"Und? Wie war es?", wollte Ronny Wiesel wissen, als Heini am Abend nach dem Nachsitzen in den großen Gemeinschaftsraum der Griffinsklos kam.
"Die Frau hat einen Schlag", sagte Heini. "Ich musste die ganze Zeit rosa Papierherzen ausschneiden."
Ronny verzog sein Gesicht. "Mein Beileid."
Heini sah zu Gudmiene, die am Tisch saß und wie üblich damit beschäftigt war, wichtig aussehende Dinge aufzuschreiben.
"Was machst Du da?", wollte Heini wissen.
Gudmiene sah von ihrer Arbeit auf. "Oh, ich dachte, ich sammel schon einmal ein paar mögliche Handlungen."
"Was?" Heini war verwirrt.
"Ach, Heini. Du weißt schon. Handlungen, das worum es in Büchern geht." Sie seufzte, als sie Heinis ratlose Miene sah. "Worum es in diesem Buch geht."
"Öhm und wozu soll das gut sein?"
Gudmiene verdrehte die Augen. "Wir haben jetzt schon vier Bücher hinter uns und jedes Mal ist etwas Schreckliches passiert. Es wäre doch klug, wenn wir dieses Mal vorher Bescheid wüssten."
"Hm", murmelte Heini. "Eigentlich keine schlechte Idee. Und? Hast Du schon eine Vorstellung, was dieses Buch passieren wird?"
"Nun ja, ich sammle wie gesagt noch."
Heini sah ihr über die Schulter. Auf dem Pergament vor ihr waren mehrere Punkte notiert.
"Also ich tippe darauf, dass Dolorrosa Oxford in Wirklichkeit Lord Wolltemord ist", sagte Ronny vollmundig.
Gudmiene runzelte ihre Stirn. "Wir sind in einem Jugendbuch. Das hier ist keine Travestieshow."
"Aber Du hast selbst gesagt, dass Du Dir vorstellen kannst, dass Dolorrosa Oxford eine wichtige Rolle spielen wird", wandte Ronny ein.
"Ja, weil ich bis jetzt aufmerksam gelesen habe, was in diesem Buch bisher geschrieben stand. Und als Dolorrosa Oxford das erste Mal vorgekommen ist, stand auf ihrem Namensschild, dass sie noch wichtig werden würde. Aber ich denke" – fuhr sie fort, bevor Ronny einen Einwand machen konnte – "dass Dolorrosa Oxford auf keinen Fall Lord Wolltemord ist."
Heini schüttelte schaudernd den Kopf. Bei der Vorstellung von Lord Wolltemord in Rosa gekleidet wurde ihm übel. "Hoffen wir es", sagte er. "Sonst noch was?"
"Dann ist da die Sache mit Hauruck", sagte Gudmiene.
"Hauruck?", wollte Heini wissen.
"Ja, der komische Halbriese, der hier Platzwart ist."
"Ach, der Hauruck", murmelte Heini verlegen. Nach vier Bänden verlor er öfter einmal den Überblick über all die verschiedenen Figuren des Heini-Tupper-Universums. "Und was ist mit ihm?"
"Hast Du es nicht gesehen? Er ist im ganzen Gesicht zerkratzt und hat überall blaue Flecke", sagte Gudmiene tadelnd.
"Oh, ist mir gar nicht aufgefallen", gestand Heini.
"Er hat gesagt, dass er in eine Brombeerhecke gefallen ist, als er mit Madame Minie auf dem Weg zu den sieben Riesen hinter den sieben Wiesen unterwegs war."
"Ehm...", begann Heini mit leerem Gesichtsausdruck.
"Dummwietür hat ihn dorthin geschickt, um sich nach billigen Tapeten für Hochwärts zu erkundigen", half Gudmiene aus.
"Hm", sagte Heini. "Und Madame Minie...?"
"Sie war letztes Jahr Austauschlehrerein für französische Zauberermode", sagte Gudmiene geduldig. "Hast Du das schon vergessen?"
"Ehrlich gesagt", begann Heini, "glaube ich, dass dieser Handlungsstrang im letzten Buch an mir vorbeigegangen ist."
"Ich glaube nicht, dass Hauruck eine wichtige Rolle in diesem Buch spielen wird", sagte Ronny fest überzeugt. "Was soll denn das für eine Handlung sein?"
Gudmiene zuckte mit den Schultern. "Wieso denn nicht?"
Heini fiel Ronny ins Wort. "Weil das langweilig wäre. Das wäre so, als würde es um den Traum gehen, den ich letzte Nacht hatte."
"Was für ein Traum?", wollte Gudmiene hellhörig geworden wissen.
"Ach, nur ein Traum", murmelte Heini. "Mit Türen."
"Oh", entfuhr es Gudmiene beglückt. "Das klingt doch vielversprechend."
Sie notierte die Sache mit Heinis Traum und sah dann von ihrem Pergament auf. "Hm, ich glaube, wir könnten hier etwas Hilfe benötigen."
Als Gudmiene das sagte hatte Heini auf einmal ein ziemlich ungutes Gefühl. Es war eines von diesen unguten Gefühlen, die Figuren in Romanen immer dann haben, wenn der Autor auf etwas Wichtiges hinweisen will: Sie haben allen Grund, ein ungutes Gefühl zu haben. Und genauso war es bei Heini Tupper am Ende des dritten Kapitels.
