Kapitel V - Welcome to my truth

Markt. Das waren diese Orte also. Märkte, an denen mit unterschiedlichen Dingen gehandelt wurde. Severus hatte heute Abend gehandelt, hatte sich selbst gegen das Leben dreier Menschen und ihrer Familien getauscht. Wie sahen da die Verhältnisse genau aus?

„Was macht Dich wertvoll?"

Nachdenklich zog Severus an seiner Pfeife. Dann betrachtete er sein linkes Handgelenk, ein seltsames Lächeln in den Mundwinkeln.

„Sie wissen nicht, wer ich bin. Das stört sie und macht mich interessant. Hier ist eine merkwürdige Gegend. Keiner weiß genau, wer für wen handelt, spioniert, aushorcht, lügt. Je flexibler jemand ist, desto besser. Keiner weiß, wie weit der andere zu gehen bereit ist. Man fragt nicht, aber es gibt Gerüchte. Sie wissen, ich bin wertvoll. Für welche Seite ist dabei nicht wichtig. Ich handele um andere Dinge als die meisten hier."

Das verwunderte Remus. Er kaute kurz am Ende seiner Pfeife, die schon fast ausgebrannt war, und ließ sie dann achtlos auf die Liege fallen.

„Worum handeln die meisten hier?"

Jetzt grinste Severus fast.

„Das übliche. Geld. Frauen. Drogen. Alles, was legal nicht leicht zu erhalten ist."

Offensichtlich hatte der Rauch des Opiums und die Gläser Red Isle die Zunge des Tränkemeisters etwas gelöst, und er wirkte seltsam entspannt. Remus dagegen bemerkte langsam Schwierigkeiten bei der Suche nach geeigneten Wörter. Seine Gedanken wurden immer glitschiger und wanden sich in seinem Kopf wie Aale. Sobald er einen fassen wollte, glitt er ihm aus der Hand und verschwand in dem Meer, das seit Neustem in seinem Kopf hin und her schwappte. Dabei fand er das ganze aus irgendwelchen Gründen irgendwie amüsant. Und Severus grinste immer noch.

„Aber Du willst etwas anderes?"

Severus nickte.

„Informationen, meistens. Manchmal ungewöhnliche Zutaten. Aber meistens nur kleine Stückchen Wissen. Hier ein Name, da ein Datum. Sie fühlen sich großartig, denn für sie ist das, was sie preisgeben, meistens völlig wertlos. Aber, was man daraus machen kann!"

Jetzt lachte er fast.

„Wenn sie wüssten! Aber sie wissen nicht. Sie sehen nur das hier. Das genügt ihnen." Er hielt sein Handgelenk hoch. Remus folgte ihm neugierig mit den Augen. Vorher hatte er noch versucht, nicht auf das Schwarze Mal zu starren. Aber er war neugierig. Er streckte seine Hand aus. „Darf ich mal…, also, darf ich das mal anschauen?"

Überrascht und ein wenig misstrauisch sah Severus ihn an. Dann zuckte er mit den Schultern. Remus hielt vor Überraschung den Atem an. Aber Severus stand zunächst nur auf und kniete sich neben das Tischchen, nahm die zwei verbleibenden Pfeifen vom Tablett und hielt die erste vorsichtig über die Flamme. Als aus dem Gefäß am Ende der Pfeife leichter Rauch aufzusteigen begann, hielt er Remus seine ausgestreckte Hand mit der Pfeife entgegen. Remus rückte etwas auf seiner Liege nach vorne, streckte sich aus und ergriff die Pfeife. Statt die Hand aber zurückzuziehen blieb Severus wo er war. Seinen Blick fest auf Remus Gesicht gerichtet ließ er die Pfeife los und drehte dann seine Hand langsam um, so dass die offene Handfläche zur Decke gerichtet war. Auf seinem Handgelenk prangte schwarze und hässlich das Mal. Für einen Moment hielt Remus den Atem an. Seine Blick fand Severus schwarze Augen, aber er sah keine Ablehnung darin. Dann streckte er vorsichtig seine eigene Hand aus. Sanft berührten seine Fingerspitzen den Handrücken, bis er schließlich Severus ganzes Handgelenk umschließen konnte.

Remus hatte die schlanken Hände des Tränkemeisters immer bewundert. Er hatte ihn arbeiten sehen, präzise und leicht. Seine eigenen Hände erschienen ihm dagegen fast schon grob und rau, und auch jetzt war er nicht überrascht, dass er Severus schmale Handgelenke problemlos umfassen konnte. Bei der ersten Berührung fühlte er ein leichtes Prickeln in den Fingerspitzen, davon hatte er gehört, es aber noch nie gefühlt: die spürbare Aura der Magie eines Zauberers. Er nahm sich vor, Dumbeldore bei Gelegenheit einmal die Hand zu schütteln. Zu seiner Überraschung fühlte sich das Schwarze Mal nicht anders an als die restliche Haut. Remus hatte es sich immer als kalt vorgestellt, oder hart. Aber die Haut war nicht kälter, obwohl das auch daran liegen konnte, dass Severus Hand insgesamt sehr kühl war, und die Haut nicht verhärtet. Es wirkte nur wie eine harmlose Zeichnung. Dennoch hatte Remus das Gefühl, etwas seltsames zu spüren. Als seine Fingerspitzen das Mal berührten lief ihm ein Schauer über den Rücken, und er spürte etwas in sich krampfen. Bildete er sich das nur ein?

Als würde er Gedanken lesen schüttelte Severus den Kopf. Aber er sagte nichts. Minutenlang schienen sie so zu verharren. Dann lockerte Remus vorsichtig seinen Griff und Severus ergriff die zweite Pfeife und entzündete sie über der Öllampe. Mit Pfeife und Glas zog er sich wieder auf die andere Seite des Raumes zurück.

„Danke."

Severus nickte nur. Wieder beschäftigte Remus sich mit seiner Pfeife. Er hatte sich mittlerweile schon an den Rauch gewöhnt, empfand ihn fast als angenehm. Dazu wurde sein Kopf langsam so leicht, obwohl so viele schwere Gedanken darin waren. Zum Beispiel wollte er gerne mit Severus weiter über das Mal sprechen, immerhin schien er ungewöhnlich gesprächig zu sein. Dafür war diese Droge doch wirklich nützlich zu sein. Und der Alkohol, natürlich. Bei dieser Gelegenheit sah sich Remus nach seinem eigenen Glas um, lokalisierte es auf dem kleinen Tisch neben seiner Liege, und trank einen kleinen Schluck. Und dann noch einen.

„Wie funktioniert das eigentlich?"

Severus, offensichtlich vorher tief in Gedanken versunken, sah auf. „Das Mal?" Remus nickte.

„Ich habe keine Ahnung. Viel schwarze Magie, das ist klar. Eine Mischung aus Blutzauber, Beschwörung und einem Bindungszauber. Dumbeldore versucht seit Jahre es zu verstehen. Allzu schwer kann es nicht sein, immerhin ist der schw – er – darauf gekommen."

So sprach Severus über Voldemort? Remus war mehr als überrascht und sprach diese Überraschung auch aus.

„Wir alle unterschätzen ihn, natürlich. Er ist mächtig, sehr mächtig. Aber nicht unberechenbar. Seine Eitelkeit wird ihn zu Fall bringen, irgendwann. Jedenfalls hoffe ich es. Er sieht vieles nicht, wenn er es nicht sehen will. Zu meinem Glück."

Nachdenklich nickte Remus. Dann kam ihm diese ganze Szene absurd vor. Lag er gerade wirklich in einer Opiumhöhle auf einer Liege und plauderte mit Severus über Gott, die Welt und Voldemort? Dem Severus, mit dem er seit Jahrzehnten nicht mehr richtig gesprochen hatte – und vorher eigentlich auch nicht? Und rauchte er tatsächlich gerade seine zweite Opiumpfeife? Und trank ein Gebräu namens Red Isle? Remus öffnete den Mund, und zu seiner größten Verwunderung begann er zu kichern. Erschrocken schlug er die Hand vor den Mund.

Aber auch Severus grinste. Dann streckte er sich genüsslich, wurde länger und noch dünner, ein bisschen wie eine Katze. Remus starrte, unverhohlen.

„Du bist viel zu dürr." plapperte er durch seine vor den Mund geschlagene Hand weiter. Severus zuckte die Schultern und zog an seiner Pfeife. „Zuviel, von allem." nuschelte er, das Mundstück der Pfeife noch zwischen den Zähnen.

„Na, von Keksen kannst Du ja offensichtlich nicht zuviel haben!" Für einen Moment kam Remus sich sehr eloquent vor.

Severus kicherte, und es klang sehr ungewohnt in Remus Ohren. Severus lachte selten. Fast nie, eigentlich. Aber es war ein angenehmer Ton, dunkel und weich. Remus nahm sich vor diesen Klang in seine Sammlung an schönen Geräuschen aufzunehmen. Vielleicht konnte er das ja noch öfter hören.

„Nein, Kekse nicht. Aber alles andere. Zuviel Arbeit, zuviel Unterricht, zuviel Handel, zuviel Cruciatus, zuviel.. alles." Ohne Rücksicht auf den traurigen Charakter seiner Worte kicherte Severus einfach weiter.

In diesem Moment wurden Remus zwei Tatsachen schlagartig klar. Die Erste war ihm schon langsam gedämmert, wurde aber immer deutlicher: Er würde vermutlich nie wieder so offen mit Severus sprechen können, wie in genau diesem Moment, und er bezweifelte, dass Severus überhaupt im nüchternen Zustand je so offen mit irgendenjemandem sprechen würde. Und die zweite Tatsache ergab sich aus seinen danach folgenden Handlungen. Er konnte nämlich auf keinen Fall mehr nüchtern sein, nein, vielmehr war er Opfer einer Mischung aus einem gewaltigen Drogen- und Alkoholrausch geworden.

Er betrachtete Severus, seine Pfeife und seine eigenen Hände, und wurde von einem gewaltigen Lachanfall geschüttelt.


27.05.2010

(c) Fayet

A/N: Zugegeben, mit diesem Ende hätten wir alle nicht gerechnet. Aber Opium löst nunmal neben Halluzinationen auch Lachkrämpfe aus, und diese "Nebenwirkung" konnte ich mir nicht entgehen lassen. Lassen wir sie also ein wenig lachen.

Danke an alle, die mir treu geblieben sind, und natürlich besonders an die fleißigen Reviewer. Von irgendwas müssen wir Schreiberlinge ja auch leben, und Reviews sind nahrhaft. Laßt mich also nicht verhungern...