Wiedersehensfreude… oder doch Wiedersehenshass?
Ich lehnte an der Wand von Charlies Haus und das seit knapp einer Stunde. Ich konnte es kaum erwarten Saphira endlich wieder zu treffen. Ich hatte zwar in dieser Woche immer wieder mit ihr gesprochen, doch sie zu sehen war eindeutig etwas anderes. Gerade während ich so in Gedanken war tauchte eine Art Durchgang vor mir auf. Blaues Licht schien mir durch diesen Kreis entgegen und blendete mich. Daraus hervor trat Arya und lächelte mich an. Ich starrte sie an.
War das jetzt ein Witz? Ich musste mit dem Flugzeug und Charlies Polizeiauto hierher kommen und dabei konnte sie das Portal öffnen wo sie wollte? Ich schmollte, doch dann trat die Elfe auf mich zu, hob zwei Finger an die Lippen und begann die elfische Begrüßungsformel.
Ich starrte nur noch mehr. Das hatte sie noch nie getan, doch als sie zuerst gesprochen hatte, hatte sie mir bewiesen, dass ich höher stand als sie! Auf einmal wurde mir bewusst, dass Arya mich immer noch ansah. Schnell hob auch ich zwei Finger an meine Lippen und antwortete ihr in der alten Sprache. Mit dem letzten Satz vollendete sie dann die Formel.
Arya reichte mir die Hand und sagte: „Kommst du Era? Saphira kann es kaum noch erwarten dich zu sehen!" Lächelnd nahm ich diese und trat dann mit ihr durch den blau strahlenden Kreis. Dabei fragte ich: „Machst du dir keine Sorgen, dass jemand das Portal sehen könnte?" „Nein, nur Personen, die über Magie verfügen können es sehen, wenn man sie nicht darauf hinweist. Es ist eine Art Schutzmechanismus."
Erleichtert ging ich weiter und das Portal, das die Größe einer Tür hatte, wurde zu einem Tunnel, den wir entlang gingen, bis wir am anderen Ende wieder herauskamen. Ich war wieder in Alagaësia. Dieses Gefühl konnte ich jedoch nicht lange genießen, denn auf einmal strömten alle Gefühlswahrnehmungen, die ich in der anderen Welt nicht hatte, auf mich ein und ich sackte auf den Boden.
Erschrocken starrte Arya mich an und kniete sich neben mich. „Era? Era? Alles in Ordnung?" Ich seufzte leise. Ich meine, klar. Alles super, ich wollte nur mal kurz auf dem Boden knien, ich hab ihn so vermisst. „Es ist nichts, Arya. Gib mir nur einen Moment, um mich daran zu gewöhnen wieder hier zu sein, okay?", bat ich daher leise.
Sie warf mir einen skeptischen Blick zu. Hatte sie es echt nicht verstanden? Tja, was soll man machen? Langsam erhob ich mich wieder von dem Boden, auf dem ich kniete. Wir gingen weiter Richtung Ellesmera. Wir kamen nicht weit. Plötzlich rauschte die Luft und ein großes blaues Etwas landete vor uns. „Saphira", rief ich und rannte auf sie zu. Ich schlang meine Arme um ihren Hals, die zugegebenermaßen NICHT darum herum reichten. Mit ihrem Drachengelächter wirbelte sie mich umher. Ja, ihr habt richtig gehört, sie wirbelte mich an ihrem Hals umher. Das musste bestimmt ein lustiger Anblick gewesen sein.
„Era", dröhnte es als Antwort durch meinen Kopf. „Arya, macht es dir etwas aus, wenn wir ein bisschen fliegen? Wir sind auch vorsichtig", fügte ich meiner Frage hinzu als die Gefragte die Augenbrauen hochzog. Sie nickte und mit einem begeisterten Schrei kletterte ich vollends auf Saphira und lies mich auf ihren Rücken gleiten, der schon mit einem Sattel belegt war.
Begeistert flog Saphira los und schnell schrumpfte der riesige Wald unter uns. Ich hatte auch das Fliegen sehr vermisst. „Saphira, erschreck dich nicht, ja? Ich will etwas probieren!", rief ich ihr in Gedanken zu.
Grinsend erhob ich mich von dem Sattel. Saphiras Augen weiteten sich, doch als sie merkte, dass ich mich mit Leichtigkeit halten konnte, lachte sie mit ihrer Drachenstimme.
Wir flogen eine sehr lange Zeit, doch irgendwann landeten wir bei Oromis. Wir hatten es ihm versprochen und wenn ich ehrlich war, vermisste ich auch ihn. Oromis und Glaedor standen auf der weiten Lichtung und warteten auf uns. Als ich abstieg hob ich schnell zwei Finger an die Lippen und wir begrüßten uns. Es wurde ein schöner Nachmittag und Oromis fragte mich, wie ich zurechtkommen würde.
Ich seufzte mal wieder. „Insgesamt habe ich mich wohl… ich denke eingelebt könnte man es nennen. Allerdings hat mich eines sehr unvorbereitet getroffen", gab ich zu. Oromis hob fragend eine Augenbraue. „Nun ja… ich schaffe es nicht den Geist der Menschen dort zu spüren!"
Verblüfft starrte mein Lehrer mich an. „Hast du meditiert?" Ich schüttelte den Kopf. "Dann solltest du es damit probieren. Und jetzt sollten wir weitermachen mit unseren magischen Übungen."
Damit ging es weiter. Aber viel zu bald war Saphiras und meine Zeit auch schon wieder vorbei. Ich stand vor allen, umarmte Saphira noch ein letztes Mal und ging dann durch das von Arya erneut geöffnete Portal. Gerade als ich in diesem Tunnel stand, fiel mir ein, dass ich Oromis noch nach dem Ursprung des Portals fragen wollte, doch als ich mich umdrehte um zurückzugehen konnte ich mich nicht vorwärts bewegen. Ergeben drehte ich mich um und ging in die andere Richtung.
Es war noch Sonntag und wie immer war ich noch hellwach, anstatt jedoch wie sonst einen imaginären Schwertkampf durchzuführen, entschied ich mich heute Oromis Rat zu befolgen und setzte mich ein Stück in den Wald hinein um zu meditieren. Ich spürte nichts und ich merkte auf einmal, dass meine Gedanken abschweiften. War das mein Problem? Ich versuchte es erneut mit der ganzen Konzentration, die ich aufbringen konnte.
Ich stieß gegen eine Wand. Das war es also. Ich drückte und schob dagegen. Ich sah die Risse und plötzlich brach sie zusammen. Alle Gefühle und Lebewesen des Waldes strömten auf mich ein. Mir wurde schwindelig. Es waren so viele Empfindungen in diesem Wald!
Als ich mich nach und nach daran gewöhnt hatte, konnte ich ein Lächeln nicht mehr unterdrücken. Langsam ging ich durch den Wald zurück zum Haus. Ich konzentrierte mich auf den Hasen, der gerade an mir vorbeihoppelte. Es war schwieriger seine Instinkte wahrzunehmen, als in Alagaësia, aber immerhin funktionierte es.
Dieser Durchbruch hatte mich ermüdet und deshalb legte ich mich recht bald hin. Bei Charlie hatte ich es überhaupt nicht geschafft und dieser hatte mir versichert, dass er keine Schutzmauer um seinen Geist errichtet hatte. Meine Hoffnung war, dass ich nur noch üben müsste.
Am Montag wurde ich um 4 Uhr morgens aus meinem Schlafzustand geweckt. Die Seele des Waldes war aus irgendeinem Grund sehr laut hier. Seufzend stand ich auf. Ich las Harry Potter weiter, es war sehr interessant zu sehen, was in den Büchern hier alles passieren konnte. Und auf einmal war ich zu spät. Ich rannte zu meinem Transporter und raste regelrecht zur Schule. Natürlich war es wieder langweilig, denn jetzt wo Charlie mir Mathe und die anderen Sachen beibrachte, die ich nicht verstanden hatte, war es keine große Leistung mehr dem Unterricht zu folgen.
Alles floss an mir vorbei, jedenfalls bis ich in die Cafeteria ging. Dort an dem runden Tisch der Cullens, dem ich immer einen flüchtigen Blick zuwarf, saßen fünf Personen. FÜNF! Und eine davon hatte bronzefarbene Haare. Ich stöhnte auf und setzte mich sofort an unseren Tisch, mir war der Appetit vergangen. Nach und nach wurde es voller und ich unterhielt mich mit Jessica, die mir wohl wieder verziehen hatte, dass ich mich mit Mike gut verstand – wenn man es so nennen wollte.
„Edward Cullen starrt dich an!", sagte sie plötzlich.
Bronzy? Starrte mich an? „Warum wirft er mir denn jetzt schon wieder einen Todesblick zu?", fragte ich ohne hin zu schauen genervt zurück. Ich hatte mich inzwischen an die Jugendsprache gewöhnt, auch wenn ich hin und wieder noch anders redete.
„Todesblick? Er sieht nachdenklich aus!", antwortete sie und warf ihre roten Haare über die Schulter und schenkte dabei Mike ein breites Lächeln. Der Kerl war echt nicht zu retten, wenn er nichts davon merkte!
Recht früh machte ich mich zum Bioraum auf. Es war fast leer, daher überlegte ich mir schon mal ein paar Arbeiten für Oromis weiterzumachen, die er mir über die nächste Zeit aufgegeben hatte. Also begann ich einige Hieroglyphen abzuschreiben und so nach und nach verschiedene Zauberformeln auf das Blatt vor mir zu bringen. Plötzlich bewegte sich der Stuhl neben mir, doch ich achtete nicht darauf. Ich hatte jetzt keine Lust auf ein Blickduell.
„Hallo, ich bin Edward Cullen und du bist bestimmt Isabella Swan, nicht? Tut mir leid, ich hatte letzte Woche einen dringenden Termin", sagte jedoch eine zugegebenermaßen sehr melodische Stimme zu mir.
Ich sah auf in ein nettes Lächeln. Nettes Lächeln? Wo waren bitte die schwarzen Augen geblieben, die mich durchbohrten? „Bella. Und ich würde mal behaupten, dass es ein sehr langer Termin war, wenn du eine Woche dort gewesen bist!", konterte ich. Was wollte dieser Kerl bitte?
„Ähm… ja, ich war meine Cousine besuchen!", antwortete er, sichtlich verwirrt über meine Reaktion. Was? Schmachteten den Kerl sonst alle Mädchen an? Dazu würde ich mich sicherlich nicht gesellen.
„Na dann", sagte ich knapp und wandte mich den Hieroglyphen zu. „Was schreibst du da? Diese Schrift kenne ich ja gar nicht!" Ich seufzte leise. Ich hatte echt keine Lust auf das Ganze und plötzlich auch eine Idee, wie ich das deutlich machen könnte. „Das ist… eine Geheimschrift von einem Freund und mir. Ich werde sie dir ganz sicher nicht erläutern. Oromis wäre nicht zu angetan davon!"
„Oromis? Was ist das denn für ein Name!"
„Jedenfalls ein schönerer als Edward", fauchte ich. Mein Meister hatte so viel durchgemacht und dieser Kerl wagte es tatsächlich ihn zu beleidigen, bewusst oder nicht!
„Fahr die Krallen ein okay? Es war nicht böse gemeint", sagte Edward ruhig.
„Kompromiss! Ich fahr die Krallen ein und du hältst deine Klappe. Dann hat jeder was er will."
Bronzy starrte mich nur an, hielt aber die Klappe. Jedenfalls solange bis Mr. Banner in den Raum kam und den Unterricht mit einer Partnerarbeit begann. Ich stöhnte auf. Bronzy hatte es auch mitbekommen, denn er starrte mich erneut an.
„Ladies first?", fragte er zweifelnd. Lächelnd nickte ich und schob ihm das Mikroskop zu.
„Natürlich darfst du anfangen, Eddi-Schatzi", antwortete ich übertrieben. Darauf folgte erneutes Starren seinerseits. War der Kerl eigentlich auch zu etwas anderem fähig? „Ach, Edward. Wenn du schon so starren muss, dann tu es doch durch das Mikroskop."
Bronzy schüttelte den Kopf und sah durch das Mikroskop. „Anaphase!", sagte er sicher. Lachend nickte ich. Das stimmte, ich spürte es, da ich ja meine Wahrnehmung in einem begrenzten Rahmen wieder hatte.
„Willst du nicht das nächste machen?", fragte er verwirrt. Grinsend schaute ich für weniger als eine Sekunde hindurch und antwortete Prophase. Ich schrieb die Ergebnisse auf bevor er sie mir sagte und kicherte die ganze Zeit. „Was?", fauchte ein genervter Bronzy mich dann an.
„Nichts, ich war nur in Erinnerungen."
Ich warf einen kurzen Blick aus dem Fenster und stöhnte. Es regnete wie aus Eimern. Schon wieder. Edward folgte meinem Blick und sah dann zu mir. „Magst du keinen Regen?", fragte er verwirrt.
„Spielt doch keine Rolle, oder? Ich kann nirgendwo anders hin", antwortete ich. Jedenfalls in dieser Welt nicht. „Wieso nicht?", fragte er weiter.
„Ehm… also… naja, meine Mutter hat Alkoholprobleme und ich musste zu Charlie und solange der nicht umzieht, bleibe ich wohl auch hier."
Für einen Moment war ich mir nicht sicher, ob dies eine Information war die man einfach so weiter erzählte, beschloss dann aber, dass dies von dem Charakter einer Person abhängig wäre. Edward sah mich mitleidig an.
„Was?", fauchte ich diesmal. „Ich brauche kein Mitleid, ich hab meine Mutter nie wirklich kennen gelernt! Also… sie war halt immer betrunken", fügte ich rasch hinzu, als ich meinen Fehler bemerkte.
„Weißt du, dass du ganz schön schwer zu durchschauen bist?"
Ich zuckte mit den Schultern. „Bist wohl besonders gut darin oder was?" Er nickte. Wie jetzt? Okay… er wusste ja nicht, wie wörtlich ich das nehmen konnte… in Alagaësia zumindest. Er öffnete erneut den Mund, doch ich unterbrach ihn, unwillig mir noch irgendwelche Sprüche anhören zu müssen. „Sag nichts okay? Hast du unseren Kompromiss schon vergessen? Ich habe nicht vor dir irgendwas zu erzählen. Ich habe nämlich genug Freunde und Vertraute, mit denen ich reden kann."
Er lächelte mich nur schief an, doch als er zur Antwort ansetzte, sprach Mr. Banner vorne weiter und ich wandte mich ihm wieder zu. Erneut verging die Stunde viel zu langsam und als es läutete, war ICH diejenige, die aus dem Raum rauschte. Ich beschloss Sport sausen zu lassen. Charlie würde mir eine Entschuldigung schreiben, dass es mir nicht gut ging. Ich holte mein Handy aus der Tasche und fing an mit Arya zu telefonieren.
Immerhin kannte ich mich inzwischen ziemlich gut in dieser Welt aus. Den ganzen Tag lag ich im Garten vor Charlies Haus, telefonierte mit irgendwelchen Leuten, die mich ständig anriefen, oder las ein wenig. Diese Nacht würde ziemlich kalt werden, dass merkte ich an der Atmosphäre in der Natur. Ich schnappte mir eine Extra-Decke und kuschelte mich in die Kissen um noch ein wenig weiter zu lesen. Der morgige Schultag konnte nur besser werden… was er allerdings nicht wurde.
