Kapitel 6

Das nächste Problem

Das Leben war schön und man musste es genießen, denn man wusste nie, wann es vorbei war. Das hatte Chris nun gelernt und dafür war er dankbar. Zwar hatte sich an der ganzen Situation mit seiner Krankheit nichts geändert, aber die Situation mit seiner Familie hatte sich geändert. Und zur Abwechslung mal zum guten und nicht wie sonst immer zum schlechten. Sein Vater hatte sich bei ihm entschuldigt. Sein eigener Vater. Er konnte es immer noch nicht glauben. Das er das noch erleben durfte. Das hätte er sich nie auch nur erträumen lassen. Sein Herz das war zur Zeit Nebensache. Na ja, vielleicht nicht wirklich nebensächlich, aber auch nicht mehr wirklich wichtig. Dieses einfache Wort ‚Entschuldigung' aus dem Mund seines Vater zu hören hatte ihn völlig aus dem Bahn geworfen.

Er hörte, wie Leo die Treppe runterkam mit Wyatt auf dem Arm. Anscheinend hatte sein kleiner Bruder keine Lust mehr zu schlafen. Es war fast so, als würde er mit zu der Familie gehören. Also, er gehört ja zur Familie oder würde mal zu ihrer Familie gehören, nur das wussten die Schwestern und Leo noch nicht. Sie hatten ihn von Anfang an mit Misstrauen in den Augen angesehen. Auch wenn scheinbar mal Ruhe gewesen war, waren sie immer noch misstrauisch ihm gegenüber gewesen. Und jetzt... jetzt war Ruhe. Kein Misstrauen mehr. Zumindest zur Zeit nicht. Das konnte sich sehr schnell ändern, dass wusste er aus Erfahrung. Das hier war nur die Ruhe von dem Sturm und so, wie er die Dämonen kannte, würde der Sturm bald kommen.

,Ist was mit Wyatt?'' Leo setzte sich wieder. ,Nein, diesmal war es kein Dämon, sondern einfach nur die Langeweile.'' Chris lachte. ,Was? Langeweile? Hab ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr gehört.'' Leo lachte ebenfalls. Das hättest du wissen müssen, als du der Wächter des Lichts der Schwestern geworden bist, oder hat dich keiner gewarnt?'' Chris lächelte. Man brauchte ihn davor nicht zu warnen, schließlich war er Wächter seiner eigenen Familie geworden. Er war schon komisch, sein Familie über 20 Jahre jünger zu sehen und neu kennen zu lernen, aber irgendwie würden sie sich alle in den nächsten Jahren nicht sehr viel verändern.

Seine Gedanken wurden unterbrochen, als Wyatt auf einmal anfing, laut zu weinen. ,Shh, Wyatt. Hast du Hunger?'' Er wandte sich an Chris. ,Kannst du mal bitte in die Küche gehen? Piper müsste eine Flasche Milch vorgewärmt haben.'' Chris nickte und erhob sich. Er ging in die Küche und begann, die besagte Flasche zu suchen. Und er hatte sie auch relativ schnell gefunden. Sie stand auf dem Tisch, inmitten von anderem Babysachen. Die Flasche war auch noch warm. Er nahm sie und ging zu Wyatt und Leo zurück. Sein Bruder wartete anscheinend schon auf ihn und die Flasche mit Milch, die er mit sich brachte. Leo nahm sie und versuchte Wyatt zu füttern, doch anscheinend wollte er nicht. Er weinte immer noch, doch Hunger hatte er offensichtlich keinen.

,Leo?'', sagte Chris und sah sich misstrauisch um. ,Ich bezweifle, dass Wyatt wirklich nur Langeweile hat.'' Leo stand auf und hielt den weinenden Wyatt beschützend fest. ,Beam ihn nach oben Leo, da ist er sicher.'' ,Und wenn du angegriffen wirst?'' Chris sah seinen Vater in die Augen und sah Angst in ihnen. Aber zum ersten Mal sah er darin Angst um ihn, Chris. ,Dann vertraue ich darauf, dass du zurückkommst und mir hilfst.'' Leo nickte und beamte sich mit Wyatt nach oben.

Chris fühlte sich beobachtet. Sollte nun sich sein Traum doch bewahrheiten? Aber doch nicht jetzt, wo alles zwischen ihm und seinen Vater wieder in Ordnung war. Nein, er durfte sich jetzt nicht ablenken lassen. Letztes Mal hatte ihm seine Unaufmerksamkeit sein Leben gekostet, zumindest im Traum. Hoffentlich kam Leo bald zurück. Er hatte wirklich keine Lust darauf sich töten zu lassen. Es wurde auf einmal kalt. Ein Schauer lief ihm über den Rücken und er bekam eine Gänsehaut. Er sehr unangenehmes Gefühl überkam ihm. ,Leo?'' Angst ergriff ihn. Er wollte nicht sterben. Zum ersten Mal in seinem Leben zeigte sein Vater ihm, dass er etwas für ihn bedeutete. Dass er würdig genug war, um sein Sohn zu sein. Nur wie konnte er sich als würdig erweisen, wenn er Angst vor einem Dämon hatte. War Barbas vielleicht hier irgendwo? Nein, denn diese Art von Angst fühlte sich anders an. Diese Angst schlang sich um ihn und ließ die Hoffnung außen stehen.

,Leo?'' Erneut rief er nach seinem Vater. Das konnte doch nicht so schwer sein, da oben jemanden zu finden, der mal kurz auf ein Baby aufpasst, oder? Wer weiß, vielleicht verstieß es ja mal wieder gegen die Regeln. Er ging in den Flur, um sich zu vergewissern, das dort kein Dämon war. Er fühlte sich so beobachtet, was wahrscheinlich daran lag, dass er heute Nacht schon mal von einem Dämon im Traum getötet wurde. ,Leo?'' Wo blieb er denn? Chris fuhr herum. Was war das gewesen? Hatte er da gerade ein Geräusch gehört? Waren das Schritte gewesen? Er drehte sich erneut um. Das Haus erschien leer, doch Chris wusste, dass der Dämon hier war.

,Los Dämon, komm raus und zeig dich, ich weiß dass du hier bist!'' Vielleicht war es keine so gute Idee von Chris, das zu rufen, denn im nächsten Moment verlor er den Boden unter den Füßen und wurde gegen die Wand geschleudert. Sofort stand er wieder auf. Außer ein paar Schrammen war er unverletzt. ,Leo?'' Er sah den Dämon langsam auf sich zukommen. Er konnte nicht sagen, ob es der gleiche wie in seinem Traum war, da er ihn nur verschwommen gesehen hatte, doch es könnte hinkommen. Der Dämon hatte einen langen, dunkelbraunen Mantel an, der bis zu seinen Knöcheln reichte. Ein schwarzes Shirt zierte seinen Oberkörper und seine Beine wurden von einer schwarzen Lederhose bedeckt, schwarze Stiefel bildeten den Krönenden Abschluss. Seine Haare waren kurz und ebenfalls dunkel, wie der Rest von ihm. Aber das was Chris am meisten ins Auge stach, waren seine Augen. So dunkel, dass man glaubte, es wären zwei Tunnel, die am anderen Ende zugemauert wurden. Sie waren kalt und strahlten Bosheit aus.

,Ruf ihn ruhig so oft du willst, er wird dir auch nicht helfen können. Nur sag, wo ist denn das liebe Baby. Wyatt war glaube ich sein Name, oder? Ich würde ihn zu gerne mal sehen, ich habe schon so viel von ihm gehört. Man munkelt sogar, er könne mich besiegen und ich dulde es nicht, wenn kleine Kinder für stärker als ich gehalten werden. Nun, wo ist er, denn hier ist er offensichtlich nicht. Wo hat der Älteste ihn hingebracht?'' Chris sah ihn an. Der Dämon wollte zeigen, wie stark er war. Er sprach mit einer Ironie in der Stimme, die klar machte, dass er es unter seiner Würde hielt, dass Wyatt stärker sein konnte als er. ,Nur über meine Leiche.'' Der Dämon lachte. ,Nun gut, wenn du das so willst, dann soll es so sein.'' Der Dämon war so schnell bei ihm, dass Chris keine Chance hatte zu reagieren. Er wurde gegen die Wand gedrückt und der Dämon begann, Chris zu würgen. Chris musste sich eingestehen, dass der Dämon Recht gehabt hatte, er war wirklich sehr stark. Zu stark für ihn. Doch war er auch zu stark für Wyatt? Vermutlich nicht, in der Zukunft konnte sich auch kein Dämon erfolgreich gegen seinen großen Bruder behaupten.

Chris wurde schwindelig. ,Leo!'' Krächzte er heiser. Er konnte so gut wie gar nicht mehr Atmen, denn der Dämon drückte ihm die Luftröhre zu. Die Welt begann sich zu drehen und zu verschwimmen. War das sein Schicksal? Hier und jetzt zu sterben? Und diesmal wirklich zu sterben. Kurz nach der Versöhnung mit seinem Vater. Sein Vater. Wo war Leo? Hatte er ihn mal wieder verlassen? Hatte Leo ihn mal wieder im Stich gelassen? Nein, diesmal nicht. Leo hatte es ernst gemeint, mit der Entschuldigung. Das hat man in seinen Augen gesehen. So langsam konnte Leo kommen, denn Punkte begannen vor Chris Augen zu tanzen und die Welt verschwamm in einem Wirbel auf Form und Farben. Er röchelte.

,Lass ihn los!'' Er spürte, dass der Dämon von ihm weg gerissen wurde. Chris verlor den Halt und fiel zu Boden. Er schlug hart auf und rag nach Luft. Der Wertvolle Sauerstoff strömte in seine Lunge und er sog sie ein und war dankbar für jeden Zug. Er hustete und hatte immer noch Probleme mit dem Atmen. Er hörte, dass Leo sich den Dämon verknöpfte. ,Wer bist du, was willst du hier?'' ,Ich will nur deinen Sohn kennen lernen, aber da der im Moment anscheinend verhindert ist, muss ich mich wohl mit dir zufrieden geben.''

Dann hörte Chris einen Schrei. Leo! Was hatte der Dämon gemacht? Er hört ein lachen und dann war der Dämon weg. Das alles ging so schnell, dass Chris das alles gar nicht aufnehmen konnte. ,Leo?'', fragte er mit einer krächzenden Stimme. Die Welt nahm langsam wieder Form an. Leo lag auf dem Boden, den Rücken nach unten und einem Messer in der Brust. ,Leo!'' Chris kroch unter Schmerzen auf Leo zu und schüttelte ihn. ,Leo!'' Sein Vater war ohne Bewusstsein. Er musste das Messer entfernen. Er umfasste das Messer und zog es mit einem Ruck heraus. Leo zeigte keine Reaktion, doch er atmete noch. ,Leo.'' Tränen stiegen in ihm auf und er rüttelte Leo. ,Dad.'' Die Welt brach für ihn zusammen. Sein Vater konnte nicht hier und jetzt sterben. ,Dad, wach auf, ich brauche dich doch.'' Tränen rannen über seine Wangen und er schlug mit seiner Hand auf den Boden. ,Komm Dad, wach auf, bitte.''

Doch nichts passierte. Leo blieb regungslos liegen. Dann tat Chris etwas, wovon er selber noch nicht wusste, ob es Verzweiflung oder ein Plan war. Er hielt seine Hände über die Wunde und versuchte sie zu heilen. Er war zwar nur ein halber Wächter des Lichts, aber er war so Verzweifelt und im Moment kam ihm nichts anderes in den Sinn, was er hätte tun können. ,Komm schon.'' Er konzentrierte sich auf seine Hände und versuchte, seine Kraft in ihnen zu bündeln um Leo zu heilen. Nichts passierte, doch er konzentrierte sich weiter. Und dann passierte etwas. Ein goldenes Leuchten erschien und die Wunde verschwand, bis sie schließlich weg war. Doch sein Vater wachte nicht auf.

Hatte er nicht gewirkt,,Dad, bitte wach auf'', wiederholte Chris und ließ seine Kopf auf Leos Brust sinken und vergrub ein Gesicht in ihr. ,Bitte, du kannst nicht Tod sein.'' Er schluchzte und ließ seiner Trauer freien lauf. Er hatte versagt. Seine Mutter würde er einst sterben lassen und nun hatte auch seinen Vater gehen lass. Doch dann stutzte er. Leo hatte seine Hand auf Chris' Kopf gelegt. Die andere schlang er um Chris und zog seinen Sohn an sich, während er sich aufrichtete. ,Leo?'' Chris sah Leo in die Augen. Er sah Unglauben in ihnen, aber auch etwas, was er selten in ihnen gesehen hatte. Liebe. ,Chris.'' Anscheinend fehlten Leo die Worte. ,Du bist mein Sohn?'' Chris wollte die Wahrheit sagen und nicht weiter mit einer Lüge leben. ,Ja'', sagte er leise.

Leo lächelte und schloss Chris in die Arme, um ihn den halt zu geben, der ihm all die Jahre von seinem Vater verwährt geblieben war.

So war das Kapitel eigentlich nicht geplant gewesen, aber ich bin zufrieden. Aber sein ihr es auch? Lasst es mich wissen. Es ist immer schön zu wissen, dass die Fanfiction auch gelesen wird.