3.2
„Hermione – "
„Ich hab's! – "
Sie sprachen gleichzeitig. Hermiones triumphierender Ausruf übertönte beinahe Severus' sanftes Murmeln ihres Namens.
Sie setzten sich beide aufrecht hin, verließen die Umarmung.
„Was meinst du?", fragte Severus verwirrt.
„Ich weiß, wie das Toxin aktiviert wurde!", erklärte Hermione aufgeregt. „Sie hat es eingeatmet! Es muss im Duftstoff der Blumen sein. Und als es ihre Lungen erreichte, hat es sich in der Feuchtigkeit der Lungenwände gelöst. Das ist das Wasser, durch das es aktiviert wurde! Und natürlich ist es von der Lunge in den Blutkreislauf geraten, der es zu jeder Zelle ihres Körpers gebracht hat. Ich kann nicht glauben, dass ich nicht früher daran gedacht habe." Sie schüttelte reumütig den Kopf.
„Ich verbeuge mich vor deinem großen Wissen über die menschliche Physiologie", sagte Severus, den Kopf neigend. Dann erhellte ein echtes Lächeln sein Gesicht. „Gut gemacht, Hermione."
Er stand auf, nahm ihre Hand und zog sie hoch. „Na dann komm. Du hast ein Gegengift zu entwickeln."
Es dauerte nicht lange, bis die Begeisterung nachließ. Hermione stieß mit dem Finger auf den Computerbildschirm, als sie Severus die Liste der Inhaltsstoffe für das Gegengift zeigte.
„Das meiste davon ist ziemlich normales Zeug – Ich habe das Mischungsrezept gleich erkannt. Weinraute, Alraunenwurzel und so weiter. Aber ich habe keine Ahnung, was dieses letzte hier ist. Es ist nicht in dem verdammten Arithmantischen Lexikon!"
Sie stützte den Kopf in die Hände und stieß ein lautes, frustriertes „Grrrrr!" aus.
Severus kam von dort, wo er stand, um über ihre Schulter zu schauen, und setzte sich neben sie.
„Lass es uns logisch angehen", begann er. „Versteh das nicht falsch, aber bist du sicher, dass das Rezept korrekt ist?"
Hermione erhob das Gesicht aus ihren Händen und funkelte ihn an. „Ich habe es acht Mal überprüft. Reicht das?"
Severus fuhr schnell fort: „Die nächste Frage ist dann, warum es nicht im Lexikon ist. Du kennst dich damit besser aus als ich. Gibt es eine Substanzgruppe, die es nicht abdeckt?"
„Nichts, was mir einfiele. Es war nicht besonders verlässlich, wenn es um Muggelpflanzen ging, aber das wurde korrigiert in der neuesten – warte. Das ist die neueste Ausgabe, oder nicht?"
„Ich bezweifle es – ich habe es schon seit Jahren", antworte Severus, während Hermione zurück zur ersten Seite blätterte.
„Ha!", sagte sie, plötzlich grinsend. „Merlin sei Dank dafür. Das ist uralt. Okay, ich gehe schnell nach Hause und hole meins. Das ist die neueste Ausgabe." Sie wollte aufstehen, doch Severus legte ihr die Hand auf die Schulter, um ihre Bewegung zu verhindern.
„Warum lässt du mich nicht gehen und es holen?", fragte er. „Du sparst dir die Energie des Apparierens, und du kannst anfangen, die Methode auszuarbeiten."
„Wenn du dir sicher bist", begann sie zweifelnd.
„Ich bin sicher", antwortete er fest. „Wo ist das Buch?"
„In der Bibliothek." Sie schloss kurz die Augen und runzelte die Stirn, als sie sich konzentrierte. „Erstes Regal auf der rechten Seite, viertes Fach von unten, direkt links von der Mitte."
„Kannst du das bei allen deinen Büchern sagen?", fragte er mit amüsierter Stimme.
Sie grinste. „Von einer tragischen Anzahl, sogar. Dann los, wenn du gehen willst."
Er verbeugte sich neckend. „Dein Wunsch ist mir Befehl."
„Du bist in sehr seltsamer Laune heute Morgen."
„Nur benommen vom Schlafmangel", gab er über seine Schulter zurück, als er das Labor verließ.
Er kehrte zehn Minuten später mit zwei Büchern in der Hand zurück. Er ließ Hermiones Lexikon neben ihr auf die Arbeitsfläche fallen und nahm wieder seinen Platz an ihrer Seite ein.
„Wunderbar!", sagte sie, als sie das Buch nahm und schnell darin blätterte. „Was hast du noch?"
„Ich dachte, da wir vermutlich mit einer Pflanze hantieren, wäre ein erklärender Pflanzenkundetext nützlich. Ich habe mir deine Ausgabe von Inventur der Botanik: Magisches und Weltliches. Deine Bibliothek macht dir übrigens alle Ehre – sehr gut organisiert."
„Eher ein Zeugnis meines Mangels an einem Sozialleben", sagte Hermione mit kurzem Lachen. Sie ließ den Finger über die Seite vor ihr gleiten. „Aha! Hier ist es. Die fehlende Zutat ist die Wurzel des meerzwiebelartigen Tausendgüldenkrauts, Centaurium scilloides. Klingelt da irgendetwas?"
„Nicht im Geringsten, aber deshalb habe ich das andere Buch mitgebracht. Mal sehen… Das meerzwiebelartige Tausendgüldenkraut ist äußerst selten und kommt nur an einer Stelle im Westen von Wales, die den Muggeln bekannt ist, und einem Platz in Cornwall vor, der es nicht ist. Tja, das ist ein Glücksfall – es ist eine heimische Pflanze."
Er überflog den Rest des Eintrags und prustete kurz lachend. „Nach einem Muggelbuch für Zauberei aus dem achtzehnten Jahrhundert lässt die Pflanze, wenn man sie ins Lampenöl mischt, diejenigen, auf die das Licht der Lampe fällt, glauben, dass sie fliegen können. Es ist wahrscheinlich ein Halluzinogen. Pomona würde das gefallen."
Seine Augen wanderten zum Ende der Seite. „Mist. Anscheinend hat die Wurzel der Pflanze nur magische Kraft, wenn sie um Mitternacht geerntet wird." Er knallte das Buch frustriert auf die Werkfläche. „Eines Tages werde ich eine Trankzutat entdecken, die nur in warmem Sonnenschein geerntet werden kann, während man ein Pint in der Hand hält."
„Haben wir Zeit bis Mitternacht?", fragte Hermione mit kleiner Stimme. „Kann Pomona solange warten?"
Severus stand auf, mit einem grimmigen Ausdruck auf seinem Gesicht.
„Ich weiß es nicht. Hast du etwas dagegen, wenn ich zum Grimmauldplatz zurückgehe und deine Flohverbindung nutze, um mit Minerva zu sprechen?"
„Ganz und gar nicht. Willst du, dass ich mitkomme? Es gibt nichts, was ich hier im Moment tun kann."
Severus schüttelte den Kopf. „Nein, du bleibst." Seine Gesichtszüge wurden etwas weicher. „Warum gehst du nicht zum Warten ins Haus? Setz dich irgendwo hin, wo es bequemer ist. Du musst erschöpft sein."
„Ich denke, ich habe die Erschöpfung durchschritten und bin jetzt auf der anderen Seite angekommen. Wie wäre es, wenn ich Tee aufsetze und vielleicht etwas Frühstück für uns richte? Ich werde mich ohnehin nicht entspannen könne, bis du zurück bist."
Sie stand auf und streckte ihre Arme über ihrem Kopf aus. „Ich schätze, du hast etwas zu essen in deiner Küche? Oder muss ich hingehen und von einem deiner Nachbarn etwas erbetteln?"
Sie wurde mit einem leichten Lächeln belohnt. „Du solltest in der Lage sein, etwas zu finden. Ich habe mich daran gewöhnt, Gäste mit großem Appetit zu haben."
Sie streckte ihm die Zunge heraus, als sie gemeinsam das Labor verließen.
„Sehr damenhaft", kommentierte Severus. Er stoppte und berührte kurz ihren Arm. „Ich werde nicht lange brauchen. Los, geh nach drinnen. Es ist kalt hier draußen."
Hermione nickte wortlos, dann sah sie zu, wie er eine kleine Strecke weiterlief und disapparierte.
Bald darauf beschäftige sie sich in der Küche damit, Schranktüren nach dem Zufallsprinzip zu öffnen und dann den Inhalt des Kühlschranks zu inspizieren. Die Fenster wiesen landwärts und das frühmorgendliche Sonnenlicht erhellte lebhaft den Raum, spiegelte sich auf den polierten Oberflächen wider und ließ das Gebälk glänzen. Hermione wünschte sich, dass ihre Laune ebenso hell wäre. Sie wünschte auch, dass sie darauf beständen hätte, mit Severus zu gehen. Es war eine Qual, auf seine Rückkehr zu warten und nicht in der Lage zu sein, etwas zu tun, außer sich zu sorgen, welche Neuigkeiten es geben würde.
Sie realisierte, dass sie seit mehreren Minuten in den Kühlschrank gestarrt hatte, ohne die geringste Notiz davon zu nehmen, was darin war. Sie schloss seufzend die Tür und rieb sich mit den Händen über die Augen. Den Wasserkessel aufsetzen. Zumindest das würde sie tun können. Sie füllte ihn aus dem Wasserhahn und stellte ihn dann zum Erhitzen auf den Herd. Erst letzte Woche hatten sie und Pomona Severus mit der Ausbreitung von Muggelgeräten in seiner Küche aufgezogen. Er hatte sich geweigert, darauf anzuspringen, und lachend protestiert, dass Muggel es manchmal richtig machten. Er zeigte auf den erwähnten Herd, während er erklärte, dass er noch keine magische Technik entdeckt hatte (Hauselfen ausgeschlossen), die praktisch ohne eine Anstrengung seinerseits das Haus wärmen, Wasser erhitzen, ein Schmorgericht kochen und den Wasserkessel zum kochen bringen konnte. Sogar Pomona hatte ihm diesen Punkt zugestanden.
Hermione seufzte nochmals, als sie an Sprout dachte, dann schob sie ihre Gedanken zu etwas produktiverem zurück. Frühstück. Sie würde nicht kochen können. Toast? Sie holte einen Laib aus dem Brotkasten und verzauberte ein Messer, um es zu schneiden, während sie Butter und Marmelade auftrieb. Sie betrachtete das handgeschriebene Etikett auf dem Marmeladenglas mit einem Lächeln, während sie kurz spekulierte, gegen welches „pflanzliche" Heilmittel es eingetauscht worden war.
„Was ist so lustig?"
Sie zuckte beim Klang von Severus' Stimme aus dem Flur zusammen und ließ beinahe das Glas fallen. Sie stellte es sicher auf dem Tisch ab.
„Ich habe nur ein weiteres Geschenk von einem deiner dankbaren Nachbarn bewundert."
Sie sah ihm prüfend ins Gesicht, als er sich an den Türrahmen lehnte, Hände in den Taschen, und war erleichtert, dass er relativ fröhlich aussah.
„Also?", fuhr sie ungeduldig fort. „Wie geht es Pomona?"
„Etwas besser, dank dir."
„Mir?", fragte Hermione verwirrt. „Was habe ich getan?"
„Das Eisbad, das du vorgeschlagen hast, hat sich als bemerkenswert effektiv erwiesen. Poppy konnte Pomonas Körpertemperatur auf ein angenehmeres Level bringen. Sie ist ziemlich zuversichtlich, dass sie in der Lage ist, sie stabil zu halten, bis das Gegengift fertig ist."
Hermione seufzte, aus vollem Herzen erleichtert. „Gott sei Dank dafür. So, und wir warten bis Mitternacht."
Severus nickte. „Ich werde später die Basis für das Gegengift vorbereiten, dann können wir die Wurzel direkt hinzufügen, wenn wir sie geerntet haben, und es sofort zurück nach Hogwarts bringen. Ich habe übrigens eine temporäre Flohverbindung eingerichtet, so dass Minerva und sofort kontaktieren kann, wenn es eine Veränderung gibt."
„Ich hatte mich gefragt, warum ich nicht die Tür gehört habe, als du nach Hause gekommen bist. Ich bin beeindruckt, dass du zu dieser Zeit am Sonntagmorgen jemanden von der Flohnetzwerkregulierungsbehörde auftreiben konntest."
„Das brauchte ich nicht. Mr. Weasley hat es für mich eingerichtet. Anonym obendrein, so dass meine Adresse ein Geheimnis bleibt. Ich habe das ungute Gefühl, dass ich meine Meinung von ihm nach oben korrigieren muss, bevor diese Sache erledigt ist."
„Ich habe dir doch gesagt, dass er weiß, was er tut. Hat er schon Glück gehabt, herauszufinden, wer verantwortlich ist?"
„Anscheinend hat er ein paar ‚vielversprechende Hinweise'. Apropos vielversprechend, was gibt es zum Frühstück?"
Hermione leckte mit offensichtlichem Vergnügen einen verschmierten Marmeladenklecks von ihrem Finger. Sie sah auf und bemerkte, dass Severus sie von seinem Platz auf der anderen Seite des Küchentischs beobachtete.
„Was?", fragte sie mit leichter Herausforderung in der Stimme. „Das ist köstlich. Ich hatte nicht gewusst, wie hungrig ich war, bis ich angefangen habe, zu essen."
„Offensichtlich", bemerkte er und sah vielsagend auf die mageren Reste des Brotlaibs.
„Du kannst mich mal", gab Hermione gutgelaunt zurück. „Du hast mehr gegessen als ich. Wo steckst du das übrigens alles hin? Ich hatte angenommen, dass du dünn wärst, weil du nichts isst, aber ich habe keinen Beweis dafür gesehen."
„Wenn ich esse, esse ich gut, aber ich habe die Angewohnheit, so sehr in meine Arbeit vertieft zu sein, dass ich das Essen vergesse."
Hermione nickte verstehend. „Ich bin auch so. Merlin weiß, welche Ausmaße ich hätte, wenn ich daran denken würde, drei Mahlzeiten am Tag zu essen." Sie hielt die Hand vor ihren Mund, um ein großes Gähnen zu verstecken. Severus stand auf.
„Komm, junge Lady. Bett."
Sie öffnete die Augen weit, mit einem Ausdruck künstlicher Unschuld. „Was sagst du da, Severus?"
„Dass du Schlaf brauchst. Nachdem wir die ganze Nacht wach waren, denke ich, dass ich zu jeder anderen Aktivität im Schlafzimmer momentan nicht in der Lage bin."
„Was für eine Schande." Sie grinste ihn verschmitzt an.
Bei Merlins altem Stab, flirte ich tatsächlich mit ihr? Und noch mehr als das, flirtet sie tatsächlich mit mir? Seltsam, was Schlafmangel bewirkt.
Er hielt ihren Blick einen Moment lang und erlaubte einem kleinen Lächeln, auf seinen Lippen zu erscheinen. Sie begegnete seinen Augen offen, dann bemerkte er, dass sich ihre Wangen leicht färbten und sie hastig auf den Tisch hinabsah. Sie hob ihre Tasse an und trank den Rest ihres Tees, dann stand sie auf und streckte sich.
„Du hast Rech – ich bin erledigt. Der Gedanke an mein Bett ist plötzlich sehr reizvoll. Geht dein Flohanschluss vom Wohnzimmer ab? Ich habe nicht mehr die Energie zu apparieren."
Severus nickte bestätigend und folgte ihr, als sie die Küche verließ. Als sie den Kamin erreichten, drehte sie sich um, um ihn anzusehen.
„Versprich mir, dass du mich sofort wissen lässt, wenn es irgendwelche Neuigkeiten gibt. Kein Unsinn wie mich nicht stören zu wollen." Ihre Augen blickten besorgt in seine.
„Ich verspreche es. Jetzt geh. Schlaf. Und komm heute Nacht passend ausgerüstet für die Pflanzenjagd zurück."
Sie lachte kurz darüber. „Und du versuchst auch, ein wenig Ruhe zu bekommen."
„Ich gebe mein Bestes."
Hermione kam näher zu ihm und küsste ihn schnell auf die Wange.
„Träum schön", sagte sie leise, bevor sie zurück an den Kamin trat. Sie nahm eine Handvoll Pulver aus dem Gefäß auf dem Kaminsims und warf es ins Feuer. Sie trat in die smaragdgrünen Flammen, während sie deutlich „Grimmauldplatz Nummer zwölf" sagte.
Severus sah für einen langen Moment ins Feuer, nachdem sie verschwunden war. Etwas in ihrer Beziehung hatte sich in den vergangenen vierundzwanzig Stunden verändert. Als er ihr gestern gesagt hatte, wie sehr ihre Freundschaft ihm bedeutete, hatte er es sich selbst genau so sehr wie ihr gestanden. Aber als er das getan hatte und ihre höfliche Erwiderung gehört hatte, war es, als hätte er sich selbst die Erlaubnis gegeben, sich mehr als Freundschaft vorzustellen. Wobei „vorstellen" das Wort war, auf das es ankam, wie er sich selbst streng ermahnte. Eine kurze Umarmung auf einer Bank und ein wenig Flirten aus Erschöpfung ergaben noch keine Romanze. Und daraus wurde ganz sicher nicht das Feuerwerk, das Hermione suchte.
Er blickte vom Feuer weg, die Nachbilder der Flammen erschienen in seinem Blickfeld noch als Nachhall der realen Sache. Was, wie er bedauernd überlegte, das beste war, das er hoffen konnte, anzubieten.
Zu ihrer großen Überraschung gelang er Hermione, einige Stunden tief zu schlafen. Sie erwachte, leicht desorientiert, mitten am Nachmittag. Ihr erster Impuls war, direkt zurück zu Severus' Haus zu gehen, aber sie hielt sich zurück. Schließlich würde er schlafen, falls er ihren Rat beherzigt hatte, und sie wollte ihn nicht stören. Ihr nächster Gedanke war, McGonagall nach Neuigkeiten zu fragen, aber auch hier war Zurückhaltung angebracht. Der rationale Teil ihres Gehirns wusste, dass jemand sich gemeldet hätte, wenn es eine Veränderung in Pomonas Verfassung gegeben hätte. Leider wollte der irrationale Teil ihres Gehirns sehr gerne eine Bestätigung haben.
Ron!, dachte sie erleichtert. Er wird nicht schlafen. Er sollte es jedenfalls besser nicht. Sie schlang ihren Morgenmantel enger um sich und rannte leichtfüßig die Treppe hinunter in ihre Küche im Keller. Sie kniete sich auf ein Kissen auf dem Boden vor dem Kamin und warf eine kleine Handvoll Flohpulver hinein und rief die Adresse von Rons Büro, bevor sie ihren Kopf in die Flammen schob.
Ihr zeigte sich die bekannte Ansicht von Rons Abteil des Aurorenbüros, allerdings aus einem ungewohnten Winkel. Ron saß an seinem Schreibtisch und kritzelte rasend etwas, aber er sah erschrocken hoch, als Hermione seinen Namen rief.
„Verdammte Scheiße, Süße, du hast mich zu Tode erschreckt! Alles in Ordnung?", fügte er besorgt hinzu. „Es geht ihr nicht schlechter, oder?"
Hermione schüttelte den Kopf, während sie versuchte, dabei nicht das Gesicht voller Asche zu bekommen.
„Nicht, dass ich wüsste. Ich habe mich nur gefragt, wie du voran kommst."
Ron lächelte verständnisvoll. „Ich bin erstaunt, dass du es so lange ausgehalten hast, bis du nach mir gesehen hast. Ich habe gehört, dass du das Gegengift beinahe fertig hast. Gut gemacht."
Hermione zuckte bescheiden mit den Schultern, bevor sie die Absurdität dieser Geste erkannte, weil Ron nur ihren Kopf sehen konnte.
„Es war eine gemeinschaftliche Arbeit. Severus gebührt genau so viel Lob. Jedenfalls, wie kommst du voran?"
„Ziemlich gut sogar. Nach Filchs Aussage wurde die Pflanze gestern Morgen von einem Jungen aus Hogsmeade geliefert. Ich konnte ihn finden und mit ihm reden. Er kannte den Mann nicht, der ihm die Auslieferung aufgetragen hat, aber er hat mir eine gute Beschreibung gegeben. Und wir haben einige Signaturen des Zauberstabs von der Karte. Es scheint, dass der Sender seine Handschrift verschleiern wollte, aber er wusste offenbar nicht, dass wir heutzutage herausfinden können, welcher Zauberstab benutzt wurde. Ich warte darauf, ob wir ein passendes Ergebnis aus Ollivanders Dokumenten bekommen."
„Also habt ihr ihn beinahe?"
„Mit ein bisschen Glück. Natürlich kann er cleverer sein, als wir dachten, und den Zauberstab von jemand anderem benutzt haben, aber wir wollen optimistisch sein, ne?"
„Das ist toll, Ron. Gut gemacht."
„Hör auf, so überrascht zu klingen, du!" Ron drohte ihr scherzhaft mit dem Finger. „Und jetzt geh. Zurück zu Severus. Ich bin mir sicher, dass er auf dich wartet."
„Was meinst du damit?", fragte Hermione etwas abwehrend.
„Was meinst du damit, ‚was meine ich damit?' ? Du hast es geschafft, ihn davon zu überzeugen, dass ich meine Arbeit gut mache, was nichts weniger als ein Wunder ist. Der arme Kerl ist offensichtlich in dich vernarrt."
„Sei nicht lächerlich, Ron." Hermione hoffte, dass er ihre plötzlich geröteten Wangen auf die Hitze des Feuers schieben würde. „Ich muss aber wirklich los. Wir sehen uns. Und viel Glück."
„Bis dann, Liebes. Tschüss!"
Hermione erhob sich aus ihrer knienden Position und hielt ihre vom Steinboden kalten Hände an ihre noch immer heißen Wangen. Wie sie ihn gerne erinnerte, hatte Ron normalerweise die emotionale Sensibilität von Dianthuskraut. Dass er dachte, Severus würde sie mögen, hatte nichts zu sagen. Aber sie konnte trotzdem die plötzliche Leichtigkeit in ihrem Herzen nicht unterdrücken, als sie zurück nach oben rannte, um sich anzuziehen.
„Nimm deine Hände etwas höher. Nein, noch mehr. Etwas fester. Fast da … nur ein bisschen nach links. Ah, perfekt." Hermione seufzte zufrieden. Wenn Severus darüber nachgedacht hätte, wie die nächtliche Pflanzenjagd ausgehen würde, hätte er sich das niemals vorgestellt: Er lag auf dem Bauch auf dem gasbewachsenen Kliff, seine Hände umklammerten Hermiones in Jeans gekleidete Beine, während sie sich gefährlich weit über den Rand streckte.
Er hätte wissen müssen, dass eine Pflanzenart, die den Muggeln nicht bekannt war, an einem extrem unzugänglichen Ort wachsen würde. Es war ein Glück, dass er sich in der Begleitung einer schmalhändigen Hexe befand, die keine Angst vor Höhen hatte.
„Hab's!", kam ihre gedämpfte Stimme von unten. „Du kannst mich jetzt hochziehen."
Gehorsam verlagerte Severus seinen Griff um ihre Beine und hievte sich mit Hilfe seiner Knie und Ellbogen rückwärts. Mit erheblicher Anstrengung und einer vollkommenen Abwesenheit seiner Würde konnte er sie zurück in Sicherheit ziehen. Sie setzten sich beide in aufrechte Position und verschnauften.
Hermione schwenkte eine ziemlich mitgenommen aussehende Pflanze in ihrer linken Hand.
„Das haben wir also. Eine fehlende Zutat, geerntet um Mitternacht. Ich hoffe wirklich, es ist die richtige."
„Ich weiß immer noch nicht, warum du nicht zugelassen hast, dass ich dich einfach nach unten levitiere", beschwerte sich Severus.
„Ich habe es dir gesagt – so hat es sich sicherer angefühlt. Etwas über den Rand einer Klippe zu hängen, während meine Füße von jemandem gehalten werden, dem ich traue, ist eine Sache. Mitten in der Luft zu schweben ohne ein sichtbares Anzeichen der Stütze ist eine völlig andere. Ich hätte Flashbacks bekommen, die mich an den Ritt auf dem Thestral erinnert hätten. Wie auch immer,", fuhr sie mit einem gerissenen Grinsen fort, „Ich dachte, du würdest die Chance würdigen, deine männliche Stärke zu demonstrieren."
Severus sah in ihr Gesicht, das matt von der Laterne erhellt wurde, die er mitgebracht hatte, aber das von innen in Triumph strahlte. Und möglicherweise von den Nachwirkungen des Kopfübergehaltenwerdens. Sie sah vollkommen entzückend aus. Er stand abrupft auf und streckte seine Hand aus, um ihr auf zu helfen. Sie nahm sie, und er zog sie in eine stehende Position.
„Da haben wir es", sagte er. „Männliche Stärke nochmals demonstriert."
„Ich bin angemessen beeindruckt", bestätigte sie mit einem weiteren Lächeln. Er bemerkte vage, dass sie noch immer seine Hand hielt. Sie trat einen Schritt auf ihn zu, nahe genug, dass sie ihren Kopf anheben musste, um ihm in die Augen zu sehen.
„Das bin ich auch", antwortete er leise. „Nicht von deiner männlichen Stärke, natürlich, obwohl –"
Sie unterbrach ihn mit dem simplen Hilfsmittel, ihn sanft auf die Lippen zu küssen.
Sie zog sich ein Stück zurück und sah ihn unsicher an.
„Tut mir leid", sagte sie leise, „Ich habe nicht – "
Dieses Mal brachte er sie zum Schweigen, indem er sanft einen Finger auf ihre Lippen legte. Er ließ ihn dort, während er den Kopf schüttelte.
„Entschuldige dich nicht."
Zögernd legte er die Hand an ihr Gesicht, sein Daumen streichelte ihre Wange. Wie eine Katze drückte sie ihr Gesicht leicht in die Liebkosung. Er sah in ihre Augen und erwartete, dass sie sich jeden Moment wegbewegen würde, einen Witz reißen würde, ihn sogar fragen würde, was zur Hölle er dachte, dass er tue. Aber sie hielt still, mit einem kleinen Lächeln auf dem Gesicht akzeptierte sie seinen Übergriff, als sei er willkommen. Pomona wäre stolz auf mich, dachte er, ohne dem Bedeutung zuzumessen, und mit dem Gedanken kam die Erinnerung an die Dringlichkeit ihres nächtlichen Ausflugs. Mit großem Widerwillen nahm er seine Finger von Hermiones Gesicht.
„Wir sollten zurückgehen."
„Ja, natürlich", antwortete sie in nüchternem Ton, sah schnell beiseite und ließ seine Hand beinahe peinlich berührt los. „Ich seh dich dann wieder in deinem Haus."
Es gab ein plötzliches, lautes Krachen hinter ihnen. Sie wirbelten beide herum, die Zauberstäbe instinktiv in den Händen. Vor ihnen stand die Figur eines dünnen jungen Mannes. Er streckte drohend seinen Zauberstab niedrig aus.
„Ich empfehle dringendst, dass Sie die fallen lassen", sagte er warnend und nickte in Richtung ihrer Zauberstäbe. „Und ich kriege außerdem die Pflanze. Jetzt!"
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