VI.
„Guten Morgen du Schlafmütze" grollte es neben ihrem Ohr und riß sie aus einem mehr als angenehmen Traum. Die tiefe Stimme verursachte ein überaus warmes Gefühl in ihrer Bauchgegend; sie könnte sich durchaus daran gewöhnen, so geweckt zu werden. Die Temperaturen im Apartment waren auf ein nahezu arktisches Niveau gesunken; es war ein altes, schlecht isoliertes Gebäude und die Kälte kroch nur zu rasch herein.
Hope war nicht gerade wild darauf aufzuwachen … eng an Riddick gekuschelt war es warm und gemütlich und sie vergrub ihren Kopf an seiner Schulter; sie genoß seine Nähe, fühlte sich geborgen in seiner Umarmung. „Nur noch ein paar Minuten, ja?" Sie war noch nicht richtig wach und mit halb geschlossenen Augen rieb sie ihre Nase an seiner Schulter … mmmh, was roch dieser Mann gut.
Riddick atmete scharf ein; machte sie das absichtlich? Er mußte das unterbinden oder niemand würde ihn für seine Reaktionen darauf verantwortlich machen können.
„Komm schon, Dornröschen, wach auf oder ich muß dich wach küssen." Riddick grinste; er war schon lange nicht mehr so entspannt gewesen und hätte nichts dagegen gehabt noch etwas länger im Bett zu bleiben, aber ohne Strom waren seine Fluchtpläne buchstäblich auf Eis gelegt und das konnte er nicht zulassen. „Komm schon, mach wenigstens deine Augen auf. Und vielleicht finde ich ja auch eine Tasse Kaffee für dich."
Hope lächelte träge „Immer diese leeren Versprechungen", wußte aber selbst nicht so genau, auf welche der beiden sie nun eigentlich anspielte. Mit einem Seufzer öffnete sie ihre Augen und setzte sich auf. „Wir müssen ein paar Kleidungsstücke für dich finden; du kannst schlecht halb nackt durch die Gegend laufen. Es gibt da einen kleinen Second Hand Shop in der Nähe; ich kenne den Besitzer und vielleicht sperrt er ja für mich auf."
„Wird er keine Fragen stellen?"
Hope schüttelte ihren Kopf. „Nein, er ist ein netter alter Mann der nichts so sehr liebt wie Geschichten zu erzählen und wie es aussieht bin ich die einzige, die ihm je zuhört; er wird keine Fragen stellen. Zuerst werde ich dir also Kleidung besorgen und danach werde ich diesem Energiechaos ein Ende bereiten."
Ohne auf eine Antwort zu warten schlüpfte sie aus dem Bett und lief murrend und über die Kälte fluchend auf Zehenspitzen zum Schrank; sie brauchte keine Minute, um sich ihre wärmsten Kleider und Stiefel anzuziehen. Sie machte in der Küche kurz Halt um ein paar Cracker zu essen und ein Glas Wasser zu trinken und war schon beinahe bei der Tür, als sie plötzlich brutal gegen die Wand gedrückt wurde.
„Nicht so schnell, Hope." Sie hatte nicht bemerkt, daß Riddick ihr gefolgt war und der Angriff überraschte sie völlig.
Als sie endlich wieder Luft bekam funkelte sie Riddick wütend an „Wofür war das jetzt gut?"
Der Ausdruck in seinen Augen war furchterregend und sie konnte durchaus verstehen, warum jeder so viel Angst vor ihm hatte, aber sie ließ sich davon nicht einschüchtern. „Was jetzt? Zurück zu ‚ich trau dir nicht'? Es ist nicht mein Hintern, der in dieser Kälte abfriert."
Riddick starrte sie an als würde er ihre Gedanken lesen und Hope erschien es, als würde er in ihr Innerstes sehen. Sein Gesicht war eine ausdruckslose Maske, was er in ihren Augen lesen konnte schien ihn aber schließlich zu überzeugen.
Für Hope schien eine Ewigkeit vergangen zu sein bis er seinen schmerzhaft festen Griff um ihre Oberarme löste und sie mit einem geknurrten „Geh los" in Richtung Türe schob.
VI ½
Hope rannte so schnell sie konnte die Stufen hinunter. Die Straßen waren ruhig, es waren nur wenige Menschen draußen und an jedem anderen Tag hätte sie den Fußmarsch genossen. Sie ging direkt zu dem kleinen Geschäft, nur um es verschlossen vorzufinden. Zu ihrer Erleichterung konnte sie hinter dem Fenster einen Schatten ausmachen und so klopfte sie in der Hoffnung, daß der Ladenbesitzer ihr aufmachen würde.
Als der alte Mann sie erkannte lächelte er und öffnete das Schloß. Er hatte keine eigene Familie und hatte Hope mehr oder weniger adoptiert; er war wie ein Großvater für sie und sie vertrieb die Einsamkeit die er manchmal verspürte. Beide mochten die Gespräche die sie führten, während sie in den Regalen herumstöberte und Hope mochte die abenteuerlichen Geschichten, die er erzählte; sie entführten sie auf ferne Planeten, erzählten von fremden Kulturen und ließen das Fernweh in ihr immer größer werden.
„Hallo, Kleines" grüßte er sie. „Laß mich raten: deine Heizung ist ausgefallen und du brauchst noch eine warme Jacke, hab ich Recht?"
Hope strahlte ihn an und gab ihm einen Kuß auf die Wange. „Hi, Gramps. Du hast Recht, es ist saukalt in meinem Apartment, aber ich brauch eine ganze Menge Sachen."
Es war überraschend warm im Laden und sie öffnete ihre Jacke. „Wie kommt's, daß es so warm ist hier drinnen?"
Der alte Mann grinste breit „Ah, wir Alten haben da so unsere Tricks." Er zeigte auf einen alten Verbrennungsofen, auf dessen Herdplatte ein Topf mit kochendem Wasser stand.
„Du liebe Zeit! Ich dachte immer, daß der Ofen nur Dekoration ist!" Hope starrte völlig fasziniert auf das alte metallene Ungetüm, das mitten im Laden stand.
„Siehst du, Mädchen, manchmal ist Low Tech vielleicht doch nicht so schlecht, oder? Du siehst ein wenig blaß aus, was hältst du von einer Tasse Tee?"
Hope nahm die dampfende Tasse dankbar entgegen, schloß ihre kalten Finger fest darum und das erste mal, seitdem sie aufgestanden war wurde ihr so richtig warm.
Mit einem tiefen Seufzer ließ der alte Mann sich wieder in den Sessel fallen, den er ganz nah zum Ofen gerückt hatte. „Ich hoffe es macht dir nichts aus wenn ich hier beim Ofen bleibe; meine alten Knochen schmerzen in dieser Kälte. Du weiß ja wo alles ist; und das wahrscheinlich besser als ich."
Hope stellte die leere Tasse ab und nickte. Ja, sie wußte wo sie alles was sie brauchte finden würde. Sie ging zu dem Regal mit den schwarzen Cargo Hosen, die er vor wenigen Wochen bei einem der Army Ausverkäufe erstanden hatte; sie waren neu und es gab jede Menge davon. Sie nahm eine große für Riddick und weil sie ihr eigentlich auch gefielen noch eine kleine für sich selbst. Danach waren Shirts und Rollkragenpullover dran.
Von den Stiefeln abgesehen mußte sie so ziemlich alles für ihn besorgen und so ging sie langsam durch die Regale um zu sehen, was noch alles an Sachen da war, die er brauchen konnte. Sie fand Socken, Handschuhe und eine Kappe; hm … keine Unterwäsche … er würde wohl ohne auskommen müssen. Sie grinste bei dem Gedanken, wies sich dann aber schnell selbst zurecht ‚Reiß dich zusammen! Was ist bloß los mit dir?'
Und dann sah sie die schwarze Lederjacke; sie war fantastisch und sie mußte sie einfach für ihn mitnehmen. Sie hatte selbst immer so eine Jacke gewollt, aber in ihrer Größe wurden sie einfach nicht hergestellt. ‚Spielt keine Rolle; wenn ich endlich mit dem Replikator fertig bin, dann repliziere ich mir selbst eine.' Hope seufzte. Vor ein paar Tagen war ihr Leben noch so einfach gewesen … kein Sträfling, keine gebrochenen Gesetze, absolut keine Probleme; nur sie und ihre geliebten Erfindungen.
Sie bedauerte ihre Entscheidung Riddick zu helfen nicht im Geringsten aber sie hatte die starke Befürchtung, daß das Leben wie sie es kannte für sie vorbei war. Selbst wenn niemand entdeckte, welche Rolle sie bei Riddicks Flucht gespielt hatte war sie sich nicht sicher, ob sie ihr altes Leben überhaupt zurück haben wollte; vielleicht warteten die Abenteuer, von denen sie ihr ganzes Leben lang geträumt hatte ja jetzt auf sie?
Und dann war da noch Riddick selbst; er zog sie mehr an als gut für sie war. Sie wußte, daß sie mit Feuer spielte aber sie konnte einfach nicht anders. Sie überlegte sogar, ob sie ihm nicht doch zu dem Raumschiff verhelfen sollte. Sie hatte ein wenig dick aufgetragen als sie ihm über die Ausstattung erzählte aber Tatsache war, daß es auch unfertig das fortschrittlichste Schiff aller Zeiten war. Auf ihrem Weg zurück zum Ladentisch war sie immer noch dabei über ihre Möglichkeiten zu grübeln.
Der alte Mann lächelte sie an, als sie den Berg Kleider auf die Theke hievte. „Na, das nenn ich einen guten Fang. Hast du alles gefunden?" und warf einen zweiten Blick auf den Kleiderstapel „Denkst du nicht, daß das alles ein wenig groß ist für dich?"
Hope wurde dunkelrot und versuchte, sich eine gute Geschichte einfallen zu lassen aber zu ihrer immensen Erleichterung erwartete er gar keine Antwort und fuhr fort:
„Laß gut sein, Kind, ich wollte dich nicht in Verlegenheit bringen. Ich bin froh, daß du endlich einen Mann in dein Leben gelassen hast. Aber weißt du, in meiner Jugend haben wir uns noch gegenseitig warm gehalten und nicht zusätzliche Kleidung gekauft." Er kicherte und wackelte mit den Augenbrauen und kramte dann hinter der Theke herum, bis er den großen Rucksack gefunden hatte, der schon so lange dort herum lag. „Hier, ich denke den wirst du brauchen um das alles nach Hause zu bringen. Und ich hab dir eine Thermoskanne Tee gemacht. Ich will Details wenn du nächstes mal kommst, hörst du? Vielleicht stellst du mir den jungen Mann ja vor? Sag ihm, daß er sich vor mir zu verantworten hat wenn er nicht nett zu dir ist, ja!" Ein zufriedenes Lächeln lag auf dem Gesicht des alten Mannes; er hatte schon immer gefunden, daß Hope zu viel Zeit allein verbrachte.
Hope lachte in sich hinein; die Vorstellung von Riddick, der sich vor dem alten Mann rechtfertigte war einfach zu gut. „Wenn ich nächstes mal komme erzähle ich dir alles genau, Gramps. Danke für alles." Sie bezahlte und nachdem sie ihn noch einmal umarmt hatte ging sie auf den Ausgang zu.
„Sei vorsichtig, Kleines, die Leute werden schön langsam unruhig. Geh nicht mehr raus ohne deinen Freund!" rief der alte Mann ihr nach.
