A/N: Hallo ihr Lieben! Mit einiger Verspätung hier das neue Kapitel. Ich muss allerdings gleich hinter herschieben, dass ich aufgrund von gefühlt meterhohen Stapeln auf meinem Schreibtisch nicht dazu kommen werde, besonders schnell wieder zu updaten. Als Entschuldigung dafür ein etwas längeres Kapitel, dass zudem „as kitsch as possible" für diese Geschichte ist –als Vorwarnung für alle, denen die Schmetterlinge bisher schon zu rosa waren. Bald stehen allerdings die Arena und die eigentlichen Spiele an, und das es da keine Zeit für irgendetwas Kitschiges gibt, wissen wir ja alle nur zu gut… von daher: Viel Spaß beim Lesen!
VI
Sie stehen im verdeckten Teil des Stadions. 24 Tribute, 24 Pferde, 12 Wagen. (Nur ein Sieger.)
Während seine Stylistin zum wiederholten Male an seinem goldenen Kostüm herumzupft – römische Gladiatoren, was könnte sie jemals besser beschreiben? – beobachtet er 12, die nur wenige Meter von ihm entfernt steht. Ihr Kostüm ist pechschwarz und er braucht nicht lange, um sie einzuordnen (zwar recht groß, aber nicht besonders kräftig und auch wenn ihr Blick, als sie ihn anschaut, eiskalt ist, wird sie wohl kein Problem darstellen, das tun die Tribute aus 12 schließlich nie).
„Ich kann sie nicht leiden."
„Wen? 12?", fragt er, bevor er seinen Blick abwendet und sich zu Clove umdreht.
„12?" Sie sieht ihn verständnislos an. „Nein, ich meine Glimmer."
Er kann den Namen nicht einsortieren (sie sind höchstens Nummern auf seiner Liste), also deutet sie mit der Hand auf den Wagen, der vor ihnen steht. „Distrikt 1. Du weißt schon, blonde Löckchen, piepsige Stimme, falsches Lächeln."
(Er erwidert nicht, dass ihr eigenes Lächeln meist genauso falsch ist, denn es macht wohl einen Unterschied, ob man Wärme oder ob man Kälte vortäuscht.)
Er sieht zu dem Mädchen herüber.
„Und du magst sie nicht, weil sie blonde Locken hat?"
Ihre Augen werden schmal. „Ich mag nicht, wie sie sich so an dich ranmacht. Das ist doch alles nur Taktik."
„Tatsächlich?" Er will ihr sagen, dass ihnen dieser Umstand in der Arena nur nützlich sein kann, aber dann trifft er plötzlich auf den Blick von dem anderen Tribut aus 1, der vorher noch mit seinen Augen an Clove gehangen hat. „Immerhin sind wir dann zu zweit." Er schweigt. „Mir gefällt nämlich nicht, wie er dich anschaut."
(Aber dass er das Gefühl hat, dies wiederum sei nicht nur Taktik, fügt er nicht hinzu.)
…
Sie stehen sich in einem fast geschlossenen Kreis gegenüber. (In weniger als drei Wochen werden 23 von ihnen nicht mehr stehen.)
Es ist die erste Einheit. Die erste und die einzige Chance, von Anfang an zu zeigen, wer die Spiele gewinnen wird.
Er gibt noch nicht einmal vor, den Anweisungen der Trainer zuzuhören. Sie können ihm nichts erzählen, was ihm in den Jahren in Distrikt 2 nicht schon beigebracht worden wäre.
Stattdessen beobachtet er die anderen Tribute. (Gegner. Opfer.) Da er aus eigener Erfahrung weiß, was hinter kleinen, unscheinbaren Personen stecken kann, fällt er kein Urteil. Ohne zu wissen, wie sie rennen, wie sie denken, wie sie kämpfen, sehen sie für ihn alle nach leichter Beute aus.
Heißes, pulsierendes Blut strömt endlich wieder durch seinen Körper, als er schließlich ein Schwert in den Händen hält. Er weiß, dass alle Augen auf ihn gerichtet sind (auch, wenn sie vorgeben, etwas anderes zu tun), und es ist fast, als würden 23 Tribute den Atem anhalten, als er in weniger als einem Wimpernschlag mehrere Trainingsdummies enthauptet, ersticht, tötet. (Keiner wagt, im Angesicht des Todes zu atmen.)
Er hört das leise, unterdrückte, verängstigte Gemurmel aus verschiedenen Ecken des großen Raumes und weiß, dass allen klar sein dürfte, wer die Hungerspiele gewinnen wird.
…
Es macht ihm Spaß, ihr im Training zuzuschauen. Ihre Bewegungen sind geschmeidig und es sieht so mühelos aus, wenn sie ihre Messer wirft und jedes sein Ziel trifft. Ihre Gesten sind kurz, hart, mörderisch. Es ist einfach, auf den Gesichtern der anderen Tribute das Erstaunen, die Bewunderung, die Angst abzulesen.
Sie sieht nicht danach aus, doch wenn man sie erst einmal beim Kämpfen erlebt, hat gegen ihre Messer niemand eine Chance.
Würde er sie nicht kennen, würde er auf sie wetten.
(Doch er kennt sie. Kennt sie und weiß, dass jemand, der das Töten nicht gut verkraftet, nur selbst getötet wird. Weiß, dass jemand, der nicht vor dem Tod fliehen kann, zu schnell von ihm eingeholt wird. Weiß, dass sie keine Chance in der Arena hat.)
…
Wären nicht die anderen Tribute, würden ihn die gemeinsamen Trainingseinheiten langweilen. Die Halle, in der sie Tag für Tag versammelt sind, ist modern und funktional, aber lässt die Professionalität vermissen, die er aus dem Trainingszentrum in Distrikt 2 gewöhnt ist. (Er hätte mehr von dem großen, strahlenden Kapitol erwartet, das alle anbeten.)
Die beiden aus 1 stehen am anderen Ende des Raums. Äußerlich spielen sie nur ein wenig mit Speer und Degen herum, aber an der Art, wie sie die Waffen halten, wie sie sich mit ihnen bewegen, wie sie mit ihnen in einer Bewegung verschmelzen, ist ihm klar, dass sie gut mit ihnen umgehen können, lange Erfahrung im Training damit haben. Trotzdem belustigt ihn die zur Schau gestellte Unsicherheit – als ob auch nur eine Person glauben würde, Distrikt 1 schicke zwei Tribute, die nicht jahrelang an ihrer Waffe spezialisiert worden wären.
(Gefährlich, tödlich, verschlagen. Er setzt sie nach ganz oben auf seine Liste.)
Die weibliche 4 scheint mit Netz und Dreizack umgehen zu können, vielleicht könnte sie ihnen hilfreich sein. Er lässt seinen Blick schweifen, über einzelne Trainingsstationen, einzelne Tribute hinweg. 6, 7, 8, 9, 10 und 12 dürften keine Probleme darstellen, sie schaffen es noch nicht einmal, eine Wand hochzuklettern, geschweige denn mit einer Waffe umzugehen. (Leichte Arbeit für sein Schwert).
Er beobachtet, wie der männliche 11 sich an den an der Decke montierten Stangen entlang hangelt. Groß, kräftig, hart. Überlebenswillen, er kann ihn fast aus seinen Augen ablesen. Er könnte gefährlich werden. (Schnell töten oder stets im Auge behalten.)
3 und 5 sind nicht anwesend. Schwächlinge. (Als ob die Verstecken-Taktik aufgehen würde.)
Vor Verlassen der Halle wirft er einen letzten Blick auf die beiden aus 1. (Je eher er sie tötet, desto leichter wird der Weg nach draußen. Und desto eher ist er ihr dümmliches Grinsen los.)
Dann suchen seine Augen die von Clove und gemeinsam machen sie sich auf den Weg in ihre Penthouse.
…
Es ist dunkel.
Er schaut sich um, kann aber die Umgebung um ihn herum nicht ausmachen. (Was ist das?) Dunkel. Moos, Erde, ein paar Steine. (Wald?) Doch gerade, als sein Blick schärfer wird, verschwimmen die Umrisse wieder vor seinen Augen, formen sich neu. (Wo ist oben, wo unten? Sein Kopf dröhnt, sein Blick dreht, kreist. Schwindel.)
Feine Körner. (Sand?) Er schwankt. Stolpert, findet Halt an einem Baum. (Wald.) Es ist heiß.
Wie ist er hier gelandet?
(Wo zur Hölle ist er?)
Es ist zu ruhig. Warum gibt er keine verdammten Geräusche? Wenn Vögel und Wind verstummen, hat das immer nur eine Bedeutung in seiner Welt.
(Tod, Unheil, Leiden.)
Schweiß tropft an seinem Gesicht herunter. Er schließt die Augen, öffnet sie wieder. Alles dreht sich. Er konzentriert sich, um ein klares Bild zu bekommen. Umrisse von – Bäumen? Sie bewegen sich. Menschen? Gegner?
(Wo ist sein Schwert?)
Er versucht, einen Schritt vorwärts zu machen, doch der Boden schwindet unter ihm. Er stolpert.
(Es ist so heiß.)
Er muss hier raus.
Das Bild vor seinen Augen verschwimmt.
„Cato!"
(Ihr verzweifelter Schrei tönt in seinem Kopf nach und nach und nach, und plötzlich ist das Bild vor seinen Augen scharf, die Welt klar, sein Blick fest.)
„Cato!"
Das Schwert ist in seiner Hand und er rennt. (Er hört sein eigenes Blut rauschen.) Rennt und folgt ihrem Schrei, als würde sein Leben davon abhängen.
(Er begreift zu spät, dass es das tut.)
Er erreicht eine Lichtung, lässt den Wald hinter sich. Sieht ihren Körper leblos am Boden liegen.
(Tot. Tot. Tot.)
Die andere Person flüchtet vor ihm in den Wald. (Was bringt ihm der Tod, wenn sie nicht mehr ist?)
Bevor er sie erreicht (das ebenholzfarbene Haar auf dem grünen, weichen Gras), weiß er, dass es das Ende ist.
Er sinkt neben ihr auf die Knie. (Möchte sie anflehen, bei ihm zu bleiben.)
(Zu spät.)
…
„Cato!" Ihre Stimme. „Cato!"
(Er hört sein eigenes Blut rauschen. Wieder? Immer noch?)
Es ist dunkel.
Sein Gesicht ist mit kaltem Schweiß bedeckt.
„Cato." Jetzt ist ihre Stimme ganz nah, ganz weich, ohne den Klang des Todes. Er dreht sich zur Seite. Sie sitzt auf dem Rand des Bettes, ihre Haare fallen offen und weich über den Rand seines Pyjamaoberteils, welches sie zum Schlafen trägt. (Sie lebt. Sie lebt.)
Sie streckt eine Hand nach ihm aus und fährt ihm vorsichtig durch die Haare. „Du hast geträumt."
Für einen Moment starrt er sie wortlos an. (Ein Traum.) Seine Gedanken drehen sich im Kreis. (Der Wald. Sie. Das weiche, grüne Gras. Tot.)
Dann zieht er sie an sich, hört ihr Herz an seinem schlagen. (Ein Traum.) Das regelmäßige, stetige Pochen ihres Herzens beruhigt ihn, genauso wie es ihre Finger tun, die in seinem Nacken langsame Kreise ziehen. Er traut seiner Stimme nicht, will sie nicht loslassen, weil er nicht weiß, was Traum und was Realität ist und fürchtet, gleich auf einer Waldlichtung neben ihrem leblosen Körper aufzuwachen.
Sie lehnt den Kopf an seine Schulter. „Möchtest du darüber reden?"
Er atmet tief durch und schüttelt den Kopf. „Nein."
(Welchen Nutzen hätte es, ihr ihren eigenen Tod zu schildern?)
Er kann mehr fühlen als sehen oder rational erklären, wie sie sich minimal verspannt. Eine ganz kleine Bewegung, die sie innerlich von ihm abrücken lässt.
Minuten der Stille. „Weshalb konntest du nicht schlafen?" Seine Stimme ist wieder fest. (Es war nur ein Traum. Nur ein Traum.)
„Ich musste nachdenken."
„Über was?"
Sie zuckt mit den Schultern. „Über alles. Die anderen. Die Arena. Die Spiele." Sie blickt zu ihm auf. „Über uns."
Uns. Er lässt das Wort vorsichtig in seinem Kopf hin und her rollen. Der Klang ist ungewohnt, aber warm, freundlich, verheißungsvoll, beruhigend. (Zum Scheitern verurteilt.)
„Und, zu was für einem Ergebnis bist du gekommen?"
Ihre Augen sind groß und schwarz wie die Nacht. Sie scheint zu überlegen.
„Ich habe Angst." Ihre Stimme ist leise, als traue sie sich nicht, es auszusprechen. (Weil es dann Wahrheit wird.)
Er zieht sie für einen kurzen Moment näher an sich, dann beugt er sich zu ihr herunter und küsst sie. Ihre Lippen sind weich und warm, doch er kann die Angst, die Verzweiflung bittersüß schmecken.
(Ich habe auch Angst, scheint sein Kopf zu schreien. Um dich.)
„Versprich mir, dass du in der Arena immer an meiner Seite bleibst." Er hat ihr Gesicht mit seinen Händen umfasst. Versucht, es sich einzuprägen, als wäre es das letzte Mal.
Sie unternimmt einen kläglichen Versuch, ihn aufmunternd anzulächeln. „Klar. Oder hast du geglaubt, ich mache meine eigene Karriereallianz auf?"
Er schüttelt nur den Kopf, seine Stimme ist bar jeder Emotion. „Ich meine es ernst. Egal was passiert, du musst in meiner Nähe bleiben." Er will sich von ihr lösen, zu der kühlen Glasfront, die das Kapitol überblickt, doch etwas hallt in seinem Kopf nach. Uns.
Statt aufzustehen wendet er sich ihr wieder zu und lässt seine Finger langsam über ihre feinen Gesichtszüge wandern, vergräbt eine Hand in ihrem Haar, lässt die andere an ihrer Wange liegen, während seine Augen ihre suchen, unsicher.
„Ich sehe dich sterben. Jedes Mal, immer wieder. Ich muss dabei zusehen und kann nichts dagegen tun." Seine Stimme klingt eindringlich. „Du musst mir versprechen, in der Arena keinen Schritt von meiner Seite zu weichen."
Sie blickt ihn an, für einen Moment, wortlos. Dann, langsam, hebt sie ihre Hand und legt sie in einer simultanen Geste an seine Wange, während sie sich vorbeugt und erst kurz bevor sich ihre Lippen treffen innehält.
„Ich verspreche es."
Es ist mehr als dieses eine Versprechen, als sich ihre Lippen treffen, vereinigen, hungrig, verzweifelt, verloren, wie sie, aneinander gepresst, wieder auf das Bett fallen.
In seinem Kopf hallt noch immer das gleiche Wort nach.
(Uns.)
So warm, so sicher, so beruhigend.
(Und doch steht ihm nur Tod, Leiden, Verzweiflung bevor.)
