Disclaimer: - siehe Teil 1
-+- Erkenntnis -+- (Teil 6)
Die Wochen zogen dahin, und die Prüfungen rückten unwiderruflich näher. Hermione verbrachte viele Stunden ihrer Freizeit in der Bibliothek oder in den Gryffindor Gemeinschaftsräumen um sich vorzubereiten, doch in letzter Zeit fiel es ihr zunehmend schwerer, sich zu konzentrieren. Wieder einmal schweifte ihr Blick vom aufgeklappten Buch vor sich über die überfüllten Regale der Bibliothek zum Fenster. Die Tage waren merklich länger geworden, und draussen strahlte die Sonne sommerliche Wärme aus. Vögel pfiffen fröhliche Lieder und luden zum Verweilen ein. Hermione schüttelte den Kopf. Was war nur los mit ihr? Ständig schweiften ihre Gedanken zur Welt ausserhalb Hogwarts Toren ab – und zu Severus. Ein stilles Lächeln umspielte ihre Lippen.
Mit ihrem Gespräch nach der ersten Zaubertrank-Stunde, die auf ihre gemeinsame Nacht gefolgt war, hatte sich der Knoten in ihrem Bauch gelöst. Sie wusste nun, wie er zu ihr stand, und das machte es um so Vieles einfacher. Es war immer noch Snape, nicht Severus, der unterrichtete, und auch wenn er nach wie vor fies und ungerecht gegenüber den gesamten Gryffindors war, so konnte sie doch hinter seine Fassade blicken. Manchmal, wenn er im Schulzimmer umher schritt um den Fortschritt ihrer Arbeit zu kontrollieren, schenkte er ihr einen heimlichen Blick voller Hingabe. Und seltener verweilte er etwas länger hinter ihr stehend, um vorn über gebeugt ihren Zaubertrank in Augenschein zu nehmen, und berührte dabei zärtlich ihren Rücken. Zwischendurch begegneten sie sich zufällig auf dem Korridor, und wenn niemand in der Nähe war, strich er ihr liebevoll über das Gesicht und küsste sie sanft. Wenn sie nach solchen Augenblicken zu ihrem Zimmer zurück kehrte, fand sie des öfteren eine Blume auf ihrem Bett liegend, einen kurzen, anonymen Brief oder etwas Süsses. Erneut musste sie lächeln und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Buch vor ihr zu. Doch es dauerte nicht lange, und ihr Blick schweifte wieder ab.
Severus ging es ähnlich. Er sass die meiste Zeit ausserhalb seines Unterrichtes in seinem Büro um die Prüfungen zu schreiben, doch auch er hatte Schwierigkeiten, seine Gedanken beisammen zu halten. Dies war wieder einer der Momente, und schliesslich stand er auf um draussen spazieren zu gehen. Einige Schüler beobachteten ihn, als er Hogwarts Türe öffnete und zum See schlenderte. Verwirrt blickten sie einander an, denn dies war eine eher untypische Tätigkeit für den gefürchteten Snape. An diesem Tag blickte McGonagall zufällig aus dem Fenster und sah ihn über das Gelände gehen. Auch sie wunderte sich, was mit ihm los war. Sie kannte ihn schon lange, und in letzter Zeit schien er sich verändert zu haben. Snape erschien ihr plötzlich so ausgeglichen, manchmal sogar fröhlich, und er strahlte eine innere Wärme aus. Sein Haltung schien aufrechter, das Gesicht lebhafter.
Am See angekommen, setzte Severus sich auf eine nahestehende Bank. Litha, der längste Tag im Jahr, stand vor der Türe. Er konnte den Ruf der Erde in jeder Faser seines Körpers spüren, wenn es auch nicht das gleiche Ziehen war wie an Beltaine. Es war eine Zeit des Wachstums, wo die Früchte an den Bäumen allmählich heran reiften und das Korn Richtung Himmel wuchs. Ob Hermione es wohl auch vernahm? Er hoffte es, obwohl sie sich in ihren Vorbereitungen verkroch. Severus hätte sie gerne häufiger gesehen, sie in seinen Armen halten können und sie zu spüren. Ihr zu zeigen, wieviel sie ihm bedeutete. Doch abgesehen von einigen heimlichen Berührungen und Küssen waren sie sich nicht mehr so nahe gekommen wie an Beltaine. Zwischendurch schlich er sich in ihr Zimmer und legte ein kleines Geschenk auf ihr Bett, was sie beim nächsten Zusammentreffen mit einem strahlenden Lächeln dankte.
Sie hatte sich verändert, auch ihm war es aufgefallen. In den letzten Wochen schien sie zur Frau heran gereift zu sein, und zusammen mit der Welt die sie umgab, blühte auch sie auf. Ihre Wangen hatten eine gesunde Farbe angenommen und ihre Augen versprühten das pure Leben. Mit einem kleinen Stich der Eifersucht dachte Severus an die etlichen Verehrer, die seit kurzem ständig ihre Aufmerksamkeit suchten. Doch wenn er da war, schenkte sie nur ihm Beachtung. Heimlich. Während den Mahlzeiten warf sie immer wieder verstohlene Blicke in seine Richtung, die er mit der gleichen Liebe erwiderte. Sofern sie bei ihm Unterricht hatte und er gerade ihren Zaubertrank begutachtete, lehnte sie sich auf ihrem Stuhl etwas nach hinten, um ihm näher zu sein. Severus' Seele machte beim Gedanken an sie Luftsprünge, und er musste sich jedes Mal anstrengen, seine gleichgültige, kalte Miene aufrecht zu erhalten.
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Hermione hatte ihre innere Unruhe dem bevorstehenden Sommersonnenwende-Ritual und der allgemeinen Hektik wegen den Prüfungen zugeschrieben, doch mit jedem neuen Tag wusste sie, dass es mehr als nur das war. Viel mehr. Auch sie bemerkte die kleinen Veränderungen an ihr; die geröteten Wangen, ihren endgültig zur Frau werdenden Körper... und das Ausbleiben ihrer Tage. Ihre Blutungen waren nie regelmässig gewesen, doch nun wartete sie schon seit Wochen darauf. Wieder war ein Tag voller Hoffen vergangen, und wieder wurde diese zerstört. Mit einem flauen Gefühl im Magen legte sie sich schlafen, nur um mitten in der Nacht aus einem Traum hochzuschrecken. Da! Da war es wieder, was sie geweckt hatte. Sie spürte einen leisen Funken neuen Lebens in ihrem Schoss. Ein Kind. Sie erwartete ein Kind – Severus Kind. Neues Leben pulsierte in ihr.
Zuerst spürte sie die Liebe zu Severus in ihr hohe Wellen schlagend, doch allmählich wich dieses Gefühl einer prickelnden Angst und Ungewissheit. Was nun? In diesem Moment hätte sie aus lauter Verzweiflung laut schreien können. Panisch stieg sie aus dem Bett, schlüpfte in ihre Robe und eilte barfuss aus dem Zimmer. Hermione rannte die langen, schier endlosen Korridore entlang, vorbei an der Treppe zum Kerker, durch die Eingangshalle und ins Freie. Sie hielt nicht an, bis sie am Ufer des Sees ankam und sich dort mit lautem Schluchzen zu Boden warf.
"NEIN!", schrie sie dem Wasser entgegen, "Grosse Göttin. Wieso? WIESO?"
*** Ende (Teil 6) ***
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@Noria: -Nun, wie du siehst, ist deine Vorhersage eingetroffen. Es war schon so geplant, als ich mit dem 2. Teil der Geschichte begonnen hatte... nur muss ich ja nicht gleich mit allem heraus platzen, oder? ;-) Es macht viel mehr Spass, die Leser (und auch mich) auf die Folter zu spannen und zu sehen, was sonst noch so geschieht... und geschehen wird....
