Kapitel 6: Annäherungen
Als am Morgen der Wecker klingelte, war Draco versucht, sich noch einmal auf die andere Seite zu drehen und einfach weiter zu schlafen. Doch gerade als er auf den Nachttisch greifen und den Wecker mit einem gezielten Schlag zum Verstummen bringen wollte, durchfuhr es ihn. Er war um zehn Uhr mit Hermine Granger verabredet. Ausgerechnet mit Hermine Granger und gleichzeitig war er wahnsinnig froh darüber, auf ein bekanntes Gesicht und dann auch noch jemanden getroffen zu sein, der sich in der Muggelwelt auskannte und ihm helfen konnte.
Draco schlug die Bettdecke beiseite, stand auf und ging ins Bad. Nach einer heissen Dusche fühlte er sich doch schon deutlich wohler und auch das Rasieren klappte noch relativ gut, was aber auch daran liegen mochte, dass er sich, bis er volljährig geworden war, immer mit einer Klinge rasiert hatte. Den Hauselfen hatte er in der Beziehung nie so ganz getraut. Manche Sachen vergass man eben nicht.
Mit noch feuchten Haaren, aber bereits angezogen, ging Draco in die Küche und drückte dort auf den roten Knopf der schwarzen Maschine. Am Abend zuvor hatte er sich zumindest noch mit einigen der vielen Apparate und Maschinen in seiner Wohnung vertraut gemacht und auch den Führer des Ministeriums gelesen. Immerhin wusste er jetzt, dass die ganzen Apparate mit Strom arbeiteten, den sie aus Steckdosen bezogen und, ganz wichtig, dass es sich bei dem schwarzen Ding in seiner Küche um eine Kaffeemaschine handelte. Genauer, um eine, die mit Kaffeekapseln funktionierte und daher ganz einfach in der Bedienung war. Er musste nur Wasser in den Tank füllen, eine Kapsel in die dafür vorgesehene Öffnung legen und anschliessend die Taste mit der Tasse darauf drücken und nur wenig später lief der Kaffee in die Tasse.
Zwar war Draco in Hogwarts zumindest zum Frühstück eher ein Teetrinker gewesen, aber die Kaffeezubereitung schien doch um einiges einfacher zu sein, als sich jetzt einen Tee zu machen. Mit der Tasse in der Hand kehrte Draco in sein Arbeitszimmer zurück und setzte sich an seinen Schreibtisch. Immerhin wusste er jetzt, dass es sich bei dem flachen Kasten um einen Computer, oder genauer, um einen Laptop, eine Art tragbaren Computer, handelte. Wie er allerdings damit umzugehen hatte, dazu hatte ihm der Führer auch keine Auskunft geben können. Draco hoffte, dass ihm Granger dabei würde weiterhelfen können. Genau wie bei der Bedienung des Telefons und der ganzen anderen elektronischer Geräte in seiner Wohnung.
Um kurz vor zehn Uhr brachte Draco die leere Kaffeetasse in die Küche und stellte sie in die Spüle und auf die Minute pünktlich um zehn Uhr schallte das hässliche Schrillen der Klingel durch die Wohnung. Wie schon am Tag zuvor drückte Draco sämtliche ihm zur Verfügung stehenden Knöpfe und hörte kurz darauf, wie unten die Tür geöffnet wurde und nur wenig später konnte er die Gestalt von Hermine Granger im Treppenhaus erkennen. Wie bereits in Hogwarts trug sie eine grosse Tasche mit Büchern bei sich. In der anderen Hand hatte sie allerdings eine Papiertüte, aus der es verführerisch duftete.
Als sie die Tür erreichte, lächelte sie freundlich. „Guten Morgen, Mal… Draco." Dann verstummte sie und für einen kurzen Augenblick schwiegen sie sich unsicher an. Schliesslich waren sie in Hogwarts fast sieben Jahre verfeindet gewesen und irgendwie war es nicht so leicht, diese Feindschaft einfach so beiseite zu schieben.
Schliesslich lächelte Draco ein wenig und machte einen Schritt zur Seite, damit Hermine die Wohnung betreten konnte. „Guten Morgen." Einen kleinen Moment zögerte er, doch dann fügte er hinzu: „Danke, dass du gekommen bist und mir hilfst." Hermine schaute überrascht auf. Draco Malfoy, der sich bei ihr bedankte. Das war doch noch etwas ungewohnt. „Ich habe gestern Abend noch den Führer für die Muggelwelt gelesen, den mir das Ministerium geschickt hat, aber dort steht nur das allerallernötigste drin. Es reicht gerade mal, dass ich jetzt in etwa weiss, wie die einzelnen Geräte bezeichnet werden, die in meiner Wohnung herumstehen." Fast ein wenig hilflos zuckte Draco mit den Schultern und Hermine konnte sich ein kleines Lachen nicht verkneifen.
Schon für sie, als Muggelgeborene war es am Anfang schwierig gewesen aus der Welt der Zauberer in diejenige der Muggel zurückzukehren. Aber als Harry sie noch in Hogwarts inständig darum gebeten hatte, ihn bei seinem Rückzug aus der Zaubererwelt zu begleiten, hatte sie nicht nein sagen können. Ihre Beziehung zu Ron war kurz zuvor zerbrochen und so hatte sie nichts mehr in England gehalten. Aber wenn bereits sie Schwierigkeiten mit der Umstellung gehabt hatte, so wollte sie sich überhaupt nicht vorstellen, wie es wohl Draco Malfoy gehen mochte, der bis dahin mit der Muggelwelt noch überhaupt keinen Kontakt gehabt hatte.
„Ich habe Frühstück mitgebracht. Ich wusste nicht, ob du schon die Möglichkeit hattest, dir etwas zu essen zu besorgen und da habe ich gedacht…" Hermine verstummte. Auch wenn sie sich am vorherigen Abend gut mit Draco verstanden hatte, so hiess das noch lange nicht, dass er es schätzen würde, wenn sie einfach so etwas zu essen mitbrachte. „Frühstück klingt toll", holte sie Dracos Stimme aus ihren Gedanken. „Ich habe seit gestern, als wir uns im Café getroffen haben, nichts mehr gegessen. Ähm… Ich würde ja jetzt gerne sagen, dass sich die Hauselfen um alles kümmern, aber ich befürchte…."
„Wo ist deine Küche?" unterbrach ihn Hermine. Sie konnte sich nur zu gut vorstellen, dass Draco keine Ahnung hatte, wie man einen Tisch deckte, geschweige denn, Essen zubereitete ohne dabei die Hilfe von Hauselfen zu haben.
Als sie die Küche betraten, musste Hermine erst einmal schlucken. Sie hatte eine moderne Küche erwartet, aber nicht das. Die Küche wirkte neu, aber gleichzeitig so, als ob sich jemand ausgetobt hatte, der von Küchen nicht wirklich viel Ahnung hatte. Auf der Seite, direkt neben der Tür, fanden sich eine Geschirrspülmaschine und direkt darüber ein Glaskeramikkochfeld. Es folgte eine Arbeitsfläche aus Granit unter der sich irgendwo der Backofen neben dem Kühlschrank befand und die irgendwo von einem winzigen Abwaschbecken unterbrochen wurde. In eine Ecke gedrängt standen eine kleine Mikrowelle und direkt daneben eine Kaffeemaschine. Schränke schienen Mangelware zu sein.
Anscheinend war es Hermine nicht sonderlich gut gelungen, den etwas entsetzten Gesichtsausdruck zu verstecken, denn Draco musterte sie und fragte dann: „Alles in Ordnung? Stimmt etwas mit der Küche nicht?" Hermine liess den Blick erneut über die Einrichtung wandern, bevor sie antwortete: „Mit der Küche an sich ist alles in Ordnung. Es ist alles da, was du brauchst. Man sieht nur, dass sie von jemandem eingerichtet wurde, der von Küchen im Prinzip keine Ahnung hat. Es ist sehr wenig Platz um Geschirr und Vorräte unterzubringen. Ausserdem ist alles etwas seltsam angeordnet. Aber es wird schon gehen. Weisst du wo die Teller sind?"
Draco zuckte nur mit den Achseln. Auf seiner Suche nach den Kaffeetassen war er den Tellern noch nicht begegnet. Nur jeder Menge Kochtöpfe. Vage deutete er auf einen kleinen Schrank an der Wand. „Versuch es mal dort. Da habe ich noch nicht hineingeschaut. Willst du auch einen Kaffee?"
Nur wenig später sassen sie gemeinsam am gedeckten Tisch. Hermine hatte irgendwo die Teller und auch das Besteck gefunden und jetzt liess sich vor allem Draco die mitgebrachten Buttergipfel mit Butter und Honig schmecken. Nebenbei beobachtete er Hermine, die in aller Ruhe die Unterlagen durchsah, die er vom Ministerium zugeschickt bekommen hatte.
„Am besten wird es wohl sein, wenn ich dir zunächst die Unterlagen hier erkläre und danach die ganzen Geräte in deiner Wohnung. Wir haben bis um zwei Uhr Zeit. Dann habe ich wieder Vorlesung und du übrigens auch." Draco nickte nur.
Eine Weile sassen sie schweigend am Tisch und nur das leise Blättern war zu hören, wenn Hermine wieder ein Blatt zur Seite legte. „Eins verstehe ich nicht, Draco. Müssten nicht eigentlich deine Eltern Himmel und Hölle in Bewegung setzen um dich zurückzuholen? Ich meine, ich finde hier nicht den geringsten Hinweis darauf, dass sich deine Eltern auch nur ansatzweise irgendwie eingeschaltet haben könnten." Draco verschluckte sich beinahe an seinem Gipfel. Mit der Frage hatte er nicht gerechnet und irgendwie sagte ihm sein Gefühl, dass es nichts schaden würde, wenn er jetzt ehrlich zu Granger, nein, Hermine war.
„Meine Eltern wollten nicht, dass ich hier studiere. Meine Mutter hätte mich lieber gestern als heute verheiratet und mein Vater hätte es gern gesehen, dass ich sofort bei ihm lerne seine Geschäfte zu führen. Aber ich wollte das nicht und so habe ich mich mit meinen Eltern nicht direkt gestritten, aber doch durchgesetzt, dass ich die Möglichkeit habe, hier zu studieren."
Hermine nickte und wartete bis Draco die Kaffeetasse wieder auf den Tisch gestellt hatte. Auch ihre Eltern waren nicht begeistert gewesen, als sie ihnen eröffnet hatte, dass sie gemeinsam mit Harry nach Europa gehen würde, aber sie hatten es akzeptiert und waren bereit, sie in allem zu unterstützen. Hermine wollte sich gar nicht vorstellen, wie es wohl gewesen wäre, wenn sie die Unterstützung ihrer Eltern nicht gehabt hätte.
„Jedenfalls habe ich gestern einen Brief von meiner Mutter erhalten", fuhr Draco fort, „in dem sie mir schreibt, dass sie und auch mein Vater von mir erwarten, dass ich hier glänzend abschneide. Sie machte zwar dort nicht den Eindruck, als wüsste sie schon von den Problemen hier, aber selbst wenn, macht es keinen Unterschied. Ich bin ihr Sohn und daher wird von mir erwartet, erfolgreich zu sein. Das ist jetzt so, das war in Hogwarts nicht anders." Der letzte Satz hatte irgendwie bitter geklungen und hatte so Hermine aufmerken lassen.
„Es wird von dir erwartet, erfolgreich zu sein, aber…" Hermine verstummte. Auch wenn Draco sie um Hilfe gebeten hatte, es war immer noch etwas ganz anderes, als wenn sie mit Harry zusammen am Frühstückstisch sass und sich mit ihm unterhielt. Bei Draco wusste sie überhaupt nicht, woran sie war. Draco war so anders, als sie ihn in Hogwarts kennengelernt hatte. Er wirkte nicht mehr so arrogant und irgendwie hatte sie auch den Eindruck, dass er zumindest einen Teil seiner Vorurteile abgelegt hatte. Gleichzeitig war ihr nur zu gut bewusst, dass das immer noch der Draco war, der sie die ganzen Jahre in Hogwarts als Schlammblut bezeichnet, dessen Cousine sie gefoltert hatte.
Aber gleichzeitig war sie nicht umsonst in Gryffindor gewesen. Vielleicht war das die Möglichkeit einen Neuanfang zu machen, die Möglichkeit, Draco Malfoy unvoreingenommen neu kennenzulernen und Harry schien es aus irgendeinem ihr unbegreiflichen Grund wichtig zu sein, dass sie sich gut verstanden. Hermine zögerte noch einmal kurz und nahm dann all ihren Mut zusammen.
„Vielleicht sollten wir einen Neuanfang machen." Draco schaute etwas überrascht von seinem Teller auf und zum ersten Mal hatte Hermine den Eindruck etwas anderes als die eiskalte Maske zu sehen, die er in Hogwarts immer getragen hatte. „Ich denke wir sollten unsere Feindschaft hinter uns lassen und uns ohne Vorurteile noch einmal versuchen neu kennen zu lernen. Ausserdem scheint James dich zu mögen. Also werden wir uns in der nächsten Zeit wohl öfters begegnen."
Hermine hatte den Eindruck förmlich beobachten zu können, wie es in Dracos Kopf arbeitete, doch dann streckte ihr dieser sein Hand entgegen und meinte: „Einverstanden. Machen wir einen Neuanfang." Hermine konnte nicht anders als zu lächeln und die angebotene Hand zu nehmen. Anschliessend lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück und fragte mit einem neugierigen Unterton: „Also, wie bist du eigentlich ausgerechnet an James geraten? Er wollte mir gestern Abend nämlich nichts mehr sagen."
Draco nahm noch einen Schluck aus seiner inzwischen beinahe leeren Kaffeetasse und setzte sich dann ebenfalls etwas bequemer hin. Irgendwie war es seltsam, dass ausgerechnet die Busenfreundin von seinem Erzfeind Potter in seiner Wohnung sass und mit ihm frühstückte, aber irgendwie fühlte es sich auch gut an, richtig. „Er ist nach der einen Vorlesung gestern in mich reingelaufen und ich bin ihn einfach nicht mehr losgeworden." Draco lächelte leicht. „Aber was hat dich hierher verschlagen? Wenn ich das richtig verstanden habe, bist du doch an der Muggeluniversität eingeschrieben. Wieso? Bei uns waren immer alle fest davon überzeugt, dass du eine glänzende Karriere im Ministerium machen würdest. Bei deinen Noten…."
Draco musterte sie neugierig. Das war tatsächlich die Frage gewesen, die er sich schon den ganzen Abend gestellt hatte. Warum studierte Hermine Granger ausgerechnet an einer gewöhnlichen Muggeluniversität auf dem Kontinent? So wie er es sah, hätte sie mit ihren Noten an den weltbesten magischen Universitäten studieren können.
„Das Ministerium hätte mich wahrscheinlich mit Handkuss genommen. Aber das wollte ich nicht. Ich will, dass man mich aufgrund meiner eigenen Leistungen einstellt und nicht, weil ich mit Harry befreundet bin. Ausserdem habe ich, nach allem, was in den letzten Jahren geschehen ist, beschlossen, in die medizinische Forschung zu gehen. Mich interessieren vor allem die Möglichkeiten die magische Medizin mit derjenigen der Muggel zu kombinieren. Es gibt doch immer wieder Fälle, wo auch die magischen Heiler nicht weiter wissen." Hermine verstummte. Arthur Weasley, der beinahe am Gift von Nagini gestorben wäre, genauso wie die Wunden von Bill, die der Biss von Greyback hinterlassen hatten und die mit magischen Mitteln nicht richtig zu heilen gewesen waren, hatten sie in diesem Entschluss bestärkt.
„Deshalb habe ich beschlossen zunächst Pharmazie zu studieren und anschliessend eine Ausbildung im St. Mungos mit dem Schwerpunkt Zaubertränke zu machen und für Pharmazie bieten sich hier mit den ganzen Firmen in unmittelbarer Umgebung viele Möglichkeiten. Ausserdem ist es nicht so wahnsinnig weit weg von zu Hause und zumindest vor kurzem hätte ich noch für ein Wochenende zu meinen Eltern apparieren können." Hermine zuckte mit den Schultern. „So werde ich sie wohl in den Semesterferien besuchen und ansonsten telefonieren wir eben."
Draco stellte seine Kaffeetasse auf die Untertasse zurück. In Hermine Granger steckte doch deutlich mehr, als er immer gedacht hatte. Eigentlich war er davon ausgegangen, dass sie das Wiesel heiraten und jede Menge Kinder in die Welt setzen oder, alternativ, Karriere im Ministerium machen würde. Nie wäre er auf die Idee gekommen, dass sie eine Tätigkeit in der medizinischen Forschung anstreben könnte.
„Und was ist mit deinen Freunden? Weasley und Potter? Was sagen die dazu, dass du beschlossen hast an einer Muggeluniversität zu studieren?" Für einen Augenblick schien ein Schatten über Hermines Gesicht zu fliegen, als sie antwortete: „Ron war das Quidditschspiel plötzlich deutlich wichtiger als ich. Zudem habe ich keinerlei Interesse daran, als zweite Molly Weasley zu enden. Nichts gegen Molly, aber ich habe nicht die ganzen Jahre in Hogwarts soviel gelernt um anschliessend zu Hause zu bleiben und eine Horde Kinder gross zu ziehen. Was Harry betrifft, er hat sich in die Muggelwelt zurückgezogen." „In die Muggelwelt?" unterbrach Draco Hermine überrascht.
Warum sollte sich ausgerechnet Harry Potter in die Muggelwelt zurückziehen? Vor allem nicht, da er in der Zaubererwelt doch alles hatte, was er sich nur erträumen konnte: Ruhm, Ehre, Achtung und zahlreiche Fans. „Ihm ist der ganze Trubel zu viel geworden." „Wie meinst du das?" fragte Draco jetzt noch etwas ungläubiger. „Ihm sind diese ganze Verehrung und vor allem die vielen Reporter auf die Nerven gegangen und so hat er sich in die Muggelwelt zurückgezogen, bis sich die Aufregung um seine Person wieder ein wenig gelegt hat. Aber warum bist du eigentlich noch hier und hast nicht schon längstens versucht, wieder zurück nach England zu kommen?" lenkte Hermine vom Thema Harry ab. Draco musste nicht wissen, wo genau Harry war, auch wenn er sich anscheinend verändert hatte und vor allem schien Harry selber es nicht zu wollen, dass Draco von seinem Geheimnis erfuhr. Sie würde sich da nicht einmischen. Das war etwas, was Harry mit sich selber ausmachen musste. Allerdings hatte Hermine ihm schon deutlich gesagt, dass sie es nicht für gut hielt, was er da tat.
Draco schwieg einen Moment, schien zu überlegen, was und wie viel er Hermine sagen konnte, doch irgendwie hatte er das Gefühl, dass sie ihn nicht auslachen würde, wenn er ihr die Wahrheit erzählte, dass sie ihn vielleicht sogar verstehen würde. „In England bin ich immer der Sohn von Lucius Malfoy. Egal was ich mache, egal, wohin ich komme. Ich bin in erster Linie ein Malfoy und muss mich entsprechend benehmen. Wenn sich jemand mit mir anfreundet, weiss ich nicht, ist es, weil er mit mir, Draco befreundet sein möchte, oder, weil er sich Vorteile durch meinen Namen verschaffen will."
Hermine nickte. Seit dem sie ständig mit Harry zusammen in einem Satz genannt wurde, konnte sie zumindest ansatzweise verstehen, wie es sein musste, wenn einen jeder kannte und mit dem Namen bestimmte Erwartungen verknüpfte und für Draco musste das wohl ähnlich wie für Harry sein. Vielleicht waren sich beide doch ähnlicher, als sie es in Hogwarts immer geglaubt hatten.
„Am Anfang, als ich begriffen habe, was hier los ist, wollte ich wieder zurück. Dann kam der Brief des Ministeriums, der sagte, dass ich nicht zurück kann." „Was soll das heissen?" unterbrach ihn Hermine. „Ich habe auch einen Brief vom Ministerium bekommen, aber darin stand, dass ich, sollte ich nicht bleiben wollen, jederzeit nach England zurückkehren könnte." Nur daran, dass sich eine kleine Falte zwischen den Augenbrauen bildete und die Linien um seinen Mund sich etwas vertieften, konnte Hermine erkennen, dass Draco wütend wurde. „Und mir haben sie gesagt, dass ich unmöglich zurückkönnte, weil das meine Magie gefährden würde. Von wegen meine Magie gefährden. Das war sicher mein Vater, der mir dadurch nur noch einmal zeigen wollte, wo er meinen Platz sieht."
„Dein Vater?" unterbrach ihn Hermine, bevor sich Draco noch weiter hineinsteigern konnte. „Genau mein Vater. Das würde zu ihm passen. Wahrscheinlich hofft er, dass ich ihm einen Brief schreibe und ihn darum bitte, dass er dafür sorgt, dass ich zurückkommen kann, aber nicht mit mir, das sage ich dir Hermine. Da kann er lange warten. Ich werde es geniessen, dass hier niemand weiss, was mit dem Namen Malfoy verbunden ist. Ich werde es geniessen, einfach ein ganz normaler Student sein zu können, ohne irgendwelche Erwartungen erfüllen zu müssen." Draco lächelte leicht. Es tat gut, seine eigenen Entscheidungen treffen und zu ihnen stehen zu können.
Hermine lächelte zurück. „Dann fangen wir am besten gleich an, wenn du so entschlossen bist, hier zu bleiben. Am besten gehen wir zunächst die Unterlagen durch, die dir das Ministerium gestern geschickt hat. Danach zeige ich dir, wie der Laptop funktioniert und du ins Internet kommst und wie du mit den Geräten in deiner Küche umgehen musst. Für mehr haben wir wahrscheinlich heute gar keine Zeit mehr."
Draco nickte und half Hermine das Frühstücksgeschirr soweit zur Seite zu schieben, dass sie die Bankunterlagen, die das Ministerium geschickt hatte, auf dem Tisch ausbreiten konnte. Nur kurze Zeit später waren sie in eine lebhafte Diskussion über die Vorteile von Kreditkarten und Plastikgeld vertieft und als Draco um kurz vor zwei mit Hermine das Haus verliess und sie sich auf den Weg in ihre Vorlesung machten, wusste er zumindest, wie er zu Geld kam, seinen Laptop bedienen und seine Mails abrufen konnte, sowie das Telefon, Handy und die Geräte in seiner Küche funktionierten. Vielleicht war es in der Muggelwelt gar nicht so schlimm, wie er am Anfang gedacht hatte.
