Dossa sehnte sich bereits nach der nächsten Mission. Diese Missionen waren das Einzige, was den Schmerz lindern konnte, der seit den sechs Monaten, die sie wieder auf Yavin IV war, in ihr schwelte. Eigentlich war es nur ein Zufall gewesen, der sie über das Ungeheuerliche stolpern ließ, das sich wahrscheinlich schon seit Jahren in ihrer Umgebung abspielte, ohne, dass sie etwas davon gewusst oder auch nur geahnt hatte, egal, wie groß ihre Sith-Kräfte bereits geworden waren.
Es geschah, als sie gerade einkaufen war und über ihr ein Gleiter entlang flog, an dessen Steuer sie Exar Kuns Schüler Ulic Qel-Droma erblickte, das Gesicht wie üblich zu einem griesgrämigen Flunsch verzogen, während seine Augen böse zu der gelben Twi'lek schauten, die neben ihm im Gleiter saß und eine erwartungsvoll-fröhliche Miene zur Schau trug. Da hatte Dossa bereits ein komisches Gefühl gehabt. Nur zwei Tage später hatte sich bei einer Routineübung eines ihrer Piercings an einem Nagel einer Holzwand verfangen und hatte in dem betreffenden Lekku einen schmerzhaften Riss verursacht. Sie hatte damals im Wartezimmer von Doktor Uburluh gesessen, in einer Illustrierten geblättert und nebenbei überlegt, ob sie sich die Piercings nicht gänzlich herausnehmen lassen sollte, um weitere Unfälle dieser Art zu vermeiden. Während sie noch mit sich haderte, kam ihr doch aus dem Behandlungszimmer dieselbe gelbe Twi'lek von vorgestern entgegen, nun über und über mit schwarzen Sith-Tätowierungen bedeckt.
Die nun schwarz-gelbe Frau schaute sie von oben herab an, um dann mit stolz geschwellter Brust die Praxis zu verlassen, während ihre beiden riesigen Lekkus hinter ihr hin und her schwangen. Dossa hörte draußen, wie ein Gleiter seinen Motor anließ, der die Frau offensichtlich bereits erwartete. Da hatte es ihr gedämmert, dass sie für Exar Kun nicht die Einzige war. Ihre Wunde wurde von Doktor Uburluh schnell genäht und mit Kolto behandelt.
„In zwei bis vier Tagen sieht man da überhaupt nichts mehr", sagte er fröhlich.
Aber auch er bemerkte, dass seine Worte nicht die gewünschte Resonanz auslösten, sondern dass seine Patientin gedankenvoll zur Tür schaute.
„Ich wünschte, es würde auch ein Kolto für das Herz geben", sagte der rote Massassi urplötzlich mitfühlend. „Am besten, du lässt dir beim nächsten Besuch bei ihm nichts anmerken, sonst wird es nur noch schlimmer – für dich", riet er ihr.
Dossa wusste noch nicht, ob sie sich an diesen Rat würde halten können. Genauso wenig, wie sie wusste, ob sie die Lekku-Piercings nicht doch irgendwann herausnehmen lassen würde. Fragen würde doch wohl noch erlaubt sein, ohne mit sofortiger Verdampfung zu rechnen.
Aber vorerst beschloss Dossa, so zu tun, als wisse sie gar nichts. Schließlich war die Sith-Ausbildung auch dazu da, ihre Gefühle zu maskieren und ihre Beherrschung zu trainieren. Und sie würde aus dem Schmerz auch Kraft schöpfen können, so wie ihr es Doktor Uburluh bereits vor zehn Jahren bei ihrem Eintreffen auf Yavin IV gesagt hatte. Für die erste Stunde ihres erneuten Zusammenseins mit dem Dunklen Lord der Sith gelang ihr das auch. Exar Kun tat, als wäre nichts weiter geschehen, während er in sie stieß und sie küsste, ihre Brüste betätschelte, als sei alles wie immer. Was es für ihn wahrscheinlich auch war. Dann siegte ihre Neugierde.
„Wie viele Geliebte habt Ihr momentan eigentlich?", fragte sie, nachdem er gekommen war und erschöpft neben ihr lag.
Er sah sie überrascht an.
„Vor zwanzig Jahren erschien mir und meinem jetzigen Schüler auf Yavin IV der uralte Sith-Lord Marka Ragnos. Er ernannte mich und Ulic Qel-Droma zu wahren Lords der Sith und prophezeite mir, dass durch mich die Sith niemals mehr aussterben würden. Und dafür lebe und arbeite ich auch heute noch. Und so habe ich so viele Geliebte, wie es braucht, um dieser Verantwortung gerecht zu werden – und ich zufrieden bin. Hast du damit irgendein Problem?", gab er ihr die Frage zurück und schaute sie mit seinen grauen Augen lauernd an.
„Ich dachte bisher, wenn man jemanden liebt, dann kann man nicht mit mehreren Partnern zusammen sein. Aber da habe ich mich wohl geirrt", erwiderte sie mit einem feinen ironischen Lächeln.
„Ich empfinde etwas für dich", hörte sie ihn in besänftigendem Ton zu ihr sagen. Exar Kun zog sie an sich und küsste sie, streichelte ihre Lekkus. Und sie ließ es geschehen, erwiderte seinen Kuss und hatte das Gefühl, dass er wirklich meinte, was er sagte. Zumindest wollte sie das glauben. Aber sie hatte ebenfalls das Gefühl, dass ihr seine Empfindungen nicht ausreichten – nicht mehr.
Dossas neue Mission führte sie auf den Waldplaneten Toprawa, der außer riesigem Baumbestand noch das weitverzweigte Ansharii-Höhlensystem vorzuweisen hatte. Während Exar Kun mit der Hauptstreitmacht der Sith die Jedi auf Ossus in ihrer Bibliothek anzugreifen im Begriff war, sollte Dossa ihm wie die anderen Sith-Gehilfen die Flanke freihalten, indem sie Jedi-Stützpunkte auf anderen Planeten eliminierten, um Verstärkung für die Jedi auf Ossus zu unterbinden und ihren Feind in Chaos und Verwirrung zu stürzen angesichts der vielen konzertierten Angriffe und Hinterhalte. Marnus und Atrixa waren seit einer Woche bei Dossas Mutter auf Glee Anselm. Und so sollte es bleiben, bis der Endkampf vorüber und die Jedi endgültig vernichtet seien. So hatte es Exar Kun bestimmt und Dossa hatte das nur logisch gefunden. Sie würde ihrer Familie eine Ansichtskarte von Toprawa schicken.
Kurz, nachdem Dossas Schiff aus dem Hyperraum ausgetreten war, summte ihr Komlink. Sie wusste auch ohne Hinschauen, dass Exar Kun sie kontaktierte. Sie fühlte das Band, welches sie mit ihrem Meister verband. Und das war nicht nur das Band in der Macht. Dossa war davon überzeugt, dass das auch immer so bleiben würde. Das war eben die Liebe – bedingungslos – unendlich – und vielleicht auch ein bisschen dumm und töricht.
„Wir müssen unsere Truppen aus taktischen Gründen erst einmal von Ossus zurückziehen. Du machst mit Deinen Leuten weiter wie besprochen", teilte ihr ihr Boss und Geliebter mit.
Dossa hatte ein mieses Gefühl nach diesem Gespräch. Exar Kun war in Nöten, das fühlte sie. Tausende Jedi gegen zwei Lords der Sith und ein paar Sith-Gehilfen, die wie sie anderswo in der Galaxis unterwegs waren, ergaben eine höchst brenzlige Situation für die Sith.
Nachdem Dossa mit ihrer Entourage schließlich auf Toprawa eingetroffen war, teilten ihr ihre Agenten vor Ort mit, dass die Jedi unter Führung von Jedi-Meister Barrison Draay dort auf dem Vormarsch und auf dem besten Wege waren, den Planeten für sich und die Republik zu reklamieren, wenn nicht ein Wunder geschehen würde. Dossa nahm sich fest vor, dieses Wunder zu werden.
Von ihrem Beobachtungsposten aus sah sie die mindestens zwanzig Jedi durch ein Tal laufen – viel zu viele, als dass sie allein mit ihnen fertig werden könnte. Also ließ sie sie vorerst ziehen und hoffte, dass ihr etwas einfallen würde. Dann stutzte sie. Nein, nicht alle Jedi waren weiter gezogen. Auf einem Berg roter Massassi-Leichen, gesprenkelt mit einigen toten rosafarbenen und grünen Jedi entdeckte sie eine vertraute Gestalt.
„Hör auf zu gaffen und mach die Leichen für den Scheiterhaufen fertig. Nur die Jedi!", hörte sie eine weibliche Stimme in Basic mit vertrautem Akzent kommandieren.
Haazen wandte sich zu der noch lebenden Jedi um. Im Blick seiner glanzlosen blauen Augen gewahrte Dossa Abgestumpftheit und Hoffnungslosigkeit. Für einen Moment flackerten Abscheu und Widerstand in diesen müden Augen auf, dann schaute der gescheiterte ehemalige Padawan nach unten und suchte nach dem ihm am nächsten liegenden toten Jedi, um ihn für den geplanten Scheiterhaufen zu bergen.
„Vergrab den Rest", rief ihm die andere grüne Nautolanerin noch zu, bevor sie sich eilte, den Anschluss an die anderen Jedi nicht zu verlieren.
Dossa versuchte ganz ruhig zu sein, um ihre Präsenz zu verbergen. Eine Landsfrau könnte sie womöglich außer durch die Macht noch durch die Sinne ihrer Lekkus erfühlen. Das konnte Dossa jetzt ganz und gar nicht gebrauchen. Endlich war die andere Nautolanerin fort. Dossa atmete auf. Noch hielt sie ihre Machtpräsenz versteckt – nur für alle Fälle.
„Diese Massassi stinken. Warum muss ausgerechnet immer ich …", hörte Dossa ihren alten Bekannten nun lauthals lamentieren.
Dossa hörte Haazen weiterlamentieren. Aber seine nörgelnden Worte rauschten an ihr vorbei. Sie verspürte keinerlei Lust, Haazens Selbstmitleid weiter zu ertragen. Sie entfaltete ihre Machtpräsenz und kam hinter ihrem erhabenen Fels-Versteck hervor. Haazen blickte zu ihr auf.
„Waaa… Dossa!", rief er aus.
„Ganz ruhig, Süßer – sonst werde ich dich für immer zum Schweigen bringen", sagte sie mit einem maliziösen Grinsen und ließ eine Welle roter Blitze aus ihrer Hand in Haazens Richtung schießen – nicht so viele und nicht so lange imposante Gebilde, wie Exar Kun sie zu erzeugen imstande war. Aber noch wusste der Jedi vor ihr das nicht. Und Jedi konnten so etwas generell nicht, und ganz bestimmt nicht dieser Jedi-Ritter von der traurigen Gestalt hier vor ihr – noch ein Vorteil für Dossa.
„Du … bist jetzt bei den Sith?", fragte er entgeistert sie, die über ihm thronte.
„Sie zahlen gut, bisher jedenfalls", sagte sie eine Spur zugänglicher.
„Dank deines Bosses läuft es überall schief und jetzt auch hier. Du wirst jetzt zurückhuschen und ihm erzählen, dass ich hier bin", befahl sie ihm.
Diese Ansage traf Haazen wie ein Peitschenhieb.
„Ich bin sein Assistent, nicht sein Sklave! Er bestimmt nicht über mich!", blaffte Haazen zurück.
„Oh, ich habe alles gesehen, Liebling. Er hat sein Geld, sein Lichtschwert, seine Frau und …", sie machte einen theatralischen Seufzer, „…seinen kleinen ungeschickten Droiden namens Haazen. Das einzige, was du noch brauchst, ist ein Haltebolzen", setzte sie kichernd hinzu.
Haazen schaute sie grimmig an, dann stockte ihm der Atem. Dossa kam auf ihn zu, blieb ca. fünf Standardzentimeter vor ihm stehen, legte ihre schwarz behandschuhten Hände auf seine Schultern und schaute ihn verheißungsvoll an. Seine Pupillen weiteten sich ob ihrer Annäherung und genau das wollte Dossa.
„Das … macht man aber nicht mit Droiden", sagte er mit einem unsicheren Lächeln.
„Weißt du eigentlich, dass es Leute gibt, die an bestimmte Agenturen viel Geld bezahlen, damit diese alte Jugendfreunde aufspüren, um einen neuen Partner zu finden, mit dem sie bereits eine gewisse Vertrauensbasis haben, so dass man nicht immer wieder bei null anfangen muss mit der ganzen Beziehungsarbeit? Das nennt man Rekindling", dozierte Dossa mit wichtigtuerischer Miene.
„Du meinst wohl die Basis der Säule, die du damals vor zehn Jahren auf Arkania neben mir weggesprengt hast, um mich unter dieser Säule zu begraben?", zischte er zurück, ohne jedoch ihre Berührung zu blockieren.
„Exar Kun zieht sich zurück, wahrscheinlich nach Yavin IV. Wir werden auch alle bald dort sein. Aber nicht jeder muss verlieren …".
In Dossas großen schwarzen Augen erstrahlte auf einmal etwas. Haazen überlegte fieberhaft, wieso er sie eigentlich derart gewähren ließ. Weil er eh nicht mehr viel zu verlieren hatte? Auch, wenn seine Leute siegten? Weil das, was Dossa jetzt mit ihm tat, mehr war, als er ohnehin erwarten durfte?
Dossa spürte, wie es in seinem Kopf arbeitete, ihre plötzliche körperliche Nähe und ihre vagen verheißungsvollen Andeutungen zu verarbeiten und zu deuten.
„Du glaubst, dass er verliert? So wie du ihn bereits verloren hast? Man hört doch, was auf Yavin IV in seinen Tempelanlagen vor sich geht. Und ich habe ganz bestimmt nicht die Absicht, die abgelegte Hure von Exar Kun zu besteigen, weil gerade niemand besseres verfügbar ist!"
Dossa zuckte ob seiner harten Worte zusammen wie unter einem Stromschlag, was wiederum Haazen ein Lächeln der Genugtuung entlockte. Sogleich fing sie sich wieder. Sie ließ einen melancholischen Seufzer fahren.
„Ach Haazen, darum geht es doch jetzt gar nicht. Ich war damals gerade neunzehn Jahre alt - jung, dumm und unerfahren", versuchte sie ihn zu besänftigen und kam mit ihren dunkelgrünen Lippen den seinen rosaroten näher.
„Erfahren genug, mir das Lichtschwert zu klauen und eine Disruptorpistole gegen mich einzusetzen", schnaubte Haazen aufgebracht.
„Ich diene Exar Kun jetzt schon seit zehn Jahren. Aber jetzt, wo es so brenzlig geworden ist, muss ich neue Wege suchen. Und du solltest das auch." Bei diesen Worten berührten ihre Lippen sein linkes Ohr, während sie ihre Hände fester in seine Schultern drückte.
„Du willst deinen Herrn und Meister verlassen?", fragte Haazen erstaunt.
Nun zog sie ihren Kopf wieder von seinem Ohr zurück, so dass sie ihm wieder in seine ungläubigen blauen Augen schauen konnte.
„Was ist mit dir? Du wirst Meister Barrison Draay immer dienen, solange er lebt. Nicht wahr Haazen? Und vor allem, wenn dein Herrchen weiterhin von Sieg zu Sieg eilt so wie jetzt. Ist es wirklich das, was du willst?", gab sie die Frage an ihn zurück.
Jetzt spürte sie, wie der Zweifel begann, an Haazen zu nagen. Er machte auch gar keine Anstalten mehr, seine Gefühle und Gedanken vor ihr zu verbergen. Genauso wenig, wie er es damals auf Arkania gekonnt hatte. Wenn er dazu überhaupt in der Lage war, was sie bei seinem Status als degradierter Jedi ohne Lichtschwert arg bezweifelte.
Sie schaute Haazen fragend an und erkannte, dass er bereit war – bereit für Dossas Plan.
„Es gibt einen Weg für dich, als siegreicher Held zurückzukehren … und nur für dich." Bei diesen Worten streichelte sie mit ihrer Rechten seine linke Wange und kuschelte sich an ihn, so dass sie Wange an Wange, Körper an Körper auf dem rot-rosa-grünen Leichenberg standen, während Haazen alles um sie beide herum vergaß.
Dossa spürte, dass er wieder wie warmer Wachs in ihren Händen wurde.
„Lüg Dossa nicht an. Sag mir, was du wirklich willst", schnurrte sie.
Haazen fasste ihren Unterarm, dessen Hand gerade seine Wange streichelte.
„Ich … Ich will … sein Leben. Alles davon", keuchte er.
Langsam löste sich Dossa wieder von ihm. Das war nicht ganz die Antwort, die sie erwartet hatte, aber besser als eine glatte Ablehnung war sie allemal.
„Du wirst es bald haben. Und das geht so …"
Sie streckte ihren Arm aus und zeigte in die Richtung, in die die anderen Jedi gegangen waren. Dann erklärte sie ihm ihren Plan. Haazen sog jedes ihrer Worte in sich auf. Dann ließ er die Jedi- und Massassi-Leichen achtlos liegen, wo sie waren und ging fort, um Dossas Plan auszuführen. Die zurückbleibende Sith-Lakaiin lächelte einen Moment lang zufrieden in sich hinein. Da summte ihr Komlink.
„Was gibt es, mein Lord?", begrüßte sie Exar Kun erneut.
„Ulic Qel-Droma … Es ist etwas Schreckliches passiert. Ich kann ihn nicht mehr spüren. Nimm so viele Jedi mit in den Tod, wie du kannst. Dann kehre nach Yavin IV zurück", erteilte er ihr seine neuesten Order.
Dossa stutzte. Sie hatte bislang geglaubt, dass er seine Truppen aus rein taktischen Grünen aus Ossus zurückziehen würde, um irgendeine List, irgendeinen Überraschungsangriff auf seine Feinde vorzubereiten, aber dass es so schlimm war, hatte sie nicht erwartet. Grund genug für sie, ihm jetzt in der Stunde der Not einen Vorschlag zu machen:
„Ich habe eine bessere Idee, mein Lord. Dieser Haazen ist ja auch auf Toprawa wieder mit dabei. Er kann für uns arbeiten. Er ist soweit …"
„Nein!", bellte Exar Kun verärgert zurück. „Noch einen Jedi-Verräter kann ich jetzt nicht gebrauchen. Du erledigst sie alle! Auch deinen Haazen!"
Dann hörte Dossa, wie der Dunkle Lord der Sith die Verbindung kappte. Jetzt war Dossa erst recht beunruhigt. Ihr Haazen! So aufgebracht und unbeherrscht zu reagieren, war nicht Exar Kuns Art. Ob er wohl eifersüchtig war? Dieser Gedanke bereitete ihr ein unerwartetes Vergnügen, von dem sie noch eine Weile zehren würde. Aber was überhaupt meinte er mit „noch einen Jedi-Verräter"? War er nicht selbst früher ein Jedi gewesen?
Barrison Draay stutzte, als auf einmal von hinten Haazen auf ihn zugelaufen kam. Die Gruppe hatte bereits den größten Teil des Weges zurückgelegt, der sie noch von ihrem nächsten Haltepunkt trennte.
„Ich habe sie gesehen … Die nautolanische Schmugglerin!"
Mit diesen Worten wies Haazen erregt auf den Höhleneingang, der nun auf der linken Seite des Weges, den die Jedi nahmen, zu sehen war.
„Bist du dir sicher, dass sie da unten ist?", fragte sein Freund zweifelnd.
„Wenn ich es doch sage. Ich habe sie gesehen", gab Haazen in leicht beleidigtem Tonfall zurück, entzündete einen Glühstab, lief in Richtung der Ansharii-Höhlen und bedeutete der Gruppe der etwa zwanzig Jedi, ihm zu folgen.
„Ich habe sie vom Schlachtfeld hierher in die Höhlen gejagt. Ich wette, dass die letzte Sith-Basis, die du suchst, genau hier ist", fügte er stolz hinzu.
„Das hast du gut gemacht, Haazen. Danke", erwiderte Barrison anerkennend.
Er wusste, wie sehr sich sein talentarmer und glückloser Freund nach seiner Anerkennung sehnte. Und es tat gut, sie ihm zu gewähren. Aber Barrison hielt es für angebracht, gleich einen kleinen Dämpfer hinterherzuschicken:
„Am besten überlässt du jetzt mir die Führung."
Aber das entsprach nicht Dossas Plan, der jetzt auch Haazens war.
„Ich glaube, ich habe sie gerade eben jetzt gesehen!", rief er erregt, um mit dem Glühstab davonzurennen.
„Haazen! Warte!", rief ihm Barrison unmutig hinterher.
Immer, wenn diese Dossa auftauchte, war sein Freund völlig neben der Spur. Noch ein weiterer guter Grund für Meister Arca Jeth, ihm damals vor zehn Jahren die Beförderung zum Jedi-Ritter verweigert zu haben.
Nachdem er seine früheren Kampfgefährten hinter sich gelassen hatte, kam Dossa wieder in Haazens Sichtweite. Die vollbusige Nautolanerin stand auf einer Anhöhe. Sie schaute nur kurz zu ihm herüber, um sich sogleich wieder ihrem Datapad zuzuwenden, in welchem sich der Zeitzünder befand, den sie schon bald betätigen würde.
„Dossa, sie sind in Position! Dossa!", rief er in aufkeimender Vorfreude auf sein neues Leben.
Dossa war genauso eine kleine Sith-Lakaiin, wie er ein kleiner Jedi-Diener war. Bis jetzt. Nun aber wurden die Karten neu gemischt. Mit oder ohne Exar Kun. Aber garantiert ohne jemand anderes, der ihm zeit seines Lebens die Luft zum Atmen genommen hatte. Ab jetzt gab es für Haazen kein Zurück mehr zu den Jedi.
Dossa zögerte. Eigentlich wäre jetzt der perfekte Zeitpunkt, um auf den Knopf zu drücken - sie alle mit einem Mal auszulöschen. Exar Kun würde sie loben und sie würde auf Yavin IV ihr gewohntes Leben wieder aufnehmen, vielleicht wieder für eine Weile nach Glee Anselm fahren, um ihre Familie zu besuchen, nach ihren Kindern zu schauen, wenn ihr Meister keine anderen Aufgaben für sie hatte. Sie würde in ihrer alten Heimat wieder nach machtsensitiven Talenten Ausschau halten. So wie letztes Jahr. Aber es wäre nicht mehr dasselbe.
Sie schaute zu Haazen, der immer näher kam. Seine blauen Augen strahlten auf einmal. So energisch und enthusiastisch hatte sie Haazen noch nie gesehen.
Ein bisschen war ihr diese plötzliche Verwandlung Haazens unheimlich. Dieser Mann hier vor ihr wollte etwas von ihr. Er begehrte sie, das spürte sie. Auch wenn es ihm vielleicht noch nicht so richtig klar war. Aber sie, die raffinierte Dossa, würde es schon bald schaffen, ihm diese blonde Jedi-Sirene aus dem Kopf zu treiben, wenn sie ihn erst einmal von ihren guten Absichten überzeugt hatte. Dann würde er ein Sith gleich ihr werden. Und er würde ihr genauso treu sein wie bisher dieser unerreichbaren Krynda. Er würde sie genauso anhimmeln und verehren. Aber was, wenn nicht? Was, wenn er diese Frau so sehr begehrte wie Exar Kun die absolute Macht, in der Leute wie Dossa nur eine kleine hübsche nützliche Beigabe waren? Jetzt war Haazen gerade noch in der Gefahrenzone, bevor sie sich auf dünnes Eis begeben würde, dem Lord der Sith den Gehorsam zu verweigern.
Dossa schaute den roten Knopf an, konnte ihn aber aus einer spontanen Lähmung heraus nicht drücken … Würde sich Haazen als dankbar erweisen? Oder würde er spontane Schuldgefühle entwickeln, weil sein Herrchen jetzt tot war dank ihm und ihr? Und er Krynda später doch nicht bekommen würde, trotz Dossas hochtrabender Versprechungen? Dann würde er sie wieder verlassen, während sie sich auf Yavin IV anhören würde müssen, ihren Haazen völlig ohne ersichtlichen Grund laufen gelassen zu haben und Exar Kun würde sie bestrafen. Mit Machtblitzen oder anderer Folter, wie es Brauch war bei den Sith, wenn man bei Aufgaben versagt hatte … Haazen war jetzt schon fast aus der Gefahrenzone. Gleich würde er bei ihr sein. Jetzt wusste Dossa, was sie zu tun hatte.
Haazen sah, wie die grüne Ikone seiner Hoffnungen den Zünder betätigte.
„Dossa? … Warte! Ich bin noch nicht aus der Gefahrenzone! Ich bin noch …"
Ein ohrenbetäubender Knall beendete seinen Satz. Diesmal würde ihn Barrison nicht retten. Nicht mehr. Was war er nur für ein gutgläubiger Trottel!
„Neeiiin!", war das letzte, was er schreien konnte, bevor er ohnmächtig wurde.
Dossa hatte in einer Nebenhöhle eine einigermaßen gemütliche Krankenstation eingerichtet. Sie hatte eine Decke ausgebreitet, um Haazen mithilfe der Macht darauf zu lagern. Ihr Koltovorrat reichte gerade soweit, dass Haazen nicht ausblutete, nachdem sie seinen rechten Arm und seine beiden Unterschenkel abgeschnürt hatte, um zu verhindern, dass zu viel Blut aus diesen drei völlig zerfetzten Gliedmaßen floss. Und sie hatte genügend Narkotika bei sich, um seine Bewusstlosigkeit in ein stabiles Koma zu verwandeln. Jetzt hatte sie zumindest etwas Zeit gewonnen. Sie war erleichtert gewesen, dass Doktor Uburluh sofort nach ihrem Komlink-Anruf ihr Raumschiff verlassen hatte und herbeigeeilt war, um Haazen wiederherzustellen. Solange würde das Narkotikum sicherlich vorhalten.
Eine Stunde war jetzt nach der gewaltigen Explosion vergangen, welche einen Teil der Ansharii-Höhlen hatten einstürzen lassen. Während Doktor Uburluh am bewusstlosen Haazen operierte, hatte Dossa mit sich gehadert, ob sie sich während Haazens Komazeit zu den toten Jedi begeben und ihre Lichtschwerter einsammeln sollte. Exar Kun würde sich über diese Ausbeute freuen. Oder Haazen. Exar Kun würde nicht merken, wenn eines fehlte. Aber was, wenn Haazen vorzeitig aufwachen und ihre Hilfe, ihre Anwesenheit benötigen würde? Also blieb Dossa bei Haazen. …
Jetzt waren es schon sieben Stunden seit der Explosion, die ihrer aller Leben verändert hatte.
Dossa betrachtete den neuen Haazen, der langsam anfing, sich koordiniert zu bewegen. Doktor Uburluh hatte ihm vor zehn Minuten ein Aufwach-Serum gespritzt. Gleich würde Haazen aus seinem Tiefschlaf erwachen. Sie würde Exar Kun schon irgendwie beibringen, dass es von Vorteil war, dass der ehemalige Jedi noch lebte. Sie würde dafür ihrem Meister gegenüber auch von jetzt an die volle Verantwortung übernehmen. Das würde ihr der Dunkle Lord der Sith nicht abschlagen. Und Haazen würde sich schon in sein neues Schicksal fügen, denn jetzt, wo sein Herrchen tot war, bräuchte er Anleitung in der für ihn neuen Sith-Welt. Wieso nur hatte Exar Kun vorhin eine solche Abneigung gezeigt, einen eher mäßig begabten Ex-Jedi in seinen Reihen zu akzeptieren?
Jetzt schlug Haazen seine Augen auf. Das heißt, sein linkes natürliches blaues Auge und sein rechtes neues Prothesenauge, welches Dossa rot anstrahlte. Warum musste sie ausgerechnet jetzt an ihre Freundin Meerda denken, die sie bei ihrem letzten Besuch auf Glee Anselm gar nicht getroffen hatte? Nicht, dass sie sich um ein erneutes Treffen bemüht hätte. Zu sehr hatte Meerda bei ihrer letzten Begegnung vor einem halben Jahr von den Jedi geschwärmt. Das hatte Dossa ungemein genervt.
„Neeeiiiin", hörte sie Haazen nun erneut rufen, nachdem er seinen neuen rechten Metallarm betrachtet hatte.
„Ah, der Wendehals wacht auf, wie ich gerade sehe. Hat er noch mehr Schmerzen?", hörte sie Doktor Uburluh fragen.
„Nein, er hat nur gerade sein neues Selbst wahrgenommen. Das ist alles", gab Dossa flapsig zurück. Sie hatte keinen blassen Schimmer, wie sie mit dieser Situation anders umgehen könnte.
„Was hast du getan? Was hast du mit mir gemacht?", rief Haazen entsetzt, nachdem er seinen künstlichen Arm, seine künstlichen Unterschenkel mit seinen beiden nun verschiedenen Augen in einem Spiegel betrachtet hatte, den der rote bullige Massassi ihm hingehalten hatte.
Nun trat Dossa von hinten an ihn heran und umfing mit ihren Armen seinen Oberkörper, um ihn zu stützen.
„Der Sith-Doktor hat dich aus dem Müll gezogen, Liebling. Er hat dich ganz nett wieder zusammengeflickt", sagte sie in einem unbekümmerten euphorischen Tonfall.
„Nett? Das sind noch nicht einmal menschliche Prothesen! Ich sehe furchtbar aus! Niemand wird mir nahe kommen wollen!", rief Haazen verzweifelt.
„Ach, das sind nicht nur Ersatzteile, Liebes. Das ist die Belohnung für einen Auftrag, den du gut erfüllt hast", schnurrte sie hinter ihm.
Dann kam sie hinter seinem Rücken hervor, um seinen künstlichen Arm in ihre beiden Hände zu nehmen und seine metallene klauenbewehrte Hand an ihre rechte Wange zu legen, geradeso als sei sie etwas kostbares, angenehmes, flauschiges. Dabei lächelte sie ihn verführerisch an. Haazen wusste zunächst nicht, was er sagen oder tun sollte. Ihm kam Dossas Verhalten immer seltsamer vor. Stand sie etwa auf Männer mit Metallprothesen?
„Du hast diesen Massassi-Fleischer an mich herangelassen?", wies er mit hassverzerrtem Gesicht auf Doktor Uburluh, der milde lächelte angesichts Haazens gegen ihn gerichteten Unmut. Man sah ihm an, dass er solche Szenarien bereits kannte.
„Oh, Doktor Uburluh kann alles. Er hat auch meine Tätowierungen gemacht. Sie sehen doch gut aus, nicht wahr, Liebes?", zwitscherte Dossa angestrengt vergnügt. „Ich dachte, ich hätte es mit hässlichen Teilen zu tun, aber die Sith haben Sachen, die hat selbst Dossa noch nie gesehen", sagte sie nun mit einem bewundernden Augenaufschlag in Richtung Haazens neuer Hand. „Mit diesen Krallen kannst du viele Dinge ohne Messer oder Schneidbolzen öffnen … Oder jemanden aufschlitzen", meinte sie grinsend.
Haazen kam seinem spontanen Verlangen nach, Dossa von sich abzuschütteln und die Hände vor seinem Kopf zusammenzuschlagen, um sein Entsetzen und seine Scham über sein neues Aussehen zumindest notdürftig zu verdecken und irgendwie damit fertigzuwerden. Er fühlte, dass die Haut seines Körpertorsos voller schmerzender Brandnarben war, dass er seine Haare fast völlig verloren hatte. Und es schmerzte ihn an den Stellen seines Körpers, wo seine Prothesen angebracht waren. Dossa hatte ihn mithilfe ihres Massassi-Arztes in ein abscheuliches Monster verwandelt!
„Und diese tollen Teile sind jetzt Teil von dir!", hörte er Dossa unverdrossen weiterschwärmen. „Nimm zum Beispiel dieses Ding … wie haben Sie das genannt?", wandte Dossa sich nun leutselig an Doktor Uburluh, geradeso, als wären beide Moderatoren eines Holo-Werbefilmes für Küchengeräte, die einander die rhetorischen Bälle zuspielten, um ihre Waren anzupreisen und dabei das Publikum bei Laune zu halten.
„Das Joch des Anscheins. Wir wissen nicht, wem es einst gehörte. Aber wir wissen, was es bewirkt", begann Doktor Uburluh seinem Patienten zu erklären, wobei seine drei gelben Augen strahlten. „ Die lebendige Macht fließt nun außen entlang anstatt durch deinen Körper. Wie ein Fluss um einen Felsen herum. Es wird keine Vorhersagen der Jedi für die Zukunft beeinflussen, aber ihre Wahrnehmung von dir. Und deine Absichten werden ihnen verborgen sein."
Dossa befühlte die beiden massiven Schulterpanzerungen und den breiten, dazugehörigen Hüftgürtel aus schwarzglänzendem, mit roten streifenförmigen Markierungen versehenem Durastahl. Haazen schienen sie zu drücken, denn er versuchte, seine Schultern nach vorn und wieder nach hinten zu bewegen, als könne er das Joch damit ausbeulen oder seiner Körperform besser anpassen wie einen Lederschuh, der mit der Zeit nachgeben würde, wenn man ihn nur oft genug tragen würde.
„Wir werden im Nachhinein noch einige Anpassungen vornehmen, damit es sich bequemer trägt", meinte Doktor Uburluh optimistisch angesichts der Schulterakrobatik seines Patienten.
Haazen versuchte nun, einige Schritte mit seinen neuen unteren Beinen und Füßen zu machen. Aber das gelang ihm nicht – noch nicht. Er taumelte nach vorne und stöhnte laut auf, während Dossa ihn schnell von hinten mit ihren grünen Armen mit den schwarz behandschuhten Händen umfasste und versuchte, seinen bevorstehenden Fall nach vorn abzufangen. Vergeblich. Haazen ging unwillkürlich in die Knie, sei es wegen seiner neuen ungewohnten Beine oder wegen des plötzlichen Gewichtes an seinem Rücken, welches ihn aus der Balance brachte. Dann sackte sein Oberkörper nach vorn, während er seine Ellenbogen auf seine nun am Boden liegenden Knie presste, um wenigstens etwas Stabilität zu bekommen. Dossa blieb während dieses seines Ringens um ein fragiles Gleichgewicht an – nun auf seinem Rücken kleben.
„Hörst du das? Du kannst unter ihnen wandeln und niemand wird erkennen wie abstoßend du bist, außer, du willst sie es wissen lassen … Natürlich … wir werden es immer wissen, nicht wahr, mein Süßer?", hauchte sie ihm mit einem maliziösen Timbre in der Stimme ins Ohr, während sie immer noch auf seinem Rücken lag, mit ihren Armen seinen Oberkörper umklammerte und ihre warme Wange an die seine schmiegte.
Dossa spürte, dass sich seine Haut nun anders anfühlte, dass die Schulterklappen seines Jochs des Anscheins unangenehm gegen ihren Busen drückten. Aber das war ihr egal. Haazen hatte etwas für sie getan, was noch niemand für sie getan hatte. Ganz im Gegensatz zu den Sith-Rekruten, die sie lediglich zu Exar Kun brachte und dann alleine ließ, hatte Haazen für sie nicht nur sie sein altes Leben hinter sich gelassen und sein neues in ihre, Dossas, Hände gelegt. Er hatte für sie auch seine Kameraden, seinen bisher einzigen Freund getötet! Ihre linke Hand fühlte sein Herz wild klopfen und es bedeutete ihr plötzlich etwas. Jetzt gab es nicht nur einen neuen Haazen, sondern auch eine neue Dossa. Und diese neue Dossa würde von nun an alles tun, um Haazen glücklich zu machen. Sie würde ihn niemals wieder loslassen, gehen lassen, alleine lassen.
Haazen spürte Dossas Griff von hinten. Eigentlich sollte er ihr dankbar sein für ihren Versuch, sein Fallen aufzufangen. Allerdings hatte Dossas Griff nun etwas Beunruhigendes, Einschnürendes. Nicht, weil sie ihn zu fest umklammern würde. Er fühlte von hinten ihren wogenden Busen gegen seine verletzte Haut pressen. Und ihre Wange, die sich erst an seinen Nacken und jetzt gegen seine Wange schmiegte. Sie hatte nun auch noch ihre Lippen gegen seine Haut gedrückt, allerdings ohne ihn zu küssen. Jetzt dämmerte ihm, dass sie ihn nicht festhielt, um ihn vor dem Fallen zu bewahren. Nein, sie war es, die am Fallen war. Und nun hielt sie sich an ihm fest, klammerte sich an ihn, weil sie sonst nichts mehr hatte. Die freche stolze Dossa bettelte stumm um Vergebung! Auch wenn sie dies niemals offen zugeben würde.
Dossas Verhalten erinnerte ihn unwillkürlich an die angestrengte Milde in der Stimme seines nun toten Freundes, nachdem dieser Haazens Gefühls-Ausbruch nach seiner verpatzten Prüfung zum Jedi-Ritter mit einem spontanen Fausthieb gestoppt hatte …'Du hast einen schlechten Tag gehabt. Aber ich schulde dir und deinen Eltern so viel, so treu, wie ihr den Draays gedient habt. Ich werde schon einen Weg finden, wie du mir weiter dienen kannst – auch ohne Lichtschwert…' Auch Barrison hatte damals mit diesen scheinbar jovial-großmütigen Worten um Vergebung für seinen Faustschlag, für sein Bessersein als Haazen gebettelt. Und jetzt wagte es Dossa, ihn mit dem Produkt ihrer bösen Taten ihm gegenüber zu erpressen, um ihn damit für immer an sich zu binden.
Das war ungeheuerlich!
Haazen schüttelte Dossa von sich ab und stand allein wieder auf. Sein Stand war einigermaßen stabil. Also ging er ein paar Schritte im Höhlenraum im Kreis herum. Ein feiner warmer Hauch von Zufriedenheit breitete sich in ihm aus, als er merkte, wie seine Schritte mit jedem von ihnen immer sicherer wurden. Er ging direkt auf Dossa zu. Er war jetzt durch seine neuen Bein-Prothesen gut zwei Köpfe größer als Dossa und baute sich nun drohend vor ihr auf. Mit Prothesen sicher laufen zu können war nicht genug. Das war nicht das neue Leben, was sie ihm versprochen, was er sich erhofft hatte.
Dossa schaute ihn irritiert an. Sie spürte auf einmal eine kalte Distanz zwischen sich und ihm. Langsam dämmerte ihr, dass Haazen mit seinem neuen Aussehen ganz und gar nicht zufrieden war und dass sie nicht die Belohnung bekommen würde, die sie erhofft hatte, wenn ihr nicht ganz schnell eine Idee kommen würde, Haazen zu besänftigen und vollends für sich zu gewinnen.
„Es gibt noch mehr", versuchte sie ihn zu locken. „Zusätzliche Artefakte würden noch weitere in dir schlummernde verborgene Kräfte erwecken, vorausgesetzt du findest sie."
„Finden, aber wie?", blaffte Haazen verärgert zurück.
„Zum Beispiel das hier. Sie holte das eiförmige Amulett aus einer ihrer Gürteltaschen, welches sie damals mit Meerda im Meer gefunden hatte. „Damit kannst du auf große Distanz fühlen, wo sich andere Machtbenutzer aufhalten", erklärte sie und hängte ihm das Amulett um den Hals, während Haazen sie böse anschaute.
Dossa merkte, wie ihr der Schweiß ausbrach. Sie musste sich jetzt schnell beruhigen. Er würde ihre Angst spüren. Das konnte sie sich nicht leisten.
„Du wirst später noch mehr von mir bekommen", versprach sie lächelnd, um nun gleich eine Bedingung hinterherzuschicken. „Aber zuerst musst du uns helfen, Süßer. Du musst mit den Jedi brechen. Niemand will dich dort haben. Und wenn sie erst erfahren, wer du jetzt wirklich bist, dann wird dich in Zukunft gar niemand mehr bei sich haben wollen", sagte sie mit einer gewissen Schärfe in ihrer Stimme, um dann etwas sanfter nachzusetzen: „Außer mir."
Jetzt sah Haazen sie an und lachte laut und bitter auf.
„Was denn, Liebling? Findest du sonst keinen Mann, außer du lockst ihn in eine Falle und verstümmelst ihn, damit er bei dir bleibt?"
„So war das nicht gemeint", erwiderte sie hastig.
„Wie war es dann gemeint?", nahm er sie in die Zange.
„Ich weiß, wie du früher einmal ausgesehen hast. Für mich wirst du immer so aussehen – mit oder ohne Joch des Anscheins. Zusammen können wir Großes erreichen", entgegnete sie mit einem verheißungsvollen Lächeln.
Haazen war einen Moment lang baff. Aber nur für einen Moment. Wieder einmal versuchte sie, ihn auf ihre Seite zu ziehen. Ihre schwarzen Augen schauten ihn nun beinahe flehend an, während er groß und drohend vor ihr stand. Das hier war nicht die passende Atmosphäre für ein Liebesgeständnis. Nein, das war nicht echt. Dossa hatte Angst. Angst vor ihm. Und jetzt versuchte sie wieder, sich mit irgendwelchen Tricks aus der Schlinge zu ziehen, die sich immer fester um ihren zarten grünen Hals zuzog. Während Doktor Uburluh in respektvoller Entfernung von den beiden stand, zuschaute und abwartete.
„Weißt du, Dossa. Hättest du mir das damals auf Arkania gesagt, dann wäre ich sofort aus dem Orden der Jedi ausgetreten und wäre mit dir irgendwo hingegangen."
Dossa atmete spontan auf, als sie die plötzliche Sanftheit in Haazens Stimme vernahm, mit der er diese Worte gesprochen hatte. Endlich war er dabei, zu erkennen, dass diese Krynda für ihn unerreichbar war, genau wie Exar Kun für sie unerreichbar war, selbst, wenn sie gelegentlich noch das Bett mit ihm teilte.
Haazen machte einen Schritt auf sie zu und streckte seine Arme nach ihr aus.
„Aber jetzt ist es zu spät. Ich habe Barrisons Tod bestimmt nicht deswegen herbeigeführt, damit du jetzt seinen Platz einnimmst", sagte er nur eine Nuance weniger milde als vorhin, dabei mit seiner gesunden Linken nach hinten über ihren Kopf fahrend und zwei ihrer Lekkus fassend, während gleichzeitig der Rücken seiner jetzt leicht geschlossenen rechten künstlichen Hand über ihre Stirn fuhr, fast ebenso zärtlich, wie Dossa vor dieser fatalen Explosion die seine getätschelt hatte. Aber das spitze Ende seines ausgestreckten krallenartigen Daumens zog dabei eine kleine Furche über einen ihrer oberen Lekkus, zwar ohne diesen zu verletzen, aber die Berührung schmerzte sie ein wenig. Und dieses sein damit verbundene Kratzen jagte Dossa einen Schauer ihr Rückgrat entlang. Sie wusste in jenem Augenblick noch nicht, ob ihr gefiel, was Haazen da tat.
„Oh, machen Jedi so etwas?", hauchte sie kokett, während ihn ihre großen schwarzen Augen in aufkeimender Hoffnung anschauten.
„Und dein kleiner Tauschhandel, den du mir soeben angeboten hast, ist jetzt ebenso … obsolet." Haazen dehnte das letzte Wort extra, bevor er hinzufügte. „Denn ich bin kein Jedi … nicht mehr", raunte er leicht drohend.
„Weil sie dich kein Lichtschwert mehr tragen lassen? Da unten in den Kavernen liegen doch jetzt genügend davon herum, du kannst dir eins in deiner Lieblingsfarbe aussuchen… oder gleich zwei", zwitscherte sie.
„Oh, kleine Dossa. Du verstehst überhaupt nichts", erwiderte er herablassend.
Sie schaute ihn völlig verblüfft an. Bisher war Haazen immer so berechenbar gewesen. Worauf wollte er hinaus?
„Die Entscheidung, dass ich kein Jedi mehr bin, lag nicht bei den Jedi. Sie oblag ganz allein … mir!", erklärte er schneidend.
Haazen hatte seine künstliche Hand wieder geöffnet, um nun mit beiden Händen von rechts und links ihren Kopf zu fixieren, wobei sich die vier Finger-Krallen seiner Rechten in ihre Lekkus, die Daumenkralle in ihre Stirn bohrten. Das tat ihr sehr weh.
„Dann bist du jetzt ein Sith?", fragte sie, nachdem sie seinen auflodernden Zorn gefühlt hatte, den er sich nicht die Mühe machte, mithilfe des Jochs des Anscheins vor ihr zu verbergen.
„Und ich bin kein Sith!", fügte er scharf hinzu.
Dossa schaute in seine beiden verschiedenfarbigen Augen und erkannte in ihnen, dass dies hier kein Spielchen vor einer Liebesvereinigung war.
Haazen hatte soeben eingesehen, dass seine aufopferungsvollen Dienste für das Haus Draay, sein ganzes Hoffen auf Aufstieg oder auf Mitgefühl von Seiten dieser vormaligen Schmugglerin und nun schmierigen Sith-Agentin nichts als nutzloser emotionaler Tand gewesen war, der ihn nicht vorwärts kommen ließ, sondern ihn lediglich niederhielt und ihn obendrein noch zum Gegenstand des Spottes seiner Umwelt gemacht hatte. Verachtung, bestenfalls Mitleid war alles, was er für so ein Leben im Schatten Anderer erwarten durfte. War es ein Wunder, dass Krynda damals nicht ihn, sondern seinen strahlenden Freund Barrison erwählt hatte?
Aber all dies würde sich nun mit einem Schlag ändern. Er würde jetzt die Spielregeln vorgeben. Und die Anderen würden sich danach richten. Er würde ihnen immer einen Schritt voraus sein. So wie Dossa es bislang ihm gegenüber gewesen war. Genau deshalb existierte Dossa in dieser Galaxis … um ihn genau das zu lehren. Und genau in diesem Moment wurde Haazens Herz zu Stein.
„Wwwas bist du dann?", fragte sie entgeistert.
Er nahm seine Hände von ihrem Kopf, um sie nun auf ihre schmalen Schultern zu legen. Dann drückte er mit seinen Fingern gegen ihre beiden Schlüsselbeine und Schulterblätter. Immer fester.
„Ich … werde so viel mehr sein", deklamierte er inbrünstig und schaute dabei auf ihren schwarz-tätowierten grünen Kopf herab, dessen Augen ihn in Entsetzen geweitet anstarrten, während ihre Lekkus angstvoll erzitterten.
„Lass das!", rief sie und versuchte, ihre Angst in Empörung umzuwandeln. Das würde sie stärker erscheinen lassen.
Haazen hielt es nicht für nötig, auf ihre Unmutsäußerung noch verbal zu reagieren. Die Schwäche dieser kleinen Sith-Lakaiin ihm gegenüber in diesem Moment war einfach nur erbärmlich! Zum Sith-Sein gehörte mehr, als nur ein paar Jedi in die Luft zu sprengen. Zeit, dem ein Ende zu bereiten.
„Wwwaaas? … Was hast du vor?", presste Dossa keuchend hervor, während ihre ohnehin schon großen schwarzen Augen ihn nun in unverhüllter Furcht geweitet anstarrten. Haazen sah sein neues Spiegelbild darin und auf einmal gefiel es ihm.
„Du hast mir ein Leben versprochen. Und jetzt werde ich es mir nehmen – Und deins."
Jetzt fühlte Dossa, wie Haazens natürliche und seine künstliche Hand Energie über ihre Schultern durch ihren gesamten Körper sausen ließen. Immer stärker. Haazen fühlte, wie Dossas plötzliche Angst vor ihm mit einem Mal ungeahnte Kräfte und Fähigkeiten in ihm freisetzte. Er wusste von Meister Arca Jeth, dass dieser mit seinen Händen ebenfalls Energie in seine Schüler fließen lassen konnte, sei es, um sie zu beruhigen, ihnen Mut zu machen oder sie anderweitig zu stärken. Aber die Energie, die Haazen jetzt über Dossa hereinbrechen ließ, war einfach nur zerstörerisch. All die Demütigungen und Erniedrigungen, die sie ihm seit ihrer ersten Begegnung hatte zukommen lassen, flossen nun über Haazens Hände wieder in ihre Verursacherin zurück. Und das reinigte ihn – und es tat so gut. Er gewann Stärke daraus. Und Selbstvertrauen.
Dossa spürte, wie ihr Herz anfing zu rasen, um diese Überlastung irgendwie auszugleichen. Aber die Impulse, die Haazen in ihren immer schwächer werdenden schlanken Körper jagte, wurden immer heftiger. Wer zum Bantha hätte gedacht, dass dieser gescheiterte Jedi zu solcher Machtentfaltung fähig war? Ob ihr Talisman, den er jetzt um den Hals trug, etwa noch andere Nebenwirkungen hatte? Oder das Joch des Anscheins? Fest stand: Sie hatte Haazen unterschätzt. Alle hatten ihn unterschätzt. Nein, Jedi taten so etwas nicht. Vor ihr stand ein leibhaftiger Sith. Jetzt verstand Dossa auf einmal Exar Kuns Unmut über ihren Vorschlag, Haazen zu rekrutieren. Ob Exar Kun früher auch einmal so wie Haazen gewesen war? Aber diese Vorstellung war einfach nur lächerlich.
Dossa spürte, wie ihr Herz immer lauter und schneller schlug. Das war gar nicht gut. Und Haazen sah nicht so aus, als wenn er jetzt stoppen würde. In seinem nun narbenzerfurchten Gesicht gewahrte Dossa ein dämonisches Grinsen. Dossas große schwarze in Todeserwartung geweiteten Augen schauten noch einmal in Haazens mechanisches rotes und sein natürliches, nun gelbes Auge, welches sie böse und unbarmherzig anfunkelte.
Nein, dieser neue Haazen war nicht mehr der treue brave Diener, der alles tun würde, um seinen Herrn oder die Dame seines Herzens zufriedenzustellen oder gar glücklich zu machen. Diese blonde Krynda müsste sich von jetzt an warm anziehen, sollte Haazen tatsächlich wieder zu ihr gehen, um mit ihr sein neues Leben komplett zu machen. Denn dieser neue Haazen war ein harter, gnadenloser Machtmensch – er war ein neuer Exar Kun.
Dossa fühlte heftige Schmerzen in ihrem derart elektrogeschocktem Körper. Vor allem in ihrem Herzen, welches immer unregelmäßiger zu schlagen begann …
… Exar Kun – vielleicht könnte er ihr jetzt helfen, sie retten. Sie müsste nur das Band zu ihm aktivieren, welches Meister und Schülerin auch über Planeten hinweg miteinander verband. Dossa konzentrierte sich, aber sie konnte kein Band mehr finden. ‚Etwas Schreckliches ist passiert. Ich kann ihn nicht mehr spüren!', hallten die Worte ihres Meisters von vor zehn Stunden auf einmal in ihr nach. Und jetzt konnte sie Exar Kun nicht mehr spüren. Ihre schlimmen Vorahnungen hatten sich also bestätigt.
Dossa fühlte, wie ihr Herz noch einige schnelle Schläge machte und dann kapitulierte. Kurz darauf spürte Dossa gar nichts mehr. Denn in jenem Augenblick war ihr grüner Körper tot in sich zusammengesackt.
