„Das ist meine Mum?"

Ben kniete sich vor Hoss hin.

„Ja Hoss, das ist jetzt eure neue Mutter. Komm gehe sie begrüßen."

Hoss schaute an seinem Vater vorbei zu Marie, um dann sofort zu ihr zu rennen, und sie zu umarmen. Am liebsten hätte Adam ihm jetzt zugerufen, dass das nicht seine Mutter ist. Er war jedoch froh, das Amarok ihm beigebracht hatte, seine Wut zu beobachten und die Pfeile nicht sofort zu verschießen. Aber wohlüberlegte Pfeile, die würde er sicher abschießen. Sein Vater kann doch nicht wirklich glauben, dass er zu einer ihm völlig unbekannten Frau jetzt Mutter sagt. Wie kann er einfach jemanden mitbringen, ohne etwas vorher zu sagen. Warum hatte er es nicht in seinem Brief erwähnt? Er hat doch eine neue Mutter, Aponi. Er braucht Marie nicht.

„Adam willst du deiner Mutter nicht auch guten Tag sagen?"

Ganz langsam sah Adam seinen Vater an.

„Sie ist nicht meine Mutter."

Dieser eine Satz reichte. Bens gute Laune verschwand aus seinem Gesicht und mit ernster Stimme sprach er zu seinem Sohn.

„Adam, Marie ist jetzt meine Frau und wird mit uns auf der Ponderosa wohnen und somit ist sie jetzt deine Mutter, und ich erwarte, dass du sie nun dementsprechend begrüßt. Hast du mich verstanden mein Sohn?"

Adam hielt den Blick seines Vaters stand. Es fiel ihm schwer, jetzt seinem Befehl zu folgen. Er war die ganze Zeit hier mit Hoss alleine gewesen und musste viele Entscheidungen treffen, und nun von einer Minute zur anderen sollte er wieder gehorchen? Bens Stimme nahm einen bedrohlichen Ton an.

„Adam!"

Er hatte immer noch nicht die Absicht, zu Marie zu gehen. Da kam sie zu ihm.

„Bonjour, Adam."

Sie reichte ihm die Hand.

„Ich freue mich, dich kennenzulernen."

Er war überrascht. Ihre Stimme war sanft und hatte einen leichten Akzent. Langsam nahm er ihre Hand.

„Guten Tag Ma'am"

„ADAM, du gehst jetzt unsere Taschen holen und dann sprechen wir über deine Manieren."

„Ja Sir."

Adam lief zum Buggy um die Sachen hineinzutragen. Marie legte ihre Hand auf Bens Arm.

„Mon Amour, gib ihm Zeit. Er muss mich doch erst einmal kennenlernen, und du kannst doch nicht wirklich erwarten, dass er mich sofort in sein Herz schließt."

Sie sah ihn an und lächelte.

„Ben, er ist kein kleiner Junge mehr wie Hoss, und wir haben ihn mit den Neuigkeiten ganz schön überfahren."

Ben holte tief Luft und schaute zu Adam, der den Wagen auslud.

„Vielleicht hast du recht. Wir sollten erst einmal richtig ankommen. Ich dachte nur, er würde sich mehr freuen, wieder eine Mutter zu haben."

„Adam und ich werden sicher zueinanderfinden. Warte ab."

Auf Bens Gesichts kehrte das Lachen zurück.

„Dann komm jetzt rein und schau dir dein neues Heim an."

Er legte seinen Arm um sie und beide gingen ins Haus.

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Adam ritt so schnell er konnte zu Koko nach Hause. Er musste jetzt mit ihr reden. Zuerst wollte sein Vater ihn nicht gehen lassen, weil sie sich so lange nicht gesehen hatten, aber dann hatte Marie ihm etwas zugeflüstert und er änderte seine Meinung. Sein Pferd stand noch nicht richtig, da sprang er schon aus dem Sattel.

„Koko?... Koko, bist du zu Hause?"

„Wynono, welcher Sturm ist über dich gekommen?

Mit Sorge schaute Kokos Vater ihn an.

„Ist etwas bei dir zu Hause passiert?"

„Ja, ich muss sofort Koko sehen. Ich muss mit ihr reden."

„Wynono, versuche den Sturm in dir zu bändigen. Ein Gespräch sollte nicht übereilt begonnen und hastig geführt werden. Ein Gespräch zu beginnen, ist eine Zeit gemeinsamen stillen Nachdenkens. Schweigen hat eine größere Kraft als das Wort. Nimm dir Zeit, den Himmel zu betrachten. Suche Gestalten in den Wolken. Höre das Wehen des Windes und berühre das kalte Wasser, um dich abzukühlen. Gehe mit leisen und behutsamen Schritten, und dann wird der Sturm sich in einen leichten Wind verwandeln, und du kannst deinen Weg wiederfinden."

Adam fiel es nicht mehr schwer, die Ratschläge von Amarok zu verstehen und anzunehmen.

Die Monate ohne seinen Vater hatten ihn verändert. Oft hatte Kokos Vater ihn mit seinen Worten geholfen, wenn er dachte, er stünde vor einem großen Problem, oder wenn er mit seinen Gefühlen nicht klar kam. Um so länger sein Vater weg war, um so leichter ging ihm die Arbeit von der Hand. Die Cowboys auf der Ponderosa akzeptierten ihn, obwohl er noch so jung war und George hatte ihm in der Zeit viele Dinge beigebracht, die er wissen musste, um auf einer Ranch arbeiten zu können. Adam kontrollierte seine Atmung und versuchte, seine innere Stille zu finden.

„Danke Amarok."

Der Indianer lächelte.

„Wynono, du bist wie ein wildes Pferd, aber du lernst von Tag zu Tag mehr,t mit der Natur im Einklang zu leben. Koko ist hinter dem Haus und hilft Aponi bei der Wäsche."

Adam befestigte sein Pferd und lief hinter das Haus.

„Koko schau, wir bekommen Besuch."

Koko hängte gerade ein Laken auf und lugte daran vorbei.

„Adam, was machst du denn hier? Wo ist Hoss?"

„Hoss ist zu Hause. Mein Vater ist heute zurückgekommen."

Aponi sah Adam fragend an.

„Und was machst du dann hier? Solltest du dann nicht auf der Ponderosa sein? Bei deinem Vater?"

Adam steckte seine Hände in die Taschen und blickte zu Boden. Aponi legte die Wäsche beiseite, ging zu Adam und nahm ihn in den Arm. Nach einer Weile löste sie die Umarmung und sah in an und wunderte sich. Sie kannte Adam nun schon so lange und egal was war, noch nie hatte sie ihn mit Tränen in den Augen gesehen.

„Wynono, möchtest du mit mir darüber reden?"

„Entschuldige bitte. Ich weiß, weinen ist keine Lösung."

„Sie ist keine Lösung, aber die Seele hätte keinen Regenbogen, wenn die Augen nicht weinen dürften. Setzt euch beide an den Tisch, ich hole etwas zu trinken und dann kannst du uns erzählen, was los ist."

Adam wischte sich die Tränen weg und setzte sich mit Koko an den Tisch. Nachdem Aponi zurück war, erzählte er von Marie.

„Freust du dich nicht für deinen Vater? Er hat jemanden gefunden, dessen Herz im selben Rhythmus der Liebe schlägt wie seines. Das ist etwas Schönes, Wynono. Auch du, hoffe ich, wirst eines Tages dieses Glück haben."

„Aber mein Herz schlägt nicht in ihrem Rhythmus. Ich will keine neue Mutter, und ich will nicht zur ihr Mum sagen."

„Dass du sie nicht gleich Mum nennen willst, verstehe ich, aber warum möchtest du keine neue Mutter haben?"

Er zögerte. Es fiel ihm nicht leicht, über diese Gefühle zu reden.

„Was ist, wenn ich sie mag und sie stirbt auch? Wie meine Mutter und die von Hoss. Ich möchte nicht wieder diesen Schmerz in mir haben und sehen, wie mein Vater leidet."

Koko rückte näher an Adam heran und berührte seine Hand.

„Adam, der Tod gehört zum Leben dazu,. wie es Tag und Nacht gibt. Im Herbst stirbt die Natur auch, um dann im Frühling in neuer Pracht zu erblühen."

„Die Nacht und der Tag kommen aber immer wieder. Inger ist damals nicht wiedergekommen und meine Mutter auch nicht."

„Aber sie sind auch nicht weg."

Sie legte ihre Hand auf sein Herz.

„Sie sind hier. Sie sind in deinen Kopf. Wir sagen, der Tod bedeutet nicht das Ende. Du lebst in allem weiter. In den Bäumen. In den Wolken. In der Luft. In allem was einen umgibt. Es ist die Seele, die mit dem Wind kommt und die Oberfläche der Seen kräuselt. Nur wenn du vergessen wirst, verschwindet deine Seele."

„Und was ist mit dem Schmerz?"

Koko sah ihre Mutter an.

„Der Schmerz des Todes Kinder, gehört genauso zum Kreislauf des Lebens dazu. Ohne ihn würden wir die Freude der Geburt nicht kennen.

Wynono, denk nicht gleich an die Zukunft. Genieße den Augenblick. Gib Marie eine Chance. Sie wird vielleicht nie den Platz in deinem Herzen einnehmen wie deine Mutter oder Inger, aber sie kann eine gute Freundin für dich werden. Wer weiß. Kann ja sein, dass sie es schafft, deinem Vater die Augen zu öffnen, dass er neben Hoss noch ein Kind hat und nicht einen Mann."

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Beim Abendbrot erzählte Ben von seinen Erlebnissen auf der Reise und wo er Marie kennengelernt hatte. Hoss wich keine Sekunde von Maries Seite. Adam hörte seinem Vater zu und sah hin und wieder zu Marie. Er hatte sich vorgenommen, freundlich zu ihr zu sein und dabei zu helfen, dass sie sich hier zu Hause fühlt. Aber Mum würde er sie nicht nennen, auch wenn das heißt, dass er sich mit seinem Vater streiten würde. Das Essen war beendet und Adam sah zu Hoss.

„Komm Hoss, wir gehen nach oben, und ich bringe dich ins Bett."

„Nein, Mum soll mich ins Bett bringen."

Ben war überaus glücklich, als er das hörte, obwohl ihm schon vorher bewusst war, dass es mit Hoss und Marie keine Probleme geben würde. Bei Adam war er sich nicht sicher gewesen, aber dass er Marie komplett ablehnen würde, dass hatte ihn doch überrascht.

Er schaute zu seinem Ältesten. Er hatte sich verändert in der Zeit seiner Abwesenheit. Nicht nur, dass er etwas größer geworden war, sondern auch seine ganze Haltung und seine Art zu reden, war jetzt anders. Adam strahlte ein Selbstbewusstsein aus, das Ben erstaunte. Dann sah er wieder zu Hoss und Marie.

„Das ist doch eine gute Idee. In der Zeit können Adam und ich darüber reden, was in meiner Abwesenheit alles passiert ist, und wir können die Bücher durchgehen."

Hoss strahlte vor Freude, wie schon den ganzen Tag. Schnell sagte er seinem Vater gute Nacht und drückte dann Adam.

„Du bist nicht böse Adam, dass ich mit Marie gehe?"

„Natürlich nicht Hoss. Schlaf gut."

Ben legte seinen Arm um Adams Schulter und ging mit ihm zum Schreibtisch.

„ Da die Ponderosa noch steht, habe ich das Gefühl, du bist gut zurechtgekommen. Gab es irgendwelche Probleme?"

„Nein, Sir. Wir haben nur noch drei zusätzliche Männer eingestellt."

„Wozu brauchte George noch mehr Männer?"

„Ich habe gesehen, dass George Männer fehlen, um das Vieh jetzt vor dem Winter in die Hochweide zu treiben, und ich habe ihn dann dazu befragt, und er gab mir recht."

„Und dann hat George auf dich gehört?"

„Ja, Sir."

„Hast du sonst noch Entscheidungen getroffen, von den ich wissen müsste?"

Adam schluckte. Er hatte eine Entscheidung getroffen, von der er wusste, dass sein Vater im ersten Moment nicht erbaut darüber sein würde.

„Ich hatte gehört, dass der alte Baker sein Land verkaufen will deswegen habe ich mir eine Kaufoption auf das Land gebenlassen."

Mit entsetztem Blick sah Ben seinen Sohn an.

„Du hast was?"

„Pa, würdest du mich bitte nicht anschreien, sondern mir zuhören."

„Adam, wie redest du mit mir?"

„Du hast mir die Verantwortung für die Ranch gegeben, und ich weiß, dass du nächstes Jahr neben den Rindern auch noch Holz verkaufen willst. Bakers Land hat im Moment den besten Holzbestand hier in der Gegend. Da konnte ich nicht auf dich warten. Da musste ich sofort handeln."

„Und wie stellst du dir das mit der Bezahlung vor. Wir verkaufen die ersten Rinder erst im nächsten Jahr. Wo soll ich das Geld für noch mehr Land hernehmen. Was ist nur in dich gefahren? Wie kannst du so etwas machen, oder anders gefragt, wie kann Baker mit einem Kind verhandeln? Ich hatte ihn für klüger gehalten?"

Adam senkte nicht den Kopf wie früher, auch seine Stimme wurde nicht leiser.

„Jetzt bin ich in deinen Augen wieder nur ein Kind? Wundert mich, dass du einem Kind alleine die Verantwortung für die Ranch überlassen hast."

„ADAM ICH VERBITTE MIR, DASS DU SO MIT MIR REDEST. MÜSSEN WIR AM ERSTEN TAG MEINER RÜCKKEHR ERST WIEDER IN DEN STALL, DAMIT DU WIEDER WEIßT, WAS SICH GEHÖRT?"

Adam nahm einige Papiere in Hand und gab sie seinem Vater.

„Das ist der Vorvertrag, den ich mit Baker ausgearbeitet habe. Natürlich ist er erst gültig, wenn du dein Einverständnis dafür gibst. Da ich ein Kind bin, kann ich noch keine Verträge unterschreiben oder Land kaufen, das weiß auch Baker. Aber er weiß auch, dass du hart an deinem Traum arbeitest, und deswegen hat er diesem Angebot zugestimmt, weil er dir vertraut. So will er die gesamte Summe nicht sofort haben, er will nur eine kleine Anzahlung. Aber das steht alles im Vertrag."

Selbstbewusst blickte er seinen Vater an.

„Ich gehe schon mal vor in den Stall."

Adam ließ seinen Vater am Schreibtisch stehen und verließ das Haus.