Dieses Kapitel widme ich LilaWolken, meiner treuen Leserin und allen, die Spaß an deutschen Fanfictions haben oder die Avengers und ihren Bösewicht Loki lieben.

6. Anders als man plant

Er tritt zurück und macht eine einladende Geste. Mein Herz setzt einen Augenblick lang aus. Dann fängt es an zu rasen. Er bittet mich rein. Oh, scheiße! Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Souverän führt er mich durch einen schön gestalteten Eingangsbereich - und ich tapse wider meine Vernunft einfach hinterher. Gibt es irgendeine allgemein anerkannte Regel, was du machen sollst, wenn ein weltbekannter Psychopath dich in seine Wohnung bittet? Ich erinnere mich, dass die Empfehlung lautet, nicht zu Fremden ins Auto zu steigen - und sich angesichts wilder Tiere flach auf den Boden zu werfen.

Ich schäme mich beinahe dafür, aber ich habe nicht besonders viel Angst. Ich bin vielmehr… neugierig als ängstlich. Mir ist aber überdeutlich bewusst, wie absurd diese Situation ist. Ich mache gerade eine kleine Stippvisite bei einem Vertreter des Bösen… oh man. Diesen Satz darf ich bloß nicht näher untersuchen, sonst schrei ich.

Ich folge ihm durch eine Tür zur Rechten in eine Art… Wohnzimmer. Bei dem Gedanken, wie Loki neben seinem Job als Pickel am Hintern der Menschheit so lebt, war meine Vorstellung immer blank. Ich wusste nicht, was ich mir unter seinem Privatleben vorstellen sollte und habe mir ehrlich gesagt über solche Fragen auch keine tieferen Gedanken gemacht. Jetzt schaue ich mich beeindruckt um, denn diese Wohnung ist schön und kein bisschen protzig. Die ursprüngliche Einrichtung des Hotels wurde gnadenlos raus gekickt. Die Wohnung ist perfekt abgestimmt. Das Wohnzimmer ist groß und hat viele Fenster. Der Raum geht in eine aufgeräumte Küche über. Die Sitzgruppe im Wohnbereich besteht aus hellem Kirschholz, dazwischen einige weiße Möbel und hier und da ein Kissen als schwarzer oder grüner Farbklecks. Es gibt sogar Pflanzen. Es ist ordentlich, aber eindeutig bewohnt. Außerdem erschreckend persönlich.

Scheiße, denke ich. Damit wollte ich nicht konfrontiert werden. Ich will nicht feststellen müssen, dass der Massenmörder von nebenan ein normaler Typ von nebenan ist. Ich versuche, verstohlen zu ihm hinzusehen und begegne prompt seinem Röntgenblick.

„Ein Getränk? Kaffee?", fragt er spöttisch, eine Parodie auf die Gastfreundschaft.

„Ja, gerne.", sage ich und hebe gespielt erwartungsvoll die Augenbrauen. Er grinst darüber, dass ich mitspiele. Dann geht Loki, Loki tatsächlich los um mir einen Kaffee zu machen! Wie unrealistisch ist das denn? Und mit einem Blick nach unten bemerke ich – er ist auf Socken!

Ich starre ungläubig auf seine Füße und versuche diesen Gedanken zu verarbeiten und das Bild von einem Mann in Rüstung, mit hörnerbesetztem Helm, Zepter und grünem Magieleuchten, um dieses zu erweitern. Dann räuspere ich mich und folge ihm zur Küchenzeile. Mit effizienten Bewegungen stellt er die Kaffeemaschine an. Ich lasse mich auf einen schnittigen Barhocker sinken und schaue mich verlegen um. Von Thors Attentat auf seine Küche ist nichts mehr zu sehen. Ich frage mich, ob Loki das Chaos mit Magie entfernt hat. Mein Blick wandert zu seinem Wohnzimmer. Da bemerke ich einen riesigen, rußigen Brandfleck an der Wand, direkt über seiner Couch. An einer Stelle ist die Wand schwarz und bröckelt.

„Ein schief gegangenes Experiment?", frage ich bemüht lässig und deute darauf. Loki schaut kaum auf.

„Ein schiefgegangener… Besuch."

Ich hebe fragend eine Augenbraue. „Ein Einbruch.", präzisiert er.

„Hm.", mache ich. Eine Tasse wird klackernd vor mir abgestellt. Und mit einem Mal sitzt Loki auf dem Hocker neben mir und wir trinken gemeinsam Kaffee. Ich probiere meinen. Er schmeckt perfekt. Loki hat genauso viel Milch reingetan, wie ich mag. Zufall? Oder hat er gut geraten? Wir schweigen ein bisschen. Und es stört nicht. Verrückt. Ich erinnere mich an viele gute Gespräche mit Leuten, aber an kein einziges angenehmes Schweigen. Ich werfe einen vorsichtigen Blick zur Seite und beobachte wie er nachdenklich aus dem Fenster guckt, an seinem Kaffee nippt und sich eine Haarsträhne hinters Ohr streicht. Aus diesem Blickwinkel wirken seine Gesichtszüge weicher. So entspannt habe ich ihn noch nie gesehen- was vermutlich an den grenzwertigen Ereignissen liegt, in denen wir bisher gemeinsam gesteckt haben.

Ich denke darüber nach, ob ich ihn nach seinen Hobbies fragen soll, oder danach, was er vor meiner Ankunft so gemacht hat. Und ich wundere mich auch ein bisschen über den seltsamen Fleck. Dann kommt mir die Erkenntnis.

„Ich wusste doch, dass da mehr für dich drin ist."

„Hm?", macht er.

„Bei dir ist eingebrochen worden!", sage ich aufgeregt, nahezu begeistert über meine Entdeckung. „Und du willst, dass der Kerl geschnappt wird. Deshalb willst du mit den Avengers zusammen arbeiten und deshalb bist du bei dem Kampf aufgetaucht."

„Fast.", sagt er, zu ruhig für meinen Geschmack. „Aber ich bewundere Ihre Beobachtungsgabe."

Seine Gelassenheit holt mich wieder runter. Es ist wohl keine so große Sache. Und wahrscheinlich kein Staatsgeheimnis. Schade, doch keine Entdeckung. Ich lehne mich zurück. Dann fällt mir etwas anderes ein. Der Grund warum ich hierher gekommen bin. Ich krame kurz in meiner Tasche. Dann strecke ich ihm das Buch hin.

„Mein Buch." Er starrt es einen Augenblick lang an - das scheint heute häufiger bei ihm vorzukommen – schaut auf und sieht mehr als verwirrt aus. Er starrt mich einen winzigen Moment lang ganz anders an. Irgendwie… intensiv. So als wäre ihm gerade klar geworden, dass ich völlig anders bin als er dachte. Ich weiß nicht, ob er gerade zu positiven oder negativen Schlüssen kommt. Ich blinzele nervös. Er schreckt auf, wendet sich wieder dem Buch zu und räuspert sich.

„Du hast es getrocknet.", stellt er fest.

„Ja, aber es ist trotzdem ein bisschen beschädigt."

„Das macht nichts. Es hat ohnehin eher einen nostalgischen Wert. Es war meine erste Veröffentlichung." Er streicht liebevoll über den Buchrücken.

Ich blinzele. „Wie bitte? Es ist dein Buch im Sinne von selbst geschrieben?"

Loki grinst amüsiert über mein ungläubiges Gesicht. „Was hätte ich in fast drei Millennien anderes tun sollen, als mein umfassendes Wissen der Welt zur Verfügung zu stellen? Wie auch immer." Er wedelt seine Errungenschaft wie eine Nichtigkeit zur Seite. Er schafft es trotz dieser Zurschaustellung von Bescheidenheit arrogant auszusehen. Das muss man erst mal schaffen. „Thor hatte es gestern noch. Warum hast ausgerechnet du Schadensbegrenzung betrieben?"

„Als Dank."

„Als Dank wofür?", bohrt er nach. Sein Blick macht mich immer noch nervös.

„Du hast mir das Leben gerettet." Er schnaubt darüber. „Im Ernst! Ich war wirklich in Gefahr. Und ich hätte… also, ohne dich – hätte ich es nicht geschafft."

„Wie rührend!", sagt er unbarmherzig. „Wenn man bedenkt, dass ich dir damals ein Messer an den Hals gehalten habe, sind wir vermutlich Quitt."

„Vorausgesetzt ich war bei dieser Aktion wirklich in Gefahr.", schieße ich zurück. Eine meiner haarsträubenderen Theorien ist die, dass er nie die Ansicht hatte, mich abzustechen.

„Ja.", sagt Loki und schaut plötzlich woanders hin. „Das vorausgesetzt."

Treffer versenkt! Jubele ich innerlich. Meine Theorie stimmt also. Loki mustert die gegenüberliegende Wand mit scheinbar großem Interesse und beißt sich währenddessen auf die Unterlippe. Ich brauche einen Augenblick um zu verstehen, warum. Er verkneift sich ein Lächeln. Ein echtes Lächeln. Ich…also, wow. Das ist mal ne coole Reaktion. Ich gratuliere mir innerlich dazu. Wie habe ich diese echte Gefühlsregung verursacht? Ist es das Buch oder meine Schlagfertigkeit? Ich habe ja fast sogar den Verdacht, dass es ihn irgendwie ein bisschen freut, dass ich ihm auf die Schliche gekommen bin. Jemanden, der bei seinen Spielchen ein bisschen mitkommt, ja sogar mitmacht… das hat er wohl nicht so oft.

Loki fasst sich wieder und sieht mich ruhig an. Sein Gesicht gibt keinen Gedanken preis.

„War ich? In Gefahr, meine ich. Du weißt schon - als du mich als Geisel genommen hast.", hake ich nach.

„Nicht mehr als jetzt gerade."

Ich muss lächeln. Das ist eine herrlich abgedrehte, zweideutige Antwort. Und so unglaublich Loki. Sie verursacht Fragezeichen in meinem Kopf. Das kribbelnde Gefühl in meinem Bauch angesichts dieser versteckten Drohung ist vieles, aber keine Angst.

„Ihnen dürfte aufgefallen sein, dass es mein Anliegen ist, zu den Auseinandersetzungen mit der derzeitigen Bedrohung meinen Teil beizutragen.", erklärt er gelassen. „Ein paar gute Taten könnten meiner geplanten Zusammenarbeit mit den Avengers durchaus zuträglich sein."

„Ach ja?", sage ich und ziehe skeptisch Augenbrauen hoch.

„Ja."

Ich unterziehe seine Aussage in meinem Kopf einer ganz einfachen Rechnung: „Einfache Erklärung" plus „Loki" gleich „Lüge".

„Nein.", gebe ich bestimmt zurück.

„Nein?", fragt er halb neugierig, halb belustigt.

„Nein!", kommt meine hitzige Antwort. „Ich will es nicht hören! Sieh mal, ich bin einfach nur froh am Leben zu sein. Und natürlich will ich wissen, warum du mir geholfen hast. Aber diese nette kleine Geschichte für die Öffentlichkeit kannst du dir sonstwo hinstecken!" Ich unterstreiche meine Meinung mit entsprechenden Gesten. Loki nimmt sie milde erstaunt zur Kenntnis. Arsch. „Ich bin doch nicht blöd: Es wäre bestimmt besser für dich gewesen, den Avengers direkt zu helfen, anstatt Zeit mit mir zu verschwenden. Und ganz ehrlich? Das gerade war nicht deine beste Lüge."

Vielleicht hat meine Rettung doch mit mir persönlich zu tun. Aber wir reden hier von Loki. Er ist nicht der Typ dafür, sein Verhalten zu bereuen und mir zu helfen. Falls er mich um meinetwillen gerettet und nicht nur ein lästiges, vom Himmel fallendes Mädchen aufgefangen hat, dann wahrscheinlich, weil er alles wie selbstverständlich für seins hält und ein Problem damit hat, wenn ein anderer Verbrecher mit seinen Sachen spielt. Bei meinem Glück hat mich dieser Psychopath gerettet, weil er mich selbst fertig machen will.

Wobei besagter Psychopath gerade alles andere als gestört, sondern eher verstörend normal seinen Kaffee umrührt. Er bleibt ganz gelassen, trotz meines Ausbruchs. Er macht sich nicht mal die Mühe seine Lügen zu leugnen. Stattdessen stellt er seine Tasse mit einem Klacken ab und lehnt sich herüber. Er stützt sich dabei mit dem Ellbogen lässig am Tresen ab.

„Ich denke, wir hatten einen… schlechten Start.", er streckt die Hand aus. „Hallo, ich heiße Loki."

Verdutzt gebe ich ihm meine. Der Kerl wechselt einfach das Thema. Unglaublich! „Darcy.", gebe ich trotzdem zurück.

„Angenehm. Ich sollte vielleicht zu Anfang erwähnen, dass ich aus Asgard stamme. Das ist nicht auf deiner Welt." Er klingt wie ein Single, der versucht seine langweilige Lebensgeschichte der spannendsten Frau im Pub zu verkaufen. Ich muss gegen besseres Wissen grinsen. Ich wusste doch, dass er witzig ist. „Ähm… ich bin ein Zauberer. Oh, und ich habe kürzlich versucht deine Welt zu versklaven. Hat nicht besonders gut geklappt. Kennst du Thor? Er hielt sich bis vor kurzem für meinen Bruder."

„Falsch.", lache ich. „Tut er immer noch."

„Stimmt. Er war schon immer etwas langsam." Er lacht mit mir.

Und dann beugt er sich noch weiter vor. „Also Darcy. Wer bist du? Was machst du?"

„Äh." Ich schaue in meinen Kaffee. Soll ich ihm was von mir erzählen? Dieses Spiel können schließlich auch zwei Leute spielen. „Tja, ich bin Darcy." Er gluckst über diesen mickrigen Versuch. Ich schaue ihn entschlossen an. „Lass mich! Kann ja nicht jeder mit so einer Vergangenheit protzen!" Dann erzähle ich diesen aufmerksamen grünen Augen meine kurze, einfache Geschichte. „Also, ich bin dreiundzwanzig Jahre alt, studiere Politikwissenschaften und das neuerdings hier in New York. Ich lese gerne und mag Trödelmärkte und alte Möbel. Ich bin also völlig normal. Abgesehen von einer Sache: Ich habe ganz besondere… Freunde. Sie bringen mich ständig in Schwierigkeiten. Bekanntschaften mit schrägen Typen zähle ich übrigens dazu."

„Du musst mich diesen schrägen Typen mal vorstellen.", sagt Loki cool. Ich lache darüber.

Ansonsten sagt er gar nichts dazu, sondern schaut mich an. Ich weiß nicht, was er hat. Sein Blick wirkt irgendwie… fasziniert. Ganz so, als hätte er so etwas wie mich noch nie gesehen und könnte nicht fassen, dass es mich gibt. Aber ich schaue zurück. Hab ich was Falsches gesagt? Das wäre ja nicht das erste Mal. Nach einer Weile geht mir auf, dass er über das nachdenkt, was ich gesagt habe. Gerade als ich ihn fragen will, was sein Problem ist, schnappt sein Mund auf:

„Im Ernst? Trödelmärkte?"