Der Wind wehte mir einzelne Haarsträhnen in mein Gesicht und zaghaft strich er sie zur Seite und ich schmiegte meinen Kopf an seine Hand. Dann schloss er mich in seine Arme und genoss es einfach so gehalten zu werden. Leise flüsterte er mir ins Ohr. „Was ist mit uns geschehen?" „Was mit uns geschehen ist? Nichts ist mit uns geschehen, nichts hat sich verändert. Über all die Jahrhunderte, ist das was uns verbindet unberührt geblieben und das einzig Unantastbare und Konstante in meiner Existenz." Ruckartig löste er sich aus der Umarmung und wurde wieder gewohnt sachlich. „Deine Sachen habe ich schon aus dem Hotel abgeholt und die Rechnung habe ich ebenfalls beglichen, es war dort zu unsicher für Dich. Du bleibst so lange bei mir, bis wir eine Lösung gefunden haben." „Ist es dir unangenehm, dass ich hier bei Dir bin?" Er drehte sich zu mir um und schmunzelte mich an, um nur einen Augenblick später wieder seinen Blick abzuwenden. „Wie kommst Du darauf? Doch wir müssen vorsichtig sein und ich kenne Deine Impulsivität nur zu gut." Dann ging er geschäftig an seinen Schreibtisch, um sofort wieder aufzuspringen und einige Bücher aus seiner Bibliothek heranzuschaffen. „Kann ich Dir irgendwie helfen?" „Nein, es ist schon gut, ruhe Dich noch ein wenig aus."
Er wand sich seinem Laptop zu und schrieb einige Passagen aus diversen Büchern ab. Ich nahm mir ein Buch aus der Bibliothek und setzte mich in den großen Sessel, der an der Terrassentür stand. Es ist ein hervorragendes Buch, dass ich wirklich zu schätzen gelernt habe, auch wenn es aus der neuen Zeit stammt, so fühle ich mich dessen doch sehr verbunden. So vergingen einige Stunden, bis Kirill auf einmal unvermittelt hinter mir stand und zitierte: „ Der Mensch, den sie lieben, muss wunderbar sein, und jedes Mädchen, dass die Wirkung erzielt, die sie beschreiben, muss schön und vornehm sein. Seine Zeit veredeln, dass ist ein lohnendes Unterfangen. Wenn das Mädchen denen eine Seele geben kann, die bisher seelenlos gelebt haben, wenn sie aus ihrer Welt des Eigennutzes losreißen und ihnen Tränen und Sorgen entlocken kann, die nicht ihre eigenen sind, dann ist all Ihrer Liebe wert, ja der Liebe der ganzen Welt wert." Dann brach er ab und hockte sich neben mich und nahm meine Hand. „Wie oft hast Du dieses Buch schon gelesen und jedes Mal stellst Du fest, dass Du sein Ende nicht teilen kannst. Es ist hoffnungslos, denn Du bist zu stark und das ist auch gut so. Sehne Dich nicht nach einer Erlösung, die Dir nicht Zuteil werden kann und wird." Ich sah Trauer in seinen Augen, denn es waren dieselben Gedanken, die auch ihn plagten. „Sorge Dich nicht um mich Kirill. Wenn ich mich auch dem Schicksal des Dorian Gray hingeben könnte, so würde ich es dennoch nicht tun. Mir ist zuteil geworden, was er sich wünschte, ich habe gelernt damit umzugehen, denn ich habe einen Gefährten, der mir ebenbürtig ist." „Einen Gefährten, nein, das hast Du nie zugelassen." Er stand nun wieder auf. Seine Worte taten mir weh, doch im Inneren wusste ich, dass er Recht hatte.
„Wir haben nicht viel Zeit, ich habe einen Hinweis gefunden, wo wir herausfinden können, was dieses Zeichen zu bedeuten hat. Wir müssen sofort aufbrechen, dann können wir es noch vor Sonnenaufgang schaffen. Unvermittelt brachen wir auf. Wir gingen zu Fuß, uns blieben ca. 4 Stunden um unser Ziel umzusetzen. Wir passierten das Pergamonmuseum und ein kalter, eisiger Wind schlug uns entgegen. Die Strassen waren bis auf wenige Taxis und vereinzelte Nachtschwärmer schier ausgestorben. Wir sprachen kein Wort und gingen nebeneinander her und waren wohl eher Schatten gleich, die nun hervorgehoben wurden, durch das strahlende Licht des Mondes, der jeden Winkel zu erreichen schien. Dann erreichten wir unser Ziel, die Hedwigs- Kathedrale. Sie war eingerahmt von hohen Bauzäunen, da das umliegende Pflaster des Platzes gerade erneuert wurde.
Die von Patina überzogene Kuppel mit dem einfachen Kreuz im Zentrum wurde vom Vollmond in eine unwirkliche Kulisse getaucht. Sie schien schier zu leuchten und sich vom Rest der umliegenden Gebäude abzuheben.
Ich kann es nicht erklären, aber zugleich empfinde ich Ehrfurcht und Vergnügen eine Kirche zu betreten. Die scheinbar abgeschlossene Welt, die man betritt, vermittelt Wärme und Geborgenheit. So gern möchte ich das gleiche Gefühl empfinden, dass der gottesfürchtige Mensch spürt, wenn er das Haus Gottes betritt. Sich in seine Arme und Obhut zu begeben und die Erlösung zu erfahren, die er verspricht. Doch beim Anblick der Statuen und Gemälde fühle ich mich verfolgt und erkenne nur Fratzen, die eher aus der Hölle entsprungen zu sein scheinen. Ihre Blicke verfolgen mich. Als wüssten sie um jede Sünde, die ich je begangen habe. Dieses Gefühl kann ich nicht abschütteln. Es ist eines der Gefühle, um die ich Kirill beneide, er ist fest davon überzeugt, dass Gott ihm seine Existenz, für die er sich im tiefsten Inneren schämt verzeiht. Dies ist sein Halt, ohne diesen Glauben hätte er sicher schon aufgegeben.
Wir betraten das Mittelschiff und hatten keine Mühe unser Ziel zu erreichen. Durch den runden Aufbau der Kathedrale und das einfallende Mondlicht, das durch die kleinen Fenster wie Strahlen einfiel, konnten wir alles klar erkennen und vielleicht sogar besser als es bei Tageslicht der Fall gewesen wäre. Denn sie müssen wissen, in jeder Kirche, sind Hinweise versteckt, da sie in jedem Jahrhundert Geheimnise verbergen mussten. Und so ist es auch nicht verwunderlich, das dem auch hier so war. Das einfallende Licht markierte bestimmte Punkte, unter anderem wurde unser Blick auf den Kardinalsthron aufmerksam. Als wir ihm uns näherten, überprüfte Kirill ihn mit sicherem Spürsinn und entdeckte ein kleines Fach, das sich nach Druck auf ein Relief hin öffnete. Er entnahm ihm 2 schmale Bronzezylinder und ließ sie rasch in der Innentasche seines Mantels gleiten. „Wir müssen uns beeilen, bevor wir entdeckt werden." Er wand sich mir zu und sein Blick schien plötzlich wie versteinert. Ich wand mich um und traute meinen Augen nicht. Wieso hatte ich seine Anwesenheit nicht gespürt? Waren meine Sinne so getrübt, dass ich nicht mehr dazu in der Lage war? Connor stand am Absatz des Kirchenganges zum Altar und schaute zu uns herüber. Er war ganz in schwarz gekleidet, sein Mantel berührte den Absatz der Stufe. Nur sein Gesicht war klar zu erkennen, dass von einem dicken Pullover- Wollkragen abgegrenzt wurde. Sein Haar war, wie im Club, leicht zerzaust und trübte das Bild seiner Erscheinung ein wenig. Seine Hände waren in feinste Lederhandschuhe gekleidet. Seine Augen wurden von der fahlen Beleuchtung angestrahlt, und wirkten sehr statuenhaft und kalt. Ein ironisches Lächeln unterstrich sein dämonisches Aussehen, dass durch das leicht gestreute Licht noch verstärkt wurde. „Seid ihr fündig geworden? Ich hoffe doch, sonst hätte sich meine Reise nicht gelohnt. Oder habe ich Euch bei irgendetwas Anderem gestört?"
Kirill ging voran und quittierte Connors Offerte mit Nichtachtung und ging an ihm vorbei. Ich folgte ihm und so begaben wir uns hinaus und ich muss zugeben, dass ich froh darüber war die Kathedrale zu verlassen. Denn wissen Sie, selbst die Luft die man in einer Kirche einatmet, scheint mir eine Andere zu sein und den Hals zuzudrücken. Connor blieb dicht hinter mir und als wir durch die Tür schritten, nahm er eine Strähne meines Haares in seine Hand und roch an ihr. „Ich bin nicht eines Deiner Opfer, und ich bin mir sicher Du musst auch keine Fährte aufnehmen um mich zu finden." Ich entfernte mich von ihm und ging an Kirills Seite. Kirill sah mich von der Seite an und stellte sich leicht vor mich. „Wir haben uns lange nicht mehr gesehen. Was sollte dieser dramatische Auftritt von eben?" Connor kam ein paar Schritte auf uns zu und zog dabei ein Päckchen Cigarillos aus seiner Manteltasche und bot mir eine an, was ich jedoch ablehnte. Er zündete sich eines an und sog genüsslich daran, um dann, nach einem kurzen Innehalten zu antworten. „Ich habe Dich gesucht, doch es war nicht wirklich schwer Dich zu finden, nachdem ich Dich in London nur knapp verpasst hatte. Ich war so frei und habe Deinen Dreck bereinigt. Wie konntest Du diesen Kerl da mitten auf der Strasse liegen lassen, direkt vor Deinem Haus? Seit wann bist Du so dumm? Aber nein, Du brauchst Dich nicht bedanken." Er lächelte mich beschwichtigend an und machte eine Geste, die eine leichte Verneigung andeutete. Seine Selbstgefälligkeit widerte mich an. „Übrigens hatte Dein Freund Louis noch Besuch, doch ich war so frei und habe ihm ein wenig unter die Arme gegriffen."
Ich trat hinter Kirill hervor und konnte meine Unruhe wohl kaum vor ihm verstecken. „Was ist passiert? Erzähl mir alles." „Nun, kaum hattest Du London verlassen, suchten Deine Verfolger nach einer Spur und haben Louis aufgesucht, doch er war wohl nicht so gesprächig, wie sie gehofft hatten. So haben sie ihn ein wenig eindringlicher befragt. Doch keine Sorge, ich konnte ihn vor dem Schlimmsten bewahren, er lebt. Auch wenn ich zugeben muss, dass es nicht gut um ihn aussieht." Sein süffisantes Grinsen brachte mich noch mehr in Rage. „Wenn Du wusstest was sie tun würden, warum hast Du ihnen nicht vorher Einhalt geboten?" Er schwieg. Wieder nahm er einen Zug des Cigarillo und warf ihn dann zu Boden um ihn auszutreten. Dann sah er mich mit leicht unterwürfigem und dennoch ironischem Ausdruck von unten an. „Woher sollte ich wissen, was sie vorhaben? Es war reiner Zufall, dass ich Ihnen Einhalt gebieten konnte. Ich suchte Dich, und nachdem ich diesen Kerl vor Deinem Haus fand, war ich mir sicher Du wärst untergetaucht. Ebenso wie Deine Verfolger, war ich mir sicher, dass Louis etwas wüsste und so ging ich in den Club. Doch als ich dort ankam hatten sie ihn schon mit diversen Messern malträtiert. Und wenn es Dir eine Erleichterung sein sollte, ich habe auch ganz schön etwas abgekriegt. Wir sollten sie nicht unterschätzen, sie wissen gut über uns Bescheid, zu gut." „Du lügst, ich glaube Dir kein Wort!" Mit einem Satz stürmte ich auf ihn zu und warf ihn zu Boden und rammte ihm meine Faust in die Brust und gegen seine Kehle und stemmte mein Knie in seinen Magen. Er keuchte, doch versuchte er mich nicht abzuwehren. „Warum sollte ich Dich anlügen? Das habe ich nie getan. Lass Deine Wut ruhig an mir aus, doch es wird nichts an dem ändern was geschehen ist. Du bist mehr mit dem verbunden, was Du immer zu leugnen versuchst. Komm zur Vernunft und erkenne endlich jene die Dir wohl gesonnen sind."
Kirill zog mich von Connor herunter und sah mich zornig an. Dann streckte er Connor seine Hand entgegen, um ihm aufzuhelfen, doch dieser schlug sie aus und rappelte sich selbst auf. Ich sah auf meine Hand und sah Blut. Es war sein Blut, doch ich hatte ihn nicht so schwer verwundet. Da bemerkte ich, wie er sich scheinbar nebensächlich, mit der Hand auf den Bauch fasste und sich sein Gesicht leicht durch den Schmerz verzerrte, doch er sofort wieder davon abließ und seine gewohnt kontrollierte Haltung annahm. „Was habt Ihr herausfinden können?" „Das kann ich jetzt noch nicht sagen und ich da ich mir nicht sicher bin, welche Rolle Du bei der ganzen Sache spielst, werde ich es Dir auch nicht sagen." Mit diesen Worten wandte sich Kirill ab und ging. Ich sah ihm nach und wusste, es ist besser ihm nicht zu folgen, noch nicht. Fragend sah ich Connor an. „Keine Sorge, diese Pein hast nicht Du mir zugefügt. Geh ruhig und lass Dir die Absolution erteilen, wenn das Dein Gewissen erleichtert."
