Kapitel 6
Auch wenn Anjia etwas stiller war als sonst, so waren die nächsten Tage für Carsaib nicht anders, als die vor Haegs Abreise. Vormittags ging er auf die Jagd, nachmittags und abends quälte er sich durch das Heilkräuterbuch. Anjia bestand darauf, daß er ihr vorlas und wirklich, es wurde langsam flüssiger, auch wenn manche Worte ihn vollkommen aus dem Konzept brachten. Eines frühen Abends, Carsaib las gerade die Verwendungsmöglichkeiten von Diestelwurzel vor, fluchte Anjia und drehte sich abrupt von ihrem Webstuhl ab. „Kein Garn mehr! Ich hätte es wissen müssen!"
Carsaib schob das Buch zur Seite und fragte: „Kann ich dir irgendwie helfen?"
Sie schüttelte den Kopf. „Ich glaube, nicht. Ich hätte einfach eher nach den Spinnern schauen und mir etwas mit nach oben bringen sollen." Sie seufzte. „Wenn ich jetzt gehe, könnte es morgen trocken genug zum Färben sein... vielleicht..." Die Aussicht auf einen webfreien Tag schien Anjia sehr zu beunruhigen.
„Was für Spinner und was muß trocknen?", fragte Carsaib irritiert.
„Die Seidenspinner und das Garn, du Dummkopf.", antwortete Anjia gereizt. „Die Spinner sind unten, in der Nähe vom Teich. Sie mögen es gern dunkel und feucht. Und genau dorthin werde ich jetzt gehen und ernten..."
„Ich komme mit und helfe dir.", sagte er freundlich und erhob sich von seinem Schemel.
Anjia hingegen blieb sitzen und schien angestrengt nachzudenken. „Es gibt da etwas... ich weiß nicht...", stammelte sie, dann nickte und schluckte sie. „Carsaib, ich rufe von Zeit zu Zeit einen Geist namens Kazit'ra und erlaube ihr, meinen Körper zu nutzen. Ich bin dann ein Schatten."
Carsaib setzte sich wieder hin und starrte Anjia an. „Ein Schatten? Du meinst, ein Geist kontrolliert dich?"
„Nein." Sie schüttelte energisch den Kopf. „Kazit'ra ist ein schwacher Geist. Ich kann sie jederzeit beherrschen. Und bisher hat sie mich immer wieder verlassen, etwas, das böse Geister niemals freiwillig tun würden." Sie strich eine dunkelbraune Haarsträhne aus ihrem Gesicht und biss sich auf die Lippen. „Geister tun alles, um noch einmal das Gefühl zu haben, lebendig zu sein. Vater hat lang nach einem gesucht, der zusagte, mich sehen zu lassen. Meistens brauche ich das nicht, aber es gibt Ausnahmen."
„So wie heute, wenn du Garn brauchst, ja?", fragte er tonlos.
„Oder wenn ich Garn färbe. Farben kann ich nicht fühlen oder schmecken..." Sie lächelte zaghaft. „Ich wollte dich nur warnen. Kazit'ra ist Neuem gegenüber nicht sehr aufgeschlossen und könnte unhöflich werden."
„Solang sie meinen Kopf auf meinen Schultern lässt und auch sonst von Tötungsversuchen absieht..." Carsaib fühlte sich unwohl bei der Aussicht, bald einem Schatten gegenüber zu stehen. Selbst wenn Anjia recht hatte und sie den Geist jederzeit kontrollieren konnte, genossen Schatten (zu Recht) den allerschlechtesten Ruf.
Ohne weitere Vorwarnung rief Anjia ihren Geist: „Reisa du Kazit'ra!"
Carsaib wusste nicht, was hätte passieren sollen. Ein plötzlicher Sturmwind vielleicht oder ein helles Gleißen... aber nichts dergleichen geschah. Anjia saß mit geschlossenen Augen auf dem Schemel vor dem Webstuhl und ihre Lippen bewegten sich eifrig, verschiedene Gesichtsausdrücke überflogen ihre Züge, bevor sie endlich die Augen öffnete und Carsaib rotglühend anschaute: „Du bist als Haegs Lehrling, ja?" Sie schürzte die Lippen und stand eilig auf. „Wenn du Anjia jemals etwas antun solltest, werde ich dich finden und in tausend Stücke zerreissen, so viel sollte dir bewußt sein!"
Ihm klappte der Unterkiefer herunter und er bemühte sich, schleunigst zu entgegnen: „Das würde ich nie tun!" Ja, Kazit'ra war unhöflich. Aber sie schien treu zu Anjia zu stehen.
„Komm jetzt. Anjia will, daß ich dir zeige, wie man Garn gewinnt." Kazit'ra rauschte schnellen Schrittes aus dem Wohnraum und die Treppen hinunter, so schnell, daß Carsaib Mühe hatte, zu folgen.
Auch die zunehmende Dunkelheit verlangsamte seinen Gang und als er vor dem Eingang der Wasserhöhle stand, rief er aus: „Anjia! Ich brauchte Licht verflucht noch mal!" Aus dem Inneren kam keine Antwort, aber ein Feuerschein leuchtete auf. Er tastete sich vor und ging auf das Licht zu. Kazit'ra lächelte ihn geringschätzig an, als sie ihm die gerade entzündete Fackel in die Hand drückte. „Pass auf, daß du mit dem Feuer nichts verbrennst, Mensch." Dann wendete sie sich ab und ging tiefer hinein in die Höhle, um den unterirdischen Teich herum und verschwand in einem Seitengang. Vorsichtig folgte er ihr und ein Frösteln überfiel ihn. Dieses Wesen hatte nur wenig mit Anjia gemein. Die Tochter des Zauberers war zwar auch nicht immer nett und zuvorkommend, manchmal auch verbittert zu nennen, aber Kazit'ra war kalt und abweisend. Unnatürlich kalt. Un-menschlich.
Ein Knistern über ihm ließ ihn zusammenzucken und er senkte die Fackel. Der Geruch von Verbranntem hing in der stickigen Luft und rote Augen funkelten ihn böse an. „Ich sagte dir, pass mit der Fackel auf!"
Gleichzeitig beschämt und neugierig sah der junge Mann sich in der Höhle um. Feinstes Gespinst überzog die Wände, den Boden und die Decke. Anjia (oder sollte er sie lieber Kazit'ra nennen?) hockte auf dem Boden und rollte meterweise von dem Gespinst ein, sorgfältig kleine Spinnen aussortierend. Fast zärtlich setze sie die geretteten Tiere woanders hin und sammelte weiter. „Das sind also deine Seidenspinner?", fragte er und betrachtete eine der Spinnen genauer, die direkt neben seinem Kopf geschäftig über die Garnfäden lief. Sie war kaum größer als sein Daumennagel, der Körper durchscheinend weiß und ihre Bewegungen waren schnell und geschmeidig, gar nicht spinnenartig.
Kazit'ra schnaubte mißbilligend und rollte ihm eine große Kugel feinsten Gespinstes über den Boden zu. „Wenn du schon nicht mithelfen willst, kannst du hoffentlich tragen. Anjia braucht eine Menge Garn!"
Fast zwei Stunden hatte Kazit'ra Kugeln aus dem Gespinst gesammelt und Carsaib musste mehrfach die ‚Ernte' nach oben in den Wohnraum bringen. Schlussendlich waren über 50 der Kugeln im Raum und Kazit'ra setzte sich, zufrieden über die Ausbeute grinsend, auf einen Schemel. „Anjia sagt, ich solle nun gehen. Außerdem fragt sie mich, was ich von dir halte. Was soll ich ihr antworten?" Ihr Grinsen wurde zunehmend hämischer und Carsaib verlor die Geduld: „Es ist mir egal, was du zu ihr sagst! Geh einfach und gib mir Anjia wieder! Ich finde dich schrecklich!"
Anjia seufzte und das rote Glühen in ihren Augen verging. Nun waren sie wieder so schwarz und tot wie sonst. „Kazit'ra mag dich. Sie sagte, nur ein Narr oder ein ehrlicher Mensch würde einem Schatten ins Gesicht sagen, was du gesagt hast. Und ein Narr scheinst du ihr nicht zu sein."
„Na, da bin ich aber froh!", zischte Carsaib und spürte sein Blut durch seinen Körper hämmern. Nur langsam konnte er seine Wut bändigen. Wenn alle Geister so unangenehm waren, war es vielleicht doch ein Fehler gewesen, ein Zauberer werden zu wollen.
TBC
A/N: Wer in dieser Fic noch Sex und ausschweifende Gewalt erwartet, ist schief gewickelt. Das Rating ist T bzw. P12 und ich werde es einhalten! Wem das zu langweilig ist, sollte lieber eine andere Fiction lesen, sorry, aber is so.
