Kurioshi hatte nun also herausgefunden, dass er am besten Skyrim verlassen und sich eine völlig neue Identität zulegen sollte. Vielleicht sollte er nach Cyrodiil ziehen und Bauer werden? Oder am besten gleich in die Wüsten von Elsweyr oder noch besser die rote Alik'r Wüste. Dann wäre er möglichst weit weg von hier, denn Skyrim, das wusste er jetzt, gehörte Dovahkiin, hier wäre er nirgends mehr sicher.
Er sah zu, dass er diesen unheiligen Ort schnell hinter sich ließ und nicht mehr länger als nötig hier verweilte. Der Rückweg würde sich länger gestalten, da er nach einem anderen Weg das Gebirge hinauf suchen musste. Somit führte sein Weg ihn zunächst mehrere Meilen gen Osten auf der Suche nach einem Pass durch die Berge, der ihn auf die südliche Seite führen würde. Nach einem eintägigen Marsch wurde er noch westlich von Einsamkeit fündig und schwenkte nach Süden ein.
Sein Ziel war sein kleines Zuhause in Hjaalmarsch. Schon lange war er nicht mehr dort gewesen, es sehnte ihn nach ein wenig Ruhe und wenigstens dem Anschein von Sicherheit nach all den Ereignissen der letzten Wochen und Monate. Außerdem brauchte er Ruhe, um seine nächsten Schritte zu planen.
Er mied die Wege und Straßen und bevorzugte, sich seinen Pfad durch die Wildnis zu suchen. Auf diese Weise verhinderte er Begegnungen mit anderen Reisenden, die ihn vielleicht noch an das Drachenblut verraten könnten; wer wusste, wo Dovahkiin alles seine Kontakte hatte. Das Drachenblut war mächtig, weitaus mächtiger, als er sich hätte vorstellen können, und Kurioshi war nur ein einfacher Assassine, der über die Runden zu kommen versuchte. Diesem Gegner konnte er nicht gewachsen sein.
Kurioshi wählte den Weg durch das Sumpfland um Morthal, hier würde ihm so schnell keiner folgen. Es war beschwerlicher aber hoffentlich sicherer. Jedenfalls in Hinblick auf eventuelle Verfolger. Manchmal, überlegte er, kam er sich schon selbst paranoid vor, aber so sicherte er sich sein Überleben.
Nachdem die Sümpfe durchquert und Morthal umgangen war, sah er sich dem nächsten Hindernis gegenüber: einer weiteren langen Gebirgskette. Hier jedoch gab es eine bekannte, wenn auch aufgrund der Gefahren kaum mehr genutzte Passage, die früher oft von Handelskarawanen frequentiert worden war. Kurioshi ging lieber durch Labyrinthion und stellte sich den Trollen, insofern er sich nicht an ihnen vorbei schleichen konnte, als noch einmal mehrere Tage nach Osten oder Westen und dann wieder zurück zu wandern.
Labyrinthion war eine wahrscheinlich Jahrtausende alte Ruine der Nord. Schon allein die überirdische Anlage war außergewöhnlich groß, die unterirdischen Bauten übertrafen es wahrscheinlich noch einmal bedeutend.
Kurioshi war dieser Ort nicht wirklich geheuer. Unheimliche Dinge gingen hier vor sich, dieser Ort schien ihm verflucht zu sein. Er sah zu, dass er diesen Ort schnell hinter sich ließ und das möglichst ohne Zwischenfälle. Zum Glück waren die Trolle, die hier hausten, nicht gerade die Schlauesten, ohne nennenswerte Zwischenfälle konnte er sie passieren.
An Labyrinthion schloss ein kurzes, aber tiefes Tal durch die Berge an. Als er auch dieses hinter sich lassen konnte, sah er endlich die heimatlichen Tundren vor sich. Weites braunes Grasland so weit das Auge reichte und dazwischen immer wieder die silbrigen Bänder vieler kleiner Bäche.
Er erlaubte sich ein leichtes Lächeln und hielt für einen Moment inne, um den liebgewonnenen Anblick in sich aufzunehmen. Es tat gut, wieder hierzu sein. Zu lange schon war er in den letzten Monaten rastlos umher gestreift.
Um auch die letzten Meilen Richtung Westen und seinem kleinen Heim hinter sich zu bringen, beschleunigte Kurioshi seinen Schritt. Nach einigen Stunden Weges sah er endlich in der Ferne die bescheidene Hütte, die er bewohnte.
Ein Anflug von Schwermut beschlich ihn. Was würde ihn erwarten? Immerhin war er lange weg gewesen. Seine Kuh und seine wenigen Hühner, die er sich gehalten hatte, waren sicherlich entweder längst aus ihren Gehegen entkommen oder von Raubtieren gerissen. Sein Garten war wahrscheinlich ebenso verdorrt. Doch all das waren wohl nur die kleineren Probleme. Blut war nicht mehr hier und hatte eine Leere hinterlassen, die nicht so leicht zu beheben war wie seine anderen Alltagssorgen. Vielleicht wäre sie auch nie mehr zu füllen.
Er konnte nur schwer beschreiben, was Blut ihm wirklich bedeutet hatte. Die Nähe von Menschen hasste er und mied sie, wo es ging – vielleicht der Grund, warum er Menschen lieber tötete, statt mit ihnen zu reden. Die Nähe zur Natur bedeutete ihm alles, hier fand er Seelenfrieden und Ruhe vor den inneren Dämonen, die seine Klinge führten.
Was also sollte ihn nun noch ohne Blut vor sich selbst schützen? Denn eines war sicher: Blut war unersetzlich, er würde nirgends in Tamriel ein zweites Pferd wie sie finden.
Wieder einmal kreiste ein Drache in einiger Entfernung über der Bergspitze, doch so lange Kurioshi sich vorsichtig bewegte, schien er ihn nicht weiter zu beachten. Er war keine Gefahr für das Untier.
Zögernd stand er vor der Tür, die Hand an der Klinke. Noch hatte er sie nicht gedrückt. Doch dann gab er sich einen Ruck und betrat nach langem wieder sein Heim.
Muffige, staubige Luft wehte ihm entgegen und er erkannte auf den ersten Blick, dass ein Großteil seiner Inneneinrichtung wohl hinüber war, nachdem die Hütte so lange leer gestanden hatte. Der Wind hatte vor Zeiten schon einen der Fensterläden aufgedrückt, so dass die Witterung ungehindert in das Haus dringen konnte. Dort, wohin Wind und Regen nicht mehr gekommen waren, lag dick der Staub.
Kurioshi hielt inne und stand ein wenig verloren in der Tür. Sein Heim wirkte so trostlos und kalt. So unpersönlich. Nichts war mehr wirklich nutzbar, was einst persönlich mit ihm verbunden war. All seine Kräuter waren verdorrt, seine Vorräte verdorben. Auch die wenigen Bücher, die er besaß, waren größtenteils ruiniert.
Nur langsam, fast widerwillig trat er ein. Mit einem Male fühlte er sich fremd hier, nicht mehr heimisch. Entwurzelt. Ja, das war er wohl, nun vollends. Vor vielen, vielen Jahren hatte er einst eine Familie gehabt, Mutter und Vater, vielleicht noch Geschwister, doch daran erinnerte er sich kaum noch. Das jedoch gehörte zu einem anderen Leben. Seine Eltern lebten nicht mehr, er hatte sie eigenhändig ermordet. Sie waren arm gewesen, sie hatten ihn nicht mehr anständig versorgen können. Also hatte er sich ihrer entledigt.
Vielleicht hatte ja da sein Weg des Wahnsinns begonnen, den er seither beschritt. Er hatte gut damit leben können. Doch mit einem Male bestand der Schutz nicht mehr, den er gegen sich selbst errichtet hatte, jetzt, wo er alles ruiniert sah, was sein kleines Leben bestimmt hatte.
Mit einem Male fühlte sich Kurioshi äußerst klein und nichtig und eine tiefe Verzweiflung ergriff von ihm Besitz. Es war ihm nach Weinen zumute, wäre er zu solch starker Gefühlsäußerung zumute. Langsam ging er durch sein zerstörtes Heim. Leicht fuhr er mit den Fingerspitzen über die Möbel, Regale, sein Alchemielabor. Staub wirbelte auf, ein paar Mäuse huschten quiekend davon.
Dann ballte er die Hand zur Faust. Er sollte sich nicht so gehen lassen! Er war immer noch Kurioshi, ein Assassine von Beruf und, da er nach so vielen Jahren immer noch am Leben war, bei weitem nicht der schlechteste. Noch nie hatte er sich so zu Bode ziehen lassen wie nun! Er sah doch nur ein wenig Staub und Dreck, nichts, das nicht wieder behoben werden konnte.
Er hielt inne. Vielleicht aber sollte er alles so belassen, wie es war, überlegte er. Auf seinem Rückweg von Burg Volkihar hatte er stets darüber nachgedacht, was er nun tun sollte und mittlerweile hatte sich der Gedanke immer mehr gefestigt, Skyrim zu verlassen. Hier gab es nichts mehr, das ihn hielt, der Zustand seines kleinen Heimes zeigte es ihm. Sollte Dovahkiin jemals herausfinden, dass er hier gewohnt hatte und sollte er zu diesem Ort kommen, würde er hoffentlich denken, dass Kurioshi schon längst über alle Berge war.
Während er so durch seine kleine Hütte ging, bemerkte er plötzlich das Knirschen von Papier unter seinem Fuß. Erstaunt sah er zu Boden und fand unter seinem Weichlederschuh einen kleinen Zettel. In krakliger, ungeübter Schrift stand dort eine Nachricht, die Kurioshi zunächst kaum entziffern konnte.
„Wo bist du?", stand dort. Mehr nicht.
Plötzlich war seine Kehle eng. Wenn er so etwas wie einen Freund hatte, dann war es wohl Ri'jadiir. Er war ein Khajiit aus Weißlauf, ein gewöhnlicher Straßendieb, doch mit guten Kontakten, die er immer wieder für Kurioshi nutzte, um für diesen Aufträge an Land zu ziehen – und um ihn schon aus so manchem Schlamassel zu retten.
Manchmal fragte sich Kurioshi selbst, warum ausgerechnet ein Khajiit bei ihm nicht den Drang auslöste ihn zu töten. Es musste am katzenhaften Verhalten dieser Rasse liegen, war seine Vermutung, zumal Ri'jadiir da ein wahres Musterexemplar war.
Vielleicht sollte er zumindest Ri'jadiir einen Besuch abstatten, bevor er Skyrim endgültig den Rücken zukehrte.
