Love Story Part I – The Importance of Being Hugo Haas

Als mein Grandpa noch Single war, führte er ein open house, sprich: Freunde und besonders Freunde in Not konnten jederzeit zu ihm kommen. So kam es auch, dass Hugo Haas nach dem Tod seiner Frau zu ihm zog. Ganz ehrlich: In dieser WG hätte ich auch gerne gewohnt! Ich stelle mir das total witzig vor: Zwei Kreative so zusammen. Naja, an dem Abend, als Hugo zu meinem Grandpa kam, weil er von dessen Gastfreundschaft gehört hatte, kam auch meine Granny zum ihm. Nein, sie wollte nicht einziehen, sie wollte einen netten Abend mit meinem Grandpa verbringen. Offensichtlich zog er sie doch mehr an, als sie zugeben wollte. Erst kam sie sich ja ein bisschen fehl am Platze vor, weil Hugo schon da war und meinen Grandpa viel nötiger brauchte als sie, aber mein Opa hat beides locker unter einen Hut gekriegt und sie hatten einen schönen Abend zu dritt.

Hugo Haas trug vielleicht das Stigma des kreativen, übersensiblen Spinners, aber er hatte einen Blick für die ganz großen Gefühle und von ihm ging eine Weisheit aus, die sonst nur eine Kreuzung aus Papst und Dalai Lama zu Stande bringt. Er hat natürlich gemerkt, dass mein Grandpa bis über beide Ohren in meine Grandma verknallt war und fand es anfänglich einfach nur amüsant, aber er hatte entscheidenden Anteil daran, dass mein Grandpa und meine Granny zusammen kamen. Er war ja dann auch der Trauzeuge meines Grandpas. Um es gleich vorweg zu nehmen: Ja, Hugo Haas hat viele Jahre nach dem Tod von Britta sein Liebesglück noch einmal gefunden – ausgerechnet mit Lotte Hetzer, der eigentlich niemand liebevolle Gefühle zugetraut hätte… Mit Anfang 50, als Sophie von Brahmberg meinen Großeltern Kerima wegintrigiert hatte und ihn durch einen jüngeren Designer, mit dem sie nicht nur Geschäftsideen sondern auch das Bett teilte, ersetzen wollte, geriet Hugo in eine Sinnkrise. Um der zu entfliehen, wollte er mit dem Motorrad die Route 66 entlang fahren und einfach nur die Welt genießen – leider hatte die Route 66 beim Jahrtausendwinter 2019 und den darauf folgenden Erdbeben einige schwere Schäden verkraften müssen. Hugo ist mit seiner Protzmaschine in ein Schlagloch geraten, hat die Kontrolle über das Fahrzeug verloren und wurde einige Stunden später zufällig von der Highway Patrol gefunden – Tod durch Genickbruch. Aber eigentlich wollte ich ja von seinem entscheidenden Beitrag zur Ehe meiner Großeltern erzählen. Also, am Morgen nach dem gemeinsamen Beisammensein mit Granny und Grandpa hat Hugo meinem Opa dann auf den Zahn gefühlt und dann kam ihm eine Idee, die er bescheidenerweise für genial hielt…

„Herr Kowalski, ich habe einen Fettnapf erwischt – einen riesengroßen Fettnapf. Ich habe ihn kommen sehen, aber es war alles zu spät. Jetzt stecke ich bis zum Hals drin." Geniale Ideen mussten natürlich schnellstmöglich in die Tat umgesetzt werden und so kam Granny ganz aufgeregt in Grandpas Büro. „Frau Plenske, ganz ruhig. Was ist passiert? Ist es schlimmer als die Pelzsache?" – „Oh ja, viel schlimmer. Ich war gerade im Atelier, um zu erfahren wie es mit der neuen Kollektion steht und um Herrn Haas noch einmal meine Unterstützung zu zusagen. Und naja, ich habe gesagt, ich sei bereit, alles zu tun, was nötig sei. Und dann hat er mich gefragt, ob ich mit ALLES auch wirklich ALLES meine. Da hätte ich schon wissen müssen, dass irgendetwas ganz Spezielles kommen würde. Jedenfalls hat er gemeint, neulich Abend, er hätte lange nicht so eine Wärme gespürt und er meint, er braucht das jetzt, um seine geschundene Seele, um das 'mal mit seinen Worten zu sagen, pflegen zu können. Er will, dass ich auch bei Ihnen einziehe, um diese Wärme zu gewährleisten. Ich wollte ihm zuvor kommen, aber er ist bestimmt gleich da, um das mit Ihnen zu sprechen." Wenn meine Granny aufgeregt war, dann gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie stotterte nervös und knetete dabei mit ihren Fingern oder so redete ohne Punkt und Komma, gestikulierte wild und lief auf und ab. Bei diesem Gespräch tat sie letzteres und das Grinsen meines Grandpas wurde mit jedem Wort breiter. Insgeheim dankte er Hugo für diesen „Spleen", ohne zu wissen, dass Hugo das weniger für sich selbst als für seinen neuen, lieb gewonnen Mitbewohner tat. „Und? Was wollen Sie jetzt von mir? Platz genug ist ja und wenn Sie Herrn Haas versprochen haben, alles für ihn zu tun, dann müssen Sie jetzt zu Ihrem Wort stehen."

Zwei Tage später, also am darauf folgenden Freitag, zog meine Granny in der Kreativ-WG ein. So richtig wohl war ihr bei dem Gedanken nicht – eine WG und dann auch noch mit zwei Männern und einer von den beiden war ja auch noch in sie verliebt und wie sagte mein Grandpa immer: „Ich kann Geschäftliches und Privates von einander trennen." Aber sie würden ja nicht mehr nur Geschäftlich mit einander zu tun haben, wenn sie zusammen wohnten. Peinlicherweise hat mein Uropa darauf bestanden, sein Schnattchen, wie er meine Granny immer nannte, zu bringen. „So, Schnattchen, da sind deine Sachen. Mama hat noch Gemüse aus dem Garten für euch eingepackt und hier sind noch Kohlrouladen, man weiß ja nie, ob es in einer Männer-WG auch 'was Ordentliches zu essen gibt. Na dann wünsch ich euch viel Spaß. Wenn was ist, ruf an, ja?" Mein Uropa hat meine Granny dann umarmt und blieb dann erwartungsvoll in der Tür stehen. „Herr Plenske, möchten Sie nicht vielleicht…" – „Tschüs, Papa", unterbrach meine Granny meinen Grandpa dann recht unsanft und schloss die Tür. „Das war aber nicht sehr nett." – „Ich weiß, aber wenn Sie ihn noch hereingebeten hätten, dann wäre das jetzt schon eine Vierer-WG und das wollen Sie doch nicht, oder?" – „Nee, mir wäre eine Zweier-WG nur mit Ihnen sowieso am liebsten." Ich kann das spitzbübische Grinsen meines Grandpas förmlich sehen…

Das war also der Beginn einer dreimonatigen WG-Erfahrung für meine Großeltern und Hugo. Am ersten Abend bestand Hugo darauf, eine DVD-Nacht zu machen. Schon lustig diese millenium people…DVDs – so was findet man heute nirgendwo mehr… Tja, und zu so einer richtigen Film-Nacht gehört natürlich eine Kissenburg, Popcorn und heiße Schokolade. Mein Grandpa hat dann alle Decken, Kissen und Matratzen, die er finden konnte, vor seinem Sofa aufgetürmt und dann haben die drei es sich in ihren Schlafanzügen davor bequem gemacht. Hugo hatte allerdings einen sehr morbiden Filmgeschmack: Der Exorzist, Misery, Das Kettensägenmassaker, Der Exorzismus von Emily Rose und andere Horrorfilme hatte er sich ausgesucht. Meine Granny hat sich vor Angst fast in die Hose gemacht… An den besonders schlimmen Stellen hat sie ihren Kopf an Grandpas Schulter vergraben und gefragt: „Ist es schon vorbei?" – „Weißt du, Sternchen, so richtig begeistert war ich von der Filmauswahl ja auch nicht, aber ich hätte noch Stunden so weitergucken können, denn so durfte ich deine Grandma in den Arm nehmen und sie roch doch so gut." Granny hat ja bestritten, gezittert zu haben, aber Grandpa hat mir nur viel sagend zugezwinkert.

Meine Granny hatte ja dieses Ritual: Freitags nach Feierabend schaltete sie ihr Handy ab. Das dürfte wohl das einzige Gerät sein, mit dem man damals mehr machen konnte als heute. Man nennt es postmodern, wenn Dinge, die sich immer weiter entwickelt haben, plötzlich wieder minimalisiert werden. Mein Dad meint, das ist wie Schreiben mit einem Kugelschreiber und plötzlich wieder einen Füllfederhalter mit Tintenfass zu benutzen. Jedenfalls machte sie es freitags nachmittags aus und erst montags morgens wieder an, damit sie ein bisschen ihre Ruhe hatte. Und samstags morgens, da schlief sie gerne lange – hat halt jeder so seine Marotten und obwohl es meiner Granny anfangs mehr als unangenehm war, dass mein Grandpa sie nun von dieser Seite kennen lernen würde, schlief sie am Morgen nach der Horrorfilm-Nacht lange. Die Drei hatten zusammen in der Kissenburg vor dem Fernseher übernachtet und Hugo hatte das so gut gefallen, dass es zu einer WG-Tradition wurde… Oder war es ein Verkupplungsversuch? I simply don't know. Anyway, als Granny wach wurde oder viel mehr wach gemacht wurde, stand sie auf und kletterte auf einen der Hocker vor Grandpas Küchentresen: „Hat Herr Haas mich gerade mit den Worten ‚Tagesausflug' und ‚Kudrow' im gleichen Satze geweckt?" – „Jep, hat er. Er will, dass wir etwas gemeinsam unternehmen. Und ich denke, es ist eine gute Idee, wenn er mal rauskommt. Kaffee für den Morgenmuffel?" Also ehrlich gesagt, würde ich ganz gerne mal in der Zeit zurückreisen und meiner Granny so richtig kräftig in den A…llerwertesten treten dafür, dass sie immer noch nicht gecheckt hat, dass sie meinen Grandpa genauso liebte wie er sie. „Ähm, gerne. Sind Sie eigentlich jeden Morgen so unverschämt gut gelaunt?" Grandpa nickte. „Dann wird das mit uns beiden bestimmt nie etwas… Kudrow, hein? Was will er denn da?" – „Britta hat ihm davon erzählt und er will es sehen. Vielleicht sollten Sie sich langsam anziehen, dann können wir bald los." – „Ist die Sonne denn schon aufgegangen?" – „Ja, wieso?" – „Weil der Bus, der da 'rausfährt, sich an den Sonnenstandfahrplan hält: Sonnenaufgang, Zenit, Sonnenuntergang. Also kein Grund zur Hektik."

Hugo war bitter enttäuscht, dass Kudrow sich als Kleckerkaff mit mehr Nutztier als menschlichen Einwohnern entpuppte. Trotzdem genoss er den Tag und beneidete meine Großeltern um ihre gute Laune und ihren gelösten Umgang miteinander. Das Zusammenwohnen hatte definitiv etwas: Es machte meine Granny lockerer und sie konnte leichter auf meinen Grandpa zugehen – naja, sie konnte ihm ja kaum aus dem Weg gehen. Hugo allerdings war über die Geschwindigkeit, mit der sie sich annäherten, nicht gerade glücklich, das war ihm eindeutig zu langsam. Man musste das Leben genießen solange es geht, manchmal ist es viel zu schnell vorbei. Darum dachte er sich etwas ganz besonderes für die beiden aus – er wollte, dass sie ihm etwas kochten und zwar gemeinsam: „Wenn ich von der Arbeit komme, dann haben Sie beide mir ein Drei-Gänge-Menü gezaubert und zwar mit meinen Lieblingsgerichten." Tja, und Hugo stand total auf indisches Essen, was für meine Großeltern neben viel Spaß beim Kochen auch Abenteuer beim Einkaufen und Vorkosten bedeutete… „Und, wonach schmeckt es?" In Geduld war mein Grandpa nicht gut, gar nicht gut. „Schmeckt wie frittiertes Mehl." – „Frau Plenske, Sie können doch nicht einfach sagen, dass diese von uns mit Liebe zubereiteten Fladen nach frittiertem Mehl schmecken." Meine Granny hielt ihm ein Stück hin, von dem er dann abbiss, dann das Gesicht verzog und meinte: „Herr Haas ist in einer halben Stunde da und nichts von dem schmeckt. Was machen wir denn jetzt?" – „Die gelben Seiten." – „Sie wollen ihm die gelben Seiten zu essen geben?" – „Nein, wir suchen uns einen Lieferdienst für indisches Essen." So haben sie es dann gemacht und Hugo hat ausnahmsweise mal nicht gesagt, was er gedacht hat, sondern hat das indische Essen verputzt und hat sich dann sofort in sein Zimmer zurückgezogen. Das war das erste Mal in der zweiwöchigen Geschichte der WG, dass er den Abend nicht mit meinen Großeltern verbringen wollte. Die haben dann den Abend zusammen verbracht, sich unterhalten, viel gelacht und sind dann irgendwann auf dem Sofa eingeschlafen.

„Herr Kowalski? Aufwachen! Herr Haas hat versucht sich die Pulsadern aufzuschneiden. Der Notarzt muss gleich da sein." Meine Granny funktionierte manchmal wie ein Roboter. Sie musste in dieser Nacht zur Toilette, wo sie Hugo fand – mit blutenden Handgelenken. Sie hat dann einen Notruf abgesetzt, hat einen Druckverband angelegt und dann meinen Grandpa geweckt, als wäre das das normalste von der Welt.

Gemeinsam haben sie dann bis in die frühen Morgenstunden in der Notaufnahme gesessen und darauf gewartet, dass sie etwas über Hugos Zustand erfahren. Glücklicherweise waren die Schnitte nur oberflächlich und er hatte das Bewusstsein nur verloren, weil ihm von dem Anblick des Blutes schlecht wurde. Trotzdem entschied der Arzt, dass Hugo zu einigen weiteren Untersuchungen und einem Gespräch mit einem Psychologen da bleiben müsste. Rokko und Lisa gingen fürs erste wieder nach Hause und schnurstracks in ihre Betten, obwohl keiner von beiden wirklich schlafen konnte. Meine Granny hielt es irgendwann nicht mehr in dem Zimmer, das ihr vorläufiges Zuhause war, aus und setzte sich im Wohnzimmer in den Kissenhaufen und grübelte. Ich weiß genau, was sie gedacht haben muss: Hätte ich es verhindern können? Wir hätten merken müssen, dass er anders ist als sonst. Wäre ich nur eher aufgestanden. Hätten wir nur mit der gleichen Beharrlichkeit wie er darauf bestanden, dass er den Abend mit uns verbringt. „Können Sie auch nicht schlafen?" Mein Grandpa war aus seinem Schlafzimmer gekommen und hatte meine Granny natürlich sofort erspäht. Er setzte sich zu ihr und legte den Arm um sie: „Sie müssen sich keine Vorwürfe machen. Es geht ihm gut und zwar weil Sie ihn so schnell gefunden haben." – „Wollen Sie mir damit sagen, dass es auch so seine Vorteile hat eine Pissnelke zu sein?" Granny liefen schon die Tränen, obwohl sie gleichzeitig versuchte zu lächeln. Meine Granny hat viel geheult: Wenn sie glücklich war, wenn sie traurig war, wenn sie Schmerzen hatte, wenn sie unter Stress stand, sprich: Heulen war so etwas wie eine Zweitsprache für sie. Und Grandpa war immer eine willkommene Schulter zum Ausheulen.

Als Hugo aus dem Krankenhaus kam, fand der die beiden vor dem Sofa schlafend. Meine Granny lag mit ihrem Kopf auf Grandpas Brust, aber sie war sofort wach: „Herr Haas!", sie sprang auf. „Gott sei dank, wie geht es Ihnen?" – „Den Umständen entsprechend. Ich wollte Ihnen beiden bestimmt keine Angst machen."

Über diesen Zwischenfall wurde dann nie wieder gesprochen, viel mehr bemutterten meine Granny und mein Grandpa Hugo wo sie nur konnten. Eines Abends feierte der Göberitzer Mathematik-Klub seine x-tausendjähriges Bestehen und weil meine Granny ja ein Streber war, wollte sie unbedingt dort hin und normalerweise ging sie da mit Onkel Jürgen hin, der wollte aber just in dem Jahr mit Sabrina, der späteren Frau des Scheichs von Dubai, dorthin. Meine Granny hat also meinen Grandpa gefragt, ob er sie nicht begleiten möchte und der hat natürlich vor Glück gestrahlt – er würde also einen kleinen Einblick in ihre Welt kriegen. Hugo wollten sie lieber nicht alleine Zuhause lassen, also wurde er kurzerhand genötigt, mitzugehen. Onkel Jürgen, Hugo, Granny und Grandpa standen also bei Kerima im Foyer und warteten auf Sabrina, die natürlich erst noch eine Truckladung Make-up auflegen musste. „Frau Plenske, sagten Sie nicht etwas von lockerem Beisammensein?" fragte mein Grandpa meine Granny. „Ja, wie…oh." Meine Granny hatte sich umgedreht und sah, dass Sabrina in einem kurzen, ziemlich schicken und für den Anlass völlig übertriebenen Kleid vor ihnen stand. „Na, Planschkuh, da staunste Bauklötze, wa? Ich wusste ja, dass es leicht ist, dich in den Schatten zu stellen, aber dass de kampflos uffjibst, hätt ich ja nich jedacht, wa?" Granny und Grandpa tauschten ratlose Blicke und selbst Jürgen war ein bisschen unsicher. Ja, sie sah klasse aus, aber es war doch ein bisschen dolle, wenn man bedenkt, dass die ganze Chose im Mehrzweckraum der Schule gefeiert werden sollte: „Du Frosch hast doch gesagt, dass sei das größte sich jährlich wiederholende gesellschaftliche Ereignis in deinem Kaff. Da sollen die mal ordentlich was zu gucken kriegen, wa?"

„Sind Sie sich sicher, dass ich bei diesem speziellen Partyspiel Ihr Partner sein soll, Frau Plenske?" Ich weiß genau, was ihr jetzt denkt. Ihr denkt, das wäre ein nicht-jugendfreies Spiel gewesen, aber Hallo!! Wir reden hier von meiner Granny, die hat erst mit 25 erlebt, was nicht-jugendfrei bedeutet. Bei der Jahresfeier des Matheclubs wurden natürlich Rechenspiele gespielt und mein Grandpa hatte es nicht so mit Zahlen und er wollte nicht, dass meine Granny seinetwegen verliert. „Natürlich bin ich mir sicher, es geht doch um den Spaß und davon kann man mit Ihnen jede Menge haben." In der Endrunde hat meine Granny dann so getan, als wüsste sie die Antwort nicht und hat Onkel Jürgen vorgesagt, damit der vor Sabrina als Gewinner des Abends gut dasteht. Ja, lieb war sie meine Granny und das ist meinem Grandpa natürlich aufgefallen. Den ganzen Rückweg über sinnierte Hugo über Sinuskurven, Quadratwurzeln und Pi und ob sie sich in seine Kreationen integrieren ließen. Als sie abends gemeinsam vor dem Sofa lagen und Hugo schon schlief oder zumindest so tat, als ob, sprach mein Grandpa meine Granny auf das Spiel an: „Wieso haben Sie Jürgen gewinnen lassen?" – „Wieso nicht? Es ist doch nur ein Spiel und er konnte Sabrina so beeindrucken. Hoffentlich hat er es nicht vermasselt." Nee, hat er nicht, auf diesen Abend folgte eine kurze Beziehung zwischen ihm und Sabrina, die letztlich daran zerbrach, dass sie einfach viel zu unterschiedliche Vorstellungen von einem gemeinsamen Leben hatten.

Im Mai stand dann Grandpas Geburtstag an und Granny hatte sich den Nachmittag frei genommen, um zusammen mit Hugo einen Kuchen zu backen. „Hmm, hier riecht es aber lecker." Grandpa war auch früher nach Hause gekommen, weil es bei Kerima nicht viel zu tun gab. „Was machen Sie denn hier?" Granny konnte das Entsetzen in ihrer Stimme nicht unterdrücken. „Ich wohne hier", bekam sie in Grandpas gewohnt witzelndem Tonfall zur Antwort. „Was machen Sie beide denn da?" – „Ähm, nichts. Könnten Sie nicht eine Weile in Ihr Zimmer gehen?" – „Nur, wenn Sie mir sagen, was Sie da tun." – „Oh bitte, Herr Kowalski, Sie wissen, dass ich nicht lügen kann und wenn ich Ihnen die Wahrheit sagen, dann verderbe ich Ihnen eine Überraschung, also bitte…" – „Okay, schon verstanden, ich bin dann mal in meinem Zimmer, aber höchstens eine halbe Stunde." Mein Grandpa hat Überraschungen geliebt – meine Granny ja nicht so, ihr war wohl die Fettnapfgefahr zu groß…

Am nächsten Morgen weckten Hugo und Granny meinen Grandpa mit dem selbstgebackenen Kuchen und „Happy Birthday", allerdings sangen sie nicht selbst, sondern es kam von einer CD. CDs, das ist auch so etwas. Das ist noch älter als MP3. Das sind so silberne Scheiben und da passt nur ganz wenig Musik drauf. „Ich wollte ja, dass wir selbst singen, aber Frau Plenske meinte, wir würden Ihnen damit nur den Tag versauen. Dabei hat sie mich noch nicht einmal singen hören", Hugo war entrüstet, dass Granny nicht singen wollte. „Das ist also die Überraschung, wegen der ich gestern in mein Zimmer musste, ja?" Er blies alle 29 Kerzen aus. „Hier!", meine Granny reichte ihm ein Geschenk und laut Grandpa hatte sie dabei rote Flecken im Gesicht vor Aufregung. Mein Grandpa hat ja Geschenke nie ordentlich ausgepackt. Er hat vielmehr das Papier zerrissen, um möglichst schnell an den Inhalt heranzukommen. „Oh non, Frau Plenske, ein Buch? Davon hat er doch schon so viele. Wie gut, dass ich mich nicht an Ihrem Geschenk beteiligt habe." – „Ich habe mir erlaubt, in Ihrem Bücherschrank zu schauen, damit Sie es nicht schon haben." Grandpa sagt, dass meine Granny in diesem Moment ganz besonders verlegen war. Sie hatte ihm ein Märchenbuch geschenkt: „Von Rittern und Prinzessinnen" hieß es und es war das Lieblingsbuch ihrer Kinder und Enkel – mich eingeschlossen. Immer wenn wir bei Grandma und Grandpa übernachtet haben, wollten wir daraus vorgelesen bekommen, obwohl wir die meisten Geschichten schon auswendig kannten. „Vielen Dank, Frau Plenske. Ich freue mich wirklich sehr."

Fast drei Monate waren sie jetzt schon eine WG und Hugo war nicht wirklich zufrieden mit den Fortschritten, die das Unternehmen „Verhelfe deinen Mitbewohnern zu einer glücklichen Beziehung" betrafen. An einem Samstag traf er dann eine Entscheidung: „Frau Plenske, was tun Sie eigentlich samstags, wenn Sie ausgeschlafen haben?" Tja, Granny liebte Tiere über alles und so fand sich die WG recht schnell zu einem freiwilligen Arbeitseinsatz im Göberitzer Tierheim wieder. Als es Deutschland noch gab, waren die Tierschutzbestimmungen anders als heute und vor allem anders als hier in Kanada: Da wurde kein Tier eingeschläfert, nur weil es länger als eine Woche im Tierheim war. Find ich ehrlich gesagt ganz gut, das ist tierfreundlich, bedeutet aber auch viel Arbeit, weil man ja nicht für jedes Tier ein Herrchen oder Frauchen findet.

„Und was sind das für Tiere?" Hugos Interesse war geweckt und er ließ sich alles genau erklären. „Das sind Zwerghasen." – „Und wie heißen die drei?" Meine Granny begann ihrer Freundin Melina, die das Tierheim leitete, mit Hilfe von Gesten zu zeigen, dass sie doch bitte nicht weiter spräche, aber zu spät. „Das ist Britta, das ist Hugo und das ist Paul." Ihr könnt euch die Augen von Hugo Haas nicht vorstellen, als er das hörte. Die Zwerghasen hießen wie er, seine Frau und deren Mädchenname. Er musste sie haben. „Ich nehme sie!"

Hugo sah in seinen Hasen eine Offenbahrung, Wink des Schicksals oder des Jenseits oder so, auf jeden Fall wollte er am nächsten Tag mit ihnen zurück in seine eigene Wohnung ziehen. Granny und Grandpa haben dabei geholfen, alles wieder auf Vordermann zu bringen, immerhin war Hugo lange nicht dort gewesen. „Das letzte Mal, als es in Berlin soviel Eis gegeben hat, ist auch das Mammut ausgestorben", witzelte Granny am Abend noch über Hugos Kühlschrank und die Versuche, ihn abzutauen – ja, damals musste man das noch selber machen, aber es gab auch schon die ersten Kühlschränke, die selbst abtauend waren, aber nicht jeder Haushalt hatte so etwas. Sie saß zusammen mit meinem Grandpa auf dem Sofa und sie tranken noch einen Rotwein zur Entspannung. Das haben sie später auch noch gerne gemacht. „Haben Sie etwas dagegen, wenn ich erst morgen wieder ausziehe?" Mein Grandpa hätte es sicher lieber gesehen, wenn sie gar nicht wieder ausgezogen wäre… Er wollte auf jeden Fall die Chance und die letzten Stunden mit ihr in seiner Wohnung nutzen. Schon längst war er sich sicher, dass er nicht nur in meine Granny verliebt war, sondern dass er sie liebte und dass er sein Leben mit ihr verbringen wollte. Schön, nicht? Aber nichts ist einfach, wenn man zur Kowalski-Plenske-Mischpoke gehört. Da geht einfach gar nichts ohne Irrungen und Wirrungen. Davon kann ich selbst ein Lied singen und ich bin noch nicht einmal 16. „Natürlich ist es okay, wenn Sie erst morgen ausziehen oder nächste Woche oder nächstes Jahr. Sie haben Hugo sehr gut getan, wissen Sie das? Und mir auch. Dank Ihrer Gegenwart habe ich mich hier das erste Mal richtig Zuhause gefühlt." Hach und jetzt kommt der Schmachtteil: Mein Grandpa gab meiner Granny den Kuss, den er ihr schon an Ostern geben wollte. Und Hugo war nicht einmal da, um sich heimlich im Hintergrund über den scheinbaren Erfolg seiner Mission zu freuen…

Und jetzt? Wenn sie nicht gestorben sind… Nein, immer noch nicht. Bei Kowalskis geht's zu wie in einer Soap Opera und so ging's auch schon zu, bevor sie zu Kowalskis wurden, also abwarten. Hier gibt's auf jeden Fall noch viel zu erzählen…