Am nächsten Tag verließ sie das Revier zu einer vernünftigen Zeit, kurz nach fünf. Es war alles Teil ihrer neuen Strategie: ihnen zeigen, dass sie vernünftig war, ihnen zeigen, dass sie gesund war. Sie konnte nicht auf eigene Faust mit der Untersuchung des Falls ihrer Mutter anfangen, wenn so viele Augen sie beobachteten.

Aber wenn sie deren Misstrauen, deren Wachsamkeit einschläfern konnte-

Dann würde sie endlich in der Lage sein, einen genaueren Blick auf diese Untersuchung zu werfen, den Hinweisen nachzugehen, die fallengelassen wurden, die Zeugen selbst zu befragen. Und dieses Mal würde sie dabei subtiler vorgehen, sie würde sich nicht in den Archiven spät in der Nacht erwischen lassen, wie ein Idiot.

Sie würde aus ihren Fehlern lernen.

Als sie nach Hause kam, war ihre Wohnung so ruhig und einsam wie immer, das fahle Licht der späten Nachmittagssonne schob seine langen Finger durch die Küchenfenster. Kate ließ ihre Tasche auf den kleinen Tisch fallen, den sie dicht bei der Tür aufgestellt hatte, schüttelte auf dem Weg in ihr Schlafzimmer ihren Mantel ab.

Es war eine Erleichterung, aus ihrer Uniform herauszukommen, ein Paar Jeans anzuziehen, ein T-Shirt, einen alten, unförmigen Pullover, den sie liebte. Sie fuhr sich mit ihren Fingern durch ihr kurzes Haar, fragte sich, ob sie damit etwas tun sollte. Es hatte zur Zeit die Tendenz abzustehen und sie war sich nicht sicher, wie sie sich damit fühlte.

Sie konnte eigentlich ihren Friseur anrufen, jetzt sofort einen Termin vereinbaren.

Sie griff nach ihrem Handy, als ihr klar wurde, dass es nicht nur schon zu spät war, der Salon hatte nicht mehr geöffnet, außerdem war auch Samstag. Sie hatten morgen geschlossen.

Wow. Samstag. Es war eine Woche her, seit sie Castle hierher gebracht hatte-

Nicht doch, Kate Beckett. Sie machte das nicht.

Sie lenkte ihre Gedanken entschieden davon weg, blieb vor ihrem Bücherregal stehen, um einen Roman auszuwählen. Sie hatte in den letzten Wochen keine Zeit gehabt, zu lesen, und sie hatte es vermisst. Sie zögerte, ihre Augen blieben an dem Buchrücken von Große Erwartungen hängen. Sie mochte Dickens, er erzählte eine gute Geschichte.

Warum nicht?

Sie zog das Buch heraus und ging dann zurück ins Wohnzimmer, ließ sich auf ihre Couch plumpsen, rutschte hin und her, bis sie bequem saß. Sie schlug die erste Seite des Bandes auf, genoss das Gefühl des Papiers an ihren Fingerspitzen und begann zu lesen.

Aber ihr Herz war nicht dabei. Sie schaffte das erste Kapitel, begann sogar das zweite, aber ihre Aufmerksamkeit flackerte immer wieder hin und her. Dauernd musste sie zu einer Zeile zurückkehren, die sie übersprungen hatte, oder ihre Gedanken schweiften mitten in einem Absatz ab. Letztendlich gab sie auf, zog ihre Unterlippe zwischen ihre Zähne, während sie sich gerade hinsetzte, das Buch geschlossen in ihrer Hand.

Rick Castles Nummer starrte sie immer noch an.

Kate zögerte, versuchte zu widerstehen.

Wenn sie Gesellschaft wollte, konnte sie wohl Lanie anrufen. Es war eine Weile her, seit sie die Gerichtsmedizinerin das letzte Mal außerhalb der Arbeit gesehen hatte. Ihre Freundin würde wahrscheinlich von der Idee eines Mädelsabend begeistert sein.

Aber sie wollte nicht irgendeine Gesellschaft, oder?

Sie wollte ihn sehen.

Mist.

Oh, was solls? Ihn auf einen Drink zu treffen, würde keinen Unterschied machen, würde nicht ändern, was bereits geschehen war. Sie hatte nicht vor, den Typ zu heiraten, um Himmels willen. Sie war schwerlich in der Lage überhaupt eine Beziehung zu führen, aber vielleicht - vielleicht konnten sie Freunde sein.

Sie dachte daran, wie er gesagt hatte, ich will Dinge über dich wissen, wie seine Augen sich kräuselten, wenn er lächelte, ehrlich lächelte - sobald er seine Tochter erwähnte. Dann dachte sie an seine Hände auf ihrer Haut, seinen Mund-

Okay, gut. Freunde mit gewissen Vorzügen?

Da war definitiv mehr in ihm, als der Schriftsteller-Playboy, zu dem die Zeitungen ihn manchmal machten. Sie konnte davon berichten. Und wenn er mehrere Nächte in diesem schrecklichen Club verbracht hatte, auf der Suche nach Inspiration? Musste er verdammt einsam sein.

Kate atmete langsam aus, kam zu ihrer Entscheidung und griff zu ihrem Handy, bevor sie ihre Meinung ändern konnte.


Er war fast da, seinen Schritt beschleunigend, obwohl er es besser wusste, als sein Telefon in seiner Tasche zum Leben erwachte. Castle fluchte flüsternd und fischte nach dem Teil, ärgerte sich jetzt über den Space-Cowboy Klingelton.

Er musste ihn ändern.

Die Nummer, die auf dem Bildschirm aufleuchtete, gehörte zu keinem seiner Kontakte. Rick spürte einen Sturm von Erregung in seiner Brust, räusperte sich, bevor er abhob. „Hallo?"

Da war ein Hauch von Stille und dann ihre Stimme, die Stimme, auf die er die ganze Woche gewartet hatte. „Hallo. Hier ist, ähm, Kate."

„Kate! Es ist toll, von dir zu hören", grinste er, konnte nicht anders. „Ich habe mich schon gefragt, ob du meine Nummer verloren hast oder so etwas." Ugh, seine Nummer verloren, wirklich? Es war vielmehr, als hätte er eine Todesangst, dass sie ihn nicht sehen wollte.

„Ah, nein", sagte sie, ein deutlicher Schatten von Verlegenheit färbte ihre Worte. „Ich, ähm... arbeitsreiche Woche", beendete sie eilig und er fragte sich plötzlich, ob sie rot wurde. Sie schien nicht wirklich der Typ zu sein, der errötete, aber wie entzückend sie aussehen würde-

„Aber ich habe an dich gedacht", fügte sie hinzu, eine Art Entschuldigung, wie es schien. Rick lächelte in sich hinein. Hatte sie?

Er war auch nicht in der Lage gewesen, sie aus seinem Kopf zu bekommen. „Ja? Ich auch, Kate", sagte er sanft und ihm war, als konnte er ein scharfes Luftholen auf ihrer Seite hören. „So, willst du... dich mit mir treffen? Drinks nehmen oder Abendessen?"

Da ich bereits vor deinem Gebäude bin. Was er allerdings nicht sagen würde. Er würde sie vielmehr von der Erkenntnis abhalten, wie gruselig er sein konnte. Solange wie möglich.

Sie zögerte. „Ähm, ja. Ja, sicher - Drinks wären schön."

„Fantastisch", sagte er fröhlich, machte eine Notiz an sich selbst - Abendessen war ein wenig zu viel. „Ich kenne ein paar Bars, die wirklich tolle Cocktails machen, es sei denn, da gibt es eine Örtlichkeit, wo du lieber hingehen würdest...?"

Sie schnaubte. „Ich glaube nicht, dass Polizisten-Kneipen genau dafür geeignet sind, um-", sie hielt inne, wie um sich selbst zu verstehen, und beendete, „einen Drink mit Freunden zu nehmen."

Sie hätte fast ein Date gesagt, er war sich sicher.

„Ich weiß nicht," scherzte er. „Polizisten-Kneipe klingt ziemlich aufregend für mich-"

„Castle."

Lustig, wie ihm der Klang seines Nachnamens in ihrem Mund gefiel. „Okay, okay. Kann ich dich abholen?"

Es war ein kurze Pause des Schweigens. War sie überrascht, dass er gefragt hatte?

„Ja, ich denke", antwortete sie locker nach einer Handvoll Sekunden. „Wie schnell kannst du hier sein?"

Oh, Fangfrage. „Ah, ziemlich bald? Etwa... fünfzehn Minuten?"

„Oh, das ist toll", sagte sie, ihre Stimme neutral. „Bist du in deiner Wohnung?"

Was? Warum- „Ahhh", sagte er stockend, vollkommen überrumpelt. „Uh." Verdammt, er klang wie ein Idiot- „Nein! Nein, ich war... aus. Einkaufen."

Großartig, Rick. Wunderbar.

Jetzt würde sie glauben, er war metrosexuell.

Da war ein eindeutiges Maß an Belustigung in ihrer Stimme, als sie sprach. „Hast du etwas gekauft?"

Er blickte auf seine Hand, als ob er erwartete, dass aufgrund seines nicht existierenden Einkaufsausflugs dort eine Plastiktüte hing. „Um ehrlich zu sein, nein. Ich habe nicht das gefunden, was ich suchte."

Sie brummte. „Und was genau hast du gesucht? Mir scheint, dass das einzige Geschäft in der Straße, in der du bist, ein Zeitungsstand ist."

Die Straße, in der er-

Scheiße.

Er hob seinen Kopf, seine Augen wanderten über die Fenster des Gebäudes, bis er ihr Gesicht, ihn angrinsend, drei Stockwerke höher gefunden hatte. Nun, das erklärte die Reihe von seltsamen Fragen. „Oh, ich verstehe. Sehr lustig, Kate. Sehr lustig."

„Das dachte ich auch", antwortete sie, dieser selbstzufriedene kleine Ton in ihrer Stimme. „Wie lange bist du schon da draußen?"

Ohh, sie dachte, er war so erbärmlich, uh? Aber sie redete noch mit ihm.

„Nicht so lange!", verteidigte er sich. „Ich bin gerade angekommen, als du angerufen hast."

„Klar", sagte sie und dehnte dabei den Vokal.

Castle schloss die Augen, rieb mit der Hand über sein Gesicht und erinnerte sich dann daran, dass sie ihn sehen konnte. Der Versuch, etwas von seinem Ego zu retten, hatte keinen Zweck, oder?

Als er allerdings wieder zum Fenster aufblickte, war sie verschwunden. Sein Herz setzte einen Schlag aus.

Zeit, um offensiv zu werden. „So. Was ist mit dem Drink?"

Sie lachte, der Klang reich und schön in seinem Ohr. „Du bist nichts weniger als ausdauernd."

„Uh-huh. Das bin ich. Ausdauernd. Kannst du dir eine attraktivere Eigenschaft für einen Mann vorstellen?"

Sie lachte (wieder!) und sagte: „Nun, jetzt wo du es erwähnst..."

„Du musst nicht darauf antworten", warf er hastig ein und fragte sich wieder, wie seine normalerweise reibungslos funktionierende Masche ihn komplett im Stich lassen konnte, wann immer Kate Beckett beteiligt war. Okay, ähm... Versuch nett zu sein, Rick. „Weißt du, wenn du allerdings - zu müde bist - ich würde es verstehen..."

„Zu spät, um jetzt ein Gentleman zu sein, Castle", sagte eine Stimme hinter ihm und er wirbelte herum, um festzustellen, dass sie dort stand, in Jeans und einem Wintermantel, der über einem blauen Pullover geöffnet war, ihr Haar stand bezaubernd um ihr Gesicht herum ab.

Er hatte sie noch nie ohne die Nachtclub-Aufmachung, die sexy Kleidung und das schwere Make-up gesehen und er betrachtete sie ausgiebig, während er sein Telefon abschaltete, es wieder in die Tasche steckte.

„Ich hoffe, du bist nicht zu sehr enttäuscht", sagte sie, eine Augenbraue hochgezogen. „Ich spare mir meine Lederklamotten gerne für besondere Anlässe auf."

Seine Kinnlade fiel herunter - Leder? Ihr Kleid letztes Mal war...? - Und er suchte verzweifelt nach einer Antwort, bis sie ein Lächeln hervorbrachte, spielerisch ihre Schulter gegen seine schob.

„Scherz, Castle. Mensch, bist du leicht zu haben."

Sie war - sie war-

„So, diese Bar von dir. Wie weit ist die weg?"

Er konnte einfach nicht aufhören zu glotzen. Und anscheinend hatte er die Fähigkeit zum Multitasking verloren.

Kate seufzte, schnippte vor seinem Gesicht mit den Fingern. „Erde an Castle. Die Sprachlosigkeit war nett für die ersten 30 Sekunden, jetzt wird es gruselig."

„Richtig", sagte er, schließlich zu sich zurückfindend. „Entschuldigung. Bar. Wir sollten wirklich ein Taxi nehmen, weil ich denke, dass es regnen wird. Und die Lokalität ist nicht gerade in der Nähe."

„Ich hoffe, du planst nicht, mich zu entführen", entgegnete sie, sehr sachlich.

„Was?", keuchte er. „Ich, dich entführen? Du missverstehst mich, Kate. Nur Mord befriedigt meine dunkelsten Sehnsüchte."

„Oh, solange es denn Mord ist. Ich habe eine Freundin in der Leichenhalle, die deine Fingerabdrücke auf meinem Körper findet und dich in etwa fünf Sekunden verhaftet hat."

„Als würde ich dumm genug sein, um meine Fingerabdrücke zu hinterlassen - warte, eine Freundin in der Leichenhalle. Wow. Das ist cool. Das ist super cool. Du bekommst eine Menge Leichen zu sehen, oder?"

Sie legte ihren Kopf schief und warf ihm einen wahrhaftigen Blick zu, den er ziemlich heiß fand. Dann nahm sie zwei Finger in ihren Mund und pfiff, laut genug, um das nächste Taxi direkt vor ihnen zu stoppen.

Das war ebenfalls heiß.

Oh, er war in Schwierigkeiten.

Er war in mächtigen, mächtigen, mächtigen Schwierigkeiten.

Selbst Sophia Turner war nicht halb so aufregend gewesen, wie sie es war.


Kate mochte die Bar.

Die Geschichte ihres Vaters hatte sie etwas skeptisch gegenüber solchen Orten werden lassen, wo man sich in die Vergessenheit trinken konnte, ohne dass irgendjemand es auch nur bemerkte. Aber sie mochte den Geruch von Holz, der sich auf nicht gerade unangenehme Weise mit abgestandenem Bier vermischte, den offenen Raum, der die Theke umgab und die Nischen, die die Wände säumten.

Der Ort hatte eine Geschichte. Das erzählte Castle jetzt seit... fünf Minuten?

Sie lächelte in sich hinein, drehte sich dann zu ihm und streckte ihre Hand aus, presste ihre Fingerspitzen an seinen Mund, stoppte den Schriftsteller mitten in einer Geschichte zur Prohibition, die anscheinend kein Ende zu haben schien.

„Ich denke, ich habe genug von der Geschichtsstunde", teilte sie ihm spielerisch mit, eine Augenbraue angehoben, und die Überraschung in seinen blauen Augen verwandelte sich in Belustigung.

„Richtig", sagte er, als sie ihre Hand entfernt hatte. „Ich neige ein wenig dazu... mich hinreißen zu lassen, wenn ich Orte wie diesen besuche."

„Nur ein wenig?", feuerte sie zurück, grinsend.

Er sah aus, als wollte er ihr die Zunge herausstrecken. „Also, du könntest ein wenig mehr Verständnis zeigen. Ich habe seit einer ziemlich langen Zeit keinen Fuß mehr in The Old Haunt gesetzt und ich habe ein Recht darauf, mich ein wenig... emotional zu fühlen, über die Wiedervereinigung mit einem alten Freund-"

„Das ist rührend, Castle", sagte sie, legte eine Hand auf ihr Herz und blickte Wimpern klimpernd zu ihm. „In der Tat, ich glaube, ich könnte weinen-"

Er lächelte und sah selbstgefällig und erstaunt aus, bis sie hinzufügte: „-wenn du mir nicht in den nächsten 30 Sekunden einen Drink kaufst."

Die Art und Weise wie sein Gesicht in sich zusammenfiel - es war der größte Spaß, den sie in der ganze Woche gehabt hatte.

Gott, wann war ihr Leben zu einem langen, trostlosen Weg geworden, wo sie niemals lachte? Mike hatte sie zum Lachen gebracht. Mike war derjenige, der sie zum Lächeln bringen konnte, sogar nachdem sie ihren betrunkenen Vater aus irgendeiner schäbigen Kneipe abgeholt hatte.

Aber wo war Mike jetzt?

„Hey, bist du okay?"

Castle schaute sie mit viel zu viel Besorgnis prüfend an und sie nahm sich zusammen, fand ein Lächeln für ihn. „Sicher, ja. Meine, äh, Kehle ist ein wenig trocken, das ist alles."

Er kniff die Augen zusammen, hakte sich bei ihr unter - was bezweckte er damit? - und zog sie in Richtung Theke. Der Barkeeper war jung und ziemlich süß, er schenkte Kate ein funkelndes Lächeln, das sie ohne nachzudenken erwiderte.

Castle räusperte sich. Der Mann hinter der Theke verlor sofort seine kokette Haltung und Beckett warf dem Schriftsteller einen Blick zu, ein Mittelding zwischen verärgert und amüsiert. Er sah sie nicht an, legte nicht beanspruchend seine Hand auf ihre oder so etwas, und sie beschloss, es auf sich beruhen zu lassen.

„Was kann ich Ihnen bringen, Sir?"

„Ich möchte ein ... Welche Arten von Scotch haben Sie?", fragte Castle, seine Augen studierten den Aushang hinter dem Tresen.

Kate presste die Lippen zusammen, machte einen langen Atemzug, versuchte zu vergessen, dass Scotch der Lieblingsweg ihres Vaters zum Rausch gewesen war. Es spielte keine Rolle. Ihr Vater war nüchtern, nüchtern-

Vielleicht waren Drinks nicht die beste Idee gewesen.

„Kate, was willst du?"

„Oh, äh. Nur - ein Bier, bitte!"

„Was für ein Bier?", erwiderte der Barkeeper, klang überrascht. „Weil ich ein paar richtig gute habe, wenn Sie dunkles Bier mögen - da ist dieses-"

„Bloß. Lager. Ein Lager wäre gut, danke", unterbrach Beckett ihn scharf und wollte sich dabei selber schlagen, weil sie so grob war.

Castles Gesicht war jetzt ihr zugewandt, seine Stirn gerunzelt und er sagte: „Bist du okay?"

„Wie oft planst du, mich das noch zu fragen?", schoss sie zurück und er hob die Hände, wie zur Aufgabe, wandte sich von ihr ab.

„O-kay", hörte sie ihn murmeln, als er einen Ellbogen auf den hölzernen Tresen aufstützte.

Verdammt, sie war bereits dabei das hier zu ruinieren. Sie hätte ihn nicht anrufen sollen. Kate drückte ihren Nasenrücken zwischen zwei Fingern zusammen, versuchte, das blöde Gefühl zu unterdrücken, das in ihr hochstieg.

Blöd, sie war so blöd-

„Hey, warum suchst du uns nicht einen Tisch?", schlug Castle vor und der einfache, freundliche Ton in seiner Stimme brachte sie dazu, ihre Augen vor Überraschung zu öffnen.

Er lächelte sie an.

„Ich werde die Getränke bringen, sobald sie fertig sind. Du entscheidest, wo du sitzen willst. Reichlich Platz", fügte er hinzu, in den Raum nickend.

So. Offensichtlich konnte diesen Mann nichts aus der Fassung bringen.

Kate fühlte, wie sich ihr Mund zu einem kleinen Lächeln verzog. „Okay", stimmte sie einfach zu und bewegte sich zur Rückseite des Raumes. Es war ihr echt egal, wo sie saß, aber auf diese Weise hatte sie etwas zu tun. Etwas, wofür sie verantwortlich war.

Es gab ihr das Gefühl der Kontrolle zurück, das ihr immer aus den Finger glitt, wenn sie begann an die Sucht ihres Vaters zu denken. Seine ehemalige Abhängigkeit.

War Castle wirklich so gut im Lesen von Menschen oder hatte er nur gute Instinkte gehabt?

Sie wählte einen Tisch in einer ruhigen Ecke aus, ließ ihre Augen auf den Fotografien verweilen, die an der Wand hingen. Einige Personen kannte sie, einige waren vollkommen Fremde - na ja, okay, die meisten von ihnen waren vollkommen Fremde.

Vielleicht waren sie in ihrer eigenen Zeit berühmt gewesen?

„Und - bitte sehr", sagte der Schriftsteller, stellte ihr Glas vor ihr ab und rutschte auf der gegenüberliegenden Seite in die Nische. Er wiegte ein Whiskyglas in seiner großen Handfläche und sie sah erleichtert, wie wenig die bernsteinfarbene Flüssigkeit war.

Sie, auf der anderen Seite, hätte vielleicht ein kleineres Glas bestellen sollen.

„Danke", sagte sie, ihre Finger um das Glas geschlungen. Es war ja nicht so, als ob sie alles austrinken musste, oder?

Da war eine Stille und aus irgendeinem Grund hielt sie ihre Augen abgewendet, konnte sich nicht dazu bringen, ihn anzuschauen.

„Kate", sagte er leise, seine Stimme sanft. „Du hast klar gemacht, dass ich dich nicht fragen soll, ob du okay bist, deshalb werde ich nur sagen - wenn du diesen Ort nicht magst, können wir woanders hingehen. Mir egal. Ich will nicht, dass du dich unwohl fühlst..."

„Es liegt nicht am Ort", gab sie widerstrebend zu, wusste nicht, was sie ansonsten angesichts seines Eifers machen sollte. „Es ist - ich bin in Ordnung, Castle. Wirklich."

„Du hast ausgesehen, als wolltest du dem armen Kerl den Kopf abbeißen", setzte er entgegen, die Augenbrauen hochgezogen.

Sie seufzte, biss die Zähne zusammen und riskierte einen Blick auf seine blauen Augen. Neugier und Interesse ließen sie aufleuchten, sogar im Halbdunkel der Nische.

„Oder vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass ich Scotch bestellt habe?", schob er hinterher, seine Spekulation so verdammt nah an der Wahrheit. „Was ist es, Kate? Du hast ein schreckliche Erfahrung mit Scotch gemacht, hast die Nacht kotzend auf der Toilette eines Freundes verbracht?"

Er dachte, das war lustig.

Was zum Teufel sollte sie sagen? Eigentlich, Castle, ist mein Vater ein trockener Alkoholiker-

Nein, nein. Sie hatte schon genug preisgegeben.

Ihr Gesicht musste etwas von der Ernsthaftigkeit verraten haben, etwas von dem Kummer, der immer kam, wenn sie an ihren Vaters dachte, denn der Autor griff nach ihrer Hand. Sie zog sie zurück, konnte mit einer Berührung jetzt nicht umgehen.

„Warum tust du das?", fragte sie plötzlich, ihm in die Augen schauend.

Sie konnte es nicht verstehen. Ihn.

„Warum tue ich... was?", erwiderte er vorsichtig, sah dabei so verloren aus, wie sie sich fühlte.

„Das. Hier - zu sein. Mit mir. Ich kann nicht-" Sie schüttelte den Kopf, weil es keinen Sinn machte, nichts davon machte einen Sinn. Er war ein einigermaßen berühmter, stinkreicher Schriftsteller, er konnte jede Frau haben, die er wollte, und stattdessen war er hier mit ihr, versuchte zu - ja was?

„Äh, ich... ich dachte, dass war klar", antwortete er langsam, schaute sie an, als wäre sie eine Bombe, die dabei war zu explodieren. „Kate. Ich habe das schon einmal gesagt. Ich mag dich. Ich - möchte dich nur besser kennenlernen-"

„Warum?"

Er starrte sie mit offenem Mund verwirrt an. Aber er musste es verstehen.

„Hör zu, Castle. Ich bin vierundzwanzig. Mein Vater ist ein trockener Alkoholiker. Meine Mutter wurde ermordet. Ich bin Polizistin geworden, weil ich - ich muss - ihren Fall lösen, um den Hurensohn zu schnappen, der das getan hat und ich bin nicht-", sie atmete aus, „-ich bin nicht jemand, den du kennen willst. Vertrau mir. Du solltest verdammt besser wegbleiben."

Sie nahm den Mantel, den sie ausgezogen hatte, stand auf und marschierte aus der Bar, ohne sich umzudrehen. Sie war dankbar, dass er ihr nicht folgte.

Wenn er es gemacht hätte, war sie sich nicht sicher, ob sie ihre Tränen hätte verstecken können.


Sie ging den ganzen Weg zu Fuß zurück zu ihrer Wohnung.

Es war ein langer, langer Spaziergang und es war eiskalt draußen. Aber sie war ein schneller Geher und die kalte Nachtluft half ihr, den Kopf frei zu bekommen, erlaubte ihr, die Dinge so zu sehen, wie sie waren.

Sie war dumm gewesen. Diese Sache mit Castle, was immer es war - es musste sofort aufhören.

Bevor sie ihm verfallen konnte. Bevor sie anfing, ihn ernsthaft zu mögen und er dann entdeckte, dass sie zu kompliziert oder zu besessen oder zu geschädigt für ihn war. Es gab keinen Platz für einen Mann in ihrem Leben.

Da war nur Platz für Gerechtigkeit.

Gerechtigkeit für ihre Mutter, Gerechtigkeit für Kate und ihr Vater-

Nichts anderes zählte.

Sie hätte seine Telefonnummer in dieser Nacht wegwerfen sollen.

Als sie endlich ihr Gebäude erreicht hatte, fühlte sie die Kälte nicht mehr. Ihr ganzer Körper war taub und sie mochte es so.

Sie stoppte am Briefkasten - ein Flyer für ein neues Restaurant, ihr Kontoauszug - und begann dann den Aufstieg in die dritte Etage. Sie bemerkte, dass die Glühbirne im Treppenflur durchgebrannt war, als sie daran vorbeiging und ihre Schlüssel aus ihrer Tasche holte. Sie musste das jemanden melden, aber sie war sich nicht sicher, wer-

Kate erstarrte. Da wartete jemand vor ihrer Tür.

Nur nicht irgendjemand.

Rick Castle.

Gott, gab er niemals auf?

Er machte ein paar Schritte auf sie zu, eindeutig zögerlich, aber er gab ihr ein angestrengtes Lächeln, während er etwas hochhielt, damit sie es sah.

Eine Flasche.

„Also, ich vermute, mit der Geschichte deines Vaters und allem", begann er tapfer, „willst du keinen Alkohol trinken. Und ich fand das...", er winkte mit der Flasche, „...in einem Geschäft, an dem ich angehalten habe auf meinem Weg hierher. Es ist ein nicht-alkoholischer Cocktail, steht hier, und du kannst - schau dir mal die Zutaten an - für mich klingt das ziemlich gut, ich meine, da ist Passionsfrucht drin und...", er zog das Teil näher an sich, um das Etikett lesen zu können, „...Limette, Ananas und oh, Guave! Guave ist ziemlich lecker, denke ich. Passt gut zu allen anderen Früchten. Ich meine, natürlich nur wenn man Guave mag, denn wenn nicht, dann ist es nicht..." Er nahm einen tiefen Atemzug, blickte sie mit so etwas wie Verzweiflung an. „Ja", beendete er im Flüsterton.

Der Korridor fühlte sich schrecklich leer an, ohne den Klang, die Energie seiner Stimme.

Kate stand da, die Post in der einen Hand, die Schlüssel in der anderen, ganz still.

Sie wusste nicht, wie sie darauf reagieren sollte. Sie war darauf nicht trainiert - nichts hatte sie auf die ängstliche Hoffnung vorbereitet, die in seinen Augen leuchtete, die Mühen, die er auf sich genommen hatte, die Entschlossenheit, die sich in den Linien seines Mundes widerspiegelte.

Für einen Moment hing es zwischen ihnen, setzte alles außer Kraft, hielt alles in der Schwebe, ihr Atem war in ihrer Brust gefangen, als ihre Abwehr zerbröckelte.

Und dann war sie in Castles Armen, ihr Mund rücksichtslos, verzweifelt gegen seinen, eine Hand hakte sich um seinen Hals, als sie ihre Zunge hinein presste, auf seine Lippe biss, ihn dafür bestrafte, auf was er sie reduziert hatte.

Sein Arm schlang sich um ihre Taille, fest genug für blaue Flecke, und sie musste ihre Augen gegen die Tränen schließen, die raus wollten, deren Gewicht in ihrer Brust lastete, zu viel, sie wusste nicht-

„Kate", murmelte er gegen ihren Mund und seine Stimme schaffte es, setzte die Teile von ihr wieder zusammen, ließ die Luft zurück in ihre Lungen.

Sie küsste ihn wieder, brutal und sorglos, nicht immer auf seinem Mund landend. Dann drehte sie sich zur Tür. „Rein", sagte sie zu ihm und ihre Stimme war so rau vor Verlangen, dass sie es nicht einmal vor sich selbst verbergen konnte.