Zuerst mal möchte mich bei all den netten Menschen bedanken, die Reviews geschrieben haben. Bitte nicht böse sein, wenn ich es diesmal nur zu einem Sammeldankeschön schaffe, es kommt trotzdem von Herzen. Dafür geht's jetzt auch gleich weiter mit dem nächsten Kapitel, mit Steinkreisen, noch mehr Septimus Spane und ähnlichem...

Leliha

Kapitel sechs: Begegnungen

„Viel kann ich Ihnen nicht sagen." Olivia Gowan, freischaffende Kunsterzieherin und Malerin, fuhr gedankenverloren mit dem Löffel durch den Schaum auf ihrem Cappuccino.

„Ich war total in Panik, alles um mich herum war weiß, ich hatte jeden Sinn für Himmelsrichtungen oder oben und unten verloren. Man liest immer davon, aber richtig nachvollziehen kann ich das erst, seit es mir selbst passiert ist. Ich stolperte, stürzte und konnte förmlich hören, wie der Knochen meines Beins splitterte."

Sie schauderte bei der Erinnerung und untermalte ihre Worte mit einem schreckgeweiteten Blick aus heftig geschminkten blauen Augen. Janet stöhnte innerlich. Wie oft hatte sie diese Geschichte vom Nebel jetzt schon gehört? Zu oft jedenfalls, aber immerhin, das gebrochene Bein war diesmal neu. Sie zwang sich zu einem ermunternden Lächeln und nahm einen Schluck von ihrem Tee.

„Ich habe geschrieen vor Schmerzen," fuhr die Künstlerin fort, „obwohl ich sonst gar nicht wehleidig bin und dann war da plötzlich jemand. Er trug einen schwarzen Umhang mit Kapuze, der seinen ganzen Körper verbarg..."

„Woher wissen Sie dann, dass es ein ‚er' war?" warf Janet ein.

„Die Stimme. Er hat irgendetwas gesagt wie ‚ganz ruhig' oder ‚keine Angst'. Es war eindeutig eine Männerstimme. Er zog mich in seine Arme..."

Janet hob interessiert eine Augenbraue.

Der blaue Blick hatte jetzt eine verträumte Note. Meine Güte, dachte Janet. Olivia Gowan war mindestens sechzig, auch wenn sie das mit Hilfe von Make-up und streichholzkurzen, knallrot gefärbten und zu Stacheln gegelten Haaren zu überspielen versuchte. Jetzt kicherte sie doch wahrhaftig kokett.

„Er zog mich jedenfalls an seine breite Brust und dann hatte ich ein ganz komisches Gefühl von Kompression und bin wohl in Ohnmacht gefallen. Als ich wieder zu mir kam, lag ich in einem Krankenhausbett in Kilmarnock."

„Was hat nun ein gewisser Septimus Spane damit zu tun?" fragte Janet betont unwissend.

„Ach, ja. Er war es, der mich im Krankenhaus ablieferte. Der Polizei gegenüber hat er behauptet, er habe mich bewusstlos bei seinem Haus gefunden. Ich weiß nicht – ich habe keine Ahnung, wie ich da hin gekommen sein soll, er wohnt mitten in Glen Drole."

Sie schüttelte den Kopf.

„Was ist er für ein Mensch?"

„Das dürfen Sie mich nicht fragen."

Schwang da so etwas wie beleidigte Empörung in ihrer Stimme? Was hatte Septimus Spane getan? In Janet erwachte wieder ein bisschen Interesse und sie schaute auffordernd und mitfühlend drein.

„Sie werden es nicht für möglich halten, aber ich habe ihn ja nie kennen gelernt! Natürlich habe ich ihn angerufen, mehrmals sogar, um mich bei ihm zu bedanken, ich wollte ihn zum Essen einladen, aber er hat abgelehnt. Stellen Sie sich das nur vor, rundweg abgelehnt! Ganz ruhig und ausgesprochen höflich war er, aber er gab mir trotzdem deutlich zu verstehen, dass ihm an einem Treffen nichts lag, dass ihn die Sache überhaupt nicht mehr interessierte. Was soll man da sagen? Irgendwann habe ich es dann sein lassen."

Mit gespielter Resignation hob sie die Hände: Knallrot lackierte Fingernägel hatten die Aufgabe, von den Altersflecken abzulenken.

Janet nickte verständnisvoll und unterdrückte ein Grinsen. Septimus Spane, wie er leibte und lebte. Gegen ihren Willen empfand sie etwas Mitgefühl für die exzentrisch aufgemachte Frau. Allerdings konnte man auch nachvollziehen, dass er nicht in ihre Fänge hatte geraten wollen.

Ohne viel Hoffnung stellte sie noch ein paar Fragen über den mysteriösen schwarzgewandeten Retter, aber es gab keinerlei nützlichen Informationen. Eine schemenhafte schwarze Gestalt, ein seltsames Gefühl, Bewusstlosigkeit, vage Erinnerungen – das hatte sie jetzt schon so oft gehört. Alle diese wundersam Geretteten erzählten die gleiche Geschichte, aber außer ihnen hatte niemand diesen seltsamen Retter jemals zu Gesicht bekommen. Darüber konnte sie keinen Artikel schreiben, entweder sie würde jetzt in der Redaktion anrufen und Peter von der Sinnlosigkeit der ganzen Sache überzeugen oder sie fand irgendwelche Beweise, dass die ganze Geschichte ein abgekarteter Humbug war. Aber andererseits – wie sollten sich diese ganz unterschiedlichen Menschen abgesprochen haben? Und ein Teil ihrer Geschichte stimmte auf jeden Fall – sie hatten sich alle bei Nebel in den Bergen des Galloway Forest Park aufgehalten, soviel war sicher.

Eine letzte Frage an die Künstlerin:

„Haben Sie jemals versucht herauszufinden, was genau passiert ist? Nachforschungen angestellt, mit den anderen gesprochen?"

Die roten Fingernägel strichen vorsichtig über die Spitzen der roten Gelstacheln. Fast der gleiche Farbton, stellte Janet amüsiert fest.

„Natürlich habe ich das. Sobald ich wieder auf den Beinen war, habe ich herumtelefoniert, habe mit den anderen gesprochen. Wir stellten fest, dass wir die gleichen Wahrnehmungen hatten, aber niemand hatte wirklich etwas deutlich gesehen. Ich bin nach Glen Drole gefahren, war sogar beim Haus dieses Mr Spane, aber er war nicht da. Ich habe mir Informationen besorgt über alte Sagen in dieser Gegend – alles ohne Ergebnis. Es gibt Gerüchte über einen alten Steinkreis, ich kenne ihn, habe ihn schon gemalt – und, meine Liebe, ich kann Ihnen sagen, es war sehr schwer, die sublimen Schwingungen, die von ihm ausgehen, angemessen einzufangen, aber – selbstverständlich ohne mich selbst loben zu wollen ­– ich denke, es ist mir gelungen – jedoch kann ich mir nicht vorstellen, welche Rolle dieses Monument bei unserer Rettung gespielt haben soll."

Ach du meine Güte, Steinkreis! Sofort fielen Janet die dickbändigen Bestseller ein, die dieses Motiv weidlich ausschlachteten. Vielleicht kommt der Retter geradewegs aus dem 18. Jahrhundert und heißt Fraser, spottete sie im Stillen, während sie ihren professionell-interessierten Gesichtsausdruck beibehielt und verständnisvoll nickte.

Die Künstlerin seufzte.

„Irgendwann habe ich die Nachforschungen aufgegeben und mir gesagt, dass den Vorfällen rational nicht beizukommen ist, dass ich es einfach akzeptieren muss. Irgendetwas Übernatürliches ist geschehen, mehr kann ich nicht sagen. Ich versuche seitdem verstärkt, meine Empfindungen in meinen Bildern auszudrücken, wenn es Sie interessiert, mein Atelier ist nicht weit von hier."

Enthusiastisch wedelte sie mit dem Arm in die entsprechende Richtung.

Übernatürlich – Empfindungen – Bilder – puh, nein, bitte nicht! Janet steckte sich das letzte Stück ihres sehr gehaltvollen Schokoladenkuchens in den Mund und schüttelte bedauernd den Kopf. Dann murmelte sie etwas von wegen ‚keine Zeit'.

„Tja, schade. Ich dachte nur, Sie könnten meine Arbeiten dann etwas ausführlicher in Ihren Artikel miteinbringen."

Ein Händeschütteln, ein Lächeln und Janet stand wieder draußen in der belebten Fußgängerzone von Glasgow. Das Wetter war immer noch schön, die Menschen waren bester Laune, Straßenmusikanten sorgten für gute Stimmung. Janet nahm das alles nur am Rande wahr. Was sollte sie nun machen? Anrufen und Peter davon überzeugen, das Ganze abzublasen? Weitermachen, in der Hoffnung, doch noch auf etwas Brauchbares zu stoßen? Vielleicht der Information über den Steinkreis nachgehen? Unschlüssig blieb sie stehen und starrte gedankenverloren in ein Schaufenster. Inmitten einer Dekoration aus Holzkistchen und Weidenkörben stapelten sich Seifenstücke in allen Farben des Regenbogens sowie künstlerisch gestaltete Fläschchen und Tiegelchen. Aus der geöffneten Tür roch es verführerisch blumig - nach Lavendel oder Jasmin oder sonst einer Blütensorte. Janet trat näher an das Schaufenster und musterte die Auslage genauer. Sie brauchte noch ein Geburtstagsgeschenk für ihre Schwester; diese begeisterte sich für alles, wo ‚Natur' drauf stand, sicherlich würde sie hier etwas entsprechendes finden. Entschlossen ging Janet zur Tür und stieß beinahe mit Septimus Spane zusammen, der forschen Schrittes aus dem Laden herauskam. Sprachlos starrten sie sich an. Er fing sich als erster.

„Guten Tag, Ms Muir," sagte er höflich und neigte leicht den Kopf in einer angedeuteten Verbeugung.

„Ja, eh, guten Tag," stammelte Janet. Das gab es doch nicht wirklich, oder? Jetzt liefen sie sich auch schon in Glasgow über den Weg!

„Haben Sie Ihre Recherchen beendet?" fragte er, als Janet keine Anstalten machte, ihm aus dem Weg zu gehen.

„Nein, ich bin heute deswegen in Glasgow..."

„Die Malerin?" mutmaßte er mit hochgezogener Augenbraue.

„Ja." Warum nur hatte sie bei ihm immer den Eindruck, nicht scharf sehen zu können?

„Erfolgreich?"

Der Spott in seiner Stimme war nicht zu überhören.

„Nein," sagte sie kurzangebunden.

„Und jetzt trösten sie sich mit einem Einkaufsbummel?"

Sarkastisches Ekel.

„Ich brauche ein Geburtstagsgeschenk für meine Schwester," sagte sie laut.

Er nickte und machte mit einer einladenden Geste den Weg in den Laden frei.

„Bitte sehr."

„Danke," entgegnete Janet kühl, ging hinein und wunderte sich. Was tat ein Mann in solch einem Geschäft? Er machte nicht den Eindruck, als benutze er duftende Seifen oder gar Cremes. Hatte er auch ein Geschenk gekauft? Hatte er eine Freundin? War er verheiratet? Egal, es ging sie nichts an und interessierte sie auch absolut nicht. Aber warum begegnete sie ihm ständig? Ein merkwürdiger Mann war er...

Ziellos schlenderte sie in dem Geschäftsraum herum, befühlte und beschnupperte die Seifenstücke, las die Aufschriften auf den Fläschchen...

„Die Spane-Produkte sind in dem Regal hier drüben, neben der Kasse."

Janet fuhr zusammen. Der Verkäufer war neben ihr aufgetaucht.

„Wie bitte?" fragte sie verwirrt.

„Die Spane-Produkte." Das Lächeln des jungen Mannes mit dem modisch verwuschelten Blondhaar wurde unsicher, als er ihren verständnislosen Blick gewahrte.

„Ich dachte – weil Sie sich doch eben draußen mit Mr Spane unterhalten haben..."

„Ja?"

„Unsere erfolgreichste Pflegeserie – sie wird von ihm hergestellt. Alles Handarbeit und in limitierten Mengen – hier."

Er ging zu dem benannten Regal und hielt ihr einen kleinen grün-silbernen Tiegel hin.

„Das neueste – eine Handcreme. Ganz ausgezeichnet. Zieht sofort ein, fettet überhaupt nicht und macht die Haut in kürzester Zeit wunderbar zart. Es ist wie Zauberei."

Mit schwärmerischem Blick öffnete der Verkäufer den Tiegel und hielt ihn Janet zum Probieren hin. Vorsichtig tauchte sie ihren Finger ein und verrieb ein bisschen von der zartgelben Substanz auf ihrem Handrücken. Es war angenehm und roch gut. Handcreme war eine gute Idee, die konnte man immer brauchen, sie würde sie ihrer Schwester zum Geburtstag schenken.

„Wir haben hier auch noch eine sehr gute Feuchtigkeitscreme, und die hier ist gegen Augenringe..."

„Danke, ich möchte nur die Handcreme," unterbrach Janet die euphorischen Anpreisungen.

Sie zuckte nur unmerklich zusammen, als sie den Preis erfuhr. Na ja, Handarbeit und limitierte Menge, dachte sie gequält und hoffte, ihre Schwester würde es zu schätzen wissen. Sie zückte die Kreditkarte.

Auf dem Weg zum Parkhaus waren ihre Gedanken bei Spane. Er war also – was? Chemiker? Apotheker? Ob er die Sachen wohl in seinem Haus in Glen Drole herstellte? In Gedanken stellte sie sich ein Alchimistenlabor vor mit blubbernden Kesseln und dampfenden, dickbauchigen Glasgefäßen. Das war wahrscheinlich Blödsinn, aber irgendwie passte es zu dem mysteriös verschwommenen Mann, der immer wieder ihren Weg kreuzte.

Ganz herzlichen Dank an J.K.Rowling für das Ausleihen von Personen und Plot