»Ich kann es nicht fassen, dass sie uns wirklich dazu zwingen«, murmelte Jo und legte ihre Hände auf Alarics. Ihr Verlobter stand hinter ihr und strich sanft über ihren Bauch, während er sie ihm Spiegel musterte.

»So sind sie nun mal. Es wundert mich, dass Caroline noch nicht unsere Hochzeitsplanerin gefeuert hat, um das alles selbst zu organisieren. «, gab Alaric zurück und drückte ihr einen Kuss ins dunkle Haar. Jo seufzte.

»Aber uns die Nacht voneinander getrennt verbringen zu lassen …«, begann sie, aber Alaric unterbrach sie.

»Dir wird nichts passieren. Bonnie und Elena bleiben bei dir, du brauchst keine Angst haben. «, versprach er. Jo jedoch drehte sich zu ihm um und legte ihre Hände um seinen Hals, um ihm richtig in die Augen zu sehen.

»Du weißt wie ich das meine«, gab sie zurück und Alaric lächelte.

»Wir haben den Rest unseres Lebens, um es gemeinsam zu verbringen. «

Jos Lippen verzogen sich ebenfalls zu einem Lächeln und sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihn zu küssen. Alaric zog sie noch ein wenig fester an sich und roch ihr Parfüm, das ihm so vertraut war.
Als sie sich voneinander lösten, sah Jo ihn ernst an. »Was machen wir mit Kai? «

»Was meinst du? «

»Sollen wir ihn zur Hochzeit einladen? «, fragte Jo mit einem nervösen Unterton in der Stimme. Alaric musterte sie, um einzuschätzen ob sie es ernst meinte; dann zuckte er mit den Schultern.

»Er ist dein Bruder. Es ist deine Entscheidung ob du ihn einlädst oder nicht, nach allem was er getan hat. «, sagte er ruhig und musterte seine Verlobte, die daraufhin seufzte.

»Weißt du, alles in mir schreit ihn komplett aus meinem Leben auszuschließen und ihn zu vergessen. Er hat meine halbe Familie getötet und mich verletzt und die Zwillinge gejagt und … - « Jo holte tief Luft. »Ich wünschte wirklich, ich könnte ihn hassen. Ich habe ihn gehasst, wirklich. Aber seit er mit Luke verschmolzen ist habe ich das Gefühl ihn … zurückzubekommen. Ich meine, er war ja nicht immer so. Und irgendwie entwickelt er sich seitdem immer mehr zu dem Kai, der er vor dem ganzen Drama mit unserem Vater gewesen ist. Und ich habe Angst, dass er sich wieder davon entfernen wird«

Alaric blickte sie einen langen Augenblick an, dann senkte er den Blick und griff nach etwas, das hinter ihm lag. Als er den hübschen Umschlug mit dem silbernen Schriftzug in ihre Hand legte ohne etwas zu sagen, lächelte sie.

Auch Kai hatte ein Lächeln auf den Lippen, als er die Haustür öffnete und seine Schwester hereinbat. Sein Kopf fühlte sich zwar an als wäre er unter einen LKW geraten, aber es freute ihn trotzdem dass Jo ihn besuchte … und zwar freiwillig.

»Also, Schwesterherz, was verschafft mir die Ehre? « Kai machte eine Handbewegung und bot Jo damit den Stuhl an seinem Küchentisch an, während er den Kühlschrank öffnete. »Was willst du trinken? Eigentlich bleibt dir eh keine Wahl außer Wasser, außer Alkohol habe ich nämlich nichts da«
Jo schüttelte den Kopf über sein Gequatsche, wobei es sie etwas rührte, dass er an ihre Schwangerschaft dachte. »Wasser ist in Ordnung. «, sagte sie und beobachtete, wie ihr Bruder ein Glas aus dem Schrank holte und es wenige Sekunden später mit Wasser gefüllt vor ihr auf den Tisch stellte. Statt etwas zu trinken, beäugte sie misstrauisch die Flasche Bier, die Kai sich grade geöffnet hatte und an die Lippen hob. »Es ist grade einmal Vormittag, Kai. «, sagte sie mit einem Blick auf die Uhr. »Solltest du nach gestern nicht wenigstens eine kleine Pause von Alkohol einlegen? «

Kai schüttelte lachend den Kopf, stellte die Flasche auf den Tisch und massierte sich vorsichtig die Schläfen. »Alkohol wirkt nun einmal besser als Schmerztabletten«, erwiderte Kai nur. »Außerdem vertraue ich diesem ganzen chemischen Zeug nicht. « Er schüttelte sich bei dem Gedanken an diese neuartigen Medikamente, für die dauerhaft Werbung gemacht wurde.

Jo seufzte. »Um die wirst du nicht herumkommen, wenn du so weiter machst und dir eine Alkoholvergiftung zuziehst. «, gab sie zurück, aber Kai ignorierte sie. Jo kannte ihn, auch wenn sie ihn seit fast zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hatte. Und sie wusste auch, dass er immer besonders misstrauisch wurde, wenn ihm etwas nicht passte. Wie zum Beispiel der Kater, gegen den er im Moment absolut nichts ausrichten konnte.

Kai richtete sich auf. »Also, Josette, warum bist du hier? «

Jo hatte es immer für absolut normal empfunden, dass Kai und sie die gleiche Augenfarbe hatten. Immerhin waren sie Zwillinge, und dass es für sie so wahr, als würde sie sich selbst ansehen, wenn sie ihm intensiv in die Augen starrte, hatte sie nie weiter gestört. Als er aber angefangen hatte zu rebellieren fühlte es sich für sie so an als wäre der vorwurfsvolle Blick in seinen Augen ihr eigener, weil sie sich die Schuld für sein Verhalten gegeben hatte. Sie war immerhin seine Schwester, und es hatte sie geschmerzt zu sehen wie er sich immer weiter von ihr entfernte.

Aber als Kai sie jetzt anblickte fühlte es sich wieder fast genauso an wie früher, und das brach ihr beinahe das Herz. Schnell schob sie ihm den dünnen Umschlag über den Tisch zu, bevor er ihr Starren falsch deutete.

Kai hob eine Augenbraue, als er sich die Vorderseite der Karte ansah, die von einem Bild von ihr und Alaric geziert wurde. »Ich bin also offiziell eingeladen? «, fragte er und sah sie überraschenderweise ziemlich unsicher an. Jo nickte.

»Dir ist aber schon bewusst was meine Anwesenheit mit deiner Märchenhochzeit anstellt, oder? «, bemerkte er und lehnte sich auf dem Stuhl zurück. »Du wirst doch garantiert nicht nur mich von unserer verrückten Familie eingeladen haben. «

»Dad wird auch da sein«, erwiderte nur und Kais Blick verdüsterte sich. »Ich wollte ihn nicht einladen, aber irgendwie muss ich es auch tun. Er ist unser Vater, und er wird nie wieder ein Wort mit mir wechseln, wenn ich ihn nicht einlade. «

Kai schnaufte. »Wäre das so schlimm? « Ein vorwurfsvoller Blick von Jo ließ ihn seufzen. »Schon klar, ich weiß was du meinst. Du warst schon immer eines dieser Mädchen, die von der perfekten Hochzeit träumen. Riesiges Barbie-Brautkleid, überall Blumen, Glitzer, und natürlich der Vater der die Braut zum Altar führt« Kai verdrehte die Augen. »Jaja, ich versteh's ja. Wirklich. Aber ich kann dir trotzdem nichts versprechen, was mein Verhalten ihm gegenüber betrifft. «

Während Kai wütend die Arme vor der Brust verschränkte, lies Jo den Blick auf das Glas Wasser in ihren Händen sinken. Natürlich hatte sie gewusst, dass ein Aufeinandertreffen der beiden nicht gut verlaufen würde. Sie rechnete sogar damit, dass sie sich sofort gegenseitig umbringen wollten, sobald sie einander sahen, aber sie hoffte doch inständig, dass es einen Weg gab das zu vermeiden.

»Malachai«, begann sie, obwohl sie wusste, dass er es hasste seinen vollen Namen zu hören. »Ich werde Dad bitten, gleich nach der Trauung zu verschwinden. Bis dahin bitte ich dich ihn einfach zu ignorieren. «

»Josette, dieser Mann hat mich mein Leben lang wie ein Stück Dreck behandelt und mich dann in eine Gefängniswelt gesteckt. «, erwiderte Kai bedrohlich ruhig. »Und du erwartest von mir, nicht zu handeln? «

»Ich erwarte es nicht, ich bitte dich darum«, gab sie zurück und sah ihn an. »Bitte, Kai. Tu mir den Gefallen. Ich will euch beide irgendwie dabei haben, aber dabei kein weiteres Familienmitglied verlieren. «

Kai musterte sie lange, bis er schließlich seufzend den Kopf schüttelte. »Du hast dich in den letzten achtzehn Jahren wirklich kaum verändert. «

Jo lächelte, weil sie wusste dass Kai nachgegeben hatte. Sie hatte immer geglaubt seine Schwachstelle zu sein, obwohl sie bis zu diesem Zeitpunkt nicht gewusst hatte, ob es daran lag dass er ohne eine Verschmelzung mit ihr nicht zum Anführer des Zirkels werden konnte oder ob ihm wirklich schon immer etwas an ihr lag.

»Danke«, sagte sie leise, aber Kai presste nur leicht die Lippen zusammen und sah zu, wie Jo kurz daraufhin aufstand.

»Ich muss noch zur Arbeit«, sagte sie, als Kai aufstand und sie zur Tür begleitete.

»Die liebe Josie, immer auf dem Sprung«, seufzte ihr Bruder und sie konnte für einen kurzen Augenblick sehen, wie sich seine Lippen zu einem Lächeln verzogen.

Als Kai ihr die Haustür öffnete, zögerte er kurz. Sein erster Reflex war, einfach die Tür hinter ihr zu schließen und sich wieder der Aufgabe zu widmen, seinen Kater durch noch mehr Alkohol loszuwerden. Vielleicht konnte er ihr auch einfach die Hand geben, und dann –

Die Entscheidung wurde ihm abgenommen, als Jo einfach die Arme um ihn schlang und ihren Kopf gegen seine Schulter lehnte. Da sie flache Schuhe trug war sie fast einen ganzen Kopf kleiner als er, und Kai sah vor seinem inneren Auge den Augenblick, als sie ihn zum letzten Mal umarmt hatte.

Das Déjà vu war so heftig, dass er fast spürte wie er ihre dünnen Arme von seinem Körper löste und sie von sich stieß, aber in Wirklichkeit erstarrte er nur. Dann, ganz vorsichtig, legte er seine Arme auf ihrem Rücken und drückte sie leicht.

»Wir sehen uns auf der Hochzeit, Schwesterchen«, sagte er dann, als er die Umarmung schnell löste.

Jo nickte lächelnd und verabschiedete sich von ihm. Und während sie zu ihrem Auto ging und die schließende Haustür hörte lächelte sie immer noch, denn Kai hatte sie nicht abgewiesen. Er hatte sich zwar schnell wieder von ihr entfernt, aber er war auf sie eingegangen.

Und das – das versicherte sie sich selbst immer wieder voller Inbrunst – war ein Schritt in die richtige Richtung.

Bonnie liebte es, mit ihren Freundinnen shoppen zu gehen. Wirklich, sie liebte es. Und sie liebte Caroline und Elena über alles, aber manchmal waren die beiden einfach anstrengend.

So wie an diesem Tag. Da Bonnie erst vor wenigen Wochen wieder zurück war, hatte sie natürlich keine Chance gehabt sich auf die Hochzeit vorzubereiten, seitdem sie davon erfahren hatte.

Und als Bonnie an diesem Morgen aufgewacht war, hatte sie direkt in die grinsenden Gesichter von Elena und Caroline geblickt, die beschlossen hatten sie in die Stadt zu entführen.

Nun saß sie schon im mindestens zehnten Geschäft und starrte die Kleider an, die Caroline hoch hielt.

»Was meinst du? Zartrosa oder doch eher beige? Ich tendiere ja zu grün«, meinte sie und mustere die beiden Kleider.

»Hast du selbst eigentlich schon ein Kleid? «, fragte Bonnie schließlich, während Caroline das hübsche rosa Kleid wieder dorthin hing wo sie es entdeckt hatte. Es war wunderschön, keine Frage; es war etwa knielang und hatte einen hübschen, herzförmigen Ausschnitt, aber es gefiel Bonnie trotzdem nicht so ganz. Es schien einfach nicht so sehr zu ihr zu passen – sondern eher zu Caroline selbst -, weswegen sie es sogar strikt abgelehnt hatte, es überhaupt erst anzuprobieren.

»Oh ja. Ich habe das Kleid gekauft, als die Einladungen kamen. Elena hat ihres auch schon, sie ist ja Brautjungfer. Die tragen auf der Hochzeit alle violette Kleider, und - « Caroline wurde unterbrochen, als Elena hinter ihr auftauchte, mit einem breiten Grinsen im Gesicht und einem Kleiderbügel in der Hand.

»Ich habe das perfekte Kleid für dich gefunden«, verkündete sie Bonnie und hielt ihrer Freundin ihre neueste Entdeckung vor die Nase. »Los, probier's schon an! «, drängten die beiden dann, und Bonnie nahm das Kleid seufzend mit in die Umkleide.

Ein paar Minuten später zupfte sie noch schnell den Stoff zu Recht, bevor sie aus der Kabine trat. Caroline grinste und kicherte ein wenig, während Elena zufrieden das Kleid bewunderte.

»Das ist es! «, rief Caroline begeistert. Bonnie lächelte leicht, musterte aber verunsichert den weichen Stoff an ihrem Körper. »Bist du sicher? Ich meine, ich weiß nicht mal ob die Farbe mir überhaupt steht … «

»Nein, gar keine Widerrede! «, unterbrach Elena sie. »Du siehst wunderschön aus. Und pass nur auf, die wirst alle in den Schatten stellen. «