Unsicherheiten
Interessiert beobachtete Eragon wie Saphira und Istra landeten. Die Größe machte deutlich, dass Istra der ältere Drache war. Trotzdem hatte sie eine kindlicherer Art an sich. Vor der Landung drehte sie noch eine kurze Runde über das Lager und legte sich dabei in die Kurve, sodass Jonata Mühe haben musste, sich auf ihrem Rücken zu halten. Dann machte sie Kehrt, schoss auf Saphira zu und schnappte nach deren Schwanz. Die blaue Drachendame fauchte ihre Artgenossin an und Eragon spürte, wie sie gegen den Spieltrieb kämpfte, sich dann jedoch entschloss, ihm nicht nachzugehen. Elegant und erhobenen Hauptes landete sie neben den beiden Reitern und schob dann ihren Fang in Richtung Feuer. Offenbar war die Jagd doch erfolgreicher gewesen, als die Umstände vermuten ließen. Sie hatte einen ausgewachsenen Hirsch erlegt. Interessiert begutachtete Eragon den Fang. Das Tier war groß gewachsen, sein Geweih allerdings alles andere als prächtig. Dünne Beine und ein knochiger Körper prägten sein Erscheinungsbild. Immerhin wirkte das Tier nicht krank. Wahrscheinlich hatte es lange keine ausreichenden Futterplätze zu Gesicht bekommen – vielleicht noch nie in seinem Leben.
Inzwischen raste Istra dem Boden entgegen, reduzierte die Geschwindigkeit erst im letzten Moment und setzte dann mit einem lauten Poltern auf dem Boden auf. Der Stolz über die trotz des Wagnisses gelungene Landung war ihr deutlich anzusehen. Murtagh schüttelte kurz den Kopf.
„Ich befürchte, für Istra ist Konkurrenz ungesund", stellte er fest. „Sie bricht sich am Ende noch den Hals."
Saphira stimmte ihm schnaubend zu und ließ sich neben Eragon nieder.
Wie war die Jagd?, wollte der wissen.
Trostlos und langweilig, antwortete Saphira ungehalten. Wir sind eine gefühlte Ewigkeit geflogen und habe nichts als tote Landschaft zu sehen bekommen. Es grenzt an ein Wunder, dass wir hier überhaupt irgendwas gefunden haben. Zum Glück ist uns eine Herde über den Weg gelaufen. Vermutlich die letzte in dieser Gegend. Istra und ich haben und schon bedient. Der da ist für euch.
Reiter und Drache starrten die Beute an. Davon würden sie heute satt werden und einen Teil des Fleischs mitnehmen können. Lange ließ sich davon aber nicht leben. Das Tier war mager und hatte vermutlich nicht viel Fleisch auf den Knochen, wenn man bedachte, wie gut sich diese erkennen ließen. Eragon klopfte seiner Drachendame anerkennend gegen die Flanke und machte sich dann daran, Murtagh beim Zerlegen des Hirschs zu helfen. Inzwischen hatte sich auch Jonata wieder zu ihnen gesellt. Mit sich trug sie einen Beutel, in dem sich zwar offenbar etwas befand, der aber nicht gerade zu platzen drohte.
„Die Gegend ist in jeder Hinsicht abgestorben", teilte sie mit. „Bis auf die Hirsche war fast nichts zu finden, was unsere Vorräte hätte aufstocken können. Ich konnte in paar Kräuter sammeln und eine Handvoll Früchte."
Sie öffnete ihren Beutel und ließ Eragon und Murtagh einen Blick hinein werfen. Darin befand sich tatsächlich nichts weiter als eine Handvoll aromatisch riechender Blätter und Zweige und dazu eine seltsame, schwarze Frucht, die nicht unbedingt appetitlich aussah.
„Was genau ist das?", wollte Eragon wissen.
Diese Frucht hatte er noch nie in seinem Leben gesehen, auch nicht als seine Reise mit Brom ihn an Gil'ead vorbeigeführt hatte. Misstrauisch betrachtete er das Ding und fragte sich, ob es wirklich essbar sein konnte.
Widerlich, bemerkte Saphira pikiert. Wenn man sie öffnet, stinken sie fürchterlich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das schmeckt.
Murtagh nickte ihr halb zu und verschloss den Beutel wieder.
„Wir sind uns nicht ganz sicher, aber wir wissen aus notgedrungener Erfahrung, dass man nicht daran stirbt", erklärte er. „Die entscheidende Frage ist wohl eher, was es mal war. Die Dinge haben sich verändert. Die Welt ist dunkler und hässlicher geworden und manche Pflanzen und Tiere sind nicht mehr das, was sie früher waren. Deswegen müssen wir auf der Hut sein. Diese Frucht ist jedenfalls ungefährlich."
Dieses drückende Gefühl machte sich wieder in Eragons Magen breit. Was sollte denn noch kommen? Waren sie in einer Zukunft voller Monster und Giftpflanzen gelandet? Es wurde wirklich Zeit für eine bessere Nachricht. Wenigstens eine.
Es nahm nicht viel Zeit in Anspruch, den Hirsch zu zerlegen und die brauchbaren Teile herauszuschneiden. Jonata machte sich daran, aus einem Teil des Fleischs ein Frühstück zubereiten. Oder war es bereits ein Mittagessen? Eragon war sich nicht sicher. Man verlor das Zeitgefühl, wenn man von ständigem Dämmerlicht umgeben war. Saphira benahm sich seit ihrer Rückkehr von der Jagd nervös und zupfte ständig ihre Flügel zurecht um gleich danach ihre Krallen zu inspizieren. Eragon konnte eine Mischung aus Unruhe und Unsicherheit in ihr spüren.
Saphira? Was hast du?, fragte er schließlich.
Inzwischen machte er sich Sorgen um seine Drachendame. Die Situation war bedrohlich. Normalerweise hätte er ihr ohne Zweifel zugetraut, mit großem Stress umzugehen. Doch das hier war anders. Sie waren in etwas geraten, mit dem sie praktisch allein fertig werden mussten. Ihre Freunde und Verbündeten waren seit langer Zeit tot und in wie weit sie sich auf Murtagh und Jonata verlassen konnten war fraglich. Eragon zweifelte nicht an ihren guten Absichten, aber sie hatten genügend eigene Sorgen. Solche Umstände konnten auch den stärksten Drachen aus dem Gleichgewicht bringen.
Es ist nichts, versicherte Saphira.
Ihre Gefühlen verrieten die Antwort als Lüge. Vielleicht war es nicht die Verunsicherung. Möglicherweise hatte die Drachendame durch den Zauber doch Schaden genommen. Diese Vorstellung versetzte Eragon in Aufregung.
Unsinn! Ich spüre doch, dass ich etwas quält, entgegnete Eragon und rückte näher zu Saphira.
Der blaue Drache warf erst ihm und dann Istra einen unsicheren Blick zu. Die hatte sich neben Jonata niedergelassen und beobachtete aufmerksam jeden Schritt des Mädchens, als hätte sie sie vorher noch nie beim Zubereiten von Essen gesehen. Selbst im trüben Sonnenlicht schimmerten ihre Schuppen facettenreich in den verschiedensten Farben.
Findest du, dass ich hübsch bin?, fragte Saphira schließlich verlegen.
Eragon warf ihr im ersten Moment einen ungläubigen Blick zu. Wie konnte sie das nur fragen? Natürlich war sie hübsch. Das verstand sich doch von selbst. Und warum fragte sie das ausgerechnet ihn? Als könnte er jemals irgendeinen anderen Drachen schöner finden als seine Saphira. Irritiert folgte Eragon ihrem Blick, der wie festgebunden an Istra hing.
Natürlich finde ich das, teilte er seiner Drachendame entschlossen mit. Du bist der schönste Drache, den ich je gesehen habe. Keine ist schöner als du. Das weißt du doch.
Und was ist mit Istra?, warf Saphira unsicher ein. Sie ist wunderschön farbenfroh und sieh nur, wie ihre Schuppen selbst in diesem trüben Licht schimmern. Meine sehen nicht so hübsch aus.
Noch einmal sah Eragon zwischen den beiden Drachen hin und her. So führte sich seine Saphira normalerweise nicht auf. Die einzige Gelegenheit, bei der sie sich derart viele Gedanken über ihr Erscheinungsbild gemacht hatte, war in Glaedrs Gegenwart gewesen. Aber der war nicht hier und auch kein anderer männlicher Drache. Was gab es also für einen Anlass für diese plötzlichen Zweifel?
Außerdem fliegt sie viel wendiger und eleganter als ich. Du hättest sehen müssen, wie sie zwischen den Baumkronen entlang geglitten ist, ohne auch nur ein Blatt zu berühren. Und das obwohl kaum mehr Platz war als die Spanne ihrer Flügel misst.
Saphira führte noch einige weitere Punkte an, die sich um die Schönheit und Größe von Istras Flamme drehten oder die Schärfe ihrer Krallen. Eragon wusste sich im ersten Moment nicht zu helfen. Warum zweifelte Saphira plötzlich an sich? Das war gar nicht ihre Art. Sie hatte schon so viele Herausforderungen bewältigt, sich in Gefahren und Schlachten bewährt und sich viel Bewunderung verdient.
Sie ist älter als du, meine Schöne, erinnerte Eragon sie. Es liegt also in der Natur der Sache, dass sie einige Dinge besser kann als du. Das heißt nicht, dass du unfähig bist. Im Übrigen ist es mir völlig egal, wie schön Istras Schuppen vielleicht funkeln. Du bist für mich die schönste Drachendame von ganz Alagaësia, jetzt und in der Zukunft.
Saphira schnaufte schwer und legte den Kopf auf den Vorderbeinen ab. Er konnte spüren, dass seine Worte nicht wirklich etwas bewirkt hatten. Seine Blicke trafen die von Murtagh, der sich zu den beiden umgedreht hatte und die blauen Drachendame ähnlich besorgt betrachtete.
„Geht es ihr nicht gut?", wollte er wissen.
„Ich bin mir nicht sicher", antwortete Eragon. „Ich denke, es sind nur die Anspannung die und Unsicherheit."
Gerade noch im richtigen Moment war er zu dem Schluss gekommen, dass es Saphira sicher nicht gefallen würde, wenn er ihr Problem an die Öffentlichkeit – so weit man diesen kleine Personenkreis so nennen wollte – trug.
„Wie du meinst. Aber wenn etwas nicht stimmt, solltet ihr es gleich sagen. Wenn wir erst wieder in Bewegung sind, wird es schwieriger, etwas für Saphira zu tun.", erklärte Murtagh.
Eragon nickte dankbar. Jonata hatte sich zu den beiden umgedreht und erhob sich von ihrem Platz. Murtagh griff sie an ihrem Arm und zog sie wieder auf den Boden.
„Ich könnte nach ihr sehen", protestierte das Mädchen und wandte sich dann an Eragon. „Ich kenne mich gut mit Drachen und ihren Leiden aus."
„Ich denke nicht, dass Saphiras Problem gesundheitlicher Natur ist. Was auch immer ihr Kummer bereitet, sie wird es uns wissen lassen, wenn es ihr recht ist. Bis dahin lassen wir ihr ihre Ruhe", widersprach Murtagh entschlossen aber ruhig.
Jonata öffnete den Mund, um erneut zu protestieren, behielt ihre Worte dann aber doch lieber für sich. Bedrückt widmete sie sich wieder dem Essen.
Ich weiß nicht, warum du plötzlich so schlecht von dir denkst, wandte sich Eragon wieder an Saphira. Aber ich weiß, dass du auf jeden Fall hübsch bist. Denk nur daran, wie die Leute dich bewundern, sobald sie sich sehen. Und an deinen Fähigkeiten kann es auch keinen Zweifel geben. Die hast du mehr als einmal unter Beweis gestellt. Außerdem haben auch Oromis und Glaedr festgestellt, dass du eine außergewöhnliche Fliegerin bist. Die müssen es doch nun wirklich wissen.
Ein leises Schnaufen von Saphira ertönte. Ein weicher, liebevoller Ausdruck legte sich in ihre Augen, während sie näher zu Eragon rückte. Sanft strich er über ihre blauen Schuppen, die seiner Meinung nach sehr wohl in schwachen Dämmerlicht schimmerten und das nicht weniger als Istras.
Das Essen ging schweigend vonstatten. Jonata schien immer noch gegen den Impuls anzukämpfen, sich um Saphira kümmern zu wollen. Eragon konnte sich zwar kein Bild davon machen, ob sie wirklich etwas von Drachenproblemen verstand, aber er wollte das Mädchen im Moment nicht an Saphira lassen. Sicher meinte sie es nur gut, aber der Zeitpunkt war denkbar schlecht. Erst einmal blieb ihm nur zu hoffen, dass sich seinen Drachendame wieder beruhigen würde. Einem Teil von ihm kam es lächerlich vor, dass sie derart eifersüchtig war. Ein anderer Teil von ihm verstand das wiederum sehr gut. Wie oft hatte er sich so gefühlt: unterlegen, nicht weit genug entwickelt, schwach, ja fast schon unwürdig.
„Wohin gehen wir?", wollte Eragon schließlich wissen, während sie das wenige Gepäck zusammenpackten und in Istras Satteltaschen verstauten.
Saphira stand ins Gesicht geschrieben, dass auch sie gern etwas getragen hätte, um sich nützlich zu machen. Aber sie war nach wie vor für die Schlacht ausgerüstet und hatte nirgends Platz für Gepäck. Der Frust in der blauen Drachendame stieg und Eragon fragte sich, wohin das noch führen sollte.
„Uns bleiben im Grunde zwei Möglichkeiten:", stellte Murtagh fest. „Wir könne den Weg nach Westen einschlagen und in den Bergen des Buckels Schutz suchen. Auch wenn Galbatorix an Macht gewonnen hat, vor dieser Gegend schreckt er nach wie vor zurück. Dort wären wir wohl fürs Erste in Sicherheit. Wenn es uns gelingt, unauffällig zu bleiben, bis wir dort ankommen, wird er gar nicht von uns erfahren. In dieser Gegend lebt heutzutage kaum noch jemand. Die gesamte Westküste und die Berge sind fast ausgestorben. Die Alternative wäre, sich nach Süden durchzuschlagen. Wir könnten versuchen, das Beorgebirge zu erreichen und die Zwerge zu finden. Auch dort dürften wir erst einmal sicher sein."
Eragon lehnte die zweite Möglichkeit mit einem entschiedenen Kopfschütteln ab. Das Ziel an sich konnte ihm nur recht sein, aber der Weg missfiel ihm.
„Ich sehe das ähnlich", stimmte Murtagh ihm zu. „Wir kommen zu dicht an bewohnten Gebieten vorbei. Jede Meile, die wir Urû'baen näher kommen, könnte unser Schicksal besiegeln. Galbatorix schickt seine Reiter regelmäßig aus, um überall im Land nach dem Rechten zu sehen. Denen können wir nicht so leicht entgehen wie den Soldaten und sie würden uns auch schneller entdecken. Es heißt Abstand zu halten."
Die Argumentation kam Eragon schlüssig vor. Auch wenn es ihn gefreut hätte, andere Reiter zu treffen, wollte er das sicher nicht um den Preis tun, daraufhin im Kerker von Urû'baen zu landen und am Ende doch noch unter Galbatorix Herrschaft gezwungen zu werden.
Was meinst du?, fragte er Saphira.
Im Grunde ging er fest davon aus, dass sie seiner Meinung sein würde und er konnte ihre Zustimmung bereits spüren. Angesichts der Tatsache, dass ihr Selbstbewusstsein offenbar Schaden genommen hatte, hielt er es jedoch für besser, sie direkt und unmissverständlich um ihre Meinung zu bitten.
Ich stimme Murtagh zu. Es scheint mir das Vernünftigste zu sein.
„Also der Buckel", teilte Eragon den anderen Drei mit.
Murtagh nickte zufrieden. Eragon konnte sich aber eines seltsamen Gefühls nicht erwehren. Diesen Weg einzuschlagen bedeutete, in die alte Heimat zurückzukehren. Was würde das bedeuten? Würde er irgendwas so wiederfinden, wie er es einst verlassen hatte? Oder würde er gar nichts wiederfinden. All diese Gedanken beschäftigten ihn, während er in den Sattel stieg. Murtagh nahm hinter Jonata auf Istras Rücken Platz. Dann hoben die beiden Drachendamen gleichzeitig von Boden ab und bemühten sich, möglichst schnell Höhe zu gewinnen.
