Stützpunkt der Sektion 31, London
Zwei Wochen später
Die Welt in der er sich bewegen durfte, vergrößerte sich nur langsam. Ein Teil von Khan Noonien Singh genoss dennoch die Wachsamkeit und Vorsicht, die ihn der Admiral und seine Mitarbeiter entgegen brachten. Es bewies die trotz des Schau gestellten Selbstbewusstseins die immer noch vorhandene Angst der Normalsterblichen vor dem Übermenschen, und das gab ihm wenigstens einen Hauch von Befriedigung.
Die restlichen Fesseln waren schon nach dem Besuch des Admirals gefallen, kurz darauf hatte er das Labor gegen einen kleinen Raum mit Hygienezelle eintauschen können, der allerdings auch noch im gleichen Stockwerk und Komplex wie das Zimmer lag, in dem er aufgewacht war.
Abgesehen von gelegentlichen medizinischen Checks, Untersuchungen seiner Physiognomie und seines Blutes, ließ man ihn jedoch von nun an weitestgehend in Ruhe. Den Aussagen der Mediziner nach, kümmerten sie sich um sein Wohlergehen und wollten ihm wieder auf die Beine helfen, ihren Blicken nach zu urteilen, faszinierte er sie wie ein fremdes Wesen, schienen sie doch noch nie zuvor mit einem genetisch aufgewerteten Menschen zu tun gehabt zu haben.
Khan machte sich keine Illusionen darüber, dass auch dieser Raum rund um die Uhr überwacht wurde, Kameras in den Wänden seine Aktivitäten aufzeichneten und andere Sensoren seine Vitaldaten, um herauszufinden, wie gut und schnell sich sein Metabolismus regenerierte.
Natürlich registrierten sie seine Übungen, um die Muskeln erneut zu kräftigen, seine Lesegeschwindigkeit am Terminal und seine Gehirnaktivitäten beim Erfassen der Texte. Aber das kümmerte ihn weniger, war er es doch gewohnt, zum Versuchskaninchen degradiert zu werden und hatte Übung genug, um ihnen zu verschleiern, dass er noch zu wesentlich mehr fähig war.
Khan übte sich in den kommenden Tagen in stoischer Geduld. Er meditierte oft und lange, um innerlich zur Ruhe zu kommen, denn die Drohungen des Admirals machten ihn immer noch wütend. Gleichzeitig schaffte er es dadurch die vielen neuen Informationen zu verarbeiten, die durch seine Lektüre auf ihn einstürzten.
Dazu kamen Übungen, um seinen Körper zu stählen und die Muskeln daran zu erinnern, zu was sie bald wieder fähig sein sollten. Er mochte den Menschen zwar von vorneherein überlegen sein – aber genau wie sie trainieren um seinen Körper im bestmöglichen Zustand zu halten. Und die lange Zeit in Kryostase hatte durchaus ihre Spuren hinterlassen.
Durch ein Terminal in seinem Raum konnte er sich Informationen über die historischen, gesellschaftlichen und technischen Entwicklungen der letzten dreihundert Jahre verschaffen – wenn auch mit dem unbestimmten Gefühl, dass dieses Wissen deutlich gefiltert war, um sein Bild von der Gegenwart unvollständig und einseitig zu lassen.
So wurden etwa über die beiden Epochen, die man heute offensichtlich die „eugenischen Kriege" und „dunklen Zeite" kaum Worte verloren, mehr historische Aufzeichnungen gab es erst wieder, als überraschend Kontakt mit einer außerirdischen Rasse hergestellt wurde, den Vulkaniern.
Am Anfang hätte Khan gerne erfahren, welches Bild man von ihm in der Gegenwart hatte, aber er nahm die Zensur erst einmal hin, als er sie erkannte. Mit der Zeit würde er sich das noch fehlende Wissen verschaffen, wenn sich die Gelegenheit ergab und notwendig wurde. So lange konnte er warten.
Jetzt musste er erst einmal dafür sorgen, dass er nicht länger wie ein Gefangener gehalten und überwacht wurde. Denn noch war es ihm nicht möglich, diesen Komplex zu verlassen. Dafür sorgten Sicherheitssysteme mit Individualscans, die Türen versperrten und Alarm schlugen, aber auch lebendige Wachleute, die ihn höflich aber bestimmt zurück in seinen Flur verwiesen, wenn er einen Vorstoß in andere Bereiche dieses Stützpunkts wagte.
Die wenigen Menschen mit denen er zu tun hatte, waren offensichtlich angewiesen worden auch weiterhin, nur das Notwendigste mit ihm zu sprechen und keinen engeren Kontakt mit ihm zu schließen, obwohl er ihnen freundlich begegnete und mit keiner Faser verriet, was er wirklich über sie dachte. Aber auch das amüsierte ihn eher, als dass es ihn ärgerte, bewies es doch ebenfalls, dass der Admiral ihn fürchtete ...
Aus all diesen Gründen übte er sich in Geduld und sagte die Wissensfetzen, die man ihm präsentierte, wie ein Schwamm das Wasser auf, wagte Rückschlüsse zu ziehen, wenn eine Information unvollständig oder schwammig war, und versuchte die Zusammenhänge zwischen Sachverhalten zu begreifen, und seine Schlüsse daraus zu ziehen.
Heute waren die Menschen also Teil einer Förderation, interagierten friedlich mit anderen raumfahrenden Völkern, tauschten Wissen und Technologie aus, zum Wohle aller Beteiligten und nicht zur Bereicherung einiger weniger. Man nahm auf die Schwachen Rücksicht und kümmerte sich um sie.
Die Errungenschaften dieser neuen Zivilisation, die sich auf Frieden und Gemeinschaftsgeist gründete, wurden in höchsten Tönen gepriesen, viele Stimmen behaupteten sogar, dass die Normalsterblichen die Barbarei vergangener Jahrtausende hinter sich gelassen hatten.
Welch arrogante Fehleinschätzung! Das würde niemals geschehen. Auch zu seiner Seit hatte es Friedensapostel und „Heilige" gegeben, die nach hohen moralischen Standards gelebt hatten. Aber auch sie hatten – wenn man sie nur lange genug triezte, ihr wahres Gesicht gezeigt.
Khan glaubte nicht, dass sich in zweihundertfünfzig Jahren so viel verändert haben konnte, er bezweifelte, dass die Menschheit damit hätte überleben und so eine Vorrangstellung in der Förderation hätte erreichen können.
Nein, unter der dünnen Schicht von Friedlichkeit, Offenheit und Güte, mit der die Menschen heute hausieren gingen, schlummerte tief in ihnen doch immer noch das Raubtier, das nur darauf lauerte, auszubrechen und instinktiv zu handeln.
Immer wieder fand er kleinere und größere Beispiele die das Bild von einer weiseren und gereifteren Menschheit zerstörten.. Erst vor ein paar Monaten hatten diese verpönten Eigenschaften die Erde vor dem Untergang gerettet, weil ein junger Captain namens Kirk mit seiner Crew erst gehandelt und nicht lange mit dem Feind verhandelt hatte
Bei den Zusammenstößen mit anderen Rassen, war es ebenfalls zu kämpferischen Auseinandersetzungen gekommen, bei der sich die Raumschiffsbesatzungen nichts geschenkt hatten. Und das nur, weil man aggressiv in bisher unbekannte Systeme vorgestoßen war.
Nicht zuletzt war Admiral Marcus selbst ein gutes Beispiel für den Typ Mensch, der für die Allgemeinheit als ausgestorben gelten sollte. Ehrgeiz und Neugier wurden in Maßen und unter moralischen Gesichtspunkten akzeptiert, nicht aber rücksichtsloser Überlebenswille und aggressives Machtstreben, ohne dass viele Männer und Frauen gar nicht erst in solche verantwortungsvollen Posten hätten vorstoßen können.
Augments wie Khan, die den Normalsterblichen genau diese Eigenschaften vor Augen führten, wurden hingegen damals wie gefürchtet und verdammt. Genetische Manipulationen bei Ungeborenen und Kindern kamen zwar vor, um körperliche Behinderungen und die Auswirkung von Erbkrankheiten zu verhindern oder deren Auswirkungen zu minimieren. Sie waren aber strengstens verboten, wenn es um die Erweiterung geistiger und körperlicher Fähigkeiten ging. Die Strafen dafür waren beachtlich.
Dabei gab es ein Volk in der Galaxis, dass Khan und seinesgleichen ähnlicher war als alle dachten, wenn er den Informationen trauen konnte, die er über sie erhalten hatte...
Seit er die ersten Andeutungen über die Vulkanier gelesen hatte und je mehr er über sie erfuhr, desto öfter entdeckte er Parallelen zwischen sich und der Spezies, die gerade eben erst ihren Planeten verloren hatten, angefangen mit der den Menschen überlegenen Körperkraft, bis hin zur Nutzung von Teilen des Gehirns, die bei anderen Rassen – auch den Menschen - immer noch brach lagen.
Ihr Streben nach Perfektion und Gleichklang in Körper, Seele und Geist amüsierte ihn zwar zuerst, sprach ihn jedoch nach und nach immer mehr an. Die Philosophie Vulkans war es wert, sich näher mit ihr zu beschäftigen.
Aber eines wurde aus ihren Lehren ersichtlich: Auch wenn die Vulkanier gelernt zu haben schienen, das Raubtier in sich durch strenge Rituale und der Konzentration auf den Intellekt zu meistern, auslöschen hatten sie es auch nicht können. Das verriet ihm unter anderem der ausgefeilte, effektive Kampfstil, der auch mehr auf Instinkt als Logik beruhte.
Vielleicht vertraten die Vulkanier gerade deshalb eine so entschiedene Friedenspolitik – gerade weil sie dem wilden Teil ihrer Seele keine Nahrung geben wollten. Es würde interessant werden, genau diesen Aspekt aus einem von ihnen heraus zu kitzeln, sollte er jemals einem Vertreter dieser Rasse über den Weg laufen.
Aber der Admiral sorgte nicht nur dafür, dass Khan das Nötigste über die neue Welt und ihre Ordnung erfuhr, um sich besser in ihr zurecht zu finden, sondern auch, dass er seine Wissenslücken in Bezug auf den technologischen Fortschritt ausglich, um für Marcus zu arbeiten und damit seinen Teil ihrer „Vereinbarung" zu erfüllen.
Zuerst waren es nur wenige technische Manuals, die ihm die modernen Grundlagen zum Transportwesen, Medizin, Wissensvermittlung und so fort vermittelten, seit gestern beschäftigte er sich mit den physikalischen Möglichkeiten, die den überlichtschnellen Flug möglich machten, stellte fest, dass einige Theorien seiner Epoche lange überholt waren, während andere, die früher nur als Spinnereien abgehobener Geister bezeichnet wurden, sich bestätigt hatten.
Khan fiel es leicht, die Zusammenhänge zu verstehen und Informationslücken durch eigene Logik zu schließen und die richtigen Rückschlüsse zu ziehen. Inzwischen hätte er sicherlich so manch ein Gerät in seinem Raum mit dem richtigen Werkzeug auseinandernehmen und wieder zusammensetzen können.
Aber er verzichtete darauf, es überhaupt erst zu versuchen. In den Datenpaketen, die jeden Morgen in sein Terminal überspielt wurden, waren auch immer wieder ganz bestimmte Aufnahmen eingestreut. Sie tauchten oft unvermittelt auf und sollten ihn wohl daran, wer die Spielregeln in ihrer Zusammenarbeit bestimmte...
Auch heute erwartete er nichts weiter als diese Mischung, doch diesmal war alles anders. Statt des üblichen Menüs öffnete sich zunächst eine audiovisuelle Nachricht. Das Gesicht des Mannes, auf den sich all sein Zorn konzentrierte erschien auf dem Bildschirm.
„Guten Tag, Mister Harrison. Ich hoffe, Sie haben sich gut erholt und fiebern nur darauf, endlich Ihre neuen Aufgaben zu übernehmen", sagte der ältere Mann mit einem falschen Lächeln. „Ich beglückwünsche Sie zur Aufnahme in der Sternenflotte. Ihr Rang als Commander unter meinem direkten Kommando wird hiermit bestätigt. Weiteres erfahren Sie in einigen Stunden, wenn ich selbst mit Ihnen sprechen werde."
Wenn es sich nicht um eine Aufzeichnung gehandelt hätte, hätte Khan dem Admiral die entsprechende Antwort gegeben. So aber hörte er sich stoisch die weiteren Ausführungen an und tippte dann auf den Bildschirm, um sich die Schaltpläne und Simulationen genauer anzusehen, die ihn heute beschäftigen sollten. Aber innerlich fühlte er auch Erleichterung, denn das würde vermutlich auch bedeuten, dass man ihm mehr Freiheiten zugestand.
Endlich trug sein Wohlverhalten in den letzten zwei Wochen Früchte, tat sich etwas, was ihn aus diesem Raum heraus bringen würde, damit er endlich mehr von der Erde des 23. Jahrhunderts sehen und auch wieder seine eigenen Fäden spinnen konnte.
...
...
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Hauptquartier der Sternenflotte, Admiral Marcus Büro
Eine Stunde früher
Admiral Marcus beendete die Aufnahme und stützte die Arme auf den Tisch. Es bedurfte nur noch einiger letzter Bestätigungen, dann war das, was er gerade entschieden hatte rechtskräftig und Khan Noonien Singh ein freier Mann mit einer neuen Identität, die nur einer genaueren Untersuchung nicht standhalten würde.
Seine Stirn legte sich in Falten, als er das Für und Wider dieser Entscheidung abwog. Sie bog große Gefahr in sich, ein unkalkulierbares Risiko... aber er würde auch davon profitieren, dessen war er sich inzwischen sicher.
Der Übermensch lernte ausgesprochen schnell, seine Lesegeschwindigkeit und Auffassungsgabe hatte die Mediziner in London mehrfach erstaunt und zu wilden Spekulationen verleitet. Vor allem Doctor Townhill, der das ganze Projekt persönlich betreute, verstand erst jetzt, zu was ein Augment in der Lage sein konnte.
Auch Khans körperliche Werte steigerten sich von Tag zu Tag. Bald würde er wieder im Vollbesitz seiner physischen und psychischen Kräfte sein – und dann war es auch an der Zeit, dass er sein Wissen und seine Fertigkeiten zum Nutzen der Sternenflotte einsetzte.
Es war daher zwingend notwendig, den Augment zu beschäftigen, damit er nicht auf dumme Gedanken kam und Möglichkeiten bekam, seine eigenen Pläne zu schmieden.
So streckte er die Hand aus und tippte den Code ein, der alles in die Wege leiten würde, beobachtete, wie die Fenster vom Bildschirm verschwanden und einem neuen Platz machten, einer Nachricht, auf die er ebenfalls nur gewartet hatte.
Der Krisenstab der Sternenflotte würde sich in zwei Stunden im Daystrom-Institut versammeln, um die neusten Entwicklungen am Rand der neutralen Zone zu besprechen und Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Er überflog noch einmal die Berichte, die er der Versammlung vorlegen würde und markierte einige Stellen deutlich, damit sie auch ja bei der Präsentation hervorgehoben wurden.
Während sich die Romulaner immer noch verdächtig ruhig verhielten, ließen die Klingonen wieder einmal ihre Muskeln spielen. Sie hatten die „U.S:S. Constellation" in der Nähe des Calipher Systems beschossen und zu entern versucht.
Er kniff grimmig die Augen zusammen. Der Vorfall machte deutlich, dass langsam mehr unternommen werden musste, als nur eine weitere Protestnote nach Qo'nos zu schicken, denn ein Krieg mit dieser aggressiven Spezies würde unausweichlich sein.
Schiff und Besatzung waren dem Angriff nur durch das rasche Eingreifen und die Unterstützung der „U.S.S. Enterprise" der vollständigen Vernichtung entkommen. Kirk hatte seine eigentlich vorrangigere Mission, die Untersuchung eines Doppelsternsystems abgebrochen, um dem anderen Schiff beizustehen und die Klingonen mit seinem zum Leichtsinn neigenden Mut zum Teufel zu jagen, auch wenn er damit sein eigenes Schiff in Gefahr gebracht hatte.
Er entspannte sich etwas.
Christopher Pikes Protegé James Tiberius Kirk war zwar noch ein ungeschliffener Diamant, der dazu neigte, seine Crew und das Schiff unnötig in Gefahr zu bringen, weil er zu impulsiv und unüberlegt handelte, aber letztendlich brachte er die Tatkraft und den Mut mit, der vielen anderen Kommandanten mittlerweile fehlte.
Die Sternenflotte brauchte Männer wie diesen jungen Captain, um sich gegenüber ihren Feinden nicht ganz der Lächerlichkeit preiszugeben ... und natürlich auch die Entwicklungen, die er, Marcus, im Geheimen in die Wege leitete. Wann würden die anderen endlich einmal lernen, dass es manchmal nicht mehr ausreichte, nur mit dem Säbel zu rasseln, sondern ihn auch zu zücken?
Dann holte er tief Luft. Vielleicht war es ganz gut, sich vor der Sitzung noch mit jemand anderem darüber zu unterhalten. Nachdem seine Tochter Carol ihr gemeinsames Mittagessen abgesagt hatte, war er frei. Kurzentschlossen stellte er deshalb eine Verbindung zu dem Mann her, den er selbst einmal in die Sternenflotte gebracht hatte. „Hallo Christopher..."
