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Kapitel 7

Die Kummerfalten auf Bobbys Stirn ließen die ohnehin angespannte Stimmung der Brüder nicht gerade abflauen. Mit etwas Derartigem hatte sie noch nie zu tun gehabt und diese Unsicherheit heftete sich an ihre Gefühle wie ein schwarzes Tuch. Sam schaute mit besorgtem Gesicht auf Bobby.
Die rauf gezogenen Augenbrauen unterstrichen seinen fordernden Blick. Dean spielte scheinbar in sich versunken, grübelnd mit einer der Pappschachteln auf dem Tisch obwohl er keinen Augenblick den Alten aus den Augen ließ.

Bobby setzte sich seufzend zurück auf das Bett. Die alte Matratze gab sofort dem Gewicht des alten Jägers nach und zog ihn fast in die Tiefe. Schnaufend kämpfte er wild mit den Armen rudernd um sein Gleichgewicht und stellte dabei fest dass die stundenlange Fahrt seine Gelenke ziemlich beansprucht hatte.

Die Luft tief durch seine Nase einsaugend versuchte Bobby, nach dem er sich wieder gefangen hatte, einen geeigneten Einstieg zu finden. Die Brüder hatten den Eindruck als wisse der Alte nicht so recht wie er beginnen sollte.
Auf Deans Stirn zeigte sich eine steile Falte der Besorgnis als er den Alten mit fast zusammen gekniffenen Augen beobachtete. Bobbys anscheinende Erklärungsnot beunruhigte ihn zusehends. Schließlich richtete er sich auf um mit geöffneten Armen Bobby zu drängen endlich dieses erdrückende Schweigen zu beenden.

„Also Jungs" begann der alte Jäger schnaufend. „Nach euren Informationen haben wir es hier aller Wahrscheinlichkeit nach mit einem äußerst gefährlichen Druckgeist zu tun." Abrupt beendete er den Satz indem er die Lippen zusammenpresste.
„Druckgeist" Sams schaute ihn ungläubig an.
„Was zum Henker ist denn ein Druckgeist?" Dean richtete sich weiter auf – sorgsam darauf bedacht den alten Stuhl der ihn trug nicht wieder übermäßig zu strapazieren.

„Nachdem was ihr mir erzählt habt tippe ich mal auf einen Aufhocker" sagte Bobby, der selbstverständlich diese Reaktion erwartet hatte.

„Aufhocker? – hab ich noch nie was von gehört" fiel ihm Dean ins Wort. Gleichzeitig wandte er sich an Sam. „Steht was zum Thema in Johns Tagebuch?" fragte er den Jüngsten.
Sam war aufgestanden und kramte im Schubfach seines Nachttisches. Er ergriff das Tagebuch und blätterte hektisch durch die eng beschriebenen Seiten. Seine Augen flogen über die Texte in der Hoffnung noch etwas zu entdecken, obwohl er die Zeilen Seite für Seite fast schon auswendig kannte.
„Hier steht auch nichts drin" seufzte er nach dem er das Buch wieder geschlossen hatte.
„Wie kommst du darauf" fragte er neugierig die Augen auf den Alten gebannt, dabei warf er das Buch achtlos auf eines der Betten.

Bobby holte erneut tief Luft um fort zu fahren. „Die Indizien verraten es mir. Obwohl ich noch nie von einem wirklichen Fall gehört habe" Bobby Stimme klang als könnte er seinen eigenen Worten nicht glauben.
„Ein Aufhocker ist ein koboldähnliches Geschöpf. Typische Spukorte wie Bäche, Brücken, Seen, Wälder, Wegkreuzungen, Kirchhöfe und Mord- oder Richtstätten sind die übliche Stelle für eine Begegnung mit dem Aufhocker, die für den Wanderer körperliche und seelische Krankheiten zur Folge haben. Er springt Wanderern, die nachts noch unterwegs sind, auf die Schultern oder auf den Rücken. Dann ernährt er sich von der Lebensenergie des Opfers und wird außerdem mit der Zeit immer schwerer." Während Bobby berichtete schweifte sein Blick über die alte Blumentapete.

„Bis den Opfern nach einer gewissen Zeit durch die Last die Knochen brechen" stellte Dean kopfnickend fest. „Kein Wunder dass sie so ausgelaugt aussahen" fügte er hinzu und schaute bestätigend auf den alten Jäger.

Sam nahm seinen Laptop vom Bett und bewegte sich wieder zum Tisch. Mit einem Wisch schob er den Papiermüll bei Seite um sich etwas Platz zu verschaffen. Nachdem der Monitor flimmerte flogen seine Finger über die Tastatur. Mit Bobbys Tipp fiel es ihm leicht nach weiteren Informationen zu suchen.

„Ja eure Schilderungen stimmen mit meinen Informationen fast überein" erklärte Bobby: „Wenn die Opfer angesprungen werden geraten sie oft durch die Wucht des Aufpralls ins Stolpern"
Seine Hände fuhren wieder kraulend durch seinen Bart während sich auf seiner Stirn Grübelfältchen zeigten. „Ich habe allerdings noch nie gelesen dass sie ihre Opfer töten. Sie verwirren die Sinne ihrer Opfer so dass sie wie in einem Alptraum gefangen sind" seine Stimme verriet deutlich seine Besorgnis.

„Möglicherweise ist dieser hier besonders hungrig" in Deans Augen war offensichtlich die Erklärungsnot für diesen merkwürdigen Umstand zu erkennen. Er hob ratlos etwas seine Schulter und fixierte Bobby.

Beide sahen nun auf Sam der fast mit dem Monitor seines Laptops zu verschmelzen schien. Seine schmalen Augenbrauen hatten sich zusammen geschoben. Unter ihnen folgten blaugraue Augen den wieselflinken Fingern, die auf der Tastatur tanzten.
„Die modernen Sagen bestätigen deine Aussage Bobby" nuschelte der Jüngste in sein Laptop weiterhin die Tastatur und Mouse traktierend.
Endlich erhob sich Sams brauner Wuschelkopf hinter seinem Monitor. Der triumphierende Ausdruck in seinen Augen verriet, dass er fündig geworden war.

„Aber … ! "
Sam holte bedeutungsvoll Luft und seine Stimme bekam wieder diesen neunmalklugen Singsang-Ton.
„Die ältesten Berichte über Aufhocker sprechen eindeutig von aufhockenden Leichen und nicht von Kobolden.
Im Gegensatz zum Nachzehrer, der sein Grab nicht verlassen musste, wenn er den Lebenden Schaden zufügen wollte, stiegen andere Untote ähnlich den Vampiren heraus und raubten den Menschen die Lebenskraft."
Sams Augen wendeten sich wieder auf den Laptop. Er klickte weiter mit der Mouse um sich durch den Text zu scrollen.

Bobby und Dean blickten erwartungsvoll auf Sam.

„Jetzt kommt's"
Sam erhob erneut seinen Kopf – seine Augen öffneten sich noch weiter und schoben die Brauen in die Höhe als er die Jäger ansah. Dabei lehnte er seinen Rücken erleichtert gegen die ächzende Lehne des Stuhles.

„Im Westen Deutschlands verschmilzt der Aufhocker mit dem Werwolf zum Stüpp, einem gefährlichen Unhold, der den Menschen anspringt und sich so lange herumtragen lässt, bis das Opfer an Entkräftung stirbt." Seine Hände schlugen freudig über diese Spur auf seine Oberschenkel.
„Also kann die Heimsuchung doch tödlich enden". Sein letzter Satz hatte was von einem Lehrer.

Bobby sah Dean an der verächtlich seinen Kopf senkte.

Der Ältere fuhr sich mit den Fingern verärgert durch die dunkelblonden kurzen Stoppeln, holte tief Luft und erwiderte genervt „Was ist denn das für ein beschissener Geist! Eine Mischung aus Zombi, Vampyr und Werwolf mit einer Prise Succubus? „Wie kann man ihn töten?" entschlossen warf er die wichtigste Frage in den Raum. „Es ist einfach unglaublich" murrte er anschließend kopfschüttelnd. „Jetzt müssen wir uns auch noch mit deutschen Legenden rumplagen!"

Über Sam Gesicht huschte ein Grinsen. „Ja Bruderherz – Geister kennen wohl keine Grenzen! Vermutlich wurde er von Einwanderern importiert." Seufzend wandte er sich wieder den Informationen aus den Weiten des Internets zu und begann weiter zu lesen: „Der Aufhocker bleibt auf dem Wanderer sitzen, bis dieser durch das herauf brechende Licht, ein Gebet oder Glockenläuten von ihm erlöst wird."

„Die Glocke des Milchwagens" flüsterte Dean und sah Bobby an. Dieser nickte bestätigend.

„Heißt das jetzt dass er weg ist?"

Bobby wollte etwas sagen doch Sam fiel ihm ins Wort.

„Das glaube ich nicht - Dean!" seine Stimme klang leise „Die Glocke hat ihn nur verscheucht. Er wird wieder angreifen."

Dean stand von seinem Platz auf. Er sah seinen Bruder an: „Dann ist er noch in Amelias Wohnung?"
„Und er wartet auf das nächste Opfer" vollendete Sam die Aussage seines Bruders.

„Steht da nun wie man dieses Ding erledigt oder nicht?" fragte Dean ungeduldig. Nach einer kurzen Besinnungspause wandte er sich etwas verlegen an Sam: „Kleiner – ich habe dir wohl unrecht getan" er lächelte den Jüngeren versöhnlich an. „Offensichtlich war der Küchenjunge doch schwere als er aussah."
Sam öffnete seinen Mund – schließlich schluckte seinen Kommentar aber runter. Dann hob er abweisend seine Hand und wendete sich lächelnd wieder seiner Recherche zu. „Ist schon ok" murmelte er. Nach einer Weile trafen seine Augen fragend auf Bobby. „Hier steht nicht wie man ihn erledigt. Hast du eine Ahnung Bobby?"

Bobby blickte entmutigt an die Zimmerdecke.
„Das genau ist unser Problem! Man kann ihn nur vertreiben aber nicht töten! Jungs ihr habt wahnsinniges Glück gehabt. Wenn der Mistkerl erst mal auf einem hockt … lässt er sich nicht mehr so einfach durch Glockenläuten vertreiben – dann ist er praktisch unverwundbar und kann sich sogar von Angriffen regenerieren. Sehr zum Schaden der armen Opfer"

Bobbys Gesicht sprach Bände. „solange wir nicht wissen wie wir ihn erledigen können, müsst ihr verhindern dass jemand diese Wohnung betritt."

„Wie sollen wir das anstellen? Das ist ein Tatort – also wird die Polizei längst da gewesen sein." Sams Reaktion war vorwurfsvoll.
„Dann wird es unterdessen wieder jemanden erwischt haben!" stellt Dean ärgerlich fest.

*** *** ***

Dieser Fall war wirklich mehr als unheimlich. In seiner gesamten Dienstzeit war ihm etwas derartiges noch nicht untergekommen. Detektiv Mike Miller kniff die Augen zusammen und kräuselte die Stirn als das entgegenkommende aufgeblendete Licht ihm die Sicht auf die Fahrbahn nahm. Nach wenigen Sekunden war der nervende gleißende Strahl vorbeigesaust. Mit fast hypnotisierender Wirkung zogen die gelben Begrenzungsstreifen der Straße wieder gleichmäßig, reflektiert vom Licht der Scheinwerfer seines Autos an ihm vorbei.

Drei grausame Todesfälle in drei Tagen und noch immer keinen Anhaltspunkt wer der Täter war und wie die Leichen derart schrecklich zugerichtet werden konnten. Es schien fast als würde sich das Sterben ausbreiten wie eine Virusinfektion.
Ein Seufzen kam über Millers Lippen als er einen Gang runter schaltete. Langsam nahm die Steigung der Straße zu was ihm sagte dass er bald am Ziel sein würde. „Noch eine Stunde" dachte er und wischte sich mit der Handfläche über sein Gesicht. Die aufkommende Dunkelheit schien seine Müdigkeit noch erheblich zu fördern.

Am liebsten hätte er den Fall jetzt nicht aus der Hand gegeben. Aber er hatte schon vor Wochen seinen längst überfälligen Urlaub eingereicht und sein Chef bestand nun darauf dass dieser auch eingehalten wurde. Wenn Mike ehrlich zu sich selbst war hatte er einige Tage Auszeit auch wirklich nötig. Mit Sicherheit würde ihm die frische Luft am See gut tun und ein freier Kopf war bei den Ermittlungsarbeiten ja auch von Vorteil.

Mike Miller war auf dem Weg in die Berge um einige freie Tage in einer Blockhütte und am See zu verbringen. Der Kofferraum seines Wagens war mit wenigen Lebensmittelvorräten, Bekleidungstücken sowie einer beeindruckenden Anglerausrüstung bestückt.

Das Knirschen unter den Rädern seins Autos verriet ihm das sich die asphaltierte Landstraße langsam in einen mehr oder weniger schmalen Pfad verwandelt hatte der sich in engen Kurven durch das Dickicht des alten Waldes bergauf schlängelte. Der Detektiv umklammerte fest das Lenkrad und sein Blick war konzentriert auf die Straße gerichtet deren Konturen mehr und mehr von wucherndem Grün verschlungen wurde. Ausladende Zweige klatschten immer öfter gegen die Windschutzscheibe des Wagens und glitten geräuschvoll an den Seiten entlang. Der unbefestigte Fahrbahnbelag ließ die Räder des Autos ins Rutschen kommen. Miller verlangsamte seine Fahrt unter dem dunklen Schatten der Bäume. Das gleichmäßige Tuckern des Motors zerschnitt die nächtliche Stille der Wildnis.

Endlich lichteten sich die Büsche rechts und links des Weges und zwischen den Stämmen der Baumriesen schimmerte, erhellt durch das Mondlicht, die Oberfläche des Sees bewegungslos wie ein gigantischer Spiegel. Nicht weit vom Ufer konnte Mike bereits die Umrisse der alten Blockhütte sehen. Fast lautlos glitt der Wagen langsam aus dem Schatten des Waldes und rollte gemächlich auf einer Wiese vor der Hütte aus.

Als Mike die Autotür öffnete schlug ihm ein anregender, frischer Duft von Wasser, Moos und Erde entgegen. Er holte tief Luft und seine Lungen füllten sich mit dem belebenden kühlen Atem des Waldes.

Entschlossen ging Miller zum Kofferraum und begann unverzüglich sein sparsames Gepäck ins Haus zu tragen. Der feuchte moosige Untergrund verschluckte vollends die Geräusche seiner Schritte.

Eine gute Stunde später saß er zufrieden in seinem Lieblinkssessel und sah Gedankenversunken in die kleinen knisternden Flammen des Kamins. Er genoss den würzig harzigen Geruch den die Wände der Blockhütte auch noch nach Jahrzehnten ausdünsteten.

Sein friedlicher Gesichtsausdruck wurde nur hin und wieder von einem Schatten verdunkelt. Es war immer dann wenn er an diese Mordserie dachte.
Wieder hatte er dieses schreckliche Bild vor Augen. Eine junge Krankenschwester lag tot am Boden. Ihr Körper war fast mumifiziert als läge sie schon ewig unbemerkt in ihrer Wohnung und doch hatte er die Information dass diese Schwester noch am Vortag in der Klinik gearbeitet hatte. In der gleichen Klinik wie Opfer Nummer zwei – der Küchenjunge. Da musste es doch einen Zusammenhang geben.
Im Wohnzimmer der Frau gab es deutliche Spuren eines heftigen Kampfes. Leider konnten die ermittelnden Beamten keinen einzigen verwertbaren Finger- oder Fußabdruck finden.
Er selbst war einer der Ersten gewesen die den Tatort auf Grund eines anonymen Hinweises in Augenschein genommen hatten.

Kräftig streckte er seinen müden Körper und schlug die Hände über den Kopf zusammen. Nach einem kurzen schmerzhaften Zucken huschte ein leises Stöhnen über seine Lippen. Er musste sich wohl doch etwas die Schulter verrenkt haben als er ungeschickt über die Schwelle der Wohnzimmertür des Opfers gestolpert war.

*** *** ***

Mürrisch warf Dean die Waffentasche in den Kofferraum des Impalas. „Und du meinst wirklich wir müssen jetzt rauf in die Berge zu dieser Blockhütte?"

„Ich habe alle Personen überprüft die bei den Ermittlungen dabei waren" antworte Sam genervt. „Alle sind heute Morgen wohl behalten auf Arbeit erschienen. Niemand klagte über Müdigkeit, Ohrensausen oder Rückenschmerzen Dean! Detektiv Miller ist der einzige den ich noch nicht überprüfen konnte da er laut Angaben seines Chefs für einige Tage zum Fischen gefahren ist."

„Vielleicht ist dieser Aufhocker ja auch verschwunden?" Deans Stimme klang nicht sehr überzeugt. Er sah über seine Schulter zu Bobby der hinter den beiden Jägern stand. „In Amelias Wohnung war er jedenfalls nicht mehr!" Bobby neigte seinen Kopf nach hinten und fixierte einen unsichtbaren Punkt am Himmel. Bevor er etwas sagen konnte hatte Sam bereits wieder das Wort ergriffen.

„Dean! – Wir müssen der Sache nachgehen" seine Augen schauten ihn eindringlich an.

„Ich weiß Sam" seufzte Dean und beugte sich in den Kofferraum um etwas zu suchen. Nach einer Weile erschien sein Kopf wieder. In der Hand hielt er einen matt glänzenden Gegenstand aus Messing mit einem Holzgriff. Seine Augen fixierten vorwurfsvoll den kleinen Bruder als er den Arm in die Höhe hob um ihn zu schwenken. Ein helles Läuten erfüllte die Ohren der Jäger.
„Sam! Sag mir bitte nicht das du mit so etwas einen Geist jagen willst!" seine Brauen hoben sich als er den Bruder fast beleidigt ins Visier nam. „Wenn Dad das sehen könnte würde er uns zum Teufel jagen" sagte er abschließend und warf die Glocke wieder achtlos zurück.

Sam richtete seinen Blick nach oben. Seine Hände verschwanden in den Taschen seiner Jeans als er leicht mit seinem Oberkörper pendelte. „Dean wir haben nichts anderes um ihn ab zu schrecken" flötete er.

Bobby lauschte belustigt dem Gespräch der Jungs.
„Sag doch auch mal was" fauchte Dean während sich sein Blick abermals über seine Schultern dem Bärtigen entgegen richtete. Aber der alte Jäger neigte nur etwas seinen Kopf. „Können wir nun endlich losfahren?" Fragte er schließlich.

„Sag mal Sammy – hast du eigentlich irgendeinen Plan wie wir dieses Ding fangen sollen?" Deans Augen wandten sich wieder fragend an den kleinen Bruder.
„Keine Ahnung Dean! – Wir müssen versuchen ihn einzusperren." Ratlos blinzelten seine Augen durch die brauen Fransen auf seiner Stirn.

„Toller Plan! … Sammy … echt toller Plan! Dummerweise habe ich mein Protonenpäckchen gerade nicht dabei um diesen Mistkerl in die Kiste zu stecken!" Deans ironische Stimme ließ die beiden Anderen schmunzeln. Mit einem kräftigen Schlag schloss er den Kofferraum.

Wenige Sekunden später bog der nachtschwarze Impala zufrieden grollend auf die nächste Straße ein.

*** *** ***

„Detektiv Miller?" flüsterte Dean in den Raum als er sich durch die knarrende Holztür ins Innere der Hütte schob. Er blicke anschließend über seinen Rücken um seine beiden Begleiter aufzufordern ihm zu folgen. Langsam huschten die Silhouetten der Jäger durch die Tür.

Ihre Blicke schweiften durchs Zimmer. Es sah alles aufgeräumt aus. Eine Tragetasche stand unausgepackt auf einem kleinen Tisch. Außer dem leisen Ticken einer Pendeluhr und ihren eigenem leicht beschleunigten Atem umgab sie eine bedrückende Stille. Nichts deutete auf einen Kampf hin. Das Feuer im Kamin war erloschen.

Sam sah als erster die Haarbüschel an der hohen Lehne eines alten Polstersessels der zum Kamin gewandt war.

Entschlossen ging Dean in diese Richtung. Als er um den Sessel herum war presste sich der Atem stoßweise aus seinem Mund. Sein Gesichtsausdruck verriet was er sah. Mike Miller saß tot in seinem Sessel. Er war völlig verdorrt.

Bobby hatte augenblicklich damit begonnen sämtliche Fenster und die Eingangstür des Zweizimmerhäuschens mit Steinsalz zu versiegeln. Dean ließ den EMF-Messer über den Körper der Leiche gleiten. „Er hockt jedenfalls nicht mehr auf seinen Schultern" interpretierte er das Schweigen des Gerätes.
Anschließend überprüfte er sorgfältig jeden Winkel des Raumes einschließlich der kleinen separaten Küche deren Tür offen stand.
„Hier ist alles ok" flüsterte Dean leise. Mit vorsichtigen Schritten bewegte er sich auf Bobby und Sam zu.

Sam richtete seinen Blick warnend nach oben auf den Schlafboden der etwa einen Drittel des Raumes umspannte. Eine schmale, steile Holzleiter führte hinauf und Sam gab durch sein Nicken zu verstehen das er empor steigen wollte. Dean gab ihn das EMF und stimmte ihm zu.

Mit vorsichtigen Schritten näherte sich Sam Sprosse für Sprosse auf der knarrenden Leiter der Kante des Bodens. Sein Blick schweifte über die groben Holzdielen während er mit einer Hand den EMF-Messer langsam nachzog um den Raum der sich nun in Augenhöhe vor ihm ausbreitete zu scannen.
Als der warnende Pfeifton ihn erreichte fegte bereits ein schneller unsichtbarer Körper fauchend über seine rechte Schulter. Sam verspürte einen reißenden Schmerz auf seiner Brust und schrie überrascht auf. Die Wucht des Aufpralls riss den Jüngsten von der Leiter und er stürzte fast drei Meter in die Tiefe.

Bobby und Dean konnten spüren wie der Unsichtbare mit unglaublicher Geschwindigkeit gehetzt vom Klang der Glocke, die der Alte heftig schüttelte, fast panisch durch den Raum fegte und dabei alles was sich ihm in den Weg stellte zu Boden riss. Innerhalb weniger Sekunden schien es als hätte ein Wirbelsturm im Raum gewütet. Noch einmal hörten sie das Fauchen als die Küchentür krachend ins Schloss fiel.

„Er ist da drin" flüsterte Bobby keuchend Dean zugewandt, der bereits auf dem Weg zu seinem Bruder war und sich neben ihn kniete. Sam lag stöhnend am Boden und kniff schmerzverzerrt die Augen zu. Seine Hand drückte sich verkrampft auf seine rechte Brust und Unmengen von Blut durchtränkten schon nach kürzester Zeit sein Hemd und quetschen sich durch seine Finger.

„Versiegele die Tür mit Steinsalz" schrie Dean Bobby heiser entgegen während er versuchte Sams Hand von der Wunde zu lösen. „Verdammt Sam lass los" flüsterte er hektisch. Seine Finger zogen an der verkrampften Hand des Jüngsten.
Der Anblick des vielen Blutes ließ ihn panisch werden. „Sammy komm schon" sagte er heiser und zerrte an der Hand die einfach nicht nachgeben wollte. Sam öffnete seine Augen und Dean konnte erkennen dass sie ziellos durch den Raum irrten. Das war eine Folge des Sturzes.

Als Bobby das Steinsalz entlang der Küchentür gestreut hatte hastete er zu Dean. „Es ist eingesperrt" keuchte er.
„Verdammt Bobby hilf mir" presste Dean hervor.
Ihm war im Augenblick völlig egal wo sich dieser Geist herumtrieb und ob er eingesperrt war. Der Anblick des Blutes das zwischen den Fingern seines Bruder heraussprudelte versetzte ihn in Angst uns Schrecken.

Sam hatte die Beine angezogen und seine Hand verkrampfte sich durch die Benommenheit des Sturzes wie ein Schraubstock auf seiner Brust. Sein Körper bäumte sich stöhnend auf.
„Sammy! … SAM! Verdammt lass doch endlich los" schrie ihn Dean verzweifelt an und zog mit aller Gewalt am Handgelenk des Bruders. Bobby sank auf die Knie um dem Älteren zu helfen. Die beiden Männer hatten Mühe den harten Griff des Jüngsten zu lösen.

Als Bobby endlich einen Blick auf die Verletzung werfen konnte entwich ihm nur ein Fluchen. Er sah Dean mit aufgerissen Augen an. „Das ist verdammt übel" keuchte er. „Dean dein Bruder braucht einen Arzt!" Der Bärtige schwang sich auf die Beine. „Warte hier ich hole Verbandzeug" sagte er hastig und verschwand aus der Tür.

Sam schien die Benommenheit des Aufpralls langsam zu überwinden und wurde ruhiger. Er versuchte seinen Kopf zu heben um sich die schmerzende Stelle selbst anzusehen.
„Bleib liegen Sammy" flüsterte Dean und legte seine Hand mit sanftem Druck auf die Stirn seines Bruders um ihn daran zu hindern sich zu erheben. Stöhnend gab der Jüngere diesem Druck nach und bewegte sich nicht mehr.

Sams Atmung war beschleunigt, sein Körper fing langsam an zu zittern „Ist es schlimm?" mühselig quetschte er die Frage durch seine verbissenen Zähne. Dabei irrten seine Augen verängstigt durch den Raum bevor sie sich hilfesuchend auf das Gesicht seines Bruders hefteten.

Dean sah auf die blutende Stelle die an den Prankenhieb eines Bären erinnerte. Vier Krallen hatten sich zentimetertief durch die Haut und das darunterliegende Fleisch gepflügt. Sie hinterließen klaffende, zerrissene Gräben die sich unentwegt mit Blut füllten das der Schwerkraft folgend über Sams Körper zu Boden floss.
„Wir kriegen das wieder hin Kleiner" sagte Dean leise. Schweißtropfen hatten sich auf seiner Stirn gebildet. Er wusste nicht ob es an der Hitze lag oder ob es Angstschweiß war. Mit aller Gewalt versuchte er das Zittern seines Körpers vor Sam zu verbergen. Vorsichtig presste er nun beide Hände auf die Wunde und spürte wie das Blut des Bruders warm durch seine Finger glitt.
„Bobby wird das wieder zusammenflicken" versuchte er den schwer atmenden Jüngsten zu beruhigen. Mit panisch erstarrten Augen beobachtete Dean den Blutfleck, der sich auf den Dielen immer weiter ausbreitete.

***** Fortsetzung folgt *****

Aufhocker Quelle: Wikipedia