6. Dezember, 6. Türchen. Autor ist diesmal Anoel und sie hat einen Wunsch von Eo-Lahallia erfüllt . Ich wünsche euch viel Vergnügen beim Lesen und einen schönen 2. Advent!
Titel: Weihnachtszeit
Autor: Anoel
Rating: 12
Zusammenfassung: Ginny ist der Meinung, dass. an Weihnachten, dem Fest der Liebe, lang getrennte Cousin wiedervereint gehören und schickt in Harrys Namen recht magische Geschenke ein Dudley.
Disclaimer: Alle Figuren gehören JKR und auch alle Orte
Weihnachtszeit
Das Jahr neigte sich dem Ende entgegen, die Tage wurden kürzer, die Nächte fast unerträglich lang, es wurde kälter, Schnee fiel in kleinen Flocken vom Himmel und tauchte die Landschaft in ein malerisches Weiß. Weihnachten stand vor der Tür und alle Welt war damit beschäftigt, liebevolle Geschenke für die Liebsten auszusuchen.
***
Liebevoll schnürte die rothaarige Frau die roten Schleifen um das Päckchen, arrangierte die Glöckchen, die mit einem Dauer-Klingen verzaubert waren, zückte ihre edelste Schreibfeder, tauchte sie in grünlich schimmernde Tinte, die mit einem zarten weihnachtlichen Duft versehen war und schrieb in geschwungenen Lettern die Adresse auf das Päckchen. Sie legte den Kopf zur Seite und betrachtete ihr Werk zufrieden.
***
Ein kleiner grauer Kauz landete anmutig auf dem hölzernen Zaun vor einem kleinen Backsteinhäuschen, das sich perfekt in die Reihe dicht aneinander gedrängter kleiner Backsteinhäuschen mit hölzernem Zaun fügte, und schüttelte den vom Himmel fallenden Schnee aus dem Gefieder. Er rief leise, spannte die Flügel auf und erhob sich wieder vom Zaun. Erst jetzt konnte der aufmerksame Beobachter das kleine, hübsch verpackte Päckchen erspähen, das die Krallen des Kauzes umklammerten. Eben dieses Päckchen setzte der gefiederte Postbote sacht vor der Tür des kleinen Backsteinhäuschens ab und flog von dannen.
***
„Paaaaaaaaaaaapaaaa", ein kleines wuseliges Etwas rannte aus den Untiefen des Hauses auf Harry zu und klammerte sich mit Gewalt an dessen linkes Bein.
„Papa, gucken! Mama Kekse gebacken!" Brüllte ihm ein anderes, von oben bis unten mit Mehl bestäubtes Kind entgegen, während das Etwas an seinem Bein wie zur Bestätigung des Gesagten mit großer Sorgfalt Keksreste in seine Hose einarbeitete.
„Lasst ihr wohl euren Vater in Ruhe!" Dröhnte ihm eine bekannte Frauenstimme entgegen. Lachend betrat er die Küche, die zum Schlachtfeld mutiert war: Feiner Mehlstaub bedeckte jeden noch so kleinen Flecken der Küche, Milchseen bildeten sich auf der Arbeitsplatte, der Duft verbrannter Plätzchen mischte sich mit dem herrlichen Aroma der gelungenen. Und inmitten des Chaos saß Ginny und stillte liebevoll die kleine Lily. Er trat ein paar Schritte auf sie zu und küsste sie, leise vor sich hin lachend, auf die bemehlten Haare. Dann zückte er seinen Zauberstab und mit einem eleganten Schwenker lösten sich Mehl, Milch und jegliches andere Chaos in Wohlgefallen auf.
"Uff, danke Harry", seufzte Ginny und legte die zufrieden glucksende Lily in ihre Wiege.
Der Gelobte füllte eine Tasse mit weihnachtlichem Grog, setzte sich auf die Eckbank in der Küche, hielt die dampfende Tasse in den Händen und naschte von den Plätzchen, die auf dem Tisch standen. Ginny nahm hingegen auf dem ihm gegenüberliegenden unbequemen Holzstuhl Platz und rutschte unruhig von einer Seite auf die andere.
Erstaunt musterte Harry über den Rand seiner Tasse hinweg seine Frau, die nun auch noch verlegen dreinblickte und der die Röte ins Gesicht stieg. Fragend zog er eine Augenbraue hoch.
„Duhuuuu, Harry?" Presste Ginny nach langem Zögern endlich heraus, „Es ist ja bald Weihnachten oder?"
Verwirrt nickte er.
„Und Weihnachten ist ja bekanntlich das Fest der Liebe, oder?"
Er zog die Augenbrauen zusammen und nickte erneut.
„Und da hab ich mir überlegt…"
Bei diesem Worten schwante ihm nichts Gutes und er stellte die Grogtasse vorsorglich zurück auf den Tisch.
„… ich meine, ich weiß, dass du ihn eigentlich nicht magst und es dir auch nicht gefallen würde, aber ich hab mir halt gedacht, dass es so an Weihnachten vielleicht eine nette Geste wäre und vielleicht könntet ihr euch so wieder ein bisschen annähern…"
Harry verstand verständlicherweise nur Bahnhof und schaute seine Frau weiter mit zusammengekniffenen Augenbrauen und gerunzelter Stirn an.
„…also hab ich ihm einfach ein Weihnachtspäckchen geschickt – in deinem Namen", beendete sie ihren Satz und schaute beschämt zu Boden.
Harry – immer noch nicht schlauer als zuvor – räusperte sich leise: „Ginny, möchtest du mir bitte noch einmal genau erklären, wem du was und warum geschickt hast?"
Ginnys Wangen leuchteten fast so rot im prasselnden Schein des Kaminfeuers, wie ihre Haare. Sie kniff ein Auge zusammen und linste Harry vorsichtig durch eine Haarsträhne hindurch an: „Ich hab Dudley ein kleines Präsent geschickt, weil ich mir dachte, dass man sich vielleicht mit ihm versöhnen könnte. Schließlich ist er dein Cousin."
Der fragende Gesichtsausdruck wich einer kurzzeitigen Leere und wechselte dann mit erstaunlicher Geschwindigkeit von Erstaunen über Wut bis hin zu Entsetzen. Die Hände über seinen Kopf schlagend, blickte Harry seine Frau an: „Ginny, du hast nicht wirklich oder? Sag mir bitte, dass das nur ein Scherz war. Bitte!"
***
Es dämmerte noch, als eine gewaltige Gestalt die Tür des kleinen Backsteinhäuschens öffnete und im Begriff war, ein letztes Mal vor den Weihnachtsfeiertagen einen Kurzbesuch in der Firma zu machen. In Gedanken schwang sich die gewaltige Gestalt bereits in den neuen Wagen mit dem überdimensionalen Werbeslogan – wohlbemerkt seine Idee – und platzierte sich standesgemäß hinter seinem neuen Schreibtisch in dem neuen Büro, das ihm als Juniorchef der Firma „Grunnings" zustand.
Wer konnte auch ahnen, dass sein Tag so düster beginnen würde? Wer hätte mit dem Paket rechnen können? Niemand. Und so war es auch nicht verwunderlich, dass die Gestalt, ihres Zeichens Dudley Dursley, nicht nach unten schaute, als er über die Türschwelle schritt, und das kleine Päckchen übersah. Unglücklicherweise beförderte er sich das Paket beim Gehen so zwischen die Füße, dass er mit großem Gepolter, viel Schneewirbel und wenig Schaden die zwei Steinstufen vor der Eingangstür hinabstürzte und das Paket zu seiner Linken landete.
Eine schrille „Diddy-Schatz" rufende Stimme eilte aus der Küche herbei. „Diddy-Schatz, was ist passiert? Ist alles in Ordnung?"
Laut fluchend wuchtete Diddy-Schatz seinen Körper zurück in die Vertikale und funkelte das unschuldig daliegende Päckchen wütend an. „Natürlich ist nicht alles in Ordnung Violet, dieses verdammte Paket…" fuhr er seine Frau an und holte mit aller ihm zur Verfügung stehenden Macht aus, um dem Paket einen Tritt zu versetzen. Doch seine Frau war schneller, bückte sich und hob das Päckchen auf und damit aus der Gefahrenzone heraus. Dudleys Fuß schnellte also ins Leere und von der Wucht seines Körpers wurde er nach vorn und dann um seine eigene Achse gerissen.
Violet, bereits wieder auf dem Weg zurück in die Küche, bewunderte indess, ungeachtet der Balletteinlage ihres Mannes, das hübsche kleine Päckchen. „Schau nur Diddy-Schatz, wie liebevoll es eingepackt ist: Diese herrlichen roten Schleifen und die klingelnden Glöckchen. Und dann erst diese grünlich schimmernde Schrift. Irgendwas an diesem Päckchen riecht auch nach Zimt und Orangen…"
Dudley entfuhr lediglich ein grummeliges „Hmpf" während er das Gleichgewicht wiederfand und seiner Frau ins Haus folgte. Als er durch die Eingangstür schritt, sauste eine kleine Diddy-Schatz-Miniaturausgabe die Treppe hinunter und an ihm vorbei in die Küche. „Maaaaaaaaaaaaaaaaami!" Kreischte das schweinchenartige Kind hyperventilierend „Geschenk, Geschenk, Geeeeeeeeeeeschenk!" Brüllte es weiter, hopste dabei auf und ab und rüttelte an den Armen seiner Mutter.
„Daisylein, das ist Papis Geschenk und nicht deins", versuchte seine Mutter, den aufgebrachten Winzling zu beruhigen.
„Neeeeeeeeeeeeein! Geschenk, Geschenk! Jeden Tag eins habt ihr gesagt!" Brüllte das Mädchen jedoch ungerührt weiter, stampfte mit den Füßen auf den Boden, sodass die Sammeltassen in den Vitrinen erzitterten und drehte sich nach einer ausbleibenden Reaktion entrüstet um, um theatralisch in ihr Zimmer zu stürzen.
Genervt blickte Dudley seiner Tochter nach, erinnerte sich dann jedoch an die Worte seiner Frau und beäugte aus dem Augenwinkel das Paket, das Violet noch immer in den Händen hielt. Geschenke mochte er auch gerne. Begierig riss er es der verdutzten Violet aus den Händen und befreite es in aller Eile von unnötigem Papier. Blitzschnell hatte er das Päckchen geöffnet und augenblicklich wich alle Farbe aus seinem Gesicht.
***
„Ginny, du hast nicht wirklich?" Harry traute sich gar nicht, die Hände von seinen Augen zu nehmen.
„Doch sicher, es ist doch eine super Geste und du glaubst gar nicht, wie praktisch das ist."
Harry atmete tief durch.
„Ginny, Dudley ist ein Muggel! Noch dazu ein verdammt simpel gestrickter. Meinst du allen Ernstes, dass er damit etwas anfangen kann? Oder sich darüber freut? Der denkt doch, dass ich ihn auf den Arm nehmen will – also nicht, dass ich das nicht wollen würde."
Langsam schwante Ginny, dass ihre Idee, die sich vor wenigen Augenblicken noch für so bahnbrechend gehalten hatte, vielleicht doch ein wenig schwachsinnig gewesen sein könnte.
***
„Diddy-Schatz", dröhnte Violets Stimme erneut durch den Raum, „Ist alles in Ordnung? Was ist los?"
Wie zur Antwort ruckelte der Karton, den Dudley noch immer umklammert hielt, und aus dem Karton heraus schwebte ein kleiner glitzriger Weihnachtself und positionierte sich vor Dudleys Nase:
„O du fröhliche,
O du selige,
gnadenbringende Weihnachtszeit.
Welt ging verloren,
Christ ward geboren,
Freue, freue dich, o Christenheit!"
Der kleine Weihnachtself schnappte kurz nach Luft, um dann mit glockenklarer Stimme fortzufahren. Dudley hingegen ließ das Paket panisch fallen und griff nach der Tageszeitung, die noch zusammengerollt hinter ihm auf den Tisch lag. Energisch schlug er damit auf den singenden Elf ein.
„Gnadenbringende Weihnachtszeit"
„Patsch"
„Uns zu versühnen."
„Patsch"
„Christenheit"
„Patsch"
Der kleine Elf taumelte, stockte und verpuffte nach einem weiteren Hieb mit der Zeitung.
Entsetzt hatte Violet diese Szene beobachtet und blickte verwirrt von ihrem Mann, zur Tageszeitung und zu der Stelle, an der sich der Elf in Luft ausgelöst hatte.
„Diddy-Schatz, was ist los?"
Dudley schnaubte.
„Diddy-Schatz?" Violets Stimme wurde unangenehm schrill, schriller noch, als sonst.
Dudley schnaubte erneut und ballte die Fäuste so sehr, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten.
Violet ließ ihren Gatten nicht aus den Augen und bewegte sich, die Augen weiter auf ihn gerichtet, auf das am Boden liegende Päckchen zu. Sie ging neben dem Päckchen in die Hocke und wollte gerade danach greifen, als Dudley ein Schrei entfuhr: „Fass es nicht an, Violet! Fass es bloß nicht an! Wer weiß, was dieser Bastard sich wieder ausgedacht hat. Wer weiß, was da noch drin ist."
Violets Hände erstarrten und sie blickte ihm verdutzt in die Augen.
Dudley schnaubte nur.
„Diddy-Schatz…"
Dudley schnaubte erneut und funkelte das Päckchen an: „Dieser verdammte Harry!"
„Harry, dein Cousin? Harry, mit dem deine Familie nichts zu tun hat? Harry, den deine Eltern verleugnen?"
„Harry!"
„Diddy-Schatz, ich kann nicht ganz folgen. Was hat Harry denn gemacht?"
„Da!" Schnaubend deutete Dudley auf das am Päckchen.
„Harry hat das Päckchen geschickt, Diddy-Schatz?"
„Hmpf"
Violets Stimme schrillte erneut: „Oh, das ist aber soooooooooo entzückend. Freust du dich denn nicht? So was Süßes auch. Und dieser putzige Elf. Wie das wohl funktioniert? Ob die den wohl bei Harrods verkaufen? Das wäre so eine schnuckelige Idee für Tante Rose! Was wohl noch in dem Päckchen ist. Wollen wir nicht doch vielleicht mal nachsehen, Diddy-Schatz?" Ihre Hände näherten sich bei diesen Worten erneut dem Päckchen.
„Nein, Violet, lass es liegen, wo es ist"
Ungeachtet der Worte näherten sich Violets Hände dem Päckchen unaufhaltsam.
„Violet!" Jetzt war es Dudleys Stimme, die schriller wurde.
Die Warnungen und entsetzten Ausrufe geflissentlich missachtend, zog Violet das Päckchen näher zu sich heran und begann, es genauer in Augenschein zu nehmen.
Dudley war mittlerweile verstummt und schaute seiner Frau ängstlicher werdend zu.
Die Laschen des Pappkartons wurden zur Seite gebogen und der dick verpackte Inhalt vorsichtig aus dem Päckchen herausgehoben und auf dem Boden abgestellt. Behutsam machte Violet sich daran, das hübsch verpackte Kästchen aus seinem weihnachtlichen Dekor zu schälen. Zum Vorschein kam eine kleine, etwa handflächengroße goldene Schatulle, in die filigrane Ornamente eingeschnitzt waren. Bewundernd fuhr Violet mit den Fingerspitzen über die Schatulle. „Mein Gott, ist die schön", flüsterte sie leise.
Dudley hielt unterdessen den Atem an.
***
Harry tigerte nervös durch das Wohnzimmer, die Hände auf dem Rücken und die Stirn in Sorgenfalten gelegt. „Sie werden mich umbringen!" Flüsterte er immer wieder. „Warum musstest du das nur machen, Ginny?" Sagte er mehr zu sich selbst als zu seiner Frau.
Besagte stand still in der Tür zwischen Wohnzimmer und Küche und beobachtete ihren aufgebrachten Mann traurig. Ginny verstand die Welt nicht mehr. An Weihnachten machte man seiner Familie doch nun einmal Geschenke. Und sie hatte es ja auch nicht böse gemeint, als sie das Päckchen für Harrys Cousin geschnürt hatte. Sie hatte gedacht, dass Weihnachten schließlich das Fest der Liebe sei und eine gute Gelegenheit, die beiden jahrelang voneinander getrennten Cousins zu vereinen. Für sie war es einfach undenkbar, die Familie aus ihrem Leben zu streichen, keinerlei Kontakt zu haben. Darum war sie sich sicher gewesen, dass es Harry im tiefsten Herzen genauso ergehen müsste. Nur deshalb hatte sie sich auf die Suche nach einer Kleinigkeit begeben und das Päckchen in Harrys Namen abgesendet.
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Vorsichtig nahm Violet das Schmuckstück hoch und öffnete behutsam den Deckel der kleinen Schachtel. Zum Vorscheinen kamen viele Einzelteile:
Ein plüschiges rosafarbenes Knäulchen, um das ein Schleifchen gebunden war, an dem ein kleiner Anhänger mit der Aufschrift „Daisy Dursley" baumelte und das leise quiekte, wenn man es mit dem Finger anstupste und die kleinen Knopfaugen zusammenkniff.
Eine hübsche schwarze Schwanenfeder und ein kleines Tiegelchen, das mit einer silbrig glänzenden Flüssigkeit befüllt war. Beide waren mit einer Schleife zusammengebunden und auch an dieser Schleife hing ein kleines Anhängerchen, auf dem in elegant geschwungenen Lettern „Violet Dursley" stand.
Eine goldene Taschenuhr, die als Violet sie öffnete „Diddy-Schatz, du musst zur Arbeit!" rief.
Dudley schnaubte verächtlich.
Violet hingegen starrte die Uhr verdutzt an.
„Zauberkrimskrams", schnaubte Dudley weiter, „unnützes Zeug. Was sollen wir mit einem Federkiel oder dieser nervigen Uhr?"
„Diddy-Schatz, könntest du mir bitte erklären, was das Ganze zu bedeuten hat?" Fragte Violet, während sie immer noch die Uhr anstarrte, die unaufhörlich „Diddy-Schatz, du musst zur Arbeit! Spute dich!" von sich gab. „Und wehe dir, du schnaubst noch einmal", fügte sie entrüstet hinzu.
Dudley schluckte das Schnauben, das kurz davor gewesen war, seine Lippen zu verlassen, kurzerhand herunter. „Hmpf", machte er stattdessen, „Mein Cousin ist ein Verrückter! Mit 11 haben sie ihn auf eine Schule für Zauberer geschickt. Zauberer, das ich nicht lache. Verrückt war er und alle seine Freunde auch…"
Je weiter Dudley ausholte, desto größer wurden Violets Augen. Als er an der Stelle mit dem Ringelschwänzchen angekommen war, schlug sie wie vom Donner gerührt die Hände vor den aufgerissenen Mund und unterdrückte einen Schrei des Entsetzens. Als er erzählte, wie Harry ihn in dieser einsamen Gasse gerettet hatte, waren ihre Augen so weit aufgerissen, dass man meinen konnte, sie würden ihr jeden Moment auf den Kopf fallen.
„Und das da", er bewegte sein gewaltiges Doppelkinn in Richtung des Geschenksammelsuriums, „ist sicher wieder so ein Trick…"
***
Während Harry weiter das Wohnzimmer auf und ab lief, setzte sich Ginny in aller Eile an den Sekretär in der Ecke und zückte ihre Schreibfeder. Hektisch tauchte sie diese in die schwarze Tinte und schrieb mit so großer Eile, dass die Feder große Kleckse auf dem Pergament hinterließ:
„Lieber Dudley,
ich weiß nicht, ob du dich noch an mich erinnerst. Ich bin die Frau, die deinen Cousin geheiratet hat. Das rothaarige Mädchen, das dir sicher das ein oder andere Mal über den Weg gelaufen ist.
Ich möchte mich mit diesem Brief für das Päckchen entschuldigen, das meine Eule bei euch abgeliefert hat. Ich hatte gedacht, dass es euch vielleicht gefallen würde und das Päckchen in Harrys Namen an euch gesendet. Für mich war Weihnachten immer das Fest der Liebe und der Versöhnung. Und ich hatte gedacht, dass euch diese kleine Geste eventuell einander näher bringen könnte.
Harrys Reaktion hat gezeigt, wie einfältig diese Idee war. Ich hoffe, dass es dir nicht zu viele Unannehmlichkeiten bereitet hat. Wenn du mit den magischen Sachen nichts anfangen kannst, dann bind es einfach am Fuß meiner Eule fest. Sie wird es dann wieder mit hierher bringen. So hast du dann mit unserer Welt nichts mehr zu tun.
Ich wünsche dir und deiner Familie ein Fröhliches Weihnachten!
Ginny"
Ein leiser Pfiff rief den kleinen Kauz herbei, der sich anmutig auf die obere Kante des Sekretärs setzte und Ginny erwatungsvoll sein Beinchen entgegenstreckte. Liebevoll tätschelte die junge Frau ihm das Gefieder und band die Pergamentrolle an das angebotene Bein. Mit einem letzten leisen Ruf erhob sich der Kauz, sobald die Schleife festgezogen war und flog aus dem Fenster seinem Ziel entgegen.
***
Ein leises Pochen am Fenster riss Dudley aus seinem Mittagschlaf, das er sich nach den Strapazen des Tages redlich verdient hatte. Mit verschlafenen Augen blickte er zum Fenster und dachte bei sich „Ach, nur ein kleiner Kauz, der ans Fenster klopft", drehte sich um und war beinahe wieder im Tiefschlag versunken, als ihm bewusst wurde, was er da eigentlich gesehen hatte. Entgeistert schnellte er hoch und starrte das kleine Federvieh an. Die Augen weiterhin auf das Fenster gerichtet, rutschte er, die Decke bis ans Kinn hochgezogen, bis zur äußersten Kante des Sofas.
Der Kauz aber pickte fröhlich weiter gegen das Fenster.
Mutig beschloss Dudley aufzustehen und das nervige Tier zu vertreiben.
„Kusch", zischte er und wedelte vor dem geschlossenen Fenster wie wild mit den Armen umher. „Kusch" Das Gefuchtel wurde langsam energischer. „Verschwinde, du dämlicher Vogel! Kusch, los hau schon ab."
Doch es half alles nichts, der Vogel blieb unbeirrt sitzen und pochte beharrlich weiter.
„Na gut, du hast es so gewollt", presste Dudley hervor, griff nach dem Gurt der Jalousien und lies diese mit einem Ruck heruntersausen. Federn stoben auf und Dudley verzog sein Gesicht zu einem gefälligen Grinsen. Just in dem Moment raschelte es hinter ihm und zu seinen Füßen landete eine kleine Pergamentrolle, die vom Ruß des Kamins ganz schwarz geworden war.
Er zögerte einen Moment, beschloss dann aber, dass es schlimmer ja nicht mehr werden konnte und bückte sich, um die Schriftrolle aufzuheben. Langsam trottete er zurück zum Sofa, setzte sich und entrollte sie ganz langsam. Zögerlich las er die Worte, die seine Schwägerin in aller Eile geschrieben hatte und ließ, als er am Ende angekommen war, das Pergament sinken.
Also war es nicht Harry gewesen, der ihm das Paket geschickt hatte? Also hatte doch keine böse Absicht hinter der ganzen Sache gesteckt?
Dudley dachte nach.
Vielleicht war sein Cousin am Ende doch kein so schlechter Mensch, wie seine Eltern es ihm immer gepredigt und er es selbst lange, lange Jahre geglaubt hatte. Er erinnerte sich zurück an die Nacht, in der Harry ihn gerettet hatte. Er war sich mittlerweile sicher, dass Harry ihn damals tatsächlich vor etwas sehr viel Schlimmerem bewahrt hatte, obwohl er die Möglichkeit dazu gehabt hätte, Dudley dort zurückzulassen.
Er dachte lange nach und er kam zu einem Entschluss.
Der eine mag denken, dass es ein übereilter und viel zu abrupter Entschluss sei, aber es war vor allem ein Entschluss, der schon lange überfällig war und so kam er für Dudley eigentlich nicht abrupt und auch nicht übereilt, sondern genau zur rechten Zeit.
So ging er also zum Schreibtisch, öffnete langsam die Schublade, legte sich Briefpapier und Füllfederhalter zurecht und begann zu schreiben.
***
Das Jahr neigte sich dem Ende entgegen, die Tage würden kürzer, die Nächte fast unerträglich lang, es wurde kälter, Schnee fiel in kleinen Flocken vom Himmel und tauchte die Landschaft in ein malerisches Weiß. Weihnachten stand vor der Tür, das Fest der Liebe, an dem es zu so mancher wunderlichen Wendung kommen kann.
