schöne Feiertage", sagte Angelika um Fassung ringend und legte auf.
Sie setzte sich auf einen Stuhl der Essecke, senkte den Oberkörper auf die Tischplatte und streckte die Arme vor sich.
„Man, das hat mir gerade noch gefehlt – schwanger. Ich Riesenrindvieh – wie konnte ich auch nur die Verhütungsmittel vergessen, ich dämliche Kuh!", schalt Angelika in Gedanken mit sich selbst. „Wie bringe ich das nur Sev und Vanessa bei?"
„Alles in Ordnung?", fragte Severus besorgt, da ihm Angelikas Reaktion am Telefon nicht entgangen war.
„Mama, was ist denn, was hast du?", auch Vanessa machte sich Sorgen um ihre Mutter. So wie es ihr im Augenblick erging, kannte sie es nicht von ihr.
„Bist du ernsthaft erkrankt? Nun sag schon Mama." Vanessa wurde langsam ungeduldig. Sie wollte auch wissen was los war.
„Als Krankheit würde ich das nicht bezeichnen, sonst wäre die Hälfte der Menschheit krank.", entgegnete ihr Angelika, ziemlich unverständlich, da sie noch mit der Stirn auf der Tischplatte lag.
Sie hob einen Arm : „ Ich bekenne mich hiermit schuldig. Ich habe fahrlässig gehandelt im Rausch der Gefühle. Ja, ich bin ein Riesenrindvieh. Ich bin SCHWANGER!"
Jetzt war es raus.
„Was? Wie schwanger? Mama, DU bist schwanger! Wie konnte das passieren? Du hälst mir Vorträge über Verhütung und so. Und – und- und was machst DU?" Vanessa reagierte empört.
Severus sah von seiner Lebensgefährtin zu seiner Tochter hin und her. Angelika war schwanger, von ihm? Tausende von Gedanken schossen durch seinen Kopf.
„Ja, ich habe einfach nicht daran gedacht. Weißt du" – Angelika hob ihren Kopf – „bei Frank brauchte ich das ja nicht. Er war ja zeugungsunfähig. Na ja – der Mensch ist halt ein Gewohnheitstier. Ich habe es einfach vergessen.", stammelte Angelika ziemlich geknickt. Dabei sah sie Severus mit einem entschuldigenden Blick an.
„Ich habe es vergessen Severus – tut mir leid." Angelika beschlich langsam Panik, wie er darauf reagieren würde, erneut Vater zu werden.
Severus atmete tief ein. Mit allem hatte er gerechnet, aber nicht damit noch einmal Vater zu werden.
Er stand auf und fing an im Wohnzimmer auf und ab zu gehen.
„Vater, ich werde wieder Vater!", diese Gedanken ratterten ihm ständig durch seinen Kopf, eigentlich ein Grund zu jubeln. „Ich mag doch keine Kinder...", auch diese Gedanken zogen durch sein Gehirn. „Eigentlich bist du es doch nur leid, ständig die verzogenen Gören anderer Leute zu unterrichten und zu erziehen – eigene Kinder sind ganz was anderes. Jetzt ist die Chance alles selbst mitzuerleben, was bei Vanessa nicht möglich war", flüsterte ihm sein Gewissen zu.
„Mama, wie stellst du dir das eigentlich vor, du bis ja nicht mehr die Jüngste", platzte Vanessa in den Raum.
„Danke Vanessa, dass du mich gerade zum Gruftie gemacht hast. Abtreiben kommt nicht in Frage, oder hätte ich dich damals auch wegmachen lassen sollen? Damals hatte ich kaum Geld und war mitten im Studium und in einem fremden Land. Trotzdem habe ich mich entschlossen, dich zu bekommen und wir haben es geschafft. Heute ist die Situation anders.", antwortete Angelika ihrer Tochter mit einem bestimmten Ton.
„ Eine Unbekannte gab es noch, Severus hat sich noch nicht dazu geäußert", stellte Angelika in Gedanken beunruhigt fest. Sie würde das Kind bekommen, egal wie er sich entscheiden sollte.
Angelika stützte ihren Kopf auf beide Hände und sah zu Severus herüber.
Severus blieb stehen und drehte sich zu Angelika und Vanessa um. Beide sahen ihn fragend an. Er wusste nicht was er tun oder sagen sollte. Es widerstrebte ihm zu jubeln oder sonst etwas verrücktes zu machen, wie es manche werdenden Väter tun.
„Nun denn, gehen es wir an.", war das Einzige was er sagen konnte. „Wir sollten uns langsam umziehen oder wollt ihr nicht mehr zur Julfeier gehen?"
Für ihn war das Thema erstmal abgearbeitet. Sollten doch die folgenden Monate kommen, dann würde er immer noch sehen und entscheiden, was er tun würde.
Es wurde ein wunderschöner Abend und ein wunderbare Feier. Es wurde gelacht, getanzt und gegessen. Der Met floss reichlich – nur Angelika rührte keinen Tropfen Alkohol an.
Nun saß er hier im warmen Wohnzimmer und dachte nochmal über das besondere Weihnachtsgeschenk nach – er wurde erneut Vater, welch ein Glück.
Wie immer Severus Snape gehört JKR – alle anderen Figuren entstammen meinen Gedanken und meiner elektronischen Feder.
