Memories

geschrieben von Nana

übersetzt von Littleleaf89 und Seraph86

Kapitel 6


Datum: Don, 29 Apr 2004 10:47:10 -0000
Von: "L. Fersen"
An:
Betreff: Re: Hi
Liebe Françoise,
Ich hoffe, diese E-Mail kommt bei dir an. Es ist wie immer schön, von dir zu hören. Wir erfreuen uns alle halbwegs guter Gesundheit, vielen Dank der Nachfrage.
Gustav hat die Einzelheiten zu dem Handel mit den lokalen Investoren hier ausgearbeitet, daher bin ich zum jetzigen Zeitpunkt fest überzeugt, dass die Verhandlungen gut verlaufen werden. Der Hauptsitz wird regelmäßig über unseren Fortschritt unterrichtet. Wünsch uns Glück!
Ich hoffe, allen von de la Saigne geht es gut. Es ist immer ein Trost für mich, an die letzten paar Monate zurückzudenken, die ich in eurem Büro verbracht hatte. Ich freue mich auf die Zeit, in der wir uns wiedersehen werden.
Bis dahin hoffe ich, dass du gut auf dich aufpasst.
Grüße,
Lars


Ich las diese E-Mail mit einiger Genugtuung und beschloss, mit meiner Antwort abzuwarten, bis ich die richtigen Worte dazu gefunden hatte. Für jemanden, der Briefe normalerweise innerhalb kürzester Zeit beantwortete, war diese Zurückhaltung geradezu eine Neuheit, wie ich mir selbst gegenüber bemerkte. Doch andererseits war der Korrespondent nicht einfach irgendjemand, oder?
Nachdem der Computer ausgemacht war, stand ich auf und schlüpfte in meinen Mantel. Als ich aus meinem Büro und in den Empfangsbereich trat, verkündete ich Rosalie, dass ich mit meinen Schwestern zu Mittag essen würde. Rosalie verstand sofort und antwortete, dass sie mich anrufen würde, wenn es notwendig wäre, ins Büro zurückzukommen. Einstweilen war in meinem Terminplan bis heute Nachmittag um zwei Uhr nichts mehr eingetragen.
Der letzte Donnerstag jeden Monat - und das war üblicherweise der gnädigste meiner ansonsten so hektischen Tage im Büro - war reserviert für ein Treffen zum Mittagessen mit meinen Schwestern. Marie Anne, Clotilde, Hortense, Catherine und Josephine (dem Alter entsprechend geordnet) würden üblicherweise frühzeitig anrufen, um den Ort festzusetzen und würden keine Entschuldigung tolerieren, an diesen kleinen Wiedersehen nicht teilzunehmen.
Als ich achtzehn wurde, hatten sie alle ihre Schullaufbahn beendet und jede dieser älteren Schwestern hatte innerhalb weniger Jahre Abstand von einander geheiratet. Natürlich war Vater überaus zufrieden mit ihren Ehepartnern. Sie hatten das Haus so früh verlassen, dass ich ihre tägliche Abwesenheit eigentlich nicht vermisst hatte. Um diese wieder gut zu machen, hatten sie sich dieses monatliche Zusammenkommen ausgedacht, um über Familienangelegenheiten, Arbeit und einfach alles, was eingehende Diskussion erforderte, zu sprechen.
Erfahren und geistreich, mit den letzten Trends und dem Treiben in der Stadt auf dem aktuellsten Stand, waren meine Schwestern auch meine Hauptinformationsquelle bezüglich einer Menge Angelegenheiten, die nichts mit der Arbeit zu tun hatten.
Heute hatten sie sich ein Restaurant in Laufnähe zum Büro ausgesucht, um mir die Fügung zu erleichtern. Sie waren bereits beim Durchsehen der Speisekarte als ich eintraf, und diskutierten den neuesten Bestseller, den sie lasen; ein historischer Liebesroman von einer Autorin mit dem unglaubwürdigen Namen Vanessa d'Or.
"Was meinst du damit, du hast es nicht gelesen?" fragte mich Josephine schockiert, "Du bist vermutlich die einzige Person in Paris, die dieses Buch nicht gelesen hat!"
"Ist es wirklich so gut?", fragte ich skeptisch, als meine Augen die Menükarte überflogen.
"Und wie es das ist! Ich werde dir sofort ein Exemplar schicken.", antwortete meine Schwester.
"Wenn du magst.", meinte ich gleichgültig.
"Und wie geht's Lulu?", fragte ich meine älteste Schwester, nachdem wir bestellt hatten. Unter meinen verheirateten Schwestern hatte einzig Marie Anne ein Kind gezeugt — das frühreife, zehnjährige Plappermaul Lulu.
Schon bei der Erwähnung meiner Nichte lies Marie Anne ihre elegante Schultern hängen und sie seufzte. "Sie ist unmöglich, wie immer.", sagte sie, "Kann ich mir André öfter ausleihen? Er schien eigentlich fähig zu sein, das Kind unter Kontrolle zu halten."
Ich lächelte schief. "Ich bezweifle, dass André sich derzeit von seinen Aufgaben losreißen kann, aber warum fragst du ihn nicht einfach?", sagte ich. Es stimmte, dass Lulu Andrés Gesellschaft mehr als die jedes Anderen genoss, obwohl ich nicht sicher war, ob André das Gefühl erwiderte.
"Wir haben dich auf Madame du Deffands letzter Cocktailparty vermisst", bemerkte Josephine, als wir mit dem Salat begannen, "und Vater hatte gesagt, du wolltest kommen."
"Die Pflicht rief.", log ich kurz angebunden, "Ich musste in letzter Minute Arbeitsverpflichtungen nachgehen."
Clotilde schüttelte vor Empörung ihren Kopf. "Hättest du nicht jemand anderen schicken können, um Sonntags nach der Arbeit zu sehen?", fragte sie.
Ich lächelte nur, und beschloss nicht zu kommentieren, was für jeden der Anwesenden offensichtlich war.
"Nun, in einem Monat gibt es eine weitere Veranstaltung bei du Deffand. Eine Maskerade.", sagte Hortense, "Da, jetzt weißt du es hinreichend vorher. Ich werde dir das Datum mitteilen, sobald es feststeht. Stelle sicher, dass du nichts Anderes einplanst. Es soll keine weiteren Entschuldigungen geben, nicht zu erscheinen, Françoise!"
"Und ich habe sichergestellt, dass sie diesmal auch keine hat!", gab Marie Anne groß kund, als sie sich mir zu wandte, "Hast du das Paket bekommen, das ich vor einigen Tagen an dich schickte?"
"Ja, habe ich.", sagte ich und stocherte weiter in meinem Salat.
Es folgte eine Pause. "Und—?", trieb mich meine älteste Schwester an.
"Oh. Entschuldige, wie unhöflich von mir.", sagte ich, als ich die Spitze meiner Serviette an den Mund hob, "Danke."
"Gefällt es dir?"
Ich musste zugeben, als ich das Geschenk meiner Schwester aus seiner Box hob, war der elegante Schnitt und Stoff des Kleidungsstücks äußerst beeindruckend. Es war geschmeidig und stilvoll zugleich, das makellose, weiße Material weich und hauchdünn, die Ränder mit blauer, gemusterter Seide abgerundet. Sehr geschmackvoll und anspruchsvoll gemacht. Das einzige Problem daran war, dass es—
"Ein Kleid?", sagte ich geradeheraus, "Warum um alles in der Welt schickst du mir ein Kleid?"
"Es ist nicht nur irgendein Kleid!", rief Marie Anne empört, "Das ist das letzte aus der Valentino-Kollektion! Es ist noch nicht einmal in den Läden!"
"Warum um alles in der Welt willst du, dass ich ein Valentino-Kleid trage?", fragte ich unerbittlich weiter.
"Oh Françoise!", rief Clotilde verzweifelt, "Du kannst dieses kleine Ereignis aus deiner Kindheit nicht einfach so deinen Kleidergeschmack einschränken lassen."
Ich hörte auf zu kauen und sah sie verständnislos an.
"Weißt du, Clotilde hat Recht.", sagte Catherine mitfühlend, als sie sanft eine Hand auf meinen Arm legte, "Schließlich sind schon fast 20 Jahre vergangen, meine Liebe."
"Ich fürchte, ich kann euch nicht folgen.", sagte ich langsam.
"Nun, deine Abscheu gegen Röcke, Françoise! Worüber sollten wir sonst reden?", sagte Marie Anne, "Jeder weiß, warum du gleich nach der ersten Nacht, in der du ein Kleid an hattest, aufhörtest, Röcke zu tragen."
"Jeder stolpert mal über lange Kleider, Françoise", sagte Hortense, "Das sollte dich jedoch nicht davon abhalten, sie zu tragen."
"Ihr wisst alle genau, dass ich nicht gestolpert bin!", rief ich, als ich merkte, dass meine Schwestern ihr liebstes Spiel mit mir spielten—sich gegen mich verbünden. "Der Rock war mir im Weg!"
Auf meine Worte hin, wendeten meine Schwestern ihre Blicke ab und murmelten eine allgemeine, unverbindliche Antwort.
Nun ja, meine Worte entsprachen nicht vollkommen der Wahrheit. Um ehrlich zu sein waren sowohl meine Beine als auch die Röcke Schuld an der Sache. Dass ich die Stufen in diesem verdammten Kleid hinunter flog, als ich vierzehn war und mir dabei die Ellenbogen und Knie aufschürfte, würde genauer beschreiben, was mir in der Nacht von Josephines Debüt in der Villa passiert ist. Glücklicherweise ereignete sich der Unfall auf der großen Treppe, als keiner der Gäste anwesend war, da sie alle im großen Ballsaal versammelt waren.
Zutiefst gedemütigt, raste ich so schnell wie ich mich aufrappeln konnte zurück auf mein Zimmer, und wechselte in einen der Anzüge, die mir, trotz all der hysterischen Einwendungen von Nanny, vertrauter waren. Von da an hatte jeder angenommen, dass dieser Vorfall der Hauptgrund gewesen war, warum ich mich weigerte, Röcke jeglicher Art zu tragen, obwohl ich es mehr der allgemeinen Ansicht zuschreiben würde, dass Kleider ein unbequemes Hindernis darstellten.
Die Familie jedoch hatte entschieden, diesen Vorfall als eines der denkwürdigsten Ereignisse in ihren Annalen zu betrachten. Wenn sie mir auf die Nerven gehen wollten, mussten sie nur diesen bestimmten Vorfall ausgraben, wie es meine Schwestern gerade taten.
"Wir wollen damit nur sagen, dass du Röcken eine Chance geben sollst!", seufzte Josephine, "Ist das zu viel verlangt? Außerdem hast du so lange, wohlgeformte Beine. Es wäre eine Schande, sie die ganze Zeit bedeckt zu halten."
"Hört zu.", sagte ich knapp, "Selbst wenn ich jemanden finden würde, in den ich mich Hals über Kopf verlieben würde, und selbst wenn ich ihn heiraten würde—was momentan überhaupt nicht zur Diskussion steht—wird er nicht fähig sein, mich dazu zu überreden, einen Rock zu unserer Hochzeit zu tragen."
"Das sagen sie alle, bevor sie diesen besonderen Jemand kennen gelernt haben.", sagte Marie Anne wissend, als sie die Konversation geschickt umlenkte.
"Das ist vollkommen richtig!", flötete Clotilde mit ein, "Wäre es nicht aufregend, wenn Fräulein. Etepetete hier eines Tages alles zurücknehmen müsste?"
Ich musste trotz allem über die Taktiken meiner Schwestern lächeln.
"Übrigens, da wir vorher von André gesprochen hatten", sagte Hortense, "Madame Dubois hatte nach ihm gefragt. Sie muss ihm auf der De-Brun-Hochzeit begegnet sein, und er gab sich ihren eigenen Worten zufolge sehr 'edel'."
Ich senkte meine Gabel. "Was bedeutet das?", verlangte ich zu wissen.
"Wie ich André kenne, hatte er sie vermutlich zum Tanzen aufgefordert.", sagte Hortense, "Er ist immer sehr galant gewesen, doch ich denke du solltest ihm sagen, dass Madame Dubois nicht mehr Aufmerksamkeit gezollt werden sollte, als sie tatsächlich verdient. Sonst bleiben die Gerüchte ewig an ihm hängen."
Verblüfft über das, was ich eben gehört hatte, versuchte ich mir die Details des De-Brun-Hochzeitsdinners ins Gedächtnis zu rufen. Wenn ich es mir recht überlegte, hatte ich André in dieser Nacht nicht mehr gesehen, nachdem er Rosalie zum Tanzen weggeführt hatte. Ich hatte mich bald danach davongeschlichen, ohne die beiden zu benachrichtigen und damit ihren selten genug vorkommenden Ausgehabend zu verderben.
Und Madame Dubois war wirklich eine eingefleischte Klatschbase. Ihr letzter Ehemann war ein bedeutender Aktieninhaber bei de Brun gewesen, was ihre Anwesenheit in wichtigen Veranstaltungen des Unternehmens erklären würde. Sie war in ihren Vierzigern, und noch immer sehr attraktiv. Es gab viel Gerede um Madames zahlreiche Affären und Beziehungen in ganz Paris, wobei fraglich ist, wie viel davon stimmte und wie viel von Madame Dubois selbst fabriziert worden war.
Trotzdem schien es lächerlich zu denken, André wäre in ihre Angelegenheiten verwickelt.
"Ich bin mir sicher, dass er weiß, wie sie ist. Und seit wann ist es ein Verbrechen, mit jemandem auf einem Hochzeitsdinner zu tanzen?", sagte ich, als ich meinen Salat demonstrativ ruhig weiter aß, "Außerdem kann André gut selbst auf sich aufpassen."
Den letzten Satz hatte ich mit mehr Überzeugung hervorgebracht, als ich momentan fühlte. Vielleicht sollte ich doch ein wenig mit André reden.
Meine Schwestern sahen einander zweifelnd an, entschieden sich aber, das Thema fallen zu lassen.
"Und wie läuft es mit der Arbeit?", fragte Catherine.
"Wie immer.", antwortete ich, "Sehr anstrengend."
Was ich meinen Schwestern gegenüber jedoch nicht erwähnte, war, wie chaotisch alles auf der Arbeit sein konnte. Beispielsweise das vierteljährliche Meeting, das ich erst vor zwei Wochen mit den Betriebsleitern abgehalten hatte.


Entsprechend Andrés düsteren Vorhersagen, war Alain de Soisson wie immer unmöglich gewesen, doch Alains Taktiken waren es nicht, die an diesem Tag meinen Zorn erregten. Stattdessen war es einer der anderen Betriebsleiter gewesen, Nicolas de la Motte, der diesen hervorrief, indem er nicht zum Meeting erschien.
"Was meint er damit, er sei im Urlaub?", erinnerte ich mich, den nervösen Assistenzmanager angeblafft zu haben, den de la Motte an seiner statt geschickt hatte, "Ich habe die Benachrichtigung zu diesem wichtigen Meeting nicht deshalb einen Monat im Voraus geschickt – mit der ausdrücklichen Anweisung, dass alle Betriebsleiter persönlich erscheinen sollen – nur damit er in letzter Minute sagen kann, er sei im Urlaub!"
Wie erwartet war der Assistenzmanager erledigt, nachdem ich mit ihm die vierteljährlichen Finanzberichte für seinen Bereich durchgegangen war. Die Vermerke, die er von de la Motte bekommen hatte – falls überhaupt – waren inkonsistent und durcheinander, und seine zunehmende Ängstlichkeit, als er versuchte, die Berichte einigermaßen in Ordnung zu bringen, bewirkte nur, dass meine wachsende Ungeduld immer größer wurde. Schließlich musste ich ihn aus seiner unglücklichen Lage befreien und sagte, dass ich de la Motte innerhalb dieser Woche sehen wolle, bevor ich mich den anderen Betriebsleitern zuwandte.
"Diese Frechheit!", schnaubte ich, als ich nach drei Stunden dieses erschöpfenden Meetings aus dem Sitzungssaal hinaus stolzierte.
Rosalie beeilte sich, mir hinterherzukommen, als wir zurück zu meinem Büro nach oben gingen. „Ich kann wirklich nicht nachvollziehen, warum er abwesend war!", wehklagte sie, „Abgesehen von deiner Anweisung hat er auch telefonisch bestätigt, dass er kommen würde."
„Es ist nicht deine Schuld, Rosalie.", sagte ich bestimmt. Es war sehr deutlich, dass de la Mottes Abwesenheit vorsätzlich gewesen war.
Nicholas de la Motte hatte von Anfang an nichts als Ärger bedeutet. Ich hatte mich gegen seine Einstellung als Betriebsleiter im Unternehmen ausgesprochen, da einige der anderen Bewerber bessere Arbeitszeugnisse vorzuweisen hatten als er, doch es schien so, als wäre seine Stelle von den höheren Rängen bei de Brun abgesichert worden.
Auch wenn ich es nicht zugeben wollte, diese Besonderheiten pflegten ab und an im Unternehmen aufzutreten. In diesem Aspekt unterschied sich de Brun wirklich nicht von anderen multinationalen Gesellschaften, mit ihren unterschwelligen Kompromissbeschlüssen und Firmenintrigen, die direkt unter der aalglatten Oberfläche lauerten.
Kein Problem. Es gab Wege, mit dieser Art von Leuten umzugehen.
Als wir das Büro erreichten, war das Drama des Tages noch nicht ausgestanden. Wir fanden Alain an der Rezeption vor, wie er mit einem stirnrunzelnden André sprach. Es war tatsächlich interessant zu sehen, dass sogar André, der normalerweise ein eher heiteres Temperament besaß, Schwierigkeiten hatte, sich im Zaum zu halten, was Alain betraf. Doch Alain hatte unglücklicherweise eine besonderes Talent, Leuten auf die Nerven zu gehen.
„—Du willst damit sagen, dass der Kardinal nicht einmal das Bisschen von seinem Einfluss einsetzen kann, um mich für fünf Minuten reinzulassen?", hörte ich ihn mit unverstellter, verachtungsvoller Belustigung sagen.
Diese kurze Phrase ergab für mich keinen Sinn. „Das Meeting wurde bereits unten beendet, Alain.", unterbrach ich, und angesichts dessen, wie beide sich plötzlich in unsere Richtung wandten, war es offensichtlich, dass keiner von ihnen uns kommen gesehen hatte.
„Hmph. Tatsächlich, mon Capitaine, obwohl ich denke, dass Sie daran interessiert sein werden, was ich Ihnen gerne sagen möchte.", sagte Alain mit seinem üblichen Sarkasmus, „vergebt, dass ich zu eurem Büro hochkommen musste. Es auf keinen Fall für fremde Ohren bestimmt. Es ist für niemand anderes' Ohren bestimmt."
Ich öffnete meine Bürotür. „Rein.", befahl ich Alain knapp, "Sie haben eine Minute."
Doch was er zu sagen hatte, dauerte länger als eine Minute, und es sollte in den darauf folgenden Tagen immer wieder auftauchen, um mich zu quälen. Es war höchst beunruhigend, doch jetzt war nicht die Zeit, darüber zu grübeln oder in Zorn zu geraten. Offensichtlich standen einige Nachforschungen aus, und konkrete Nachweise mussten eingeholt werden. Die Beweise sollten früh genug ans Licht kommen.
Als ich im kleinen, tröstlichen Kreis meiner plappernden Schwestern saß, fühlte ich mich, als könnte ich alle meine Sorgen für eine Weile vergessen. Es würde genug Zeit geben, sich um alles zu sorgen, sobald ich mein Büro wieder betreten würde.


Nach dem Mittagessen beschlossen meine Schwestern etwas einzukaufen und ich musste zurück ins Büro. André war von seinen morgendlichen Botengängen zurück und folgte mir in meine Büroräume.
„Hier sind die Sachen, die du für Donnerstag angefordert hattest.", sagte er und legte die Papiere ab, die ich ihn als Vorbereitung für ein Geschäftsessen an besagtem Tag gebeten hatte, nachzuschauen, „und ich konnte die Tickets beschaffen die du fürs Theater Freitag Nacht wolltest. Die Termine am Samstag stehen auch fest und alles ist vorbereitet."
„Unglaublich!", sagte ich und schüttelte meinen Kopf, als ich ihn grinsend ansah, „Stets der verlässliche André wie ich sehe. Ich hatte schon Angst, sie meinten es ernst, als sie mir sagten, die Tickets wären ausverkauft."
„Ich habe so meine Mittel.", sagte André rätselhaft. Er musste gesehen haben, wie ich den letzten Umschlag in seinen Händen betrachtete, denn er schaute runter und sagte „Oh. Das ist etwas Anderes."
„Was ist das?", fragte ich trotzdem.
„Dein Vater war von dem Bild das du gekauft hast sehr angetan", antwortete er, „Er bat mich, ein Bisschen darüber zu recherchieren."
„Hat er?", fragte ich interessiert, „Und was hast du bisher herausgefunden?"
„Noch bin ich nicht weit gekommen", vertraute André mir an, „Natürlich verfolgte ich seine Herkunft zuerst über Lasonne, den Kunsthändler. Doch das Gemälde wurde in den letzten dreißig Jahren mindestens fünf Mal herumgereicht und ich habe erst begonnen, diese ehemaligen Besitzer ausfindig zu machen. Ich gebe dir Bescheid, wenn ich mehr Informationen habe."
„Gut, das wäre toll.", sagte ich.
Es gab eine Pause, als unsere Blicke sich begegneten und einander kurz hielten.
„Gibt es noch etwas?", fragte er schließlich.
Ja, es gibt noch etwas, André…was dachtest du dir dabei, mit Madame Dubois zu tanzen?
Ich schüttelte den Kopf und schaute weg. „Es gibt nichts weiter. Danke, André.", beschloss ich stattdessen zu sagen.
Nachdem er das Büro verließ, fragte ich mich, warum ich gezögert hatte ihm die Frage zu stellen, die mir bereits auf der Zunge lag. Das war ich von mir selbst nicht gewöhnt. Meine Offenheit—welche ich nicht einmal Fersen gegenüber zurückhalten konnte—hatte mich ausnahmsweise verlassen, als ich André ansah.
André war über Jahre hinweg der Adressat für meine ehrlichen, wenn auch etwas unverblümten Fragen und Meinungen bezüglich einer Reihe von Dingen gewesen. Warum sollte ich jetzt zögern?
Vielleicht lag das daran, dass es niemals eine lächerlichere und unangemessenere Frage gegeben hatte, die man vor jemandem aufwerfen konnte. Wen kümmerte es, ob André mit der Frau tanzte? Ich konnte wirklich nichts Falsches darin sehen, dass ein Mann eine Dame auf einer Hochzeit um einen Tanz bat.
Oder vielleicht fiel es mir immer noch schwer zu glauben, dass André möglicherweise ernsthafte Vorsätze haben könnte, was Madame Dubois betraf. Und selbst wenn er ernsthafte Absichten hatte, würde es für mich schwer sein, meine Nase in seine persönlichen Angelegenheiten zu stecken.
André hatte es nie gewagt, in meine Privatsphäre einzudringen. Es war nur fair, dass ich seine respektierte. Wie würde ich mich schließlich fühlen, wenn er sich in Dinge einmischen würde, die ich als privat betrachtete?
Richtig?
Damit war die Sache abgehakt. Vielleicht könnte ich später zu einem geeigneteren Zeitpunkt etwas Unaufdringliches über Madame Dubois sagen…


Unglücklicherweise sollte ich durch direkte Beobachtung in den nächsten Tagen mehr über diese Affaire von André erfahren. In weniger als 24 Stunden, nachdem ich mit meinen Schwestern zu Mittag gegessen hatte, entwickelte sich eine ernsthafte Krise im Unternehmen.
Um etwa ein Uhr morgens, gerade als ich in meiner Wohnung dabei war, in unruhigen Schlaf zu verfallen, klingelte mein Handy.
Die Neuigkeit wurde von keinem Geringeren als meinem Vater selbst überbracht. Louis de Brun wurde - nach der üblichen Zechnacht mit seinen Kumpanen auf seinem Anwesen - in ein Krankenhaus gebracht, nachdem heftige Brustschmerzen und Atemnot kurz nach Mitternacht bei ihm aufgetreten waren.
"Die Ärzte sagen, ein Herzanfall bahne sich an. Er wurde augenblicklich in die Notaufnahme gebracht, Françoise.", sagte Papa, "Auguste wurde natürlich kontaktiert und ist auf dem Weg zurück von Griechenland. Im Moment jedoch hat Philippe die Verantwortung übernommen."
"Ist es wirklich so schlimm?", fragte ich und fühlte, wie meine Finger von dem Druck auf den Telefonhörer schmerzten.
"Ich befinde mich in einem Notfallmeeting bei de Brun während wir sprechen", antwortete Papa, der ein Vorstandsmitglied war, "Ich bin sicher, sie werden dich heute für ein Meeting einberufen, sobald es Morgen ist."
Tatsächlich bekam ich im Morgengrauen einen Anruf von Philippe de Dupont, einem Vorstandsmitglied im Hauptunternehmen und Louis' Cousin, der verlangte, einige dringende Meetings bei de Brun für alle Firmenleiter der zahlreichen Tochterfirmen festzusetzen, beginnend heute morgen um 7 Uhr.
Ich rief sofort Rosalie und André an, um mich zu begleiten.
Die Besprechungen, die eine nach der anderen an diesem Tag stattfanden, waren ein Gewimmel von Gesichtern und Stimmen, als die Aufsichtsräte und leitenden Angestellten Fragen beantworteten und Anweisungen an die Geschäftsführer, Investoren und andere Gruppen, die sich versammelt hatten, vergaben.
Kurz vor Mittag erschien ein kreidebleicher und angeschlagener Auguste, zusammen mit Antoinette. Nur Wochen nach ihrer Hochzeitsreise ans Mittelmeer, waren sie nun das Zentrum all der Notfallpläne, die entstanden waren, und es war verständlich, beide so überwältigt zu sehen. Es gab keine Zeit, sie einzeln zu sprechen. Nach den Meetings hatten sie im Krankenhaus zu sein, wo der dahinsiechende Louis noch immer auf der Intensivstation kämpfte. Die Ärzte hielten seinen Zustand bis jetzt stabil, doch es war unmöglich zu sagen, was in den nächsten paar Stunden geschehen könnte.
Man gab uns eine kurze Pause, als die Vorstandsmitglieder sich zu einem Meeting mit den wichtigsten Aktieninhabern einfanden. Als der Reihe nach den Raum zu verliesen, sah ich Madame Dubois zusammen mit anderen Investoren eintreten. Sogleich drehte ich mich nach André um, und es war offensichtlich, dass er sie ebenfalls gesichtet hatte: ich sah ihn höflich in ihre Richtung nicken. Ein kleines Lächeln breitete sich auf Madame Dubois' Gesicht aus als sie uns sah und sie kam zu uns herüber.
"Françoise, wie ist es dir ergangen?", sagte sie zur Begrüßung, doch ihr Blick ruhte auf dem Mann direkt hinter mir.
Ich murmelte eine übliche Antwort und bevor ich noch irgendwas Anderes sagen konnte, wurde ich gebeten, mich einem kleinen Haufen Investoren anzuschließen, deren Hauptinteressen in de la Saigne Industries lagen. Sie wollten die Zusicherung, dass das Unternehmen nicht bedeutend beeinflusst werden würde, wenn das Schlimmste eintreten würde und es dauerte eine Weile, sie zu überzeugen, dass de la Saigne vermutlich keinen größeren Veränderungen in nächster Zeit unterliegen würde, unabhängig davon, was geschehen würde.
Nach diesem kleinen Treffen kam ein anderes. Mich Rosalie zuwendend, sagte ich: "Es wäre besser, wir hätten die Berichte, die ich erwähnte, bis Ende der Woche fertig. Du kannst André danach fragen, dir zu helfen. Er kennt sie besser als irgendjemand sonst. Wo wir gerade dabei sind; wo ist er?"
"Seltsam.", sagte Rosalie, als sie sich umdrehte, um die Halle abzusuchen, "Er war vor einer Weile hier und sprach zu Madame Dubois."
Natürlich hätte ich Rosalie bitten können, nach ihm zu suchen. Warum ich mich entschloss, selbst zu gehen, war etwas, das ich mir selbst nicht ganz erklären konnte. Ich sagte Rosalie, ich ginge zur Damentoilette, machte ich mich auf zu den Gängen.
In dieser fieberhaften Aufregung der Leute, die sich in den Zimmern des Konferenz-Stockwerkes des Gebäudes versammelten, klangen meine Schritte gedämpft, als ich durch die stillen Korridore, die mit dicken Teppichen ausgelegt waren, schritt. Es gab nur wenige Leute in diesen Bereichen, da die meisten in den Hauptsälen versammelt waren. Trotzdem konnte ich ein ein Stimmengemurmel hören, das nicht zu weit entfernt war, und als ich um die Ecke bog, sah ich eine Szene, die ich irgendwie bereits halb erwartet hatte.
Meim Blut gefror trotzdem.
Da war André, der zu Madame Dubois sprach, die eine Hand leicht auf seine Brust gelegt hatte. Er drehte sich schnell um, als ich zu ihnen kam. Sein Gesicht war regungslos, als er mich innehalten und sie anstarren sah. Madame Dubois drehte sich nur in aller Ruhe um, um mich anzusehen.
"Françoise—" begann er, als er von Madame Dubois wegschritt.
Doch ich sah ihn nicht mehr an.
"Madame Dubois", sagte ich kalt, in ihre Richtung nickend, "Ich sehe mein persönlicher Assistent hielt Sie von Ihrem Meeting ab. Ich fürchte, ich muss ihn für eine Weile ausleihen. Unser eigenes Meeting beginnt gleich."
"Françoise. Hör zu—", beeilte er sich zu sagen, als er mir den Gang runter folgte, und ich wusste, er würde versuchen, mir die Dinge zu erklären. Aus irgendeinem Grund konnte ich ihm nicht erlauben, fortzufahren.
Ich drehte mich zu ihm um, und bemerkte: "Deine Krawatte sitzt schief."
Als er hastig seine Krawatte richtete, fuhr ich fort: "Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Was du tust und mit wem du während deiner freien Zeit verkehrst, geht mich nichts an. Doch denk bitte daran, dass du während der Arbeitszeit mein Assistent bist! Du darfst keine Gerüchte und Spekulationen auf diese Art entstehen lassen!"
"Wir haben nur geredet", sagte er, als wir weiter den Flur entlang gingen.
"Wirklich?", antwortete ich kalt, "Was habt ihr euch gegenseitig zu sagen gehabt, dass sie ihre Hand auf deine Brust legen musste?"
"Andrés Lippen öffneten sich vor Erstaunen. "Sie hat nur gerade begonnen—"
"Genug!", sagte ich, als wir dem Sitzungssaal näher kamen, wohl wissend, dass die Härte in meiner Stimme vollkommen ungerechtfertigt war. "Ich will nicht wissen, wer damit begonnen hat! Du hättest es besser wissen sollen!"
Während des gesamten Meetings, welches das letzte des Tages im Hauptbüro sein sollte, konnte ich nicht anders, als zu merken, wie ich die Szene im Korridor in Gedanken immer wieder wütend durchspielte. Wirklich, André war so leichtsinnig gewesen! Ich war nur froh, dass ich diejenige war, die die Szene zuerst entdeckt hatte und nicht jemand Anderes.
André versuchte nach dem Meeting noch ein Mal, zu mir durchzukommen.
"Françoise, gib mir eine Minute und hör mir zu!", sagte er sobald wir in meinem Büro waren. Er folgte mir in mein Zimmer und überließ Rosalie ihrem Schreiben draußen am Empfang. Als er dann sah, dass ich hartnäckig stumm blieb, brachte er mühsam hervor: "Du bist so uneinsichtig!"
Bei seinen Worten, lehnte ich mich langsam in meinen Sitz. Mit einem Seufzer fühlte ich, wie mir der Zorn entwich. War ich wirklich uneinsichtig? Das war vermutlich der Schock der morgendlichen Ereignisse, die mich aus dem Gleichgewicht gebracht hatten, dass ich so handelte.
Mit der Art, in der ich gegen André ausgeholt hatte, könnte man fast denken ich wäre...verletzt. Es war tatsächlich ziemlich absurd.
"Schau, André", sagte ich sanft, "Ich bin nicht wütend. Wirklich. Warum sollte ich? Ich bin nur besorgt. Ich meine es ernst, wenn ich sage, du musst mit Frauen wie Madame Dubois besonders vorsichtig sein. Sie hat mit dem Unternehmen zu tun. Du dagegen repräsentierst meine Firma. Die Leute werden die Implikationen sehen und sie werden immer dir die Schuld dafür geben. Ich weiß nicht, warum es uneinsichtig ist, dir diesen Rat zu geben."
"Du bist uneinsichtig, weil du mir nicht zuhören willst!", sagte er direkt, "Ich habe keine Affäre mit ihr! Wir haben nur geredet!"
"Okay. Ich höre dich laut und deutlich!", sagte ich, dieser ermüdenden Konversation langsam leid, "Und ich sage nur, du sollst vorsichtig im Umgang mit ihr sein. Da. Ich habe es gesagt. Können wir das Thema jetzt sein lassen?"
Es folgte eine kurze, tödliche Stille.
"Du glaubst mir noch immer nicht, oder?", fragte er leise.
Ohne ihm eine Antwort zu geben, öffnete ich die Unterlagen auf meinem Tisch, um mein Tagesgeschäft anzugehen. Ich weigerte mich, ihn noch einmal anzusehen.


Um 5 Uhr dieses Nachmittags, trotz all der Maßnahmen, die die Ärzte durchgeführt hatten, erlitt Louis de Brun einen Herz-Atemstillstand. Keine gerinnungshemmenden Mittel konnten den zweiten, fatalen Herzinfarkt verhindern. Mehrere Wiederbelebungsversuche wurden unternommen, doch er schwand davon.
Das Leben war zweifellos seltsam und voller Ironie. Genau an dieser Stelle war der einflussreiche Mann, der bedeutender als das Leben selbst war, dessen Entscheidungen das tägliche Funktionieren des Unternehmens seit mehr als 30 Jahren beherrschten, plötzlich nicht mehr.
Die folgenden Tage und Wochen, die der aufwendigen und reichlich bekannt gemachten Beerdigung folgten, entfalteten sich mit rasender Geschwindigkeit, als die Unternehmensvorsitzenden sich daran machten, die Lücke zu füllen, die Louis hinterlassen hatte. Die Vorstandsvorsitzenden trafen sich fast jeden Tag, um die Ergänzungen zur Erleichterung des Machtwechsels auf Auguste vorzunehmen, der nun das neue Oberhaupt des Unternehmens war.
Es wurde deutlich, dass in nächster Zeit einige wichtige Änderungen in den Tochterfirmen zu spüren sein würden - die früheste hiervon wurde mir durch eine verblüffende Nachricht zugetragen. Obwohl die Entscheidung tatsächlich gut fundiert war, fragte ich mich, welche Person es Auguste vorgeschlagen haben mochte, welcher - da war ich mir sicher - nicht von selbst drauf gekommen wäre.
Die E-Mail-Nachricht, die ich erhielt, lautete wie folgt:

Datum: Mon, 7 Jun 2004 20:13:18 -0000
Von: "L. Fersen"
An:
Betreff: Rückkehr nach Frankreich
Liebe Françoise,
Ich bin mir sicher, du wirst bald diese Neuigkeit hören, doch ich wäre gern der Erste, der es dir übermittelt. Man fragte eben bei mir von der Hauptverwaltung an, ob ich mir vorstellen könnte, mich nach Frankreich versetzen zu lassen, und ich habe zugesagt. So wie ich es verstehen, sind sie gerade dabei, die Finanzabteilung neu zu organisieren und müssen ein neues Team von Finanzberatern aufstellen.
Gustav wurde betreffs meiner Versetzung ebenfalls kontaktiert. Nachdem er die Dinge hier in Schweden gut unter Kontrolle hat, gab er zu, es gebe für ihn wirklich keinen Grund, mich nicht gehen zu lassen.
Ich sollte meine Bestätigung schon sehr bald hier erhalten und werde am 27. Juni in Paris eintreffen. Ich freue mich darauf dich wiederzusehen, meine Freundin.
Grüße,
Lars


Doch man musste nicht sehr lange nachdenken, um zu wissen, wer für Lars' Empfehlung für die Stelle bei de Brun verantwortlich war. Mir kam eine Person in den Sinn, und nur diese eine.


Glossar:
Mon Capitaine - Mein Kommandant