Kapitel 6: Alte Freunde, alte Feinde und eine bedeutungslose Geschichte

Der graue Wolf, der sich nach dem Abzug der Kalormenen erleichtert auf den Boden geworfen hatte, gab nach wie vor ein leises, unbestimmtes Knurren von sich. Allgemein wirkten die noch anwesenden Palastwachen nach wie vor angespannt. Womöglich war es der allgemein schwierigen Situation geschuldet. Trotzdem kam Peter nicht umhin, ihre Beherrschung anzuerkennen. Seiner Zeit hatte er natürlich ähnlich disziplinierte Persönlichkeiten kennen gelernt aber auch einige ganz andere Beispiele. Noch dazu hatte sich der Kalormene eifrig bemüht, eben in jenen Wunden zu bohren, die noch bluteten und schmerzten. Das gehörte bekanntlich zum typischen Gebaren einer schwelenden Talrhon schien auf diesem Gebiet Erfahrung zu haben. Aletheias Reaktion wertete Peter eher als spontanen Entschluss, wie mit dem Problem umzugehen war, doch er hielt es für wahrscheinlich, dass sie auch zukünftig daran festhalten würde.

„So ein unhöflicher Mensch", beschwerte sich Jill und sah ernsthaft erbost aus.

Innerlich konnte er ihren Ausbruch nur belächeln. Er selbst hatte schon offensichtlichere Drohungen zu hören bekommen und wusste, dass Politik im Grunde nichts mit Höflichkeit zu tun hatte. Sie hatte auch sonst mit wenig zu tun außer damit, dafür zu sorgen, dass man bei jeder Gelegenheit seine gerade besten Karten auszuspielen und andere geschickt zurückzuhalten wusste. Aber woher sollte Jill das auch verstehen? Ihr Ausflug nach Narnia hatte mehr mit Überleben und Abenteuer zu tun gehabt. Und obwohl sie sich dessen vermutlich nicht bewusst war, konnte sie froh darüber sein. Peter gehörte nicht zu den Menschen, die sich unbedingt jeder sich bietenden Gefahr entgegen werfen mussten. Er wollte auch für nichts in der Welt auch nur einen Tag der zehn Jahre seiner Herrschaft im goldenen Zeitalter hergeben. Trotzdem hatte er sich an manchen Tagen in eine Schlacht oder wenigstens ein handfestes Abenteuer zurückgewünscht.

„Wann das nur alles wäre", entgegnete Aletheia. „Unhöfliche Menschen sind etwas, das man ertragen kann."

„Solche, die ihre Drohungen wahr machen würden, aber nicht", ergänzte Susan. „Das meinst du doch."

„Ich meine, dass Talrhon Blut geleckt hat – unser Blut. Und daraus schließt er, dass sein Feind, den er bisher immer fürchten musste, womöglich ins Wanken gerät", antwortete Aletheia, begleitet von einem ungehaltenen Wolfsknurren. „Es ist so eine Art sich unendlich wiederholende Geschichte. Er gehört zu denen, deren Stolz die letzte Niederlage noch nicht verwunden hat, obwohl sie inzwischen zwei Generationen zurückliegt."

„Aber er wird doch deswegen nicht angreifen, oder?", fragte Jill verunsichert.

Inzwischen hatte sich die Tür geöffnet und von einer Handvoll Bediensteter wurden ein Tisch, vier Stühle und schließlich nacheinander Teller und Schüsseln mit verschiedenen Speisen in den Saal getragen. Sofort vergaß Jill ihre Frage und ließ ihren Hunger die Oberhand gewinnen, denn dass sie Hunger hatte, sah man ihrem sehnsüchtigen Blick auf das Essen an.

„Leute wie Talrhon haben schon aus geringeren Gründen einen Krieg begonnen, wenn auch nicht er selbst", entgegnete Aletheia. „Aber wenn er klug ist – und Dummheit kann man ihm nun mal nicht vorwerfen – wird er erst einmal abwarten und auf eine noch bessere Gelegenheit hoffen."

Inzwischen war der Tisch aufgebaut und gedeckt und die eifrigen Diener hatten den Raum wieder verlassen. Jill sah sich noch einmal unsicher um, ob das Essen nicht doch für jemand anderen bestimmt sein konnte, saß dann aber doch schneller am Tisch, als sie je zuvor vor einer Gefahr geflüchtet war. Die narnianische Luft machte sie, wie es schien, nicht nur kräftiger und gesünder sondern auch hungriger. Susan beachtete die Mahlzeit gar nicht. Überhaupt schien sie wenig von dem, was um sie herum geschah, ernst zu nehmen. Peter hingegen nahm die Dinge mehr als Ernst und wollte deswegen kein Wort des Gesprächs verpassen. Trotzdem meldete sich auch sein Magen lautstark zu Wort und löste ein Mischung aus kichernden Menschen und amüsiert schnaufenden Tieren aus.

„Nur zu", forderte ihn Aletheia auf. „Es löst keines unserer Probleme, wenn einer von euch verhungert oder wenigstens vor Hunger nicht denken kann."

„Vielleicht sollten wir sicher stellen, dass es keine Gelegenheit gibt", meldete sich der Wolf zu Wort. „Wir sollten unsere Streitkräfte zusammenziehen, solange wir noch welche haben."

Peter dachte über diesen Vorschlag nach, während er sich eine Scheibe eines herrlichen duftenden Brots abschnitt, das so frisch war, dass es sogar noch dampfte. Einen Krieg anzufangen war nie eine gute Lösung. Vorbereitet zu sein hingegen schon.

„Und die Kalormenen zu allem Überfluss auch noch provozieren?", entgegnete Aletheia streng. „Abgesehen davon würden wir dem altem König Ott vermutlich den Schreck seines Lebens bescheren, wenn an seiner Grenzen plötzlich ein Aufgebot narnianischer Truppen aufmarschieren würde."

Ihr Gesicht verzerrte sich zu einem Ausdruck, der nahelegte, dass sie nur mit Mühe ein angestrengtes Stöhnen unterdrückte. Peter konnte mit dem Namen Ott nichts anfangen, doch er wusste, dass die einzige Grenzen, an der es sich in dieser Situation lohnte, Truppen zu sammeln, die nach Kalormen geschickten werden könnten, die von Archenland war. Vorausgesetzt natürlich, es gab Archenland nach wie vor. Allerdings sah Peter keinen Grund, warum das nicht der Fall sein sollte.

„Was mich im einen wie im anderen Fall vor die unangenehme Aufgabe stellt, einen ausführlichen, erklärenden Brief nach Anvard zu schicken. Die Archenländer sollten ebenfalls gewarnt werden, sowohl vor dieser Krankheit, oder was auch immer es sein mag, als auch vor einem Tisroc auf Kriegspfad. Sollte es tatsächlich zur Auseinandersetzung kommen, sind sie die ersten und wehrlosesten Opfer."

Bedrückte Stille hielt in den Saal Einzug, der den grauen Wolf dazu veranlasste, seinen Vorschlag sehr schnell selbst als unüberlegt zu betrachten. Behäbig erhob er sich und fasste einen Entschluss. „Es ist wohl besser, wenn wir unsere Gäste im Auge behalten, bevor sie auf die Idee kommen, uns die Entscheidung über Krieg oder nicht Krieg abzunehmen."

Aletheia nickte nur leicht, woraufhin sich der gepanzerte Wächter zusammen mit seinen Kameraden auf den Weg durch das große Portal nach draußen machte. Als die Tür hinter dem letzten zugefallen war, herrschte wieder Schweigen. Peter und Jill waren ganz damit beschäftigt, das herrliche Abendessen zu genießen. Beide hatten schon fast vergessen, wie viel besser das Essen in Narnia schmeckte. Jill machte sich über eine duftende Pastete her, die man vermutlich durch den ganzen Saal hätte riechen können, wenn da nicht noch so viele andere Speisen ihren Geruch verbreitet hätten.

„Möchtet ihr gar nichts essen?", frage Peter, nachdem er so weit satt war, dass ihm auffallen konnte, dass weder Susan noch Aletheia bisher auch nur einen Bissen angerührt hatten. Wie es um Aletheias Hunger stand, vermochte er nicht zu beurteilen, doch dass es seine Schwester nicht ebenso eilig wie er selbst hatte, das reiche Angebot anzunehmen, wundert ihn sehr. Sie hatte die selben Dinge gesehen, gehört und verarbeiten müssen wie Jill und er und sie atmete die selbe, anregende Luft.

„Nein, mein Kopf ist so gefüllt, dass es für den Bauch auch noch reicht", antwortete Aletheia.

Dieses Argument musste Peter ihr zugestehen, denn es war ihm selbst oft genug so gegangen, auch wenn er wusste, dass es eher ungesund war – sowohl sich derart von seinen Sorgen stopfen zu lassen als auch sich deswegen eine Mahlzeit vorzuenthalten.

„Ich weiß nicht so recht", meldete sich Susan zu Wort. „ob das hier wirklich ist oder nur ein Traum aus all den wirren Geschichten, von denen ihr immer sprecht."

In letzter Zeit war es immer schwieriger geworden, mit Susan über Narnia zu sprechen. Meist tat sie es als Geschichten ab, die sie sich als Kinder ausgedacht hatten. Zugegeben, es war schon sechs Jahre her, dass die Letzten von ihnen – damals Jill und Eustace – Narnia betreten hatten. Doch keiner von ihnen hatte es vergessen oder gar verdrängt – keiner bis auf Susan. Im ersten Moment, im Schock ihrer unerwarteten Rückkehr hatte sie sich wohl wieder erinnert. Nun aber, da ihr wieder Zeit blieb, darüber nachzudenken, standen ihr erneut die Zweifel ins Gesicht geschrieben. Peter hatte in der Aufregung fast vergessen, dass sie sich fast nur noch für schöne Kleider, aufwändige Frisuren, Einladungen zu Empfängen und gut aussehende Männer interessiert hatte. Mit diesem Ausmaß an Erwachsensein konnte Peter nicht mithalten, auch wenn er schon lange kein Kind mehr war.

„Ich weiß natürlich nicht, ob du schläfst oder wach bist. Aber selbst wenn das ein Traum ist, heißt das nicht, dass es nicht wirklich ist", meinte Aletheia. Sie wirkte ein wenig befremdet von Susans Zweifeln, konnte sich aber ein Lächeln abringen, sich schließlich doch zu den anderen an den Tisch setzen und einen schönen, rotbäckigen Apfel aus der Obstschale nehmen um ihn Susan zu reichen. „Ich weiß nur, dass das wirklich gut schmeckt."

Sie legte den Apfel auf Susans Teller ab und nahm sich selbst noch einen, um eher unwillig hinein zu beißen.

Das Essen verlief ohne weitere Vorfälle. Man fühlte sich fast ein wenig beobachtet von der Präsenz der Geschichte Narnias und ihren Helden, die fast den gesamten Raum ausfüllten. Wenn sie nicht gerade damit beschäftigt war, zu kauen und zu schlucken, berichtete Jill Aletheia in aller Ausführlichkeit von ihrer und Eustace' Reise nach Norden. Auch wenn ihre unvermeidlichen Kommentare für die eine oder andere Belustigung sorgten, war die Stimmung insgesamt recht ernst und aufmerksam.

Anschließend zog wieder Schweigen ein, in dem sich die vier Menschen spürbar unwohl fühlten. Es war nicht so, dass niemandem etwas eingefallen wäre, worüber er hätte reden können, doch keiner wollte eins dieser Themen ansprechen. Entweder waren sie zu unangenehm oder keine Antwort in Sicht. Also sahen sie sich mehr oder weniger ziellos um, während sich jeder noch einmal aus der Obstschale bediente. Jill wollte gerade in eine saftige Orange beißen, als ihr Blick an einem der Wandbilder hängen blieb. Es zeigte eine Gruppe von Menschen, die mit schwerem Gepäck eine Wanderung antrat. Im Hintergrund konnte man das Meer sehen und darüber die untergehende Sonne.

„Was ist da passiert?", fragte Jill und biss nun doch in ihre Orange.

Kurz zeigte ihr Finger auf die Szene und Peter betrachtete das Bild. Es folgte direkt auf die Eroberung Narnias durch die Telmarer und war die einzige Szene dieses dunklen Zeitalters bis zum Befreiungskrieg.

„Die verlorenen Krieger", erklärte Aletheia. „Obwohl die Flüchtenden nicht alle Krieger waren. Ich weiß nicht genau, warum diese Szene hier gemalt wurde. So weit ich weiß betrifft dieser Vorfall ausschließlich die Geschichte der Telmarer und nicht im Geringsten das Schicksal Narnias."

„Flüchtende?", wunderte sich Jill und schluckte geräuschvoll ein Stück Orange runter. „Wovor sind sie denn geflüchtet?"

„Traurigerweise vor ihren eigenen Leuten", entgegnete Aletheia nachdenklich. „Es muss kurz nach der Eroberung Narnias noch zur Herrschaftszeit Caspians I gewesen sein. Eine Gruppe von Kriegern, sowohl der eine oder andere hochrangige Befehlshaber als auch viele einfache Soldaten, hat sich gegen die Regierung aufgelehnt. Sie haben wohl einige sehr bedeutende, wohlhabende und einflussreiche Leute verschwinden lassen und den einen oder anderen Aufstand angezettelt."

Erneut wollte Jill von ihrer Orange abbeißen, sah dann aber davon ab und schloss den Mund wieder. Ihr Blick spiegelte das wider, was auch Peter durch den Kopf ging: Die Sache konnte eigentlich kein gutes Ende genommen haben, besonders, wenn man dieses Bild betrachtete.

„Ich hab das Gefühl, mir gefällt das Ende der Geschichte nicht", murmelte Jill unruhig.

„Ihnen hat es sicher auch nicht gefallen", stimmte ihr Aletheia zu. „Bewirkt haben sie jedenfalls nichts, denn bevor sie das konnten, wurden sie verraten und verhaftet. Eigentlich war ihr Schicksal damit besiegelt. Staatsfeinden drohte der Tod. Aber aus welchem Grund auch immer, es wurde ihnen eine Wahl gelassen: Sie konnten bleiben und ihrem unvermeidlichen Ende entgegen sehen oder ins Exil gehen – mit gerade so viel ihrer Besitztümern wie sie mit eigenen Händen tragen konnten."

„Was doch am Ende aufs Gleiche hinaus kommt", warf Susan eher uninteressiert ein.

„Vermutlich, ja. Die meisten der Abtrünnigen entschieden sich für das Exil und verließen mitsamt ihrer Familien, denen keine freundliche Zukunft in der Heimat mehr vergönnt gewesen wäre, das Land."

Peter runzelte die Stirn. Das schien tatsächlich nichts mit der Geschichte Narnias zu tun zu haben. Jedenfalls nicht direkt, auch wenn es vielleicht eine Gelegenheit gewesen wäre, hätten die Narnianen nicht kurz zuvor eine vernichtende Niederlage erleiden müssen.

„Was ist aus ihnen geworden?", hakte Jill nach, die ihre Orange inzwischen völlig vergessen hatte.

„Das weiß niemand genau. Einige erzählen, dass sie im tiefen, finsteren Wald von den bösen, wilden Kreaturen Narnias verschlungen wurden." Aletheia lächelte wie jemand, der eine absurde Geschichte erzählte. „Andere sagen, dass sie ihr Glück auf See versucht haben, vielleicht in der Hoffnung, eine unbewohnte Insel zu finden. Was, ehrlich gesagt, recht unwahrscheinlich ist. Sie durften nur mitnehmen, was sie tragen konnten. Woher hätten sie ein Schiff nehmen sollen?"

Betroffene Blicke wanderten noch einmal zu dem Wandbild. Auch wenn Peter nicht wusste, ob diese Menschen sein Mitleid verdienten, berührte ihn diese Geschichte.

Das Geräusch der sich öffnenden Tür brachte die vier Menschen zurück in das Hier und Jetzt. Zwei weitere Menschen, ein Mann mit weißen Haaren und weißem Bart, der sicher schon um die sechzig Lebensjahre mit sich herum trug, und eine Frau, höchstens fünf bis zehn Jahre jünger, mit aufmerksamem Blick und glatten, dunkelblonden Haaren, betraten den Raum. Aletheia erhob sich sofort von ihrem Stuhl und sah aus, als wüsste sie nicht, ob sie erfreut oder verstimmt sein sollte.

„Hier versteckst du dich also", sprach der Mann sie an.

„Ich verstecke mich nicht", gab Aletheia entschlossen aber in sanftem Ton zurück. „Ich kümmere mich um unsere Gäste."

„Gäste?", entfuhr es der dunkelblonden Frau. „Noch mehr Gäste."

„Wie es scheint", brummte ihr Begleiter. „Uns ist vorhin der äußerst erboste Tisroc von Kalormen über den Weg gelaufen, der fest entschlossen war, innerhalb der nächsten Stunden wieder abzureisen, da er nicht in einer Gesellschaft verbleiben wolle, die unter guten Manieren versteht, Gästen mit Invasion zu drohen."

Peter und Jill warfen einander teils ungläubige teils besorgte Blick zu, während Aletheia nur die Arme vor dem Körper verschränkte und ein wenig aussah wie ein bockiges Kind.

„Ich hab seine Hoheit lediglich darauf hingewiesen – wohlgemerkt nachdem er sein Bestes getan hat, Narnia, meine Familie und mich selbst zutiefst zu beleidigen – dass es längst eine Invasion gegeben hätte, wenn wir seinen Ansprüchen gerecht würden – anders gesagt: so wie er wären", erklärte Aletheia.

Der Mann runzelte kurz die Stirn und wirkte, als wollte er unbedingt etwas sagen, um sie zurecht zu weisen. Offenbar wollte ihm aber kein wirklich stichhaltiger Grund einfallen.

„Das Kind ist wie immer erschreckend ehrlich", amüsierte sich seine Begleiterin und warf einen interessierten Blick vorbei an Aletheia – die es offensichtlich nicht besonders amüsant finden konnte, als Kind bezeichnet zu werden – auf die bereits genannten Gäste. „Sieh an. Offenbar kümmerst du dich um ein paar besonders reizende Kinder. Welches Anliegen führt sie zu uns?"

Peter rümpfte die Nase. Offenbar war für diese Dame jeder ein Kind, der das dreißigste Lebensjahr noch nicht vollendet hatte. Er würde sich eine Beschwerde verkneifen. Aletheia hingegen schien sich köstlich zu amüsieren. Ein breites Lächeln erhellte ihr Gesicht.

„Ich fürchte, du verkennst die Situation, Ivara. Aber das kann man dir kaum vorwerfen", entgegnete sie, immer noch lächelnd und trat einen Schritt zur Seite. „Unsere Gäste sind Hochkönig Peter, seine Schwester Königin Susan und Jill Pole." Sie wandte sich nun wieder an die eben vorgestellten Gäste. „Ich darf euch meine Vater und seine Frau, Ivara vorstellen."

Die Reaktionen auf ihre Worte waren so unterschiedlich, wie man sie sich nur vorstellen konnte. Susan nahm das Gesagte mit dem bekannten träumerischen Gleichmut hin. Jill und Peter erhoben sich von ihren Plätzen, Peter allerdings nur, weil es eine Frage der Höflichkeit war. Der nun etwas unruhigen Jill stand die freudige Aufregung ins Gesicht geschrieben.

„Jill, welch eine unerwartete Freude, dich wieder zu sehen", begrüßte Rilian sie.

Die Orange war nun endgültig vergessen, als Jill sich hinter dem Stuhl vor kämpfte und auf ihren alten Freund zu stürmte um ihn zu begrüßen und ihn schließlich auch zu umarmen. Peter ging es etwas gemächlicher an und blieb neben Aletheia stehen, während er über Ivara nachdachte. Aletheia hatte sie die Frau ihres Vaters genannt, nicht ihre Mutter. Entweder waren sie also nicht verwandt oder verstanden sich nicht sonderlich gut.

„Deine Stiefmutter?", entschied er sich schließlich leise zu fragen.

„Ja, richtig. Meine Mutter ist vor fast fünfzehn Jahren gestorben", erklärte Aletheia.

„Das tut mir leid", bekundete Peter höflichst sein Mitgefühl.

„Muss es nicht", versicherte Aletheia. „Es ist lange her, wir haben den Verlust alle so weit verwunden, dass er nicht vergessen ist, uns aber auch nicht mehr belastet, und Ivara hat sich stets bemüht, die Lücke zumindest ein wenig auszufüllen, auch wenn es nicht das Gleiche ist."

Tatsächlich klangen weder Trauer noch Missfallen in ihren Worten mit. Die Dinge schienen gut zu sein, wie sie eben waren. Stattdessen schien sie sich von Jills und Rilians Freude über das Wiedersehen anstecken zu lassen.

„Dass wir uns noch mal wiedersehen, hätte ich nicht geglaubt", erklärte Rilian schließlich. „Du bist älter geworden aber in gewisser Weise auch noch die Selbe."

„Das Schicksal meint es in dieser Hinsicht wohl gut mit uns", bemerkte Peter. „Oder zumindest mit ihr und Eustace."

Jill verzog das Gesicht, als hätte man sie offen kritisiert. Allerdings schien sie zu gut gelaunt zu sein, um sich deswegen streiten zu wollen.

„Hochkönig Peter", wandte sich Rillian nun an seinen zweiten Gast. „Es ist mir eine Ehre und eine Freude."

„Ebenso wie mir", antwortete Peter. „Jill und Eustace haben viel und ausführlich von eurem Abenteuer berichtet."

Er nahm sich natürlich auch noch Zeit, Ivara standesgemäß zu begrüßen. Sie schien die Situation nach wie vor ausgesprochen unterhaltsam zu finden – auch wenn sie, ebenso wie alle anderen Anwesenden, von Susans mangelnder Beteiligung verwirrt war. Es machte jedoch niemand Anstalten, sie zu bedrängen.

„Wo ist Eustace?", wollte Rilian schließlich wissen. „Ich möchte sehen, was aus ihm geworden ist."

„Bei den Heimkehrern von der Morgenröte", erklärte Jill ganz unbedarft.

Rilians Blick wanderte fragend zu seiner Tochter, die schweigend auf das Fenster zum Balkon deutete. Gemeinsam mit Ivara näherte er sich dem Balkon und sahen nach draußen.

„Nur ein Schiff", stellte er unruhig fest und sah noch einmal aufs Meer hinaus, als müsste er sich vergewissern, dass er auch wirklich nichts übersehen hatte. Die freudige Wiedersehensstimmung war wie weggewischt oder gar, als hätte es sie nie gegeben.

„Leider, ja", bestätigte Aletheia. „Beide Schiffe sind Opfer eines Überfalls geworden. Wir wissen noch nicht mit Sicherheit, was mit der Helen geschehen ist, doch es scheint nicht, als würden wir sie je wieder sehen."

Niemand sagte ein Wort, doch durch jeden Kopf gingen Gedanken zu dieser Angelegenheit. Peter war es immer noch ein Rätsel, was geschehen und wer dafür verantwortlich sein könnte. Er hielt es auch nicht für sinnvoll, sich im Moment den Kopf darüber zu zerbrechen. Sie konnten nichts Neues erfahren, bis die Dinge zusammengetragen und bewertet waren, die die zurückgekehrten Seeleute zu berichten wussten.

„Lasst uns morgen mit unseren Sorgen kämpfen", meldete sich Ivara zu Wort. „Heute sollten wir das unerwartete Wiedersehen genießen. Es ist schon zu spät, um noch etwas Bedeutendes zustande zu bringen."

Auch wenn es vor allem Rilian und seine Tochter eine gewisse Überwindung zu kosten schien, stimmten ihr alle zu. Die Zeit war erschreckend schnell fortgeschritten und Peter begann langsam, eine gewisse Müdigkeit zu spüren. Es war nicht die Art Müdigkeit, die einen befällt, wenn einem nach langer, harter Arbeit die Muskeln schmerzen. Viel mehr war es die Fülle an Ereignissen und Dingen, über die es nachzudenken galt.

„Ich werde wohl von sinkenden Schiffen, wunderlichen Faunen und in dunklen Wäldern verschwindenden Flüchtlingen träumen", verkündete Jill, als man sich darauf geeinigt hatte, sich langsam ins Bett zu begeben. Fragende Blick trafen sie.

„Arme Jill. Ich wollte dir keine Albtraumgeschichte erzählen", entgegnete Aletheia bedauernd und wandte sich an ihren Vater und ihre Stiefmutter. „Jill ist das Bild von den verlorenen Kriegern aufgefallen und ich habe ihr die Geschichte erzählt, so gut ich konnte. Wir haben uns gefragt, was dieses Ereignis wohl in einem Gemälde über die Geschichte der Narnianen zu suchen hat."

„Das kommt wohl darauf an, wen man danach fragt. Einige sagen, die Krieger und ihre Mitverschwörer hätten sich aufgelehnt, weil sie in der Besetzung Narnias eine unhaltbare Ungerechtigkeit sahen. Sie sollen überlebenden Narnianen geholfen haben, zu fliehen und zu überleben. Manch einer behauptete sogar, es hätte Pläne gegeben, das Land wieder zu befreien. Aber all das ist so lange her, dass es keiner mehr genau wissen kann. Inzwischen erzählt jeder die Geschichte ein wenig anders", erklärte Rilian.

Wenn die Dinge wirklich so lagen, hatten die Verbannten sich tatsächlich einen Platz in dieser gemalten Geschichte verdient. Doch es war niemand mehr da, den man nach der Wahrheit fragen konnte. Und selbst wenn, war es zu spät in der Nacht, um sich noch den Kopf darüber zu zerbrechen. Die Betten riefen und keiner von ihnen verspürte ein großes Bedürfnis, sich dagegen zu wehren.