4. Der Überraschungsgast

Ginny hatte einen Alptraum- sie träumte sie wäre in Hogwarts im Raum der Wünsche mit ihrer ganzen Familie, den Weaslys. Der Raum der Wünsche sah aus wie ihr Zimmer im Fuchsbau, nur dass es viel größer war. Ginny hatte ein kurzes, schwarzes Nachthemd an, der Rest der Familie trug normale Kleidung. Arthur Weasly war zornig. ,,Ginny, was hast du denn eigentlich gedacht, was in unserer Familie passiert warum ,unser Blut so rein ist?! Natürlich betreiben wir es unter der Familie!" Und sie sah, wie Arthur Weasly Ron auf den Mund küsste; und nun war ihr eigener Vater über ihr und vergewaltigte sie wieder und wieder; dann verwandelte er sich wieder in Ron, der so brutal in sie hineingestoßen war, genau wie Fred der sich nicht unter Kontrolle hatte; dann wurde Fred auf einmal zu Lucius Malfoy der kalt lachend über ihr lag ,,Was dachtest DU denn wie sich alte Zaubereifamilien ihr Blut erhalten?!" Auf einmal ertönte eine kalte und hohe Stimme neben ihr. ,,Ginevra, wenn ich es mir Recht überlege hatte ICH noch nicht das Vergnügen- zumal es in alten Zaubererfamilien ÜBLICH ist...!"

Und Ginny wachte schweissgebadet auf. Sie brauchte einen Moment, bis sie realisierte, dass sie sich nicht in Hogwarts sondern im Fuchsbau in ihrem Zimmer befand; da war das Poster ihrer Lieblings-Quidditchmannschaft von der Kapitänin Gewenog Jones, die siegesgewiss und mit einem Lächeln auf den Lippen den Quaffel fest in den Händen hielt, während der Rest der Holyhead Harpies hinter ihr herflogen; ihr kleiner Schreibtisch voll mit Schulbüchern, Federkielen, Tinte und einer großen Pflanze die rote Blüten trug.

Ein Blick aus dem Fenster in den Obstgarten hinaus sagte Ginny, dass es später Abend sein musste; am Himmel zogen bereits dunkelrosa Streifen ihre Bahnen durch den indigofarbenen Nachthimmel. Ginny erinnerte sich an den heutigen Tag und Schwere füllte ihren Magen. Sie wünschte sich nichts mehr als wieder einzuschlafen, am liebsten wollte sie ihr ganzes Leben lang schlafen. Tränen füllten ihre Augen und ihr Herz tat ihr weh. Grade als sie sich wieder umdrehen wollte ging die Tür auf und Molly Weasly trat mit einem Tablett und einem Wäschekorb herein. ,,Hallo, mein Schatz wie fühlst du dich?", fragte sie ihre Tochter besorgt und stellte das Tablett auf dem Schreibtisch ab. Darauf standen eine große Tasse Ingwertee, ein großes Stück Zimttorte und ein dampfende Auflaufform mit Sahne-Zwiebel-Schnitten. Ginny brachte kein Wort heraus und schüttelte nur den Kopf. Molly Weasly sah besorgt und dann energisch drein. ,,Trink den Tee, Ginny!" Und sie begann sich im Zimmer umzusehen und Wäsche von einem kleinen Stapel zu nehmen. ,,Die Jungs sagen, es ginge dir nicht gut", sagte sie beiläufig und hievte die Wäsche in den rosa Wäschekorb, den sie dabeihatte. Ginnys Herz schmerzte noch mehr und die Leere in ihr sog alles an Gefühlen auf, was sie sonst noch hatte. Dann gab sich Ginny einen Ruck. ,,Mir gehts auch nicht gut", krächzte sie. ,,Ich fühl mich schlecht; mein Kopf tut weh." Mrs. Weasly setzte den Wäschekorb ab, setzte sich zu Ginny aufs Bett und strich ihr liebevoll über den Kopf. ,,Dann bleib im Bett, Liebling! Ich kümmer mich drum, dass dich alle in Ruhe lassen. Ich werde morgen in die Winkelgasse gehen und eine gute Flasche Aufpäppel-Trank holen, damit du wieder gesund wirst!" ,,NEIN!", schrie Ginny und Molly Weasly zuckte zusammen und sah sie erschrocken an. ,,Ich meine: Nein, Mum...bitte bleib hier...", sagte Ginny leise und kämpfte gegen ihre Tränen an. Mrs. Weasly schien gerührt, sie hielt es scheinbar für einen kindlichen Zuneigungsbeweis. ,,Na schön", sagte sie und stand auf. ,,Dann sage ich Arthur er soll etwas besorgen!" Sie nahm den rosa Wäschekorb und trat aus der Tür. ,,Und ruf mich, wenn du etwas brauchst", sagte Mrs. Weasly noch einmal laut durch die Tür und dann hörte Ginny wie ihre Mutter die Treppe hinunterging. Ginny lehnte sich matt in ihrem Bett zurück. Mit größter Anstrengung nahm sie die Tasse Tee in die Hand, nahm einen Schluck und würgte- sie bekam nichts runter. Dennoch hielt sie die brühend heisse Tasse in der Hand- der Schmerz tat gut, er schien sie den heutigen Tag vergessen zu lassen. Als sie es nicht mehr aushielt, stellte sie die Tasse zurück auf das Tablett und sank zurück in ihr Kissen. Diesmal schlief sie traumlos und tief ein vor Erschöpfung, während der Vollmond durch ihr Fenster auf ihr rotes Haar schien.

Die nächsten Tage schienen an Ginny vorbeizuziehen, farbenfroh und doch schwarz-weiss. Mrs. Weasly hatte allen verboten laut herumzuschreien, zu zaubern oder sonst irgendwelche Dinge zu tun, die Krach machten, da Ginny ,,sich etwas eingefangen hatte" wie sie sagte und solange wie sie sich nicht erholt habe, wolle sie keinen Krach vom dritten Stock herhören. Dabei sah sie so streng aus, dass niemand sich traute etwas dagegen einzuwenden. Doch für Ginny war diese Stille kaum erträglich und doch brauchte sie sie. In den Nächten weinte sie, weinte und weinte ohne Pause und sehnte sich nach jemandem, der sie das vergessen ließ was Ron, Fred und George getan hatten. Sie spürte den Schmerz in ihrem Körper, der sich wie heisse Lava durch jede einzelne Vene schlängelte und sobald sie Rons, Freds oder Georges Stimme vor ihrem Zimmer hörte, brach ihr das Schweiss in allen Poren aus und Angst schnürte ihr die Kehle zu. Das Letzte was sie wollte, war sie zu sehen, ihnen zu begegnen...

Nach einer Woche konnte sie jedoch nicht mehr in ihrem Bett liegen bleiben. Ihr Rücken schmerzte vom ewigen Liegen, in zwei Wochen würde es außerdem wieder zurück nach Hogwarts gehen und sie musste noch einiges an Hausaufgaben erledigen. Ihr Zaubertrank-Aufsatz war immer noch nicht fertig und auch zwei Bücher für Verwandlung und Kräuterkunde musste sie lesen. Es schnürte ihr die Kehle zu, wenn sie an ihre beste Freundin Luna Lovegood dachte; noch nie hatte sie sie mehr vermisst als in diesem Augenblick. Luna würde wissen was zu tun war...

Ginny stieg mechanisch aus ihrem Bett und besah sich in ihrem großen Zimmerspiegel; ihr Gesicht war blass, sie hatte dunkle Augenringe und das rote Haar hing ihr in Strähnen herunter. Auf ihrem T-Shirt, dass sie zum Schlafen trug, zeichneten sich Teeflecken und Kleckse von Zimttorte ab. Sie sah fürchterlich aus. Ginny überlegte ob sie das Risiko eingehen solle...ihr Mut siegte. Sie schloss sie ihre Zimmertür ab, drehte den Schlüssel dreimal um und ging dann in ihr kleines Badezimmer. Auch die Badezimmertür schloss sie dreimal ab und duschte so schnell sie konnte. Den Hahn drehte sie so heiss auf, wie sie es grade noch aushalten konnte und sie zitterte trotzdem, als sich ein schwacher Schmerz in ihrem Unterleib meldete.

Ginny trug eine weite kurze und ausgefranzte Jeanshose und ein blaues T-Shirt als sie zum Frühstück hinunterging. Ihr frisch gewaschenes Haar glänzte. Sie wollte um jeden Preis den Anschein der Normalität erwecken. Mrs. Weasly, die einen rosa Morgenmantel trug erblickte sie zuerst. ,,Hallo Schatz! Fühlst du dich heute besser?!", fragte sie und blickte Ginny prüfend an. ,,Besser, Mum, danke!", sagte Ginny und setzte ein gezwungenes Lächeln auf. ,,Gut, dann setz dich hin und frühstücke mit uns. Wir haben schon auf dich gewartet, es ist alles fertig-" Ginny erblickte das riesige Frühstück und fühlte wie sich ihr Magen umdrehte, aber sie konnte jetzt unmöglich sagen, dass sie wieder in ihr Zimmer zurückwollte. Sie würde sich hinsetzen, einen Eierkuchen hinunterwürgen und sich dann in den Garten legen, mit einem guten Buch. Vielleicht konnte sie dort auch ein wenig schlafen.

Doch am Tisch saß außer ihrer Mutter noch jemand, der sie völlig aus dem Konzept brachte und bei dem sie seit anderthalb Wochen echte Freude empfand.

,,BILL!", rief Ginny glücklich, rannte auf ihren großen Bruder zu und warf ihm die Arme um den Hals. ,,Ginny!", rief er und drückte sie fest an sich. ,,Ich bin so glücklich, dich zu sehen, was tust du denn hier?!", rief sie und nahm für einen kurzen Moment nicht mal Ron, Fred und George wahr, die ebenfalls in die Küche gekommen waren und sich an den Frühstückstisch setzten. ,,Ich bekam einen Brief von Gringotts, ich muss für sie etwas erledigen, da dachte ich ich komme mal vorbei", sagte Bill und lächelte Ginny an. ,,Mum sagte, du wärst krank." ,,Oh, jaaa..." ,,Aber...na komm!" Bill packte Ginny mit einem Ruck und sie spürte seine großen Hände die sich um sie legten und eine kalte Panik erfasste ihren Körper, ohne dass sie sich dagegen wehren konnte und sie stürzte fast zu Boden. ,,GINNY!", rief Arthur Weasly bestürzt und er sprang vom Sofa auf; Bill fing Ginny auf bevor sie auf den Boden knallte. Er sah sie besorgt an. ,,Ginny, bist du okay?!" ,,Ja, ja...schon gut..." Molly Weasly stürmte herbei und sah ebenso besorgt aus wie ihr Mann. ,,Ginny, du machst uns Sorgen!" ,,Sie hat noch nichts gegessen, Molly", sagte Arthur. ,,Sie muss etwas essen, dann geht es ihr besser!" Molly nickte mit blassem Gesicht. ,,Komm Ginny! Ich habe den Aufpäppel-Trank besorgt, du wirst im Nu wieder ganz gesund sein!" Und sie drehte sich um und marschierte in die Küche. Als Ginny aufstehen wollte, halfen ihr Ron und Bill auf und Ginny wiederstand dem Drang Rons Hand abzuschütteln oder ihn zu schlagen.

Es ging Ginny wirklich besser, als sie den Aufpäppel-Trank getrunken hatte. Sie fühlte sich körperlich gesünder, auch wenn ihr innerlich immer noch kalt wurde, sobald sie die Zwillinge und Ron betrachtete die im Wohnzimmer auf den Sofas lümmelten und ,,Snape explodiert" spielten. Sie saß währenddessen am Frühstückstisch und plauderte mit Bill, während ihre Mutter immer wieder neue Pfannkuchen auf seinen Teller häufte. Mrs. Weasly war glücklich darüber dass Bill sie besuchen kam, und fing sofort an über mehrere Tage mit ihm zu verhandeln.

,,Bill, es ist Freitag, ich bin sicher dass sie nichts dagegenhaben wenn du einfach hierbleibst-"

,, Naja, es wird sicher kein Problem sein, ich werde ihnen später Bescheid sagen."

Ginny plagten auf einmal Zweifel, ob es wirklich so gut war, dass Bill hier sei. Sie hatte ein unerklärliches Angstgefühl in ihrem Bauch und eine kalte Faust schien sich um ihr Herz zu schliessen; doch sie konnte den Grund nicht erfassen. Sie spürte jedoch was die Ursache war, als sie ihre Brüder den ganzen Tag lang beobachtete. ,,Das machen Zaubererfamilien nun mal so" Die Stimmen aus ihrem Alptraum wiederhallten in ihrem Kopf. Ginny schüttelte den Kopf, als könne sie sie vertreiben und fing an den Tisch abzuräumen.

Sie spürte die Blicke von Ron, Fred und George wie Messer im Rücken, wie sie ihren Körper musterten, während sie Teller, Becher, Gläser und Besteck zu ihrer Mutter in die Küche brachte. Mrs. Weasly hatte das Buch ,,Haushaltszauberei- So wird ihr Haus blitzblank" aufgeschlagen und schwang ihren Zauberstab über ihrem Kopf, während sich das Geschirr in der Küche anfing selbst abzuwaschen. Ginnys düstere Gedanken wurden unterbrochen, als Mrs. Weasly mit ihrem Zauber versehentlich George traf, dem große Seifenblasen aus dem Mund quollen und während Mrs. Weasly George anfauchte, dass er sich gefälligst nicht so anzuschleichen habe, ging Ginny in den Garten und versuchte sich mit einem Buch (Quidditch mit den Holyhead Harpies) abzulenken.

Zur Mittagszeit saß Ginny zwischen den Zwillingen; sie spürte nackte Angst als sie zwischen ihnen saß, Schenkel an Schenkel, doch außer der Tatsache dass George ihr wie zufällig über den Oberschenkel strich, passierte nichts - alle Aufmerksamkeit war auf Bill gelenkt, der von seiner Arbeit in Gringotts berichtete und dass er befördert wurden war. Mrs. Weasly schwoll vor Stolz an und bedachte Bill mit einem liebevollen Blick, was die Zwillinge augenrollend zur Kenntnis nahmen. Ginny bemerkte wie sie anfing zu schwitzen, als Georges Blick von Bill zu ihr fiel, und sie zog ihre Hand weg, als er seine auf ihre legen wollte. Er blickte sie verdrossen an, griff nach ihrer Hand und zerquetschte sie fast unter dem Tisch. Ginnys Herz wurde schwer und ihre Kehle schnürte sich zu. Georges Hand griff zwischen ihre Beine als... ,,Ginny, alles in Ordnung?!", rief Mr. Weasly über den Tisch und George ließ wie vom Blitz getroffen von Ginny ab. Ginny atmete zitternd aus.

Abends fragte Bill Ginny, ob sie mit ihm, Fred, George und Ron eine Runde Quidditch spielen wollte. Ginny fühlte sich hin-und hergerissen; sie wollte um jeden Preis wieder Quidditch spielen, der berühmte Zauberersport war etwas, was sie am meisten aus Hogwarts vermisste. Dennoch wusste sie, dass sie, wenn sie je wieder auf einen Besen steigen würde, nie wieder das Bild von Fred zwischen IHREN Beinen aus dem Kopf bekommen wurde. Sie biss sich auf die Lippen und lehnte schweren Herzens ab. Sie sah mit ihren Eltern im Garten gemeinsam Bill, Fred, George und Ron zu. wie sie gegeneinander spielten und lachte sogar ein wenig, als Fred Ron fast einen Quaffel an den Kopf pfefferte. Für einen kleinen Moment fühlte sich Ginny, als wäre alles wie immer; als wären sie und ihre Familie fest vereint und die Sache in ihrem Zimmer wäre niemals passiert.

Später nach dem Abendessen als Ginny das Geschirr abwusch, bekam sie mit wie Fred mit Bill ein vertrautes Gespräch führte und sie bemerkte, wie George und Ron daneben auf dem Sofa Zauberschach spielten, aber sie bekam genau mit dass sie zuhörten. Ginny konnte nichts gegen das unheilvolle Gefühl tun, was ihr auf den Magen schlug und sie fing an die Teller noch hastiger abzuwaschen. Einer rutschte ihr aus den Händen und zerbrach auf dem Boden. Während sie mit roten Wangen die Scherben aufsammelte, beobachtete sie wie Fred Bill etwas erzählte und dabei immer wieder zu ihr hinsah. Bill nickte nur oder kommentierte leise Freds Sätze.

In dieser Nacht kroch sie zitternd unter ihre frische Bettdecke. Sie lag kühl und frisch auf ihrer Haut und Ginny überlegte, ob sie die Tür abschliessen solle. Allerdings war ihre Mutter nebenan im Nähzimmer und nähte aus brandneuem Drachenlederstoff ein Jacket für Bill, was sie beruhigte. Ginny merkte das erstemal seit Tagen, wie erschöpft sie war und noch während sie über das Abschliessen ihrer Tür nachdachte, sank sie in einen ruhigen Schlaf.

Sie wachte auf, als sie merkte das jemand durch ihre Zimmertür kam und sie schreckte überrascht auf.

,,Wer ist da?!", rief sie mit zitternder Stimme und kramte neben ihrem Bett nach ihrem Zauberstab.

,,Ich bins, Bill-"

,,Was willst du?", schnitt Ginny ihm das Wort ab.

,,Öffne die Tür-", bat Bill und Ginny bemerkte plötzlich, dass ihre Tür abgeschlossen war und Bill nur die Klinge heruntergedrückt hatte.

,,Was willst du?", fragte Ginny. ,,Ich liege schon im Bett und schlafe..."

,,Ich will einfach nur rein zu dir. Warum öffnest du nicht die Tür?"

,,Gute Nacht, Bill..."

,,GINNY!"

Sie horchte mit klopfendem Herzen und nach einer Weile hörte sie, wie sich seine Schritte entfernten. Warum zur Hölle wollte Bill mitten in der Nacht zu ihr ins Zimmer?! Worüber hatte er mit Fred gesprochen?! Ginny fiel in einen unruhigen Schlaf, voll von schwarzen Gestalten vor denen sie wegrannte und die versuchten ihre Hände auf ihren Körper zu pressen.