Kapitel 7
Eben war Marlon noch ganz damit beschäftigt den Schock zu überwinden, das er trotz eines ihm ins Herz gerammten riesigen Messers - welches dann von einem weiteren langhaarigen Kerl wieder aus seiner Brust herausgezogen worden war – noch lebte, als er spürte das Etwas plötzlich in ihm war, das dort so ganz und gar nicht hingehörte. Entsetzen ergriff von ihm Besitz, denn simple Furcht wäre für das, was Marlon in diesem Moment empfand viel zu simpel gewesen. Denn gefürchtet hatte er sich schon zuvor. Nein, was er nun fühlte, war weit essentieller. Es war etwas, das sich in den Kern seines ureigenen Selbst hinein zu bohren versuchte. Nach ihm grif und an ihm zog, wie … bleiche Fratzen deren unirdische Kälte Marlon jedweden positiven Gedanken, jedes Gefühl von Glück, sei es nun real oder nur geträumt, aus ihm heraussaugten. Ihm diese Dinge nicht nahmen, nein, sondern nur umso bewusster machten, das er diese niemals wirklich besessen hatte. Ihm zeigten, was er verloren hatte, noch bevor er es tatsächlich bewusst hatte erfassen können, das er jemals geliebt worden war und ihm dadurch, indem sie ihm diese Erkenntnis ließen, statt sie ihm zu rauben, nur umso qualvoller zurückließen. Waren sie etwa erneut gekommen, um zu Ende zu bringen was sie begonnen hatten? Nein … Marlon glaubte es nicht. Denn das wäre eine Gnade gewesen. Eine wie der weißblonde Mann sie ihm hatte erweisen wollen, indem er ihn erstach. Nur das auch dies nicht funktioniert hatte.
Ob nun durch das Ding in seinem Kopf verursacht, oder durch seinen eigenen Willen hervorgezerrte Erinnerungen überfluteten Marloln. An sein Leben auf der Straße, nachdem er aus dem Weisenhaus kurz vor seinem Elften Geburtstag forgelaufen war. Weil ein Lebenauf der Straße ihm als so viel leichter erschien und tatsächlich war es dies in gewisser Weise auch tatsächlich so gewesen. Auf der Straße konnte er immerhin fortlaufen, wenn man ihm wehtun wollte. Auch wenn das Leben alles andere als einfach war und er oft vor Hunger und Kälte überlegt hatte, nicht doch wieder zurück zu kehren, hatte er dort überlebt. Sein Leben hatte sich kaum vier Monate nachdem er auf der Straße gelandet war dann auch tatsächlich verbessert, nachdem er sich einer der Straßengangs angeschlossen hatte. Sicher Freunde hatte er dort nicht wirklich gefunden, dafür hing alles zu sehr davon ab sich immer wieder aufs neue beweisen zu müssen. Mit anfangs kleinen und später immer größer werdenden Diebstähle, oder auch sonstigen Gaunereien und besonders weit war Marlon auch nie in der Hierarchie Town-Wolves – so der Name seiner Gang- aufgesteigen, hatte er sich doch stets aus den wirklich brutalen Machenschaften herausgehalten. Dennoch war es ein weit besseres Leben als er es ihm Waisenhaus zuvor gehabt hatte. Zumindest bis er das erste Mal erwischt worden war. Und ins Jungendgefängnis verfrachtet wurde.
Zuerst waren es nur Wochenendarreste gewesen, die Marlon sogar als recht angenehm empfunden hatte. So warm und bequem konnte er schließlich in den wechselnden Abbruchhäusern die seine Gang als Unterschluf nutzte nie schlafen und von dem Essen nun … nicht einmal in dem Waisenhaus hatten sie so regelmäßige Mahlzeiten erhalten, die dazu auch noch warm gewesen waren und trotz gegenteiliger Kommentare vieler seiner Mitgefangenen Marlon mehr als nur gut schmeckten. Marlon begann diese Sicherheit die ihm eine solche Regelmäßigkeit gab sogar absichtlich herbeizuführen, indem er dort klaute, wo er wusste das man ihn erwischen würde. Ja er sogar provozierte von der Polizei geschnappt zu werden. So vergingen die nächsten drei Jahre bis er vierzehn wurde und dann plötzlich nicht mehr Wochenendarrest vom Richter verhängt wurde, sondern er für sechs Monate in eine Jungendhaftbesserungsanstalt eingewiesen wurde. Ein Ort an dem Marlon lernte, das sich selbst ohne körperliche Gewalt durchs Leben zu schlagen für ihn nun nicht mehr möglich war. Wo das Waisenhaus versagt und die Gang es drei Jahre vergeblich versucht hatten Marlon zu einem brutalen, gewissenlosen Gewalttäter zu machen, hatte die Jugendbesserungsanstalt durchschlagenden Erfolg. Zumindest was die Brutalität betraf. Denn dort lernte Marlon schnell das sich heraushalten nicht funktionierte, wollte man nicht jede Nacht von einem anderen verprügelt oder vergewaltigt werden. Sich nicht zu wehren, sich herauszuhalten hatte dort nur eines zur Folge. Das Opfer zu sein. Und kein Mensch, egal wie sehr er Gewalt auch verabscheute, konnte auf immer nur das Opfer sein. Nicht wenn einem daran gelegen war zu überleben. Als es bei Marlon schließlich so weit war und er sich nach Monaten der Qual an einem seiner schlimmsten Peiniger zu Wehr setzte, geschah das Undenkbare. Marlon wurde zum Mörder.
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TBC
