Eldaminasse

Ost-in-Edhil war, wie der Name schon sagte, eine beeindruckende Feste der Elben. Sie war zu Füßen der Nebelberge auf einem felsigen Hügel errichtet, von wo aus sie die gesamte umliegende, flache Graslandschaft überblicke und dominierte. Mächtige graue Mauern ragten um den Hügel auf, die allein an einer Stelle von einem wehrhaften Tor unterbrochen wurden. Auch innerhalb des Mauerrings konnte Elrond zwei weitere Mauern mit je nur einem Tor ausmachen. In regelmäßigen Abständen waren Wehrtürme auf die Mauern aufgesetzt, jedes Tor wurde zusätzlich von je zwei Türmen geschützt.

Auf dem Gipfel des Hügels ragte eine beachtliche Trutzburg auf, auf dessen Zinnen und Türmen zahlreiche Fahnen mit dem Wappen Celebrimbors wehten: der Stern Feanors, den er, obgleich er sich schon vor vielen Jahren von seiner Familie losgesagt hatte, noch immer trug.

Um den Hügel herum waren Felder angelegt, auf denen vieles angebaut wurde, was die Bewohner der Feste für ihr tägliches Leben benötigten. Selbst die Bauernhöfe waren wehrhaft angelegt, stellte Elrond fest, während er mit Celeborn an seiner Seite seinem Heer über die Hauptstraße und zwischen hoch stehendem goldenem Korn voranritt und die arbeitenden Elben beobachtete. Die allerdings hielten ebenfalls inne in ihrer Arbeit, legten die Geräte beiseite und eilten herbei, als sie das Banner des Hohen Königs stolz im Wind wehen sahen. Nicht wenige riefen begeistert Elronds Namen, als sie in ihm den Heerführer erkannten.

Unwillkürlich musste er lächeln und richtete sich im Sattel ein wenig mehr auf. Es tat gut, auch einmal so offen und herzlich bejubelt zu werden.

Allmählich kamen sie der Feste näher und traten schließlich in ihren Schatten. Jetzt, wo sie näher waren, konnten sie die ganzen Ausmaße der Mauern ausmachen. Sie waren wahrlich gigantisch, beinahe als hätten Riesen sie errichtet. Zumindest schien es Elrond so, der sich neben ihnen unbedeutend klein vorkam. Die Mauern ragten mehr als sechzig Schritt über ihnen auf, an ihrer Sohle maßen sie in der Breite gut zwanzig Schritt. Noch nie hatte er vergleichbare Bollwerke gesehen, nicht einmal die Ruinen der Festung auf der Insel Himling reichten an dieses Werk heran, und jene waren immerhin vor langer Zeit von Maedhros, dem ältesten Sohn Feanors, errichtet worden als Bollwerk gegen Angband im Norden. Wie mochte Celebrimbor diese Leistung nur vollbracht haben?

Als sie das große zweiflüglige Tor durchschritten, war es beinahe, als gingen sie durch einen kleinen Tunnel. Das Tor war weit offen, seine stählernen, reich mit Szenen aus elbischer Geschichte verzierten Flügeltüren lagen halb verborgen in Nischen in den Mauern. Von dort konnten sie aufgrund eines einmaligen Systems von Winden und Schienen mühelos und beinahe lautlos von nur wenigen Mannen innerhalb von Augenblicken geschlossen und wieder geöffnet werden. Als Elrond nach oben zur Tunneldecke sah, konnte er dort gleich zwei Nischen für Fallgitter ausmachen, je eines vor und eines hinter dem eigentlichen Tor. Auch Pechnasen waren in die Mauern eingelassen. Dieses Tor zu überwinden schien ihm nahezu unmöglich.

Dann ritt er in die Feste ein, und als er das tat, war er mit einem Male geneigt, sie schon als kleine Stadt zu bezeichnen. Alles war in symmetrischen Mustern und möglichst effizient angelegt. Jeder noch so geringe Pflasterstein der Straße schien einem genauen Plan zu unterliegen. Die Straßen jeder Ebene der Feste, denn darin war sie durch die inneren Mauern noch einmal unterteilt, liefen in konzentrischen Ringen um die Mauern herum, immer wieder durchkreuzt von Querstraßen, die wie Speichen eines Rades die Ringstraßen miteinander verbanden. Die Häuser der Bewohner und aller öffentlichen Einrichtungen waren entlang dieser Straßen angelegt, ihre Dächer waren zumeist weitestgehend flach angelegt und wurden nach innen immer höher. Sollte es einmal zu einer Belagerung kommen und der Feind wider Erwarten durch die äußere Mauer brechen, so konnten auf den Dächern Bogenschützen postiert werden, die, da sie nach innen zu immer erhöhter standen als jene auf den Dächern vor ihnen, stets freies Schussfeld hatten. Nichts war hier dem Zufall überlassen, alles folgte einem strategischen Plan, dem die Idee der optimalen Verteidigung dieser Feste zugrunde lag.

Die Hauptstraße führte in Serpentinen um den Hügel hinauf zur Feste. Dabei durchquerte sie als einzige Straße auch die anderen beiden Tore, die stets um ein Viertel des Mauerringes zum vorigen Tor versetzt platziert worden waren. Auch hierin lag freilich eine ganz bestimmte Verteidigungsstrategie, denn so konnte kein Feind einfach auf geradem Weg durch die Feste hinauf zur Burg stürmen, sondern musste erst den gesamten unteren Bereich durchqueren und sich dabei an den Verteidigern vorbeikämpfen.

Entlang dieser breit angelegten Straße nun hatte sich anscheinend alles Volk versammelt, das diese Festung bewohnte, um den Mannen des Königs und nicht zuletzt Elrond zuzujubeln. Anscheinend hatte Celebrimbor dafür gesorgt, dass ihr Empfang besonders herzlich ausfiel, zumal Elrond mit einiger Erheiterung die bunten Girlanden bemerkte, die die Straße überspannten. Das Volk wirkte regelrecht erleichtert, dass er nun endlich angekommen war, wie Gil-galad es in seiner Antwort auf Celebrimbors Bitten versprochen hatte. Nun, wenn er bedachte, wie ernst die Lage in Eregion war, verwunderte es ihn eigentlich auch nicht wirklich.

Als Elrond noch so die Elben betrachtete, fiel ihm etwas äußerst Sonderbares ins Auge: Nicht nur Elben waren unter den Zuschauern, sondern auch sonderbar kurze Wesen mit kleinen Augen und beachtlichen Bärten. Gedrungen waren sie und augenscheinlich fast so breit wie hoch. Es waren Zwerge! Elrond war sich bewusst, dass er sehr offensichtlich die Zwerge angaffte, aber er konnte einfach nicht anders, schließlich hatte er in seinem Leben noch keinen einzigen Zwerg gesehen. Er hatte gewusst, dass die Elben von Ost-in-Edhil Freundschaft zu den Zwergen von Moria hielten und dass Celebrimbor selbst sehr eng mit Narvi befreundet gewesen war. Dennoch überraschte es ihn, Zwerge so offen und vor allem so zahlreich hier anzutreffen.

Ein kleines Elbenmädchen trat aus den Reihen der Zuschauer und an Elronds Pferd heran. Es sah schüchtern zu ihm auf und streckte ihm einen Blumenstrauß entgegen. Er lächelte und beugte sich aus dem Sattel, um das Geschenk entgegenzunehmen.

„Ich danke dir", sagte er. „Das sind schöne Blumen."

Ein strahlendes Lächeln schlich auf ihr Gesicht, und sie machte einen höfflichen Knicks. „Die hab ich selbst gezogen", erklärte sie.

„Dann sind sie nur noch umso schöner!"

Nun klatschte sie sogar lachend in die Hände, machte einen kleinen Luftsprung und rannte dann zu ihrer Mutter zurück.

Schließlich durchritten sie das letzte der vier Tore und kamen in den weiten Hof der eigentlichen Burg. Man ließ Blütenblätter auf sie regnen, der ganze Boden war bereits damit bedeckt und dämpfte die Tritte der Pferde merklich ab. Die Wachen der Festung standen in Paradeuniformen Spalier, auf den Stufen vor den Toren zur Festung erwartete sie Celebrimbor mit seinen Offizieren.

Elrond hieß seine Soldaten zu warten und ritt mit seinem Offiziersstab voran. Vor der Treppe hielt er und stieg ab, um die letzten Meter zu Fuß zu gehen. Celebrimbor kam ihm entgegen.

Alatalasse narlmen tuliëtya", begrüße Celebrimbor ihn. „Quetnyet esselisse meldolma."

Elrond verbeugte sich. „Aiya! Hantalenya tenya. Nai tulionya nátya", erwiderte er den Gruß.

Danach wechselten sie wieder in das Sindarin, das dieser Tage die allgemeine Sprache war.

„Meine Güte, bin ich froh, dich zu sehen, kleiner Vetter!", rief Celebrimbor aus. Dann fiel er ohne jegliche Vorwarnung Elrond um den Hals.

Dieser war ob der herzlichen Begrüßung völlig überrumpelt. Hatte Celebrimbor ihn tatsächlich als seinen kleinen Vetter bezeichnet? Es war erstaunlich, befand Elrond, dass Celebrimbor sich so offen und bereitwillig zu der Verwandtschaft mit ihm bekannte, obgleich es zugegebener Maßen nur eine Wahlverwandtschaft war.

„Es ist erfreulich zu sehen, wie zahlreich ihr erschienen seit", fuhr Celebrimbor fort, als er Elrond wieder freigegeben hatte. Seine Augen leuchteten, als er den Blick über das Heer schweifen ließ, mit dem Elrond erschienen war. „Der Hohe König Gil-galad erweist uns damit große Güte, ich werde ihm meinen Dank ausrichten lassen." Dann wandte er sich wieder Elrond zu. Plötzlich runzelte er die Stirn und musterte ihn eine ganze Weile schweigend. Elrond fragte sich, was Celebrimbor wohl sehen mochte. Er war immerhin der Enkel Feanors, bei dieser Familie wusste man nie, woran man war. Tatsächlich war es selbst ihm schwer gefallen, in manchen Momenten die Stimmung seiner Onkel zu deuten.

„Du hast dich verändert", stellte Celebrimbor leise fest. „Oder besser: Etwas in dir hat sich verändert." Dann weiteten sich seine Augen. „Gil-galad gab ihn also dir zur Verwahrung."

Erst da dämmerte es Elrond, was Celebrimbor gesehen haben mochte: Er als Schmied der Ringe der Macht erkannte freilich, wenn einer der Ringe vor ihm stand. Er lächelte. „Doch nur als Leihgabe", betonte er.

Márië. Er wird uns von großem Nutzen sein", sagte Celebrimbor. „Gil-galads Güte erweist sich größer, als ich dachte. Ich weiß nicht, wie ich es ihm danken soll."

„Das kann ich dir nicht sagen", lächelte Elrond. „Du musst ihn selbst fragen."

„Dann werde ich das bei Gelegenheit tun. Doch nun komm herein, für dich und die deinen soll gesorgt werden. Du kannst mir später alles erzählen, aber erst einmal bekommt ihr eure wohlverdiente Ruhe." Celebrimbor winkte ihn in die Burg und Elrond folgte ihm, nachdem er sich vor Celeborn empfohlen hatte und dieser nun fürs Erste seiner Wege ging.

„Seit wann hast du eigentlich einen Hund?", fragte Celebrimbor, als Garahû zu ihm trabte und an ihm schnupperte.

„Seit er mir an dem Tag, als dein Brief uns erreichte, untergeschoben wurde." Elrond warf Rethtulu, der ihm wie immer mit Ceomon folgte, einen vielsagenden Blick zu.

Celebrimbor folgte dem Blick und schmunzelte.

„Und dann wollte Garahû auf einmal die Bedeutung von ‚Bleib!' nicht mehr verstehen, als ich ihn wieder aussetzten wollte, nachdem er wieder gesund war", fuhr Elrond fort.

Als hätte er verstanden, dass über ihn geredet wurde, lief Garahû wieder zu Elrond und schob seinen großen Kopf in dessen Hand. Elrond kraulte ihn zwischen den Ohren.

Auf ihrem Weg durch die Burg verteilte Celebrimbor nach rechts und links allerhand Befehle an die Dienerschaft und schon bald darauf brach eilige Betriebsamkeit aus. Die Soldaten und Elronds Offiziere sollten in den Kasernen der Festung unterkommen. Elrond betonte zwar, dass es ihm genügen würde, dort ebenfalls Unterkunft zu finden, doch Celebrimbor bestand darauf, dass er in der Burg wohnen würde. Immerhin konnte Elrond heraushandeln, dass auch Ceomon und Rethtulu hier unterkommen würden; es war ja so, dass sie als treue Anhänger der Feanorer hier nicht unbedingt so scheel angesehen werden würden wie andernorts, wenn auch Celebrimbor persönlich über sie nicht sonderlich erfreut schien.

Celebrimbor begleitete Elrond zu seinen neuen Gemächern und rief einige Bedienstete herbei, die Elronds Gepäck und Speis und Trank für ihn bringen sollten. Dann empfahl er sich und versprach, später am Tag noch einmal vorbeizukommen, um ihn durch die Stadt zu führen.

Während Elrond noch seine neuen Unterkünfte in Augenschein nahm, kamen auch schon die Bediensteten mit seinem Gepäck wieder und räumten alles nach seinen Wünschen ein. Ceomon und Rethtulu hatten je ein Gemach für sich bekommen, die direkt an seines grenzten, wie es Elrond gewünscht hatte. Die beiden waren zwar nun auch seine Ratgeber, doch noch immer vordergründig seine Kammerdiener und er hatte sie lieber in seiner Nähe.

Als schließlich alles zu seinen Wünschen eingerichtet war, ließ er sich im Salon nieder, nahm sich ein wenig Obst und eine Karaffe Wein und machte es sich gemütlich, während er die Bücherregale durchsah. Bei einem Gedichtband blieb er hängen, nahm ihn sich und ließ sich in einem der großen weichen Sessel nieder.

Über diesem Gedichtband verging einige Zeit, bis es auf einmal an der Tür klopfte. „Herein!", rief Elrond, ohne von dem Buch aufzublicken.

Celebrimbor kam herein und gesellte sich zu ihm. Er warf einen Blick auf das Buch. „Ah, irgendwie überrascht es mich nicht, dass du dir ausgerechnet dieses Buch aus dem Regal herausgesucht hast", lächelte er.

„Einige der Gedichte sind von Onkel Maglor", stellte Elrond leise fest. „Er hat sie für uns geschrieben."

„Wirklich, sind sie tatsächlich seine letzten Werke? Das hätte ich nicht gedacht", sagte Celebrimbor. Dann hielt er kurz inne und fragte dann: „Hast du mittlerweile etwas von ihm gehört?"

Elrond blickte auf und klappte das Buch zu. „Warum fragst du?"

„Weil ich mich um das Wohl meines kleinen Vetters sorge", erwiderte Celebrimbor. „Ich kann nicht gutheißen, was Maglor und seine Brüder taten – allen voran mein eigener Vater. Aber das heißt doch noch lange nicht, dass ich mich nicht um dich sorge."

„Nein, ich habe noch nichts von ihm gehört", sagte Elrond nach einer kleinen Weile des Schweigens. „Jetzt, da ich so hoch in der Gunst des Königs stehe und jeder meinen Namen kennt, hätte ich vielleicht gehofft, dass auch Onkel Maglor etwas davon zu Ohren kommt und er kommt, um nach mir zu sehen. Aber …" Er sprach seine innersten Befürchtungen nicht aus: Dass Maglor vielleicht gar nicht mehr am Leben war und all sein Hoffen vergebens. Er raffte sich auf, legte das Buch beiseite und erhob sich. „Aber wir sind ja nicht hier, um einen Plausch zu halten. Du wolltest mir die Stadt zeigen?"

Násië", bestätigte Celebrimbor.

Er führte ihn zunächst durch die Burg, um ihn mit seinen Mauern und vor allem den Verteidigungsanlagen vertraut zu machen. Elrond war ja nicht nur aus Spaß mit einem Heer im Rücken erschienen. Celebrimbors Heim war kein Lustschloss wie Gil-galads Palast (auch wenn dieser freilich ebenso nicht nur Prunk und Zierde war) sondern diente ausschließlich militärischen Zwecken. Elrond war zutiefst beeindruckt von der Präzision und Genauigkeit, mit der alles bis ins letzte Detail geplant war.

„Als ich beschloss, mich mit den meinen hier niederzulassen, da wussten wir, dass es besser war, im Süden unseres Landes eine starke Feste zu errichten, um Eregion zu verteidigen", erklärte Celebrimbor.

Mittlerweile waren sie in den großen Schmieden der Festung angekommen, die von der Bruderschaft der Gwaith-i-Mírdain geleitet wurden. Es war laut und es war warm und stickig. Celebrimbor musste beinahe schreien, um sich verständlich zu machen. Ihn schien das alles aber im Gegenzug zu Elrond nicht zu stören, er fühlte sich wohl.

„Südlich dieser Lande lag unerforschtes wildes Land", fuhr Celebrimbor fort. „Es war nicht ohne Risiken, hier zu siedeln, doch uns war es lieber so. Viele von uns haben einst meiner Familie gedient, sie fühlten sich mir gegenüber verpflichtet. Es war ihnen eine Art … Gegenleistung."

Elrond sagte zunächst nichts dazu und sah sich in der Schmiede um. Man bemerkte sofort, dass dies Celebrimbors ganzer Stolz war. Zahlreiche kleinere Essen und eine große befanden sich in dieser Halle, in der viele zugleich arbeiten konnten. Eine von ihnen war etwas gesondert, es war Celebrimbors eigene.

Hier also waren die Ringe der Macht geschmiedet worden. Vilya spürte dies und teilte dies Elrond auch mit. Er warf einen Blick auf seine Hand, an der er den Ring trug, verborgen vor allen Augen nur nicht vor seinen.

„Man kommt eben doch nicht von den Wurzeln los", lachte Celebrimbor, dennoch war sein Gesicht ernst. Er sah sich mit leuchtenden Augen um und ließ den Blick über die arbeitenden Schmiede schweifen. „Es gibt immer etwas zu tun. Sogar Zwerge arbeiten manchmal hier; wir haben eine zweite Halle für sie, etwas kleiner als diese. Beide grenzen an eine Lagerhalle an. Dort hinten, siehst du? Ja, es gibt immer viel zu tun, leider kann ich selbst nur dem wenigsten davon nachgehen. So viele andere Pflichten …"

„Das scheint mir von Onkel Maglor und Onkel Maedhros nicht haften geblieben zu sein", sagte Elrond scherzhaft. „Wir hatten nie eine Hand für das Schmieden, auch wenn Onkel Maedhros es uns eines Tages schließlich doch beigebracht hatte. Er hatte es schnell wieder gelassen."

Celebrimbor hob eine Augenbraue. „Für das Schmieden seid ihr wirklich nicht gerade bekannt", sagte er. „Aber wieso hatte er es schnell wieder gelassen?"

„Gwailin war auf einmal überlastet", sagte Elrond. „Er ist ein Grünelb gewesen, und auch wenn er nicht zum Haushalt gehört hatte, hatte er sich doch immer um Elros' und meine Krankheiten und Verletzungen gekümmert. Ich frage mich, was aus ihm geworden ist, ich mochte ihn sehr …"

Celebrimbor musste schmunzeln, als er verstand, worauf Elrond hinaus wollte. „Eure armen, zarten Daumen", scherzte er.

„Mach dich nicht lustig!", beschwerte sich Elrond. „Diese Hände berühren viel lieber die Saiten einer Harfe als den Griff eines Hammers. Es widerspräche sich ja sonst grundlegend."

Celebrimbor lächelte. „Onkel Maedhros und Onkel Maglor haben euch sehr geprägt", sagte er. „Beinahe könnte man meinen, Maglor sei euer leiblicher Vater gewesen. Vielleicht ist es ja gut so, dass dem so ist. Aber ich … ich kann niemals vergessen, was sie taten. Mit Verlaub, ich kann es ihnen nicht nachsehen, auch wenn ich nachvollziehen kann, warum sie diese Schlachten führten – wenn man es denn noch so nennen will."

„Jedem anderen würde ich widersprechen und ihm sagen, er kannte sie nicht so, wie ich sie kenne, aber sie sind ja sogar deine leibliche Familie", sagte Elrond leise. „Es ist wohl jedem das seine, was er denkt. Ich liebe sie und vermisse sie aufs Schmerzlichste: Sie waren alles, was ich mit meinem Bruder je an Familie hatte."

Celebrimbor warf ihm einen mitfühlenden Blick zu. „Ganz gleich, was auch immer zwischen mir und meiner Familie steht und stand: Dir wünsche ich, dass du Maglor eines Tages wirst finden können. Du hast es verdient."

Er drückte die Schultern durch und ging voran in die Schmiede. Elrond folgte ihm ohne etwas zu erwidern. Was gab es auch schon noch zu sagen? Er hätte sich vielleicht noch bedanken können, dass Celebrimbor Ceomon und Rethtulu gegenüber Nachsicht walten ließ obgleich seiner Abneigung seiner Familie gegenüber, doch eine stille Abkunft war zwischen ihnen in diesem Moment getroffen worden, dass Celebrimbor es hinnehmen würde, solange sie nicht mehr darüber sprachen. Es hatte in seinem Blick gelegen, als Elrond genau dieses Thema soeben hatte ansprechen wollen, bevor Celebrimbor losgegangen war.

Celebrimbor führte ihn durch die Schmiede und zeigte ihm die Arbeiten, die sie hier verrichteten. Im Prinzip, so fand Elrond, war es hier wie in jeder Schmiede, nur größer. Aber Celebrimbor zuliebe machte er gute Miene zu bösem Spiel.

Schließlich führte er ihn an eine etwas ruhigere Stelle, wo man sie gleichsam auch nicht gut belauschen konnte. „Du trägst also Vilya", sagte Celebrimbor. „Ausgerechnet den mächtigsten der Drei, den ich für Gil-galad höchstselbst schmiedete. Erstaunlich. Wie gut beherrschst du ihn bereits?"

„Vollkommen", sagte Elrond ohne falsche Bescheidenheit. Warum es herunterspielen?

Celebrimbor sah ihn verwundert an. „Wirklich?", brachte er hervor. „Und wie lange hast du dafür gebraucht?"

Elrond überlegte kurz. „In etwa einen Monat", schätzte er.

Celebrimbor wirkte, als wäre er beinahe zu Boden geschlagen worden. „Du scherzt, nehme ich an?"

„Nun …", begann Elrond etwas verunsichert. „Nein, eigentlich nicht. Es ist eine ernste Sache mit den Ringen, ich würde in dieser niemals scherzen. Zugegebener Maßen schien auch Gil-galad beeindruckt über die Zeitspanne, die es benötigt hatte, auch wenn er nie ein Wort darüber verloren hat."

„Das verstehe ich nicht", murmelte Celebrimbor, bevor er sich wieder an Elrond wandte. „Du musst wissen, die Ringe schmiedete ich einst speziell für ihre Träger. Sicher, sie können weitergegeben werden, jedoch ist einzig ihr ursprünglicher Träger derjenige, der sie wohl am besten beherrschen kann. Und auch dieser braucht definitiv länger als nur ein Monat, um die Kunst zu lernen, sie zu meistern."

„Kann es vielleicht daran liegen, dass Gil-galad Vilya irgendwie hatte begreiflich machen können, warum er ihn an mich gab?", überlegte Elrond. „Der Ring scheint mir ohnehin ein gewisses Eigenleben zu haben."

„Ja, eine Eigenart der Ringe", erklärte Celebrimbor. „Sie beeinflussen den Willen ihres Trägers, wie er die Ringe mittels seines Willens ebenfalls beeinflussen kann. Es ist ein Wechselspiel zwischen beiden, und man muss einen starken Willen haben, um dieses Spiel auf seinen Seiten zu halten. Aber nein, ich glaube nicht, dass nur dies allein der Grund ist. Du trägst ihn gerade bei dir, nicht wahr?"

„Ja, dem ist so."

„Und nicht einmal ich kann ihn wahrnehmen, nur erahnen, bin ich doch immerhin der Schmied." Celebrimbor fasste sich an den Kopf und schien scharf nachzudenken. „Es scheint mir beinahe", sagte er langsam, „aber ich bin mir da nicht sicher, dass du tatsächlich wie für Vilya geschaffen bist. Anders kann ich mir dieses Phänomen nicht erklären, wie du einfach den Ring bekamst und ihn innerhalb kürzester Zeit so vollkommen beherrschst, dass du ihn sogar vor allen unerwünschten Augen verbergen kannst. Faszinierend."

Eine kleine Gruppe Schmiede und Lehrlinge kam an ihnen vorbei. Sie verstummten, während sich die vorbeikommenden Elben respektvoll verneigten.

„Komm", sagte Celebrimbor, als sie gegangen waren. „Genug von Schmieden und Ringen. Der Rest der Stadt ist ebenfalls sehenswert."

Da sie mit der Besichtigung der Burg fertig waren, gingen sie als nächstes zu den Kasernen, die direkt an die Burg angrenzten. Elrond erkundigte sich nach seinen Soldaten und ihrer Unterbringung, doch freilich war alles zu ihrem Besten bestellt. Celebrimbor war ein fürsorglicher Gastgeber. Danach besichtigten sie die Stadt und vor allem die Märkte, die an den Hauptknotenpunkten der Straßen lagen.

Es waren große kreisrunde Plätze, die gesäumt waren mit wunderschön verzierten Fachwerkhäusern und prachtvollen Steinbauten. Hier tummelte sich das Leben, viele waren hier zusammengekommen, um an diesem warmen Spätsommertag Handel zu treiben, ihre Wahren anzubieten oder etwas zu kaufen. Jeder war hier vertreten, ob groß, ob klein, alt oder jung. Und freilich auch Zwerge.

Mit leuchtenden Augen wie ein Kind war Elrond vor der Auslage eines Zwergenschmiedes hängen geblieben und besah sich die Metallarbeiten, Schmuck und Waffen.

„Darf es etwas sein, der Herr?", fragte der Zwerg mit akzentschwerem, dennoch aber gut verständlichem Sindarin. Seine Stimme war tief und rau. Gemächlich fuhr er sich mit der einen Hand durch den beachtlichen schwarzen Bart, während die andere seine Mütze zu Recht schob und er Elrond durch kleine Augen scharf musterte.

„Sieh mal die hübsche Kette da", bemerkte Celebrimbor und wies Elrond auf ein filigranes Machwerk aus Gold und Edelsteinen hin. „Es wundervolles Geschenk für eine Frau, findest du nicht?" Er lächelte verschmitzt.

Elrond warf ihm einen missbilligenden Blick zu. „Fängst du auch noch an! Schlimm genug, dass mich schon einer damit permanent nervt."

„Ach? Wer denn?", mimte Celebrimbor die Unschuld in Person.

„Gil-galad …", brummte Elrond. „Ständig sagt er, ich soll mir eine Frau suchen, Celebrían sei doch eine vorzügliche Wahl und all das. Schrecklich!"

Celebrimbor hob eine Augenbraue. „Ach? Galadriels Tochter also? Sie soll ein wahrer Stern sein, eine Augenweide. Wieso nicht?"

Elrond atmete tief durch und sagte nichts.

Der Zwerg sah von einem zum andren. „Wollen die Herren nun etwas kaufen oder nicht?", fragte er ungeduldig, da sich mittlerweile bereits andere Interessenten für seine Waren eingefunden hatten.

Elrond kaufte schließlich ein mit Rubinen besetztes Halsband für Garahû und einen Dolch. Man konnte ja nie wissen, und Zwergenarbeit sollte fast so gut sein wie die der Feanorer.

„Erzähl mir von den Zwergen", bat er, als sie den Stand verlassen hatten. „Du warst doch einst gut mit einem von ihnen befreundet und auch jetzt noch haltet ihr gute Beziehungen zu Moria."

„Zwerge sind schon ein seltsames Völkchen", sagte Celebrimbor. „Zäh wie Stein und mit einem unglaublichen Dickschädel gesegnet. Leg dich nie mit einem an, sie sind schneller mit der Waffe als mit den Worten. Außerdem wirken sie raubeinig, im Grunde ihres Herzens sind sie aber gutmütige Gesellen. Jedenfalls die von Durins Volk.

Ja, es stimmt, ich war einst mit Narvi befreundet, der leider schon lange tot ist, und ebenso pflegen wir noch immer sehr gute Beziehungen zu Moria auf freundschaftlicher und wirtschaftlicher Basis. Wir haben viel voneinander gelernt. Viele meiner Schmiedekünste stammen von Zwergen, schlussendlich habe ich selbst an den Toren von Moria mitgewirkt und die Hulstbäume waren ein Geschenk unsererseits.

Wir haben im untersten Ring der Stadt, dem bürgerlichen, auch für Zwerge Wohnungen in den Fels geschlagen. Doch sie ziehen anscheinend richtige Höhlen vor; wo wir zugegebener Maßen ja auch lieber den Himmel über uns vorziehen. Mittlerweile haben wir die Wohnungen aus- und umgebaut, sie sind jetzt Tavernen und Gasthäuser für unsere Zwergenfreunde, wollen sie einmal länger zu Besuch bleiben.

Ich weiß gar nicht, was die Waldelben gegen Zwerge haben … Neulich kam mir zu Ohren, dass Oropher wutentbrannt Lórinand verlassen hatte und gen Norden und dann Osten zog, um Abstand zwischen sich und Moria zu bringen."

Elrond lachte. „Das wundert dich bei diesem Elb? Ich habe schon so viel über ihn von Gwailin gehört, und es war selten ohne Spott. Dabei folgte Gwailin Oropher, der damals noch nur ein Fürst gewesen war. Ein Glück, dass sein Neffe Celeborn nicht so ist!"*

Sie beobachteten eine Gruppe Kinder, die nun ebenfalls am Stand des Zwergenschmiedes standen und mit leuchtenden Augen die Spielsachen betrachteten. Eines der Kinder eilte schließlich zu einer Elbin, wohl seine Mutter, zerrte sie zu dem Stand und bettelte lebhaft, eines der Spielsachen haben zu dürfen. Die Elbin ließ sich schließlich erweichen und kaufte es für die Kinder. Lachend liefen sie davon und begannen damit zu spielen.

Celebrimbor seufzte, als er diese Szene sah. „Ja, Zwerge sind auch für ihr Spielzeug bekannt. Ich hoffe nur, es wird auch in Zukunft solche Szenen wie diese geben: freundliche Zwerge, die Kindern ihr Spielzeug verkaufen und sie damit zum Lachen bringen. Ich werde in den nächsten Tagen Späher in den Süden schicken, um die Lage auszukundschaften."

„Dann werde ich sie begleiten", sagte Elrond. „So kann ich mir besser ein Bild der Lage momentanen Lage machen, ich will wissen, was Sauron treibt, jetzt, wo ich ihm das erste Mal wiederstanden habe. Außerdem kann ich so Garahû ausbilden."

„Zu was denn?", fragte Celebrimbor.

Mittlerweile schlenderten sie zum nächsten Stand, wo Süßigkeiten feilgeboten wurden. Und Hundekuchen. Elrond kaufte Garahû eine Hand voll, die der große Hund freudig hechelnd hinunterschlang.

„Er ist ein gutes Tier, es wäre schade, das ungenutzt zu lassen", sagte er. „Ich werde eine Zucht beginnen, denke ich. Außerdem gedenke ich, ihn zu meinem Kampfgefährten zu machen, es wäre insbesondere jetzt wohl nicht unklug, einen solchen Hund an meiner Seite zu haben."

Celebrimbor sah zu Garahû hinab, der den Honig von Elronds Fingern leckte, da dieser gerade selbst nebst der Hundekuchen eine Honigschnitte gekauft hatte und sie sich nun gönnte. „Wenn du ihn so weiter anfütterst, wird das nichts mehr", bemerkte er grinsend.

„Lass mich doch", brummte Elrond. „Er ist schließlich mein Hund und nicht deiner."

Garahû sah zu Celebrimbor auf und stupste seine Hand an.

„Nein, du verfressenes Vieh, ich werde dich nicht auch noch verziehen", sagte Celebrimbor. „Es reicht, wenn das dein Herrchen tut."

Garahû setzte sich vor ihn und legte den Kopf schief, als verstünde er, was Celebrimbor da sagte. Als er von Celebrimbor nichts bekam, leckte er weiter den Honig von Elronds Fingern.

Sie schlenderten weiter über den Markt, sprachen mit den Leuten, unterhielten sich und kauften noch das eine oder andere. Einmal kam zögernd ein Junge an, gefolgt von zwei Mädchen und einem weiteren Jungen, der Elrond schüchtern fragte, ob sie den Hund streicheln dürften. Freilich durften sie und schon kurz darauf spielte Garahû fröhlich mit den Kindern. Elrond ließ sie eine Weile gewähren, bis sie schließlich weiter mussten.

Durch die inneren Mauern war die Stadt in drei unterschiedlich große Bereiche aufgeteilt. Der unterste und größte war für die Bürgerlichen angedacht, wo sie wohnen konnten. Im mittleren hatten sich die Gewerbe angesiedelt, hier wurde Handel getrieben und die Gilden gingen ihren Geschäften nach. Auch fanden sich hier alle öffentlichen Einrichtungen, die eine Stadt benötigte. Im kleinsten und obersten Stadtring, der direkt an die Feste grenzte, wohnte die Oberschicht der Stadt, die Adligen und reichen Kaufleute und die Offiziere Celebrimbors und Celeborns. Dieser Teil war von großen Anwesen und prachtvollen Villen geprägt und war eindeutig ruhiger als der Rest der Stadt.

Celebrimbor hielt vor einem der Theater der Stadt. „Hier werden im Großen Saal auch gelegentlich Konzerte gespielt", sagte er. „Wenn du willst, kannst du uns hier auch mit deiner Musik bereichern, immerhin heißt es, dass du äußerst begabt mit der Harfe sein sollst."

Elrond sah Celebrimbor entsetzt an. „Bist du wahnsinnig?!", rief er geschockt aus. „Nie im Leben trete ich vor Publikum auf! Das habe ich einmal gemacht und nie wieder. Nein, keine zehn Feuerdrachen und Ancalagon obendrauf würden mich dazu bringen."

Er wandte sich fluchtartig um und wollte so schnell nichts mehr von diesem Theater wissen. Celebrimbor folgte ihm lachend.

Der Stadtrundgang dauerte bis zum frühen Abend, erst dann kehrten sie zur Burg zurück. Dort hatte man im Burghof bereits eine Feierlichkeit vorbereitet, wie Celebrimbor es früher am Tag schon angekündigt hatte. Auch in der restlichen Stadt sollte gefeiert werden, in sämtlichen Gaststätten gab es an diesem Abend kostenlos Speisen und Getränke.

Zunächst hielt Celebrimbor eine Rede, um allen noch einmal zu verdeutlichen, welcher Segen das Heer des Königs für sie war und dass sie gewiss siegen würden. Dann hob er seinen Kelch und trank auf Elronds Wohl. Der war sichtlich verlegen, erwiderte den Trinkspruch aber.

Später am Abend kam ein Zwerg, da sie als Verbündete der Gwaith-i-Mírdain freilich auch zu dieser Feierlichkeit geladen waren, zu ihm und bot ihm einen Krug mit Zwergenbier an. Erst war Elrond skeptisch, doch als er probierte, sagte ihm das würzige Getränk doch zu. Er nahm noch einen Krug voll. Er sollte es bereuen.


*Dass Oropher Celeborns Onkel ist, ist eine Fantheorie, die Oropher zu Elmos Enkel macht. Von Tolkien nirgends belegt, aber ich finde, dass das passt.

Eldaminasse - Festung der Elben (denn nichts anderes heißt Ost-in-Edhil); Quenya

Alatalasse narlmen tuliëtya. Quetnyet esselisse meldolma. – Eine große Freude ist uns allen dein Kommen. Ich nenne [wörtl.: das Verb für sagen, sprechen verwendet] dich im Namen aller [wörtl.: bei dem Namen aller] unseren Freund. [sinnbildlich für Gast]; Quenya

Aiya! Hantalenya etya. Nai tulionya nátya. – Sei gegrüßt! Habe vielen Dank. [wörtl.: Meine Danksagung [ist] dein] Meine Hilfe sei mit dir. [wörtl.: Möge es sein, dass meine Unterstützung dein ist.]; Quenya