Siebenundzwanzig. Hirato zählte die Stunden akribisch genau. Wir haben immer noch Zeit. Es war unsinnig, das wusste er, aber irgendetwas an Tsukitachis Behauptung, dass die ersten 48 Stunden entscheidend seien, grub sich tief in sein Unterbewusstsein und manifestierte sich darin. Der Brünette wusste nicht, ob die 2‑Tages-Frist nach freiem Ermessen festgelegt oder aus medizinischer Sicht begründet war; einer Sache jedoch, war er sich bewusst: mit jeder vergangenen Stunde näherte sich Akari einem irreversiblen Koma. Koma. Er verabscheute den bloßen Gedanken. So ein Zustand der andauernden Inaktivität passte nicht zu einem Mann, dessen wirbelsturmartige Ausdauer und blitzschneller Verstand, stets jeden in unmittelbarer Nähe zu erschöpfen vermochte. Nicht Akari. Bitte. Er offerierte ein dürftiges Gebet an alle jene wankelmütigen Götter, die wohlmöglich durch Überredungskünste beeinflussbar waren.
Unzählige Male war er in dem Sessel neben dem Krankenbett des DA eingenickt und wurde zu einem so beständigen Inventarstück, dass die Krankenschwestern Mitleid mit ihm bekamen und ihm eine Tasse heißen, dampfenden Kaffee nach der Anderen brachten. Er machte sich im Geiste eine Notiz, dass er ihnen allen Blumen schicken würde, wenn sein Geliebter endlich das Bewusstsein wieder erlangte.
Yogi und Gareki kehrten für ein paar Stunden zurück, um ihn von seinem Posten abzulösen. Nachdem sie seine derzeitige Verfassung festgestellt hatten, schienen beide bereitwilliger, seine Anwesenheit hier zu dulden. Garekis Kinnlade fiel fast herunter beim bloßen Anblick eines zerzausten Hirato. Auch Yogi reagierte auf diese unmissverständliche Besorgnis mit stiller Ehrfurcht. Hand in Hand standen sie neben Akaris Bett, als er den Raum verließ. Gareki zog mit seinem Daumen Kreise auf Yogis Handfläche, während sich dessen lavendelfarbene Augen mit Tränen füllten.
Da er es vorzog, den Beiden ihre Privatsphäre zu belassen, zog der Strafverteidiger ein paar Runden durch das Krankenhaus, um sich zu beschäftigen. Doch ganz gleich, wie weit er durch die labyrinthartigen Flure des medizinischen Zentrums wanderte, er landete immer wieder auf und abgehend vor dem Zimmer des Strafverfolgers. Die beiden jüngeren Männer gingen schließlich, jedoch nicht ohne zuvor ein paar bekümmerte Blicke in seine Richtung zu werfen.
Andere Personen tauchten von Zeit zu Zeit auf – Akaris Kollegen und Angestellten. Anstatt ihnen für ihre Anteilnahme dankbar zu sein, war Hirato nur über ihre Dreistigkeit verärgert, dass sie es wagten, sich in seine Wache hinein zu drängen. Hatten sie denn keinen Respekt vor seiner Trauer?
Die 31. Stunde rückte langsam näher, als ihm sein Koffein von einem höchst unerwarteten Besucher serviert wurde. Tokitatsus üblicherweise strahlend-hellen Augen trübten sich deutlich, als er die ausgezehrte Gestalt seines jüngeren Bruders erblickte. „Hirato-"
„Sag mir nicht, ich soll heim fahren", sagte er, mit einer kühlen Stimme, die seinem widersprüchlichen Erscheinungsbild trotzte.
Sein älterer Bruder nickte und nahm in der hinteren Ecke des Raumes Platz, während sein kalkulierender Blick langsam von Akaris schlafendem Gesicht zum Gesicht seines Bruders wanderte. „Nein, das macht keinen Sinn. Du würdest ohnehin nicht auf mich hören."
„Wann bist du gekommen?" fragte Hirato und nahm dankbar einen Schluck von seiner Tasse.
„Ich bin direkt vom Flughafen hergefahren. Ich habe Boston unmittelbar nach Garekis Anruf verlassen." Tokitatsu gestikulierte in die Richtung des bewusstlosen Mannes. „Wann rechnen die Ärzte damit, dass er aufwacht?"
„Bald", entgegnete der Jüngere. „Wenn nicht bald, dann..." er verstummte, alles sträubte sich dagegen, dem Gedankengang zu seinem logischen Schluss zu folgen.
„Es ist Akari. Er wird aufwachen!" Ein zuversichtliches Lächeln. „In der Zwischenzeit, dachte ich mir, du könntest ein bisschen Unterstützung gebrauchen."
Hirato gab einen verächtlichen Ton von sich. „Ich bin nicht derjenige der bewusstlos ist."
„Das bedeutet nicht, dass du nicht verletzt bist." Oh wie sehr er die Tatsache an seinem Bruder hasste, dass der Mann seine behütetsten Geheimnisse so lieblos und so ungeniert bloßstellen konnte.
Nun, dann auf die ehrliche Art, schätze ich. Sein Gegenüber konnte Fassaden zu leicht durchschauen. Das war einer der vielen Gründe, warum sie sich gegenseitig selten etwas vormachten. „Ich denke immer, was ist wenn er alleine aufwacht?"
Nun war es Tokitatsu, der ihn spöttisch anblickte. „Also bitte. Du weißt, dass der einzige Grund, warum es hier nicht gerammelt voll ist, deine Besitzgier ist, die so dickflüssig wie Miasma ist. Also, sag mir, ist es die Angst um ihn? Oder ist es schlichtweg deine Angst?"
Plötzlich verschob sich die Welt. Zwar sah alles noch genauso aus wie zuvor – das gleiche Krankenhaus, das stetige Piepsen des Herzmonitors, das gleichbleibende Summen der Klimaanlage, der gleiche Akari. Dennoch, fühlte sich alles anders an. Das Fenster umrahmte die gleiche Chicagoer Nacht-Kulisse, die den jungen Anwalt fasziniert hatte, seitdem er nach dem College in diese Stadt gezogen war. Doch in diesem Moment verblasste sie, verlor ihren Glanz, der Reiz ließ nach. Nicht einmal die herausragendsten Plätze dieser Stadt konnten ihn dazu verleiten, Akaris Seite zu verlassen.
Es war seine Angst, die ganze Zeit.
Mit schwerfälligen Schritten stieg er die 14 Treppenflüchte zu ihrer gemeinsamen Wohnung im 7. Stockwerk hinauf. Es war spät. Akari würde zu Hause sein, wahrscheinlich saß er am Esstisch mit einem Buch vor seinem Gesicht. Er würde seine Lesebrille tragen – sie würde zeitweise seine Nase herunterrutschen, was ein kleines frustriertes Schnauben auslösen würde, bevor er die Brille mit seinen schlanken Fingern wieder an die richtige Stelle zurückschieben würde.
Ich werde das vermissen, dachte Hirato und pausierte für einen Moment auf jeder Stufe, nur um die Zeit hinauszuzögern.
Heute Nacht, würde ihr letzter Abend zusammen sein, seine neuesten Intrigen hatten das sichergestellt. Wäre er weniger selbstsüchtig, hätte er seine Sünden ohne Umschweife gestanden, um dem anderen Mann die Möglichkeit zu geben, seinen Annäherungsversuchen zu widerstehen und ihm diese Nacht zu verweigern. Doch Hirato war schon immer gierig gewesen, ganz besonders, wenn es um Akari ging. Genau genommen, war es seine Selbstsucht, die nun das Ende ihrer Beziehung herbeigeführt hatte. Er würde niemals damit zufrieden sein, in einem zweitklassigen Bezirksanwaltsbüro zu arbeiten. Akari würde nie mehr als das brauchen. Das Ende war letztendlich vorprogrammiert und ein abruptes Ende, grausam – doch ein klarer Schnitt – würde sich für alle Parteien als vorteilhaft erweisen.
Eines Tages, wird er verstehen, dass es das Beste war, rechtfertigte sich der Brünette, nur unwesentlich darüber beunruhigt, dass nicht einmal er selbst überzeugt war.
Er öffnete die Tür und fand seinen Partner ganz genauso vor wie erwartet. Das einzig von einer Overheadlampe ausgehende Licht, ließ den hellhäutigen Mann in einem goldenen Heiligenschein erleuchten. Hirato lächelte bitter. Wie passend.
„Es ist spät", sagte Akari ungezwungen. „Hat dein Meeting wieder länger gedauert?"
„Nun, du kennst Ryoushi."
„Ich weiß, er mag Alkohol und Süßigkeiten, schnaubte der Blonde und schaute von seiner Arbeit auf, um seinen Geliebten zu betrachten. „Und ich weiß, dass er deine Gesellschaft mag."
Hirato lachte leise in sich hinein. Akaris oberflächlich verschleierte Eifersucht war liebenswert. Sie war das einzige Anzeichen von Irrationalität in einer ansonsten ausschließlich logischen Psyche. Wie sehr er auch das vermissen würde. „Als wenn mit diesem alten Hofnarren meine Zeit verschwenden würde." Der Brünette ging auf den Küchentisch zu und platzierte seine Handflächen rechts und links auf das Buch seines Partners. Er beugte sich tief hinunter und lehnte sich über den sitzenden Mann. Sinnliche Lippen wanderten zärtlich an der warmen Haut seines Halses entlang. „Nicht, wenn ich zu dir nach Hause kommen kann."
Akaris Atem stockte, als scharfe Zähne an seinem Ohrläppchen nippten, doch blieb ansonsten unbewegt. „Heißt das, du würdest mit ihm schlafen, wenn wir nicht zusammen wären?"
Hirato lehnte sich vor, um ein Kuss zu stehlen. „Nein, was ich damit sagen will ist,… dass das was mich durch das Meeting brachte, einzig und allein die Vorstellung war, wie sich deine Beine um mich schlingen, während deine Fingernägel Narben in meinen Rücken kratzen."
Die Bildersprache genügte, um seinen Partner zur Kapitulation zu bewegen. In jener Nacht war er ganz besonders umsichtig mit seinem Partner - sanfte, lange Liebkosungen und langsame Küsse, die von Emotionen statt Begierde zeugten. Seine Fingerspitzen zeichneten stumme Entschuldigungen in Alabasterhaut, während seine starken Arme den anderen Mann fest umschlungen, in dem Bemühen die nicht existierende Distanz zwischen ihnen zu schließen. Selbst inmitten ihres Beisammenseins, bereute er, dass die letzten Stunden, die sie zusammen verbrachten, die Bedeutungsvollsten sein würden.
Rückblickend hätte er wissen müssen, dass Akari die Schuld in seinen Berührungen spüren konnte.
Es war beinahe morgens, als Akari schließlich sprach, und Hirato wusste nur zu gut, dass er die dazwischenliegende Zeit schwankend zwischen der Suche nach der Wahrheit und dem Segen der Unwissenheit verbracht hatte. „Was hast du getan?"
Er hielt sich nicht damit auf, dem Vorwurf auszuweichen. Trotzdem nahm er die Hand seines Partners, um die beruhigende Wärme noch einmal zu spüren. „Das Undenkbare."
„Bist du sicher, dass es unverzeihlich ist?" Akari stützte seinen Kopf auf einen Ellbogen, gab vor duldsam und nachgiebig zu sein. Er war bereit zu vergeben, ohne vorher zu wissen, was sich ereignet hatte. Diese Erkenntnis ließ Hiratos höhnisches Herz in Tausende Splitter zerspringen „Ich habe erwartet, dass mit dir zusammen zu sein, ein langwieriges Experiment voller Kompromisse bedeuten würde."
„Nicht dieses Mal."
Und das war der Moment, in dem sich das Verhalten des Blonden vollständig veränderte. Akari zog seine Hand aus Hiratos Griff, zinnrote Augen verengten sich anklagend. „Du hast mich betrogen." Es war keine Frage.
„Das ist nicht alles", entgegnete der Brünette resigniert. Akari war nicht der theatralische Typ. Er würde nicht fluchen, wütend werden oder versuchen zu verhandeln. Nein, sein immerzu rationaler Partner würde mit stoischer Zurückhaltung reagieren. Das war in vielerlei Hinsicht eine weitaus schlimmere Bestrafung. Hass war das Mindeste, das er verdiente. „Ich habe mit Bizantes Sohn geschlafen, weil er mir sagte, er könne mir ein Vorstellungsgespräch mit seinem Vater ermöglichen."
Und da war sie – die niederschmetternde Wahrheit. Er hatte nicht nur das Vertrauen seines Partners in Fetzen gerissen, sondern auch seinen Respekt verloren.
„Du hast die nächsten 30 Sekunden, um mir zu sagen, dass das ein kranker Witz ist", flüsterte Akari unsicher. Die Worte waren bitter und eisig. „Danach werde ich gehen."
Es ist besser gründlich zu sein, dachte Hirato. Und zu demonstrieren wie schamlos ich wirklich bin. Er lehnte sich vor, in einem Versuch, ihn zu küssen. „Es tut mir so leid."
Die einzige Antwort des Anderen war eine Ohrfeige, die so hart war, dass Echos in der darauf folgenden Stille hallten. „Versuche niemals wieder mich zu küssen."
Akari setzte sich auf und zog sich wortlos an. Kleine Zitteranfälle durchfuhren seinen Körper – die verräterischen Anzeichen der unglaublichen Wut die ihn nun überkam. Hirato wollte nichts mehr, als den Blonden in seinen Armen zu halten, bis das Zittern aufhörte, bis Akari wieder ihm gehören würde. Aber er erkannte, dass es zu spät dafür war und anstatt auch nur ein kleines Bisschen Trost anzubieten, streute er noch Salz in die Wunde. „Ich will nicht, dass du gehst." Und das war sogar die Wahrheit.
„Ich könnte nie mit mir selbst leben, wenn ich bliebe." Akari wollte aufstehen. Ohne nachzudenken, streckte Hirato seine Hand aus und umgriff instinktiv das Handgelenk des anderen Mannes. Der Blonde riss sich ruckartig los. „Wag es nicht mich anzufassen, nachdem du ihn mit denselben Händen berührt hast."
Diese zornige Äußerung war das einzige Anzeichen von Herzschmerz, das Hirato je mitbekam.
Tokitatsus taxierender Blick wich nicht einen Augenblick von ihm ab. „Was hast du dir dabei gedacht, kleiner Bruder?" murmelte er und Hirato wusste, dass er nicht die Hintergründe seiner aktuellen Gedanken hinterfragte; er fragte nach der Sache, die er sich selbst seit jener Nacht vor all den Jahren fragte, in der er Akari gezwungen hatte, zu gehen.
„Ich habe an mich selbst gedacht – mein unersättlicher Ehrgeiz, meine Gier danach der Beste zu sein, das Beste zu haben, meine steigende Tendenz zur Untreue." Hirato verstummte für einen Moment. „Ich wollte alles; Akari wollte nur mich."
„Also hast du ihn weggestoßen." fragte Tokitatsu resigniert.
„Auf die kaltherzigste Weise, die man sich vorstellen kann." Er ließ ein dumpfes Lachen von sich, verblüfft über die schiere Idiotie seines 26-jährigen Selbsts. „Ich wollte nie, dass er je darüber lamentierte, was hätte sein können. Ich dachte eher, ich würde ihn vor mir beschützen, oder vor dem Menschen, der ich unweigerlich werden würde."
„Du Idiot."
Er nickte zustimmend, überrascht darüber, wie offen er sich seinem Bruder anvertraute. „Unsere Lebenswege haben sich in verschiedene Richtungen entwickelt. Während Akari nach offenen Stellen in Staatsanwalts- und Rechtsberaterkanzleien suchte, suchte ich nach Möglichkeiten mit den erfolgreichsten Unternehmen der Stadt Kontakte zu knüpfen. Ich dachte, er würde mich letztendlich ohnehin als das erkennen, was ich (wirklich) bin.
„Und was bist du?" Tokitatsu schaute augenblicklich tatsächlich etwas perplex.
„All die Dinge, die er von mir behauptet: arrogant, hinterhältig, eingebildet." Der Strafverteidiger atmete tief durch, erstaunt über den Schmerz, den diese Offenbarung hervorrief. Ein dumpfes, stechendes Gefühl verengte seine Brust und machte es plötzlich schwer zu atmen. „…oberflächlich, leer."
Obwohl das ein trübsinniges Geständnis sein sollte, musste sein Bruder nun laut auflachen. Hirato machte ein mürrisches Gesicht, aber sein Bruder überging ihn einfach. „Wenn du nichts weiter, als all diese Dinge wärst, dann würdest du jetzt da draußen feiern." Tokitatsu lächelte, als diese Schlussfolgerung deutlich wurde. „Du bist nicht annähernd so verkommen, wie du glaubst. Doch zugegebenermaßen zeugen die Spuren an deinem Hals vom Gegenteil." Ein amüsiertes Kichern. „Das ist der einzige Bereich, in dem du hinter den Erwartungen zurückbleibst."
Hirato räusperte sich etwas unbeholfen und rückte seinen Kragen zurecht, um die langsam verblassenden Mahnmale seiner Liaison mit Xander zu verbergen. „Du klingst wie Akari, er hat auch immer besser von mir gedacht als ich es verdiente.
„Vielleicht, aber bitte vergiss nicht, dass er dich weitaus näher kannte – kennt – als jeder Andere." Nachdem er seinen Kaffee ausgetrunken hatte, stand Tokitatsu auf, schritt nach vorne und durchwuschelte Hiratos Haar, was diesen dazu veranlasste, seine Hand so vehement wegzuschlagen, dass es schmerzte. Er schmunzelte, schrecklich amüsiert über die Missstimmung seines Gegenübers. „Du bist ein guter Mann, weißt du, und bevor du Akari wieder davon überzeugen kannst, musst du wohl erst noch dich selbst überzeugen."
„Du redest grad so, als wenn ich ihn zurückgewinnen wollen würde."
„Natürlich willst du das, warum wärst du sonst hier?" Tokitatsu schüttelte ungläubig den Kopf. „Komm, mach ein Thai-Lieferservice ausfindig, ich hab Hunger. Und außerdem möchte ich ein paar Minuten alleine mit Akari haben, okay?"
Seine getrübten, nektarinfarbenen Augen nahmen die Umrisse der schlafenden Gestalt auf. Akaris Sicht war noch verschwommen, doch er konnte die Identität der Person, dessen Finger mit seinen verschlungen waren und dessen tintenfarbiges Haar sich über sein Handgelenk ausbreitete deutlich erkennen. Hirato war in einer sehr unbequemen Position eingeschlafen. Offenbar saß er zuvor auf einem Stuhl und hielt seine Hand, als ihn die Schläfrigkeit überkam.
Akari hätte ein schmalziges Lächeln gewagt, wenn ihn nicht unglaubliche Schmerzen geplagt hätten. Das frühe Morgenlicht ließ Hirato fast engelsgleich erscheinen; cremefarbene Haut hell erleuchtet, lange Wimpern, dunkle Sicheln auf geschmeidiger, porcelanartiger Haut. Der Blick des Blonden wanderte von den fahlen Ringen, die sich unter den Augen seines bildschönen Träumers gebildet hatten, zu dem zerknitterten Hemd, dass er trug. Er muss das Haus überstürzt verlassen haben. Doch seine Fantasien, dass Hirato so angetan war, dass er sein Haus ohne sich umzuziehen verließ, krachten um ihn herum zusammen, als er die Bissspuren sah, die oberhalb seines offenen Kragens gerade eben sichtbar waren und die roten Abdrücke von Fesseln, die sich um das Handgelenk abzeichneten, dass mit seinem verschlungen war. Oder er sieht aus anderen Gründen so erschöpft aus. Er hatte nicht die Kraft, um zu murren, aber er schaffte es, sich aus der dem Griff des anderen Mannes zu befreien. Hirato regte sich bei der Bewegung. Violette Augen blinzelten langsam, bevor er die Bedeutung von dem, was sich ereignet hatte, zur Kenntnis nahm.
„Du bist wach!" Er richtete sich abrupt auf und streckte seine Hand nach vorne aus mit der Absicht eine verirrte Locke aus Akaris Braue zu streichen. „Ich habe so lange gewartet."
Worte erschöpften Akari, doch er musste sprechen. „Wage es nicht … mich anzufassen." Er nahm einige zaghafte Atemzüge, sein Hals fühlte sich wie Sandpapier an, staubtrocken vor Durst. „… mit diesen Händen." Doch dann wurde die Anstrengung zu sprechen zu groß. Er stöhnte schwer und setzte den bedrohlichsten Blick auf, den er zustande brachte.
Hirato sah auf seine Hand und fragte sich für einen Augenblick was nicht stimmte, bevor er den Nachweis seines letzten Rendezvous unter seinem Hemdärmel hervorstechen sah. Verdammt. „Akari…" Akari was? Was sollte er sagen? Es ist nicht, das was du denkst? Denn es ist genau das, nachdem es aussah und er hatte aus Erfahrung gelernt, dass sein einstiger Geliebter es hasste, mit schmutzigen Händen angefasst zu werden. Wirst du mir jemals verzeihen? Er nickte knapp. „Es tut mir leid, es wird nicht wieder vorkommen."
Er lehnte sich über den liegenden Mann und drückte die Ruftaste. Binnen Sekunden war der Raum überfüllt mit Schwestern und Ärzten, weißer Stofftücher und gedämpfter, hektischer Stimmen. Hirato wurde eilig nach draußen geleitet, wo er nun vor dem Fenster stand und zusah, wie Akari die nach seinem 2- tägigen Schlaf notwendigen Prozeduren durchlief.
Der Staatsanwalt zuckte zusammen, als der Arzt seine Wunde untersuchte; Hiratos Finger kratzten hilflos an der Scheibe als Antwort. In seiner Angst, dass er diese fesselnden Rubinaugen nie wieder sehen würde, hatte er Azana völlig vergessen. Doch der gequälte Ausdruck auf dem Gesicht des blonden Mannes ließen jegliche Rachegelüste in Windeseile wieder aufleben und jagten ein Schauer der Wut durch sein System, der sein Bewusstsein zu Gunsten der Vergeltung aufwühlte.
Während sich seine Gedanken im Kreis drehten, in dem Versuch seinen Racheplan Stück für Stück zusammenzufügen, nahm er sein Handy heraus und rief Eva an. Er musste ihr schwören, sich zu melden, sobald sich Akaris Zustand verändern würde.
„Hallo?" Sie nahm nach dem ersten Rufton ab. „Hirato? Stimmt irgendwas nicht?" Er lächelte in Verbundenheit; sie war anscheinend genauso beunruhigt, wie er es war.
„Nun, um ehrlich zu sein, er ist wach."
„Du machst Scherze oder?"
„Nein, überhaupt nicht", versicherte er seiner Kollegin und strahlte regelrecht, erfreut über die Erleichterung in ihrem Tonfall.
„Er kann sogar schon ein mürrisches Gesicht machen und sich wie ein Rüpel aufführen."
Die bildhafte Schönheit lachte ihr glockenklares, melodisches Lachen und Hirato stellte fest, dass es ihn auf eine Art und Weise, die er nicht ganz in Worte fassen konnte, beruhigte. „Hast du etwas getan, um es zu verdienen?"
„Natürlich nicht."
„Tut mir leid, wenn ich dir nicht glaube. Sag ihm, ich bin unterwegs, ja?"
„Ja, mach ich." Er zögerte einen kurzen Moment lang. „Eva, kannst du mir einen Gefallen tun?"
„Welche Art von Gefallen?" Ihr Misstrauen war offensichtlich.
„Ich habe einen Plan. Um ihn zurückzugewinnen." Er hasste die Verletzlichkeit, die diese Bitte offenbarte, aber er benötigte Unterstützung, die an Wunder grenzte, wenn er je wieder in Akari's Gunst kommen wollte. „Ich bitte dich mir zu helfen."
„Nein." Evas Tonfall duldete keinen Widerspruch. Ihre Absage war endgültig. „Ich werde dich keine Spielchen mit ihm spielen lassen, wenn er in diesem Zustand ist."
„Ich habe mir gedacht, dass du so etwas sagen würdest", gab Hirato zu. Er war sich sicher, dass er seinen Anteil an Glaubwürdigkeit aufgebraucht hatte…. für das nächste Jahrzehnt. Jedoch waren das nur kleine Almosen für den Lohn, den er erhalten würde, sollte er Erfolg haben. „Was ist, wenn ich dir sage, dass ich nur mit deiner Zustimmung handeln werde?"
„Woher soll ich wissen, ob ich dir vertrauen kann?" fauchte sie. „Akari konnte es nicht."
Normalerweise würde er seine Gefühle nie so billig preisgeben, doch bei der Gehässigkeit in Evas Tonfall musste er Luft holen.
Sie nahm es fast augenblich zurück. „Hirato, E-Es tut mir leid. Ich hätte das nicht sagen sollen."
„Es ist okay", sagte er, und das war es auch. Das war es wirklich. Akari hatte ihn nie richtig dafür zur Rede gestellt, dass er ein absolutes Arschloch gewesen ist. Es war nur fair, dass es jemand tat. „Bitte lass mich ausreden. Dann wirst du ausreichend Informationen in der Hand haben, um mich beruflich zu ruinieren. So wichtig ist das hier."
Das anhaltende Zögern vermittelte einen widersprüchlichen Eindruck über ihr Stillschweigen, doch sie willigte schließlich ein. „Gut, doch wenn ich nicht einverstanden mit diesem so-genannten „Plan", dann werde ich alles tun, um dich aufzuhalten."
„Das genügt mir." Er grinste in den Hörer. Eine Chance ist alles was er brauchte. Er hatte schon Siege aus weitaus weniger erzielt. „Bis bald."
„Okay." Sie beendete das Telefonat.
Hirato wollte sein Handy gerade wieder verstauen, da klingelte es erneut. Amethyst-Augen weiteten sich, als er die nur allzu bekannte Nummer auf dem Display sah. Ein gefährliches, tödliches, heimtückisches Grinsen breitete sich langsam über sein Gesicht aus, als er den Telefonhörer an sein Ohr hielt. „Azana, Sie sind ein mutiger Mann", spöttelte er.
Die Stimme am anderen Ende der Leitung wirkte verängstigt, unsicher – das genaue Gegenteil von „mutig" oder irgendeiner Form davon. Oh Gott, du wertloses Stück Scheiße. Du solltest Angst haben. „Sie müssen mir helfen, Hirato. Sie denken, ich hätte versucht, Akari Dezart zu töten."
„Beruhigen Sie sich", sagte Hirato in mildem Ton und nahm seine professionellste Haltung ein. „Erzählen Sie mir, was passiert ist." Damit ich dich beerdigen kann.
„Es war Selbstverteidigung, ich schwöre es." Die Verzweiflung seines Gesprächspartners war so intensiv, dass er sie förmlich über die Telefonleitung spüren konnte. Es war einfach himmlisch.
„Es tut mir leid, aber die Polizei wird das anders sehen. Für sie sieht es aus, als wenn Sie geschossen haben und dabei fast einen von ihnen getötet hätten", sagte er ohne den Sarkasmus in seiner Stimme dabei großartig zu verbergen. „Sie können froh sein, dass er noch lebt." Sehr froh sogar.
Der andere Mann stotterte: „H-H-Hören Sie, er ist mir nach Hause gefolgt in dieser Nacht. Glauben sie mir, ich habe nur mich selbst beschützt."
Und in diesem Moment, hörte sein Herz für eine kurze Zeit, die ihm wie eine Ewigkeit erschien, auf zu schlagen. „Er hat was getan? Er wusste mit zweifelsfreier Sicherheit, dass Azana die Wahrheit sagte. Unbestrafte Kriminelle zu beschatten sah Akari ähnlich. Hiratos Augen verengten sich bei dem teuflischen Gedanken, wie der Mann erstochen und aus dem Fenster gestoßen wird. Du verdammter Idiot, Akari. Warum machst du solche Dinge?
